Jugendliche sitzen bei einem Rollenspiel hinter Stacheldraht, 08.06.2016.

25.2.2016

M 02.15 Psychische Erkrankungen bei Flüchtlingen

Flucht und Vertreibung gehen häufig mit traumatischen Erlebnissen einher, welche sich auf das spätere Leben auswirken. Das vorliegende Material veranschaulicht, welche Erlebnisse Menschen auf der Flucht am häufigsten erfahren und wie sich diese auf die Psyche der Menschen auswirken.

[…]

Viele der Menschen, die in Deutschland Asyl suchen, haben in ihrem Heimatland und auf der Flucht traumatische Ereignisse erlebt. Die häufigsten traumatischen Erfahrungen bei erwachsenen Flüchtlingen in Deutschland sind Studienbefunden zufolge, Gewalt gegenüber anderen miterlebt zu haben (70 Prozent), Leichen gesehen zu haben (58 Prozent), Opfer von Gewalt geworden zu sein (55 Prozent) oder gefoltert worden zu sein (43 Prozent) (Abbildung 1).

Das häufigste traumatische Ereignis bei in Deutschland lebenden Flüchtlingskindern und -jugendlichen ist, Zeuge von körperlichen Angriffen auf andere geworden zu sein (41 Prozent). 26 Prozent der Flüchtlingskinder mussten miterleben, wie Gewalt auf Mitglieder ihrer Familie ausgeübt wurde, vor allem durch militante Gruppierungen. Weitere häufige traumatische Ereignisse sind, einen Unfall gehabt zu haben (39 Prozent) und einen Krieg miterlebt zu haben (38 Prozent) (Abbildung 1).

In der Abbildung ist dargestellt, wie viel Prozent der in Deutschland lebenden Flüchtlinge bzw. ihrer Kinder in ihrem Heimatland oder auf der Flucht das jeweilige traumatische Ereignis erlebt haben. Mehrfachnennungen sind möglich.Traumatische Erlebnisse bei Flüchtlingen in Deutschland (© BPtK (Bundespsychotherapeutenkammer))

Flüchtlinge sind häufig psychisch krank

Traumatische Erlebnisse können zur Entstehung einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen. Bei dieser psychischen Erkrankung leiden die Betroffenen an wiederkehrenden Erinnerungen, vor allem als nächtliche Albträume oder auch tags-über als blitzartige Bilder oder filmartige Szenen (Flashbacks). 70 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge haben ungewollte Gedanken an das Trauma, mehr als 40 Prozent leiden unter Albträumen und rund 50 Prozent unter Flashbacks (Abbildung 2). Die Erinnerungen werden so intensiv erlebt, als ob sich das traumatische Ereignis gerade tatsächlich wieder ereignen würde. Berichten zufolge erlitten zum Beispiel jesidische Frauen, die aus der Gefangenschaft des Islamischen Staates (IS) fliehen konnten, während des Fluges nach Deutschland Flashbacks und Panikattacken mit Herzrasen, Atemnot, Schwindel und Todesängsten, weil sie durch die Enge im Flugzeug an die Gefangenschaft, das Zusammengepferchtsein mit anderen Frauen und das erlittene Leid erinnert wurden und das Gefühl hatten, wieder in dieser furchtbaren Situation zu sein.

Menschen, die unter einer PTBS leiden, meiden Situationen, die Erinnerungen an das traumatische Erlebnis wachrufen könnten. So vermeiden mehr als 70 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge und rund die Hälfte der Flüchtlingskinder und -jugendlichen Gefühle, Gedanken und Gespräche, die sie an das Trauma erinnern könnten. Typisch sind auch eine starke Schreckhaftigkeit, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, emotionale Taubheit und Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen. Schlafstörungen kommen bei fast zwei Dritteln der Erwachsenen und bei rund einem Drittel der Flüchtlingskinder vor (Abbildung 2). Angst und Depressionen sind häufig mit den genannten Symptomen assoziiert und Suizidgedanken sind nicht selten (Dilling et al., 2013). Kinder durchspielen außerdem häufig wiederholt das traumatische Erlebnis und zeigen Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten wie zum Beispiel aggressives Verhalten (Flatten et al., 2011).

In der Abbildung ist dargestellt, wie viel Prozent der Fllüchtlinge bzw. ihrer Kinder unter den verschiedenen traumaassoziierten Symptomen leiden. Mehrfachnennungen sind möglich.Traumaassoziierte Symtome bei Flüchtlingen in Deutschland (© BPtK (Bundespsychotherapeutenkammer))

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Aus: BundesPsychotherapeutenKammer (BPtK): Psychische Erkrankungen bei Flüchtlingen, September 2015, www.bptk.de, (22.03.2016).

Aufgaben:
  1. Arbeitet in Tandems. Teilt den Text in zwei Teile auf. Jede/r von euch bearbeitet nur einen Teil des Textes.
  2. a) Lies den ersten Teil des Textes und benenne traumatische Erlebnisse von Flüchtlingen. Beachte dabei auch die Abbildung 1 und nimm Bezug auf die Häufigkeit der Erlebnisse. Halte sie stichpunktartig fest und erkläre sie deiner/m Partnerin/ Partner.
  3. b) Lies den zweiten Teil des Textes und benenne die Folgen von traumatischen Erlebnissen auf die Flüchtlinge. Beachte dabei auch die Abbildung 2 und nimm Bezug auf die Häufigkeit der Symptome. Halte sie stichpunktartig fest und erkläre sie deiner/m Partnerin/ Partner.
  4. Nachdem ihr euch die Textteile vorgestellt habt, überlegt gemeinsam wie sich traumatische Erlebnisse und ihre Folgen auf das Leben in einem fremden Land auswirken könnten. Diskutiert eure Ergebnisse mit der Klasse.
Das Arbeitsmaterial PDF-Icon M.02.15 Psychische Erkrankungen bei Flüchtlingen ist als PDF-Dokument abrufbar.


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