Vorurteile
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Sinti und Roma als Feindbilder


13.1.2006
Sinti und Roma sind in Deutschland und Europa die unbeliebteste Volksgruppe. Doch die gängigen "Zigeuner"-Stereotype haben nur wenig mit der tatsächlichen Lebensweise zu tun.

Roma-Kinder in einem Vorort von Paris, März 2010.Roma-Kinder in einem Vorort von Paris, März 2010. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



Vorurteil und Wirklichkeit tragen unterschiedliche Namen: Die Mehrheitsbevölkerung kennt diejenigen, die sich selbst als Sinti oder Roma bezeichnen, vor allem als "Zigeuner". Während über den Alltag der Sinti und Roma wenig bekannt ist, sind Klischees über "Zigeuner" weit verbreitet.

Roma-Kinder in einem Vorort von Paris, März 2010. Foto: APRoma-Kinder in einem Vorort von Paris, März 2010. Foto: AP
Von unheimlichen und verdächtigen Menschen ist auf der einen Seite die Rede, von Frauen in geblümten Röcken, die bettelnd in den Fußgängerzonen sitzen, von stehlenden Kindern oder Menschen, die angeblich auf anderer Leute Kosten leben. Neben solchen negativen Stereotypen verbinden viele Menschen mit dem Wort "Zigeuner" das, was ihnen in der modernen Leistungsgesellschaft fehlt: Freiheit und Naturverbundenheit, ein Leben auf der Reise, Zusammenhalt in der Gruppe, Musikalität, Magie und Geheimnis. In der Vorstellungswelt der Bevölkerungsmehrheit verkörpert der "Zigeuner" Gefahr und Idylle zugleich.

Abwehr herrscht gleichwohl vor. Den einschlägigen Umfragen seit den frühen 1960er Jahren zufolge sind "Zigeuner" in der Bundesrepublik mit Abstand die unbeliebteste aller Volksgruppen. 58 Prozent der Deutschen lehnten im Jahr 2002 "Zigeuner" als Nachbarn ab, wie das American Jewish Committee ermittelte. Auch in anderen europäischen Ländern ist die Abneigung gegen "Zigeuner" größer als die gegen Menschen anderer Herkunft. In einer Reihe von Umfragen zwischen 1996 und 2000 lehnten 87 Prozent der Slowaken Roma als Nachbarn ab. Ebenso äußerten sich 75 Prozent der Rumänen und 87 Prozent der Tschechen. Die Mitte der 1990er Jahre ermittelten Werte in Westeuropa liegen bei 65 Prozent in Großbritannien und 45 Prozent in Österreich.

Quellentext

"Sinti und Roma" oder "Zigeuner"?

Den Begriff "Zigeuner" gibt es, seit diese Gruppe vor rund 600 Jahren in deutschsprachige Gebiete einwanderte. Möglicherweise leitet er sich aus dem Griechischen ab ("Die Unberührbaren"). Er wird heute mehrheitlich von den Angehörigen dieser Minderheit abgelehnt und als diskriminierend empfunden. Das ist verständlich, denn mit dem Wort "Zigeuner" wurden in Deutschland jahrhundertelang negative Zuschreibungen verbunden. In der Mehrheitsgesellschaft leitete man das Wort "Zigeuner" fälschlich von "ziehender Gauner" ab. Im Nationalsozialismus wurden Menschen als "Zigeuner" wegen ihrer angeblichen "Rassenzugehörigkeit" verfolgt und ermordet. Der Begriff ist also historisch belastet.
Seit Anfang der 1980er Jahre hat sich in der deutschen Öffentlichkeit die Bezeichnung "Sinti und Roma" eingebürgert. Die Eigenbezeichnungen "Sinti" und "Roma" sind seit dem Ende des 18. Jahrhunderts nachweisbar. Mit dem Begriff "Roma" ("Rom" heißt in der Sprache Romanes "Mensch") bezeichnet man im deutschen Sprachgebiet die aus Ost- und Südosteuropa stammenden Gruppen der Minderheit. Außerhalb Deutschlands wird "Roma" als Bezeichnung für die Gesamtgruppe verwandt.
Der Begriff "Sinti und Roma" ist also aus guten Gründen an Stelle der Bezeichnung "Zigeuner" getreten. In der Auseinandersetzung um die Inschrift eines Mahnmals für den Völkermord an der Minderheit kritisierten einige Debattenteilnehmer allerdings, dass die Begriffe "Sinti" und "Roma" Gruppen wie Kale, Manusch oder Lowara nicht erfassen.
Singular (m.) Plural (m)
Sinto Sinti
Rom Roma

