Vorurteile
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Rassistische Vorurteile


13.1.2006
Rassistische Klischees bilden sich auch heute noch in Sprache, Literatur und Musik einer Gesellschaft ab. Welche geschichtlichen und kulturellen Wurzeln haben diese tradierten Vorurteile?

Nationale Klischees: Ausschnitt aus einer so genannten Völkertafel, Steiermark, frühes 18. Jahrhundert.Nationale Klischees: Ausschnitt aus einer so genannten Völkertafel, Steiermark, frühes 18. Jahrhundert. (© Public Domain, Wikimedia)

Einleitung



Umfragen in den späten 1990er Jahren zu Einstellungen gegenüber den Minderheiten in Deutschland lassen eine ethnische Hierarchisierung erkennen: Zuwanderern aus Italien oder Griechenland wurde größere Sympathie entgegengebracht als "deutschstämmigen" Aussiedlern; diese wiederum erzielten deutlich höhere Sympathiewerte als Zuwanderer aus Osteuropa (Russen), der Türkei, aus Asien (Vietnamesen) und Afrika. Solche Rangordnungen, die den sozialen Status von ethnischen Gruppen spiegeln, sind gesellschaftlich weit verbreitet und legen dem Einzelnen bestimmte Meinungen, Stereotype und Wertungen über diese Gruppen nahe, aus denen sich soziale Distanz und Diskriminierungsbereitschaft herleiten.

Wie kommt es zu dieser Abstufung? Welche Rolle spielen bei der Ablehnung sichtbare physiognomische und angenommene biologische Differenzen, kulturelle Unterschiede, die unterstellte Armut und Rückständigkeit, die Tatsache, als Flüchtling Asyl zu suchen? Um dies beantworten zu können, muss kurz auf die Geschichte der Rassentheorie und des Kolonialismus eingegangen werden.

Das christliche Geschichtsbild ging von Noah als dem gemeinsamen Stammvater aller Menschen aus, dessen Söhne Ham, Sem und Japhet die Väter der schwarzen, semitischen und weißen Völker waren. Allerdings wurde seit dem 17. Jahrhundert der Fluch Noahs über Ham, "der niedrigste Knecht soll er seinen Brüdern sein" (I. Buch Mose, 9,25), als göttliche Rechtfertigung des Sklavenhandels benutzt. In der frühen Kolonialgeschichte war aber nicht so sehr die andere physiognomische Erscheinung der Kolonisierten in Amerika, Afrika und Asien Anlass für diese "Bevormundung". Vielmehr war ihr "Heidentum" ausschlaggebend, sodass sie zu christianisieren waren.

Seit Ende des 17. Jahrhunderts wurde in der Wissenschaft "Rasse" als naturgeschichtlicher Begriff eingeführt, um Gruppen von Tieren und Menschen nach äußeren Merkmalen zu kategorisieren. Bereits die frühen Klassifikationsschemata enthielten Wertungen, indem sie Menschen in höhere und niedere Arten einstuften. Schon Gottfried Herder (1744-1803) sah darin die Gefahr einer Rechtfertigung von Unterdrückung und Versklavung vorgeblich tiefer stehender "Rassen". Tatsächlich entwickelte sich in Europa ein Bild der Kolonisierten in Amerika und Afrika, das diese in der gutmütigen Variante als "Naturkinder" und "edle Wilde" zeichnete (zum Beispiel Winnetou in dem gleichnamigen Roman von Karl May, Freitag in "Robinson Crusoe" von Daniel Defoe), in der negativen Variante als blutrünstige, verschlagene oder dumme Wilde. In beiden Fällen musste "der Wilde" unter der Vormundschaft des "weißen Mannes" bleiben. Entsprechend wurde die einheimische Bevölkerung von den europäischen Kolonialherren - vor allemvon den christlichen Missionaren - als Erziehungsobjekt behandelt. Falls sie sich dagegen auflehnte, schreckten die Kolonialmächte auch vor brutaler Gewalt bis hin zum Völkermord nicht zurück (so geschehen in Reaktion auf den "Hereroaufstand" 1904 im damaligen Deutsch-Südwestafrika).

Die politischen Konflikte zwischen den "weißen" Kolonialherren und den kolonialen Untertanen wurden im kolonialen Gesellschaftsmodell biologisiert und als "Rassenkampf" gedeutet. Eine sogenannte "Rassenmischung" wurde entsprechend als "Verrat an der weißen Rasse" abgelehnt. Spuren dieser Anschauungen finden wir noch heute - wie auch das Bild des guten oder bösen Sklaven, in dem sich mehr oder minder wohlwollende Geringschätzung (über die Rückständigkeit, die auf Faulheit und Dummheit oder ein "kindliches Gemüt" zurückgeführt wurde) mit der Furcht vorm "schwarzen Mann" (der als wild, triebhaft und brutal gilt) mischt. Die Wahrnehmung wird durch das grundlegende Muster von Zivilisation und Reife (Selbstbild) gegenüber Unzivilisiertheit, Unreife und Vitalität (Fremdbild) strukturiert, das auch der jeweiligen Physiognomie die Bedeutung "besser/schlechter als" verleiht.

Obwohl inzwischen in der Genetik, der Biologie und den Gesellschaftswissenschaften Einigkeit darüber besteht, dass eine Einteilung von Menschen in "Rassen" nicht möglich ist, ist dieser Begriff im Alltagsdenken verbreitet und hat kürzlich mit der Formulierung, niemand dürfe "aus Gründen seiner Rasse" diskriminiert werden, noch Eingang in den Gesetzentwurf zur Umsetzung europäischer Antidiskriminierungsrichtlinien gefunden. Die Deutsche Sektion des Global Afrikan Congress hat zu Recht gefordert, stattdessen die Formulierung "aus rassistischen Gründen" bzw. "nach rassistischen Kriterien" zu wählen.