Vorurteile

13.1.2006 | Von:

Sinti und Roma als Feindbilder

Fortschritte seit Ende der 1970er Jahre

Dass es lange Zeit keine politische Vertretung der Sinti und Roma in Deutschland gegeben hat, trug zur Stabilität der Stereotype bei. Lange sprachen Vertreter der Mehrheitsgesellschaft in der Öffentlichkeit vor allem über Sinti und Roma, nicht mit ihnen. Das änderte sich erst Ende der 1970er Jahre. So besetzten zum Beispiel mehrere Sinti im April 1980 die KZ-Gedenkstätte Dachau, um auf die Verfolgung in der Vergangenheit und die Diskriminierung in der Gegenwart aufmerksam zu machen. Sie erregten mit dieser und ähnlichen Aktionen international Aufsehen und veränderten die Tonlage der öffentlichen Debatte. Äußeres Zeichen dafür war die Verbreitung der Selbstbezeichnungen "Sinti" und "Roma", die sich in den Jahren 1979 und 1980 in der Öffentlichkeit durchsetzten. Aus der Bürgerrechtsbewegung der späten 1970er Jahre ging 1982 der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma hervor. Daneben entstanden andere Verbände, etwa der Rom e.V. in Köln oder die Roma-Union in Frankfurtam Main.

Die Verbände verschafften Sinti und Roma die Möglichkeit, Fälle offensichtlicher Diskriminierung zum Skandal zu machen. Es dürfte auch diese unausgesprochene Drohung gewesen sein, die in manchen Städten zu besseren Wohnbedingungen geführt hat. So trugen etwa im niederbayerischen Straubing auch die Beschwerden von Bürgerrechtsverbänden dazu bei, eine desolate Barackensiedlung im Laufe der 1980er Jahre durch Häuser nach dem Standard des sozialen Wohnungsbaus zu ersetzen.

Ähnliche Auswirkungen hatte bereits in den späten 1960er und in den 1970er Jahren die Professionalisierung der kommunalen Sozialarbeit. Eine neue Generation von Sozialarbeitern nahm die Chancenungleichheit für Sinti nicht mehr als Schicksal hin und brachte die Lage der Minderheit an die Öffentlichkeit. Das trug dazu bei, dass eine Reihe von Stadtverwaltungen Beratung, Schul- und Ausbildungshilfen für Sinti zur Verfügung stellte. Im Stadtteil Weingarten in Freiburg im Breisgau existiert zum Beispiel seit 1973 ein Gemeinschaftszentrum, dessen Mitarbeiter Schul- und Ausbildungshilfen für Sinti und andere Bevölkerungsgruppen anbieten. Das hatte seine Rückwirkungen auf die lokale Öffentlichkeit: In den Freiburger Zeitungen erscheinen Sinti seither nicht mehr als unintegrierbare Nomaden, sondern als Freiburger Bürger, als Teil der Stadtbevölkerung.

In den 1980er und 1990er Jahren haben Entwicklungen der Gesamtgesellschaft auch die Situation der deutschen Sinti und Roma geprägt. Die sozialen Lagen innerhalb von Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft haben sich ausdifferenziert und sind unübersichtlicher geworden. Während ein Teil der Familien mit erheblichen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat, haben sich andere einen mittelständischen Wohlstand erarbeitet - mitunter allerdings um den Preis, dass ihre Herkunft der Umwelt verborgen bleibt. Nur ein Teil der Sinti und Roma hält heute noch an traditionellen Erwerbsformen fest, etwa am Handel mit Schrott, Antiquitäten, Musikinstrumenten oder am Schaustellergewerbe. Die flächendeckende Verbreitung von Supermärkten und die gestiegene Mobilität der Bevölkerung haben dem Haus-zu-Haus-Gewerbe weitgehend den Boden entzogen.

Manche junge Sinti und Roma hindert der Mangel an schulischer Qualifikation am Umsteigen auf Berufe außerhalb der gewohnten Gewerbe. Im traditioneller orientierten Teil der Minderheit war formale Schulbildung früher von untergeordneter Bedeutung, weil die Ausbildung innerhalb der Familien stattfand. Die Söhne lernten ihr Handwerk von den Vätern, die Töchter begleiteten ihre Mütter über die Dörfer beim Handel mit Textilien und Waren des täglichen Bedarfs.

