Ein Ausstellungsraum der Deutschen Kinemathek Berlin. Audiovisuelle Formate sind in Filmmuseen längst etabliert, setzen sich aber auch in anderen Zusammenhängen mehr und mehr durch.

15.1.2010 | Von:
Volker Pantenburg

Harun Farocki, Bildforscher und Filmvermittler

Ob Filme, Fernsehfeatures, Überwachunskameras oder die BILD-Zeitung: Das Werk des Filmemachers Harun Farocki ist geprägt von einem Interesse für Bilder. Der Filmwissenschaftler Dr. Volker Pantenburg gibt eine Einführung in die Arbeit eines bildvermittelnden Filmemachers.
Eine Standbild aus Harun Farockis "Zur Bauweise des Films bei Griffith".Eine Standbild aus Harun Farockis "Zur Bauweise des Films bei Griffith". (© Harun Farocki 2006)

"Der Philosoph fragt: Was ist der Mensch? Ich frage: Was ist ein Bild?" Als Harun Farocki diese Sätze 1982 der Hauptfigur von "Etwas wird sichtbar" in den Mund legte, beschrieb er zugleich das Arbeitsfeld, das er selbst als Regisseur, Autor und Theoretiker seit knapp 45 Jahren umkreist. Seine Filmographie verzeichnet über 100 Arbeiten unterschiedlicher Länge, darunter neben ersten studentischen Kurzfilmen auch Beiträge für die Sesamstraße und das Sandmännchen, "Filmtips" für den WDR, Kino- und Fernsehfilme, seit Mitte der neunziger Jahre verstärkt Installationen in Galerien und Museen.

Beim Kinostart von "Etwas wird sichtbar" konnte Farocki bereits auf eine gut 15-jährige Erfahrung als Filmemacher zurückblicken. 1966 begann er mit dem Studium an der neu gegründeten Berliner Filmakademie DFFB, im November 1968 wurde er mit 17 anderen politisch aktiven Studierenden relegiert. Zwischen dem rigiden Lehrstück