Vorurteile

13.1.2006 | Von:

Stereotype des Ost-West-Gegensatzes

Unterschiedliche Sozialisation

Arroganz wurde zum Feindbild der einen Seite, das "Jammern" diente zur Festlegung der anderen. Beide Bilder gründen auf Erfahrungen, Missverständnissen und nicht richtig einzuordnenden Realitäten der Gegenseite. Die Vorurteile wurzeln in unterschiedlicher Sozialisation, basieren auf Gewohnheiten und Verhaltensweisen, die von der Gegenseite nicht wahrgenommen oder nicht richtig eingeordnet werden können. Durch die Verbreitung der Vorurteile über Witze, ausgrenzende Verständigung im Alltagsgespräch und schließlich mit Hilfe öffentlicher Medien entsteht eine scheinbare Repräsentativität. Dadurch verdichtet sich die angebliche Gewissheit, alle "Wessis" seien so und alle "Ossis" verhielten sich so, auch wenn die ursprünglich zu Grunde liegenden individuellen Erfahrungen nicht verallgemeinert werden dürfen.

Verständigungsprobleme

Freilich genügten vor dem Hintergrund enttäuschter Hoffnungen (die von Bundeskanzler Helmut Kohl versprochenen "blühenden Landschaften" als Wiederholung des vor allem auf Wirtschaftsminister Ludwig Erhard zurückgeführten "Wirtschaftswunders" innerhalb kurzer Frist), zunichte gemachter Lebensentwürfe und Karrieren ("Abwicklung" von Institutionen und damit verbundener Existenzgrundlagen) oder verlorener Arbeitsplätze schon wenige Erfahrungen mit unsensiblen Vertretern westlicher Bürokratie, um tiefes Misstrauen entstehen zu lassen. Denn viele westliche Abgesandte aus Behörden, Industrie, Handel und der Wissenschaft verstanden die Verhaltensweisen im Osten nicht, die aus der geschlossenen Gesellschaft der DDR herrührten, auf den Normen des sozial gesicherten, aber auf Anpassung beruhenden Systems des sozialistischen Staates basierten und die erlernt, selbstverständlich und notwendig waren. Westlicher Leistungsdruck war, weil die DDR-Gesellschaft Chancen und Aufstieg anders regelte als in der Bundesrepublik üblich, nicht bekannt. Vielmehr wurde er begriffen und abgelehnt als Ausdruck einer "Ellenbogengesellschaft", in der jeder des anderen Konkurrent ist.

Mit solcher Kritik, die von Westdeutschen nicht verstanden wurde, verständigten sich die vom Westen vermeintlich Diskriminierten und ungerecht Behandelten und schlossen damit die Westdeutschen aus. Der Selbstvergewisserung dient eine Literatur, deren Muster in folgender Erzählung enthalten ist. Sie trägt den beziehungsreichen Titel "Symbole". Helden der Geschichte sind ein aufgegebener Trabant am Straßenrand und ein verlassener Hund. Ihr Besitzer, "noch keine 30 Jahre jung", hat nach der Wende sein Leben vollkommen geändert. Der Opportunist - ehedem übereifriger Genosse, jetzt überangepasster Anhänger der kapitalistischen Wirtschaftsordnung - macht Karriere, wechselt die Frau, das Auto, die Identität. Er steigt hoch auf und stürzt ins Bodenlose, als die privatisierte Firma pleite geht, er arbeitslos wird, die neue Frau davonläuft. Auf dem Weg zum Sozialamt fällt ihm der Trabant ein und der einsame Hund, den die Frau nicht mochte, den er deshalb davon gejagt hat. Zum erstenMal in seinem Leben empfindet er "einen Moment lang so etwas wie Mitgefühl oder Gewissen".

Die Botschaft und die Moral der Geschichte sind unübersehbar. Es geht vor dem Hintergrund von Mentalitätsunterschieden und Verständigungsproblemen um Verletzungen, die seit der "Wende" 1989/90 entstanden sind. Hastiger und unsensibler Umgang des Westens mit der politischen Kultur der DDR, ihren Institutionen und Gewohnheiten haben nach der Vereinigung beträchtlichen Schaden angerichtet. Die in Siegerpose abgeräumten historischen Museen und Traditionskabinette, die umbenannten Straßen, die geschleiften Denkmale lösten Reaktionen pauschaler Abwehr aus. Die westliche Sichtweise, welche die gesamte DDR-Gedenkkultur auf die Formel vom "verordneten Antifaschismus" reduzierte, mobilisierte Abwehrkräfte und bewirkte, dass sich einige Ostdeutsche sogar mit Propagandaparolen der einstigen SED aus den Zeiten des Kalten Krieges verteidigten.

Quellentext

Ostalgie

[...] Niemand will die DDR zurück. Aber jeder, der sie durchlebte, verteidigt in ihr sich selbst: sein wahres Leben im falschen. Die SED-Ideologie unterschied sich von der Alltagswelt wie das "Neue Deutschland" von der "Neuen Fußballwoche". Diese Differenz ist mittlerweile gesamtdeutsch anerkannt, zumal sie die politische, mediale und kulturelle Dominanz des Westens in keiner Weise berührt.

Also darf sie boomen, die Ost-Erinnerei. Ein Land seufzt: Weißt du noch? Niemand hat's befohlen, keiner kann es hindern, denn da ist ein Markt. Die Welle begann mit "Good bye, Lenin!" - kein großer, aber ein charmanter Film mit allseitigen Versöhnungsangeboten. Was die Ostalgie-Shows betrifft, so gilt unverändert das Epochenwort unseres hochverehrten Genossen Erich Honecker, dass man die Westmedien ein- und wieder ausschalten könne. Der wirkliche Osten war mündlich; man sucht ihn vergebens im Star- und Klamottenfundus eines staatshörigen Fernsehfunks.
Der Buchmarkt schreit bereits in zweiter Saison nach Ostmemoiren, mit unterschiedlichem Erfolg. Den Leser vergnügt es mäßig, wenn das Gedächtnis von Jungautoren schwächer wirkt als ihr Sinn für Konjunktur. Jana Hensels dünne "Zonenkinder" scheinen lediglich dem Wunsch entsprungen, der Generation Golf im Trabi hinterherzutuckern. Allzu oft dient derlei Gedenken sich Westerwartungen an, memoriert Pittiplatschs Abenteuer und spielt Klein-Doofi aus der Zone. Seit Thomas Brussigs "Helden wie wir" erscheint DDR-Leben als kindlich-vormoderne Existenz.
Ja, natürlich gab es Kindsköppe, dämliches Volk, SED-Vernagelung, die Stasi und Millionen Biedermeier-Ärsche an der Wand. Ebenso bevölkern mein Ostgedächtnis aber Scharen selbstbestimmter Menschen: Moralisten und Stromaufwärtskrauler, Christen, Literaten, Rocker, Tramps, deren Geist, wenn schon der Körper hierbleiben musste, die Grenzen der DDR überflog. Obschon wir die Gegenwelt nicht erfahren durften - wir wussten, dass es sie gab und suchten ihre Spiegelungen in der Kunst. Dümmer sind wir damals nicht gewesen, nur dümmer regiert. [...]

Christoph Dieckmann, Rückwärts immer. Deutsches Erinnern, Berlin 2005 (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Band 500), S. 202f.