Die Distanz zur Schule in diesem Teil der Minderheit ergab sich auch daraus, dass viele Kinder die Schule als Ort der Diskriminierung erlebten und oft ohne Überprüfung des Einzelfalls in Sonderschulen eingewiesen wurden. Zwar besuchen inzwischen auch die Kinder aus traditioneller orientierten Familien regelmäßig die Schule. Doch die rasch steigenden Qualifikationsforderungen des Arbeitsmarktes und die Jugendarbeitslosigkeit erschweren den Aufholprozess.

Auf einer Legende fußt allerdings die Ansicht, die Ablehnung formaler Schulbildung sei ein Kulturelement der Sinti und Roma. Die meisten Angehörigen der Minderheit sehen in der Schulbildung einen wichtigen Schlüssel für das wirtschaftliche Fortkommen und die gesellschaftliche Gleichberechtigung.

Für viele Familien ist die Entscheidung zwischen Tradition und den Anforderungen der modernen Konkurrenzgesellschaft eine schmerzhafte Gratwanderung, berührt sie doch gewohnte Rollenverständnisse, Kultur und Identität. Um etwa ein Angestelltenverhältnis einzugehen, muss die traditionell hohe Wertschätzung der Selbstständigkeit hintangestellt werden. Die Weichenstellungen finden in der Privatsphäre der Familien statt. Entsprechend individuell sind die Wege, die gerade die jüngere Generation einschlägt. Für die Zukunft dürfte ausschlaggebend sein, dass die Entscheidungen in einer angstfreien Atmosphäre fallen können. Das setzt voraus, dass sich die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft, speziell auch die Arbeitgeber, mit den überkommenen Stereotypen auseinander setzen.

Rückschläge seit 1989

Die Bürgerrechtsarbeit konnte zwar dazu beitragen, dass traditionelle Stereotypen öffentliche Diskussionen über Sinti und Roma nicht mehr allein bestimmten. Doch seit dem Ende der 1980er Jahre zeigte sich, wie zäh gewohnte Wahrnehmungsmuster sind. Seit Öffnung der Grenzen nach Osteuropa ab 1989 hat die Angst vor dem "Zigeuner" wieder zugenommen.

Im Frühjahr 1990 wuchs etwa die Zuwanderung aus Rumänien und damit die Furcht vor einer unkontrollierten Einwanderung von "Zigeunern". Die Medien gaben bereits zu Beginn dieser Migration an, wie hoch der Anteil der Roma unter den Flüchtlingen sei. Im Mai und Juni 1990 konnte man Berliner Tageszeitungen entnehmen, dass "rund 80 Prozent der Rumänen Roma und Sinti" seien ("Tagesspiegel" vom 15. und 16. Mai sowie vom 27. Juni 1990; "Tageszeitung" vom 18. Mai 1990). Am 30. Mai 1990 meldete der "Tagesspiegel": "Die größte Gruppe der Asylbewerber, die sich in Berlin melden, sind Sinti und Roma. In diesem Monat kamen bis einschließlich Montag 3496 Asylbewerber, davon 1717 Sinti und Roma." Am 10. August 1990 folgte der Hinweis: "Der größte Teil von ihnen, nämlich 55 Prozent, seien derzeit Roma aus Rumänien."

Diese statistischen Angaben beruhten jedoch auf einem unsicheren Fundament, da den offiziellen Statistiken nur das Herkunftsland der Zuwanderer zu entnehmen war, nicht ihre ethnische Zugehörigkeit. Erst 1999 führte das Bundesamt die Erfassung der ethnischen Zugehörigkeit der Asylbewerber aus der Türkei (Türken und Kurden) und der Asylbewerber aus dem Kosovo (Albaner, Serben und Roma) ein.

