Ein Ausstellungsraum der Deutschen Kinemathek Berlin. Audiovisuelle Formate sind in Filmmuseen längst etabliert, setzen sich aber auch in anderen Zusammenhängen mehr und mehr durch.

15.1.2010 | Von:
Helmut Merker

Das Verstehen als sinnliches Vergnügen

Der WDR Filmtip als Opposition gegen die große Komplizenschaft der Quotenjäger

Was muss eine Filmkritik im Fernsehen eigentlich leisten? Muss sie informieren, zum Kinoabend motivieren oder die Wirkung des Films erläutern? Helmut Merker, ehemaliger Redakteur der WDR-Sendung "Filmtip", mit einem bissigen Kommentar zu den Prinzipien dieses Formats und den Unterschieden zu anderen Filmsendungen im Fernsehen.
Robert DeNiro macht in seiner Rolle als Studioboss Monroe Stahr in "The Last Tycoon" (Der letzte Tycoon, R: Elia Kazan) einfach nur Filme - und Filmkritik sollte aufzeigen, wie das geht, findet Helmut Merker.Robert DeNiro macht in seiner Rolle als Studioboss Monroe Stahr in "The Last Tycoon" (Der letzte Tycoon, R: Elia Kazan) einfach nur Filme - und Filmkritik sollte aufzeigen, wie das geht, findet Helmut Merker. (© 2009 by Paramount Pictures. All Rights Reserved.)

Eine Schlüsselszene: Später Nachmittag, nobel eingerichtetes Büro, innen, ein Hollwood-Produzent, jung, selbstbewusst, mitreißend, weist seine beiden Autoren zurecht, die ihm bisher lauter Unfug mit Spiegelfechtereien abgeliefert haben; er fragt: "Gehen Sie manchmal ins Kino?" Der eine antwortet: "Selten." Darauf der Produzent: "Sie sitzen abends erschöpft im Büro", mit der Geste des Erschöpften: "Das sind Sie jetzt." Er bricht aus der Rolle des Erschöpften aus und deutet auf die Tür: "Eine Frau kommt herein, er beobachtet sie, sie sieht ihn nicht...." Er lässt sie quer durch den Raum gehen, sie kniet vor dem Ofen, zieht ein Briefchen Streichhölzer und einige Cent-Münzen aus der Tasche, streift ihre schwarzen Handschuhe ab, hält sie an ein brennendes Streichholz. Plötzlich läutet das Telefon. Alle erstarren. Sie nimmt den Hörer ab, sie sagt: "Ich habe niemals schwarze Handschuhe besessen." Sie legt auf. Da sieht man, dass noch ein zweiter Mann im Raum ist, der jede Bewegung der Frau beobachtet. Eine halbe Minute wortlose Spannung; der Rollenspieler setzt sich hin, die anderen lösen sich von der Performance und fragen "Was passiert?" Und der Held sagt: "Keine Ahnung, ich habe einfach Film gemacht."


Eine Szene aus den 30er Jahren, in einem Film aus dem Jahre 1975. Ein Medium reflektiert sich selbst, und indem es die Technik vorführt, erhöht es seine Anziehungskraft. Aus dem Nichts erschafft da einer eine neue Welt. Wie die Kamera seinen Bewegungen folgt, wie der Schnitt zwischen dem Darsteller und seinen Zuschauern Distanz und Nähe herstellt. Wie Erstarrung zu Erlösung wird, wie Robert De Niro Träumer und Traumverkäufer ist – als "The Last Tycoon" (Der letzte Tycoon, R: Elia Kazan). Wie er zwischen den einzelnen Rollen in der erdachten Szene und seiner Rolle des Films hin- und herwechselt, so montiert der Film in rasantem Wechsel Szenen von Film im Film und von der Realität Hollywoods. So hat er "einfach Film gemacht" – und die Filmkritik sollte aufspüren, wie das geht. Sie kann von einer Szene den Blick aufs Ganze öffnen, aus einem einzelnen Bild aus der Nahtstelle zwischen Traumwelt und Wirklichkeit auf Mythos, Phantasien und Fiktionen des Kinos schließen; sie zeigt, wie Inszenierungskünste und handwerkliche Fähigkeiten funktionieren, um Emotion und Faszination herzustellen. Denn höhere Erkenntnis und tieferes Verständnis der filmischen Mittel sollen das intellektuelle, ästhetische und sinnliche Vergnügen ja nicht mindern, sondern im Gegenteil erhöhen.