Singular (w.) Plural (w.)
Sintiza Sintiza
Romni Romnija


Brigitte Mihok/Peter Widmann/Rüdiger Fleiter


Hörensagen und Wirklichkeit



Die Ablehnung der "Zigeuner" dürfte kaum auf persönlicher Erfahrung beruhen. In Deutschland schätzt man die Zahl der Sinti und Roma auf etwa 70.000. Ohne besondere regionale Schwerpunkte leben sie über das ganze Land verteilt. Die Chance, Angehörige dieser kleinen Minderheit im Alltag kennen zu lernen, ist gering. Die Ablehnung fußt nicht auf realen Erlebnissen, sondern auf einer kollektiven Überlieferung. Die Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung lernen das, was sie über "Zigeuner" zu wissen glauben, aus Alltagsgesprächen, Romanen, Opern und Operetten, Filmen oder Presseberichten.

Die Vorstellungen der Bevölkerungsmehrheit haben kaum etwas mit Realität und Alltag der Volksgruppe gemein. Das zeigt schon die Verwendung des Begriffs "Zigeuner". Als homogenes Volk existieren "die Zigeuner" nicht. Sie gehören in Wirklichkeit verschiedenen Gruppen an, die in allen Ländern Europas und darüber hinaus leben. Man schätzt ihre Zahl in Europa auf sieben bis 8,5 Millionen. Jede Gruppe verfügt über eine besondere Identität, die sich in der jeweiligen Eigenbezeichnung spiegelt.

Ebenso entspricht die Vorstellung, Sinti und Roma seien heimatlose Nomaden, eher den Fantasien der Mehrheitsgesellschaft als der Wirklichkeit. Zwar lebte ein beträchtlicher Teil der Minderheit lange Zeit von mobilen Gewerben, vom Handel mit Textilien oder Kurzwaren, als Schmiede, Korb- und Siebmacher, als Musiker oder Schausteller. Der größte Teil der Sinti und Roma im deutschsprachigen Raum ist jedoch im Laufe des 20. Jahrhunderts sesshaft geworden. Auch Roma in Osteuropa sind seit den 1970er Jahren sesshaft. Trotzdem kursiert bis heute das Vorurteil vom "Wohnwagenzigeuner" weiter, der aufgrund seiner Lebensweise nicht in die Mehrheitsbevölkerung zu integrieren sei. So war die Ansicht eines "Spiegel"-Redakteurs typisch, der in einem Artikel vom 7. September 1992 Roma ein "nonkonformistisches Nomadenvolk" nannte, das die "wohl am schwersten integrierbare aller Zuwanderergruppen" sei. Auch das Bochumer Amtsgericht war im September 1996 der Meinung, "Zigeuner" seien für Vermieter unzumutbar, lebten sie doch "traditionsgemäß überwiegend nicht sesshaft".

So falsch wie das Stereotyp vom Nomaden ist die Vorstellung, Sinti und Roma folgten generell einer der Tradition verhafteten Lebensweise, die sie grundsätzlich von der Mehrheitsgesellschaft abhebe. Tatsächlich unterscheiden sich die Lebensstile innerhalb der Minderheit so stark wie diejenigen innerhalb der Mehrheit. Befragt man Sinti und Roma danach, was ihre Kultur ausmache, erhält man verschiedene, mitunter sich widersprechende Auskünfte. Neben der Sprache kehrt in den Antworten allenfalls die im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft höhere Wertschätzung von Familie und Verwandtschaft regelmäßig wieder. Respekt vor Älteren und familiärer Zusammenhalt sind in den Kulturen der Sinti und Roma wichtige Werte. Sie dürften im Zusammenhang mit der Verfolgungsgeschichte stehen: Weil sich Sinti und Roma auf die Hilfe aus der Mehrheitsgesellschaft nicht verlassen konnten, war die Solidarität in der Minderheit umso entscheidender.