Vorurteile
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Antisemitismus


13.1.2006
Wer den Antisemitismus verstehen will, muss die Geschichte der Judenfeindschaft kennen, in der das negative Judenbild geprägt wurde. Der heutige Antisemitismus greift auf alte Vorurteile zurück und aktualisiert sie.

Mehrere Grabsteine eines jüdischen Friedhofs in Dortmund sind mit Hakenkreuzen und SS Symbolen beschmiert.Mehrere Grabsteine eines jüdischen Friedhofs in Dortmund sind mit Hakenkreuzen und SS Symbolen beschmiert. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



Als die Überlebenden des Holocaust aus den Lagern oder den Verstecken kamen, glaubten viele, das Ausmaß der Verbrechen werde jedem Antisemitismus den Boden entziehen. Diese Erwartung hat sich nicht erfüllt. Zwar hat der Antisemitismus heute in den europäischen Ländern und den USA im Vergleich zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgenommen, und es gibt auch keine Diskriminierungen von staatlicher Seite mehr. Dennoch sehen sich Juden in vielen Ländern Vorurteilen und Übergriffen ausgesetzt. In Deutschland haben antisemitische Straftaten seit den 1990er Jahren im Vergleich zu den Jahrzehnten davor erheblich zugenommen und im Jahre 2001 einen neuen Höchststand erreicht.

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Woher kommen die Vorurteile gegen Juden? Weshalb halten sich antijüdische Stereotype so hartnäckig, obwohl man ihnen nun jahrzehntelang in der Schule und der Öffentlichkeit entgegengetreten ist und in vielen europäischen Ländern nur noch wenige Juden leben? Welche Rolle spielt dabei, dass negative Äußerungen über Juden in der Öffentlichkeit tabuisiert sind, dass das Thema "Juden" von vielen wegen des Holocausts als belastet und heikel empfunden und gemieden wird? Gerade in Deutschland, wo Schuld- und Schamgefühle begreiflicherweise einem normalen Verhältnis zwischen Deutschen und Juden entgegenstehen, eignen sich antijüdische Bemerkungen, Witze oder gar Übergriffe besonders treffsicher als Mittel der Tabuverletzung und Provokation. Insofern gibt es vor allem in Deutschland und Österreich einen spezifischen "Antisemitismus wegen Auschwitz", der sich gegen die Juden wendet, weil sie als diejenigen gesehen werden, die die Deutschen permanent an die NS-Verbrechen erinnern.

Dieser "Schuldabwehr-Antisemitismus" greift auf alte antijüdische Vorurteile und Stereotype zurück und aktualisiert sie. Will man den heutigen Antisemitismus in seinen verschiedenen Ausprägungen verstehen, muss man deshalb auf die Geschichte der Judenfeindschaft zurückblicken. Hier wurde ein negatives Bild des Juden geprägt, das mehrere historische Schichten besitzt, wobei die älteren Vorurteilsschichten in der nächsten Phase nicht "vergessen", sondern nur von neuen überlagert wurden.

Christlicher Antijudaismus



Die erste Schicht ist die religiös motivierte Ablehnung der Juden durch die Christen, einer selbst aus dem Judentum hervorgegangenen Gruppierung. Während die frühe Jesusbewegung nur aus Juden bestand, kamen allmählich auch Nichtjuden hinzu und es entwickelte sich eine Distanz und ein Konkurrenzverhältnis zum Judentum. Aus dieser Situation entstand unter den Christen eine antijüdische Tradition, die bereits in Teilen des Neuen Testaments spürbar ist. Die Christen sahen sich im "neuen Bund", als "wahres Israel" und schlossen die Juden als Volk des "alten Bundes" aus dem neuen Gottesbund aus (Galater 4,21-31; Markus 12, 9-12). Sie überbetonten den jüdischen Anteil an der Leidensgeschichte Jesu (Matthäus 27,25; Markus 15,6-15; Lukas 23,13-15). Innerjüdische Konflikte, über die das Neue Testament berichtet, wurden nachträglich als Auseinandersetzungen zwischen Judentum und Christentum interpretiert. So erscheinen die Pharisäer und Schriftgelehrten als Heuchler (Matthäus23,13-29) und Verfechter einer nur äußerlichen Frömmigkeit (Lukas 16,15). Den Kern des christlichen Judenhasses bildete der so genannte Gottesmordvorwurf ("Welche auch den Herrn Jesum getötet haben, und ihre eigenen Propheten, und haben uns verfolget", 1. Thessalonicher 2,15). Dabei wurde übersehen, dass nicht die Juden, sondern die römische Besatzungsmacht Jesus zum Tode verurteilt und - nach römischer Strafpraxis - ans Kreuz geschlagen hatte.