Der romantischen Theorie zufolge stellt das Kunstwerk Fragen, und die Kritik kann da nicht mit objektiven Antworten kommen, sondern soll eine subjektive Haltung dazu entwickeln. Dazu gehört also kein fertiges Urteil, sondern die gründliche Auseinandersetzung, der genaue Blick, die Reflexion und die Fähigkeit zur sprachlichen und bildlichen Umsetzung. Im Sinne der Gebrüder Schlegel kommt der Kritik die ehrenvolle Aufgabe zu, in den Geist eines Kunstwerks einzudringen, ihn anderen zu vermitteln und so deren Phantasie zu befruchten, oder, wie André Bazin es formuliert: "Die Wahrheit in der Kritik ist nicht durch irgendeine messbare und objektive Exaktheit bestimmt, sondern zuerst durch die intellektuelle Anregung, die sie dem Leser gibt. Die Funktion des Kritikers besteht nicht darin, auf einem silbernen Tablett eine Wahrheit zu servieren, die nicht existiert, sondern im Denken und Empfinden derer, die ihn lesen, soweit wie möglich den Schock des Kunstwerks zu verlängern."

Dies scheint mir eine gute Basis für Filmkritik im Fernsehen zu sein; damit komme ich zu der Sendung Filmtip – und zu einer persönlichen Wendung: Ich bin Redakteur dieser Sendung. Von Anfang an (seit dem 4. Januar 1978 mit François Truffauts "L´Homme qui aimait les femmes" / Der Mann, der die Frauen liebte) hat sie uns in der Beurteilung von Kollegen unterschiedliche Bewertungen eingebracht, die ich allesamt als ehrenvoll betrachte: "Schule des Sehens" (Karlheinz Oplustil), "zu cineastisch" (anonym), "Hochamt der Cinephilie" (Helmut Merschmann), "zu wenig Service für den 'normalen' Kinogänger" (Kulturredakteurskollegen).

Unsere Sendung hat einige unverrückbare Prinzipien: Es gibt keine Interviews, in denen Regisseure oder Darsteller ihr Werk noch einmal erklären; es ist eine Autorensendung, in der ein Kritiker im Sinne Bazins dem Zuschauer "den Schock des Kunstwerks" vermittelt; in jeder Sendung (5 bis 10 Minuten) geht es um die intensive Auseinandersetzung mit einem Film, nicht um die "Vorstellung" aller Filmstarts. Grundsätzlich wechseln Ausschnitte und Standphotos, und der Kommentar gehört nicht über Dialogszenen. Der Blick wird auf filmische Elemente gelenkt: die einzelne Einstellung, der besondere Schnitt, die eine Geste, die Bewegung der Kamera, Licht und Schatten, die Entwicklung eines Schauspielers oder die Variation eines Genres. Keine Nacherzählung der Handlung, sondern Reflexion darüber, warum ein Banküberfall von Kaurismäki gerade so und nicht anders gezeigt wird (Ariel), warum eine Liebesszene und die Spur eines Flugzeuges aneinandergeschnitten sind ("One Night Stand" von Mike Figgis), was die Röte des Rots von Almodóvar ("Live Flesh"), das Rot und Schwarz bei Rivette ("Secret Défense") und das Rosa bei Sandrine Kiberlains magischem Musicalauftritt (in "Love Me" von Laetitia Masson) andeuten, wie die Kamera die Unruhe des Helden (in Daniel Burmans "El abrazo partido") oder die meditative Langsamkeit (in Gus Van Sants "Last Days") vermittelt.


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