Obwohl die Zahlen also nur begrenzte Aussagekraft hatten und aus anderen Ländern durchaus vergleichbar große Menschengruppen Asyl in Deutschland suchten, stießen rumänische Roma auf besondere Befürchtungen. In der Presse erschienen sie immer wieder als eine homogene Masse von Nomaden, denen Deutschland hilflos ausgeliefert sei. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen haben die in dieser Zeit regelmäßig wiederkehrenden Pauschalisierungen analysiert. Sie zeigten sich auch in der Sprache. Während Anfang des Jahres 1990 noch der Begriff "Sinti und Roma" überwog, verwandten die Journalisten ab Mitte des gleichen Jahres wieder den Begriff "Zigeuner". Die sachliche Auseinandersetzung mit der Situation der Roma trat in den Hintergrund.

Zwischen 2001 und 2004 wurden im Hinblick auf die EU-Erweiterung die alten Stereotypen wieder hervorgeholt. Viele Pressemeldungen und Fernsehberichte nährten erneut die Furcht vor einer unkontrollierten Einwanderung von osteuropäischen "Zigeunern". So zeigen diese Phasen, wie viel Geduld nötig ist, um tief in das kollektive Bewusstsein eingesunkene Vorurteile abzubauen.

Quellentext

Diskriminierung in Europa

Die vom Europarat gegründete unabhängige Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) hat am 27. Januar in Straßburg fünf neue Berichte über Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Intoleranz in Belgien, Bulgarien, Norwegen, der Slowakei und der Schweiz veröffentlicht. Die ECRI stellt fest, dass sich Fortschritte in allen fünf Mitgliedsstaaten des Europarates zeigten. Im Vergleich schneidet die Schweiz wegen ihrer aktiven Politik zur Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit recht gut ab, auch wenn weiterhin Defizite bestehen. Zugleich aber erregen die Fälle von polizeilichem Fehlverhalten und diskriminierender Behandlung der Angehörigen von Minderheiten, vor allem Schwarzafrikanern, Besorgnis, heißt es in dem Bericht. Über das Thema Asylsuchende und Flüchtlinge werde negativ und feindlich in der Öffentlichkeit und in politischen Kreisen debattiert, und bei Asylverfahren gebe es Probleme.

In Belgien beanstandet ECRI vor allem die rassistische und fremdenfeindliche Propaganda politischer Parteien. Es seien erhebliche Anstrengungen notwendig, um sicher zu stellen, dass für Ausländer und Kinder von Immigranten echte Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt herrschten. Die gesamte belgische Gesellschaft müsse geschlossen gegen den zunehmenden Antisemitismus und die wachsende Angst vor dem Islam vorgehen.
Im Bericht zu Bulgarien werden die immer noch vorhandenen Stereotype und Vorurteile gegenüber Minderheiten und deren Diskriminierung, vor allem der Roma, von Immigranten, Flüchtlingen und Asylsuchenden hervorgehoben. Ernsthafte Probleme bereite weiterhin die Gewaltanwendung der Polizei gegen Roma und der intensive Gebrauch von Schusswaffen. Besonders hebt die Kommission das Problem der Ausgrenzung von Roma-Kindern in der Schule hervor. Außerdem hebe das neue, 2002 verabschiedete Religionsgesetz nicht alle Einschränkungen der Religionsfreiheit in Bulgarien auf.
In Norwegen richtet die ECRI ihre Aufmerksamkeit in erster Linie auf die Notwendigkeit, einen angemessenen Schutz gegen rassistische Äußerungen zu gewährleisten. Es müsse noch viel getan werden, um sicher zu stellen, dass Ausländer und Kinder von Einwanderern die gleichen Chancen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt haben. Auch in anderen Bereichen des Zusammenlebens in Norwegen stellen eine Reihe von Problemen der Einwanderer und Asylsuchenden noch große Herausforderungen an die Politik.
In der Slowakei kommt es noch immer zu rassistisch motivierter Gewalt, darunter auch schwere Fälle von Brutalität seitens der Polizei. Die Minderheit der Roma wird benachteiligt, vor allem auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Nachdrücklich verlangt die ECRI eine vollständige und unparteiische Untersuchung der jüngsten Vorwürfe, Roma-Frauen seien ohne ihr Einverständnis sterilisiert worden.

Hartmut Hausmann, "Neben Lob auch viel Tadel", in: Das Parlament Nr. 7/8 vom 16. Februar 2004.