In polemischen Bibelauslegungen, in Predigten, in der christlichen Geschichtsschreibung sowie unter den Gläubigen entwickelte sich seit dem frühen zweiten Jahrhundert eine konsequent judenfeindliche Haltung. Die Herabsetzung von Volk und Glauben der Juden wurde zum integralen Bestandteil der christlichen Lehre - und zum religiösen Vorurteil mit folgenden Elementen: Die Juden galten als blind und verstockt, weil sie Jesus nicht als Messias anerkennen wollen; man erhob den Vorwurf des Christusmordes und der Christenfeindlichkeit und behauptete ihre Verwerfung durch Gott. Doch findet sich im Neuen Testament auch die Aussicht auf ihre endzeitliche Bekehrung und Errettung eines "Restes" (Römer 11). Damit war theologisch eine Grenze gegenüber Zwangsbekehrung und Ausrottung markiert, die ihren rechtlichen Ausdruck im Schutz der jüdischen Religion fand.

Negative Stereotype aus dem Neuen Testament reichen bis in den heutigen Sprachgebrauch hinein: Wir nennen einen Heuchler immer noch "Pharisäer". Judas ist bis heute die Symbolfigur des Verräters, und Juden wurden in der Geschichte häufig des Verrats an ihren "Gastvölkern" bezichtigt.

Die Christianisierung Europas, die innerkirchlichen Reformbewegungen, insbesondere die Missionsbestrebungen der Bettelorden und die Wendung gegen abweichende christliche "Irrlehren" (so genannte Ketzer) und Feinde des Christentums (Kreuzzüge), verbreiteten die Judenfeindschaft über den Kreis der Theologen hinaus unter den Laien, sodass Vorurteile gegen Juden zum festen Bestandteil der erstarkenden Volksfrömmigkeit wurden.

Im 13. Jahrhundert gewannen mit der Verkündigung der Transsubstantiationslehre, die annimmt, dass sich beim Abendmahl Brot und Wein "real" in den Leib und das Blut Christi verwandeln, die geweihte Hostie und das Blut zentrale religiöse Bedeutung. Christen fürchteten nun, Juden würden als "Feinde Christi" die Hostie durchbohren, um damit den Leib Jesu erneut zu verletzen. Dieser Vorwurf der Hostienschändung hat häufig zu antijüdischer Gewalt geführt. Damals kam auch die Befürchtung auf, die Juden würden Blut von Christen zu rituellen Zwecken benötigen. Deshalb würden sie Christenknaben rauben oder kaufen, um sie dann zu ermorden. Diese Vorstellung steht im Widerspruch zur ausgeprägten Abneigung gegen den Genuss von Blut im Judentum. So sieht beispielsweise das Schächtungsgebot das völlige Ausbluten des geschlachteten Tieres vor; blutig wird das Fleisch als unrein angesehen. Auch die christlichen Kirchenführer widersprachen dieser Ritualmordlegende. Trotzdem verbreitete sie sich in ganz Europa und hat bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein immer wieder Anlass zu antijüdischen Übergriffen gegeben. Die Vorstellung, dass Andersgläubige Kinder misshandeln und zu rituellen Zwecken opfern, ist historisch und geografisch weit verbreitet. Heute lebt sie als Bestandteil der arabisch-muslimischen Judenfeindschaft wieder auf. Diese Bedrohungsängste, zu denen - etwa zur Zeit der Pest in der Mitte des 14. Jahrhunderts - auch die Angst vor Brunnenvergiftungen gehörte, machten die Juden zu einer dämonisierten Minderheit, die sich angeblich gegen die Christen verschworen hatte.