Vorurteile

13.1.2006 | Von:

Türkische Minderheit in Deutschland

Wertesystem im Wandel?

In Deutschland leben mehr als 3,2 Millionen Musliminnen und Muslime. Größtenteils ist die Familie die wichtigste soziale Einheit, deren Interesse sich alle Mitglieder unterzuordnen haben. Die zentralen Werte sind "Ehre" (namus), "Achtung" (saygi) sowie Würde und Ansehen (Seref) der innerfamiliären Autoritätsbeziehungen. Der Verlust der Ehre gilt als Schande für die ganze Familie, vor allem aber für die männlichen Mitglieder, die für die Familienehre verantwortlich sind. Verkürzt wird es oft folgendermaßen dargestellt: Aggressives Verhalten von türkischen Männern ihren Frauen, Töchtern und Schwestern gegenüber wird mit einem in der Türkei bis heute gültigen Ehrenkodex erklärt, nach dem der Mann - eben bei Verletzung der Ehre der Frau - gezwungen ist, in bestimmter Weise zu handeln. Die Hintergründe für dieses Verhalten sind kompliziert und haben eine lange Tradition. Im Kontext des türkischen Dorfes verbinden Männer mit dem Begriff Ehre vor allem ihre Fähigkeit, für die Familie zu sorgen, diese gegen Angriffe von außen zu verteidigen und die sexuelle Integrität der Frauen innerhalb der Familie zu gewährleisten. Wenn der Mann bei einem Angriff gegen diese Werte nicht reagiert, verliert er seine Ehre. Die Ehre der Frau leitet sich aus Regeln zum Schutze ihrer Keuschheit ab. Darüber hinaus muss sie bestimmte Regeln im Umgang mit fremden Männern einhalten und sich korrekt kleiden. Verstößt sie gegen diese Grundsätze, wird nicht nur ihre eigene Ehre verletzt, sondern auch die der Familie.

Die türkischen Gastarbeiter und ihre Familien brachten diese Erfahrungen und Wertesysteme mit nach Deutschland, wodurch die einzelnen Familienmitglieder in einen Kulturkonflikt gerieten. Die erste Generation der Arbeitsmigranten, deren Aufenthalt in Deutschland nicht auf Dauer angelegt war, hielt an diesem Wertesystem fest. Eine Annäherung an die deutsche Gesellschaft schien nicht erforderlich und war zudem schwierig, weil ein Großteil der Zuwanderer nicht aus den westlich orientierten türkischen Großstädten kam, sondern meist aus dem ländlich geprägten Anatolien, wo die jahrhundertealten Traditionen weiterhin ihre Gültigkeit behielten. Erst mit längerem Aufenthalt und der Geburt der Kinder und Kindeskinder wurde das traditionelle Wertesystem - vor allem durch die Kinder selbst, die mit den Werten der bundesdeutschen Gesellschaft aufgewachsen waren - in Frage gestellt. Sie fühlen sich hin- und hergerissen zwischen zwei Kulturen.

Dies führt zu familiären Problemen, die in vielen türkischen Familien das Ausmaß der normalen Generationenkonflikte übersteigen. Vor allem an der Stellung der Frau und der Einhaltung gewisser religiöser Pflichten entzünden sich die Auseinandersetzungen. In manchen Fällen suchen die Betroffenen in der Hinwendung zur Religion die Lösung ihrer Identitätskrisen und -brüche.

Die meisten Türken regeln ihre Eheprobleme vor Gericht und nicht in tätlichen Auseinandersetzungen. Allerdings werden auch in Deutschland Ehrverbrechen und Ehrenmorde verübt. Besonderes Aufsehen erregte der Fall der 23-jährigen Hatun Sürücü, die im Februar 2005 mutmaßlich von ihren drei Brüdern auf offener Straße in Berlin erschossen wurde. Sürücü kam nach einer gescheiterten arrangierten Ehe in Istanbul als allein erziehende Mutter zurück nach Berlin und lebte, nach Auffassung ihrer Brüder, zu emanzipiert und nicht traditionskonform. Aufsehen erregte der Mord jedoch auch, weil mehrere Schüler einer Oberschule die Tat befürworteten und die Meinung vertraten: Eine wie Hatun Sürücü sei eine "Schlampe", wenn sie wie eine Deutsche lebe, habe sie den Tod verdient. Gerade diese Äußerungen schockierten und verdeutlichten, dass die Integration in die deutsche Gesellschaft in diesen Fällen misslang. Initiativen wie "NEIN zu Verbrechen im Namen der Ehre" von Terre des Femmes fordern gesetzliche Regelungen zum Schutz vor Zwangsehen, Unterdrückung der Frau und Ehrverbrechen. Jedoch darf nicht jedes gewalttätige Handeln gegenüber Frauen mit dem Begriff "Ehre" erklärt werden. Eine derartige Gleichsetzung vereinfacht die Suche nach den Ursachen und unterstützt zudem ein klischeehaftes Bild von der türkischen Familie und vom Islam.

Zweifelsohne wandelt sich auch der Ehrbegriff. Darüber hinaus wird dieser nicht von allen Türkinnen und Türken geteilt. Beispielsweise nähern sich die Ansprüche zur Erhaltung der Familienehre zwischen den Geschlechtern an, werden also zunehmend im Sinne einer beiderseitigen ehelichen Treue und einer Solidarität innerhalb der Familie sowohl an Männer als auch an Frauen gestellt. So wenig man ein allgemein gültiges Bild der deutschen Familie zeichnen kann, so wenig trifft das bei türkischen Familien zu.

Kopftuchstreit

Besonders deutlich zeigen sich die unterschiedlichen Vorstellungen über die Position der Frauen in der Auseinandersetzung um das Tragen des Kopftuchs. Die "Vermummung" türkischer Frauen, die als ein Zeichen der Rückständigkeit und Unterdrückung angesehen wird, weckt Ängste in der deutschen Bevölkerung. Anstoß an dem Kopftuch nehmen allerdings auch säkularisierte Türken, die hinter dem Kopftuch religiöse Bruderschaften mit fanatischen Ideen vermuten. Im Koran finden sich keine eindeutigen Kleidungsvorschriften für Frauen. Im Zuge der Auseinandersetzung beriefen sich sowohl Gegner als auch Befürworter auf die gleichen Textstellen. Mit großem Interesse verfolgte die Öffentlichkeit den Fall von Fereshta Ludin, die in Afghanistan geboren wurde und seit 1995 in Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft ist. Frau Ludin wurde die Einstellung als Lehrerin im baden-württembergischen Schuldienst verwehrt, weil sie darauf bestand, mit Kopftuch zu unterrichten. Das Kultusministerium vertrat die Auffassung, dass das religiöse Symbol auch eine politische Aussage darstelle und gegen das Neutralitätsgebot in Schulen verstoße. Das Kopftuch sei ein deutlich wahrnehmbares Symbol und somit seien Schülerinnen und Schüler einer Beeinflussung unweigerlich ausgesetzt. Die Lehrerin erhob Klage beim Verwaltungsgericht, das sich der Entscheidung des Ministeriums anschloss und betonte, die staatliche Neutralitätspflicht habe Vorrang vor der Religionsfreiheit. Im September 2003 urteilte das Bundesverfassungsgericht im Sinne der Klägerin. Es entschied zu Gunsten der Glaubensfreiheit und betonte in seiner Begründung, der Symbolgehalt des Kopftuchs sei nicht eindeutig festzulegen. Die vorhandenen Landesgesetze reichten für ein Kopftuchverbot nicht aus. Das Kopftuch müsse kein politisch motiviertes Kampfmittel oder Ausdruck patriarchalischen Zwanges sein; es könne ebenso getragen werden aus religiöser Überzeugung, als Ausdruck neoislamischer Weiblichkeit odermit der Absicht, die weiblichen Reize in der Öffentlichkeit zu bedecken. Eine generelle Gleichsetzung mit Unterdrückung, mangelnder Emanzipation, Fanatismus, Islamismus dürfe nicht erfolgen. Es sei im Einzelfall zu klären, mit welcher Motivation ein Kopftuch getragen werde.

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts hielt ein Kopftuchverbot für möglich, wenn die Bundesländer eine rechtliche Grundlage dafür schafften. Baden-Württemberg beschloss daher am 1. April 2004 eine Änderung des Schulgesetzes, die Lehrkräften untersagt, politische, religiöse oder weltanschauliche Bekundungen abzugeben. Dieses Verbot klammert die Darstellung christlicher und abendländischer Symbole explizit aus, sodass faktisch nur das Kopftuch unter diese Regelung fällt. Auch Bayern, Niedersachsen, das Saarland und Bremen erließen entsprechende Gesetzesänderungen. Berlin verabschiedete am 27. Januar 2005 eine Änderung, die allen Lehrkräften und Beamten in Justiz und Polizeidienst das Tragen sichtbarer religiöser und weltanschaulicher Symbole untersagt. Noch keine gesetzlichen Regelungen erließ Nordrhein-Westfalen - das Bundesland, in dem die meisten türkischen Staatsangehörigen und ein Drittel der Muslime in Deutschland leben. Die neue CDU/FDP-Landesregierung hat aber bereits einen Gesetzentwurf für ein Kopftuchverbot vorgelegt, der zurzeit diskutiert wird - insofern ist hier mit einer Änderung der Rechtslage zu rechnen.

Festzuhalten ist: Die Diskussion wurde quer durch alle Gesellschaftsschichten mit unterschiedlichen Argumenten geführt. Der Symbolgehalt des Kopftuchs kann nicht eindeutig definiert werden. Gleichwohl hält sich bei vielen Menschen die Auffassung, das Kopftuch widerspreche grundsätzlich der Verfassung oder sei charakteristisch für die Unterdrückung der Frau. Dadurch wird ein Generalverdacht gegenüber allen Musliminnen und Muslimen erzeugt. Die pauschale Ablehnung des Kopftuchs birgt zudem weitere Gefahren: Sie kann dazu führen, dass sich Musliminnen und Muslime verstärkt auf ihre Religion zurückbesinnen und sich aus der Gemeinschaft zurückziehen. Dies würde ihre Integration erschweren.