Ein Ausstellungsraum der Deutschen Kinemathek Berlin. Audiovisuelle Formate sind in Filmmuseen längst etabliert, setzen sich aber auch in anderen Zusammenhängen mehr und mehr durch.

15.1.2010 | Von:
Michael Baute

Filmvermittlung im Fernsehen

In den 60er Jahren sorgte das Fernsehen für eine sonst weitestgehend abwesende Vermittlung von Filmgeschichte. Aus einer anfänglichen Formenvielfalt entwickelte sich zunehmend ein verlängerter Arm der Filmindustrie. Nur einige wenige anspruchsvolle Formate existieren noch heute.
Das Treiben rund um den roten Teppich nimmt einen Großteil der Beschäftigung mit Film im Fernsehen ein.Das Treiben rund um den roten Teppich nimmt einen Großteil der Beschäftigung mit Film im Fernsehen ein. (© AP)

Die Fernsehanstalten in der Bundesrepublik Deutschland haben seit den 1960er Jahren zahlreiche Sendungen und Formate produziert, die in unterschiedlicher Form und aus verschiedenen Perspektiven das Kino zum Thema haben. Die dafür zuständigen Redaktionen verstanden ihre Aufgabe anfänglich auch darin, eine Kinemathek im Fernsehen zu bilden. "Echte" Kinematheken gab es in der Bundesrepublik in den 50er und 60er Jahren noch keine bzw. sie entstanden erst ganz allmählich, so dass viele deutsche Cineasten und Kinobegeisterte begierig auf solche Fernsehangebote zurückgriffen. Jenseits von Quotendruck, bar jeder Konkurrenz durch Privatsender und bei entsprechend erschwinglichen Marktpreisen konnte die Existenz einer globalen Filmgeschichte ins Bewusstsein der Zuschauer gehoben werden. Das Fernsehen sorgte für eine ansonsten zumeist abwesende Filmbildung.


Neue und alte Filme zeigen und zu Autoren- und Genre-Reihen anordnen war dabei nur ein Aspekt. Der andere: Über Filme informieren und eigene cinephile Sendungen herstellen. Vor allem in den 1970er und 80er Jahren, vor der Einführung des Privatfernsehens, zeigten diese "filmkundlichen" Sendungen eine große Formenvielfalt der Ansätze zur filmischen Filmbetrachtung. Zahlreiche Filme entstanden in dieser Zeit, die eigenständige künstlerische Reflexionen über das internationale Kino und seine Geschichte darstellten. Die Sendungen begleiteten in der Regel die von der Redaktion zusammengestellten Filmreihen. Es waren vertiefende, informierende, kommentierende und analysierende Sendungen über Regisseure, Filmländer und Genres, deren Ausgangsmaterial zumeist Filmausschnitte, Interviews und historische Aufnahmen waren, die mithilfe von Montage und Kommentar gestaltet waren.

Ein Beispiel dafür, wie der Ankauf von Filmen und fernsehlogistische Herausforderungen filmkundliche Programme generiert haben, bildet das Format "Film Aktuell". Diese vom WDR produzierte ARD-Reihe kam zustande, weil durch unterschiedliche Längen der am Sonntag Nachmittag eingesetzten Spielfilme systematisch Lücken im Programmschema aufrissen. Diese Lücken wurden dann mit ebenfalls unterschiedlich langen Beiträgen zu den jeweiligen Filmen aufgefüllt. Ein Großteil dieser Beiträge besaß eine erstaunliche analytische Dichte und Lebendigkeit in der Vermittlung von Filmgeschichte und -ästhetik.

Heute dagegen behandelt der Großteil der Fernsehsendungen über das Kino nicht vorrangig die Filmgeschichte, sondern widmet sich der Berichterstattung und Begleitung des aktuellen Kino- und Filmfestivalgeschehens. Die Spannbreite reicht dabei von einzelnen kurzen journalistischen Beiträgen in Kulturmagazinen wie "Aspekte" (ZDF), "Titel, Thesen, Temperamente" (ARD) oder "Kulturzeit" (3sat) bis zu Filmmagazinen wie "Der Filmvorführer" (RBB), "Kino Kino" (BR) oder "Kennwort Kino" (ZDF). Ein Vorläufer dieser Magazine war das von 1970 an ausgestrahlte, ursprünglich österreichische Format "Apropos Film". Diese Sendereihe, eher anekdotisch-boulevardesker Natur, die vor allem aus Interviews mit international renommierten Schauspielern und Regisseuren bestand und häufig von den über das Jahr verteilten Filmfestivals berichtete, wurde erst 2002 abgesetzt – eine der längsten Laufzeiten für Sendungen mit Filmorientierung im deutschsprachigen Fernsehen. Vor allem aufgrund der normierten Kürze der einzelnen Magazinbeiträge (zwischen zwei und fünf Minuten) hatten und haben diese Sendungen primär einen Nachrichtencharakter.

Avancierte Filmbetrachtung statt Filmboulevard

Äußerst selten sind regelmäßige filmvermittelnde Sendungen im Fernsehen zu sehen. Reihen, die mehr wollen als das Ankündigen von Kino-Neustarts und das Berichten über Stars, die auf roten Teppichen zu Filmpremieren schreiten. Tiefergehende Filmkritik und -vermittlung im TV führt weitestgehend ein Schattendasein. Anhand von zwei Formaten, die beide der WDR herstellt und die dort beide bis heute, wenn auch mit prekärem Status, weiterbestehen, lassen sich zwei grundsätzlich verschiedene Herangehensweisen an die avanciertere Filmbetrachtung im Fernsehen skizzieren:

Der "Filmtip" wurde 1978 von Helmut Merker ins Leben gerufen, der die Reihe bis zu seiner Pensionierung 2007 redaktionell betreute. In unregelmäßiger Frequenz wird das Format bis heute weitergeführt. Im "Filmtip" werden aktuelle Filme oder Wiederaufführungen von Kritikern audiovisuell kommentiert. In den mehr als dreißig Jahren seines Bestehens wurden über 350 "Filmtips" ausgestrahlt. Die Reihe versteht sich als Autorensendung ohne Interviews, in der die Auseinandersetzung mit dem Werk im Vordergrund steht und keine Service-Leistungen zum Kinostart erbracht werden. Die Eingriffe ins Material beschränken sich auf die Auswahl von Ausschnitten und Standbildern. Innerhalb einer Szene sollte nicht geschnitten werden, über Dialogen gibt es keinen Off-Kommentar (dafür benutzt man Sequenzen von Standbildern). Ausschnitte aus unterschiedlichen Werken werden mit einer Schwarzblende getrennt. Die Nacherzählung tritt zugunsten von Reflexionen über Aspekte filmischer Inszenierung zurück. Hervorgehoben werden die einzelne Einstellung, der besondere Schnitt, Gesten, Blicke, Kamerabewegungen, Licht- und Farbdramaturgie, Erzählstrukturen, kurz: das Gemachte am Kino. In Einzelfällen handelt der "Filmtip" auch von der Entwicklung eines Schauspielers oder der Variation eines Genres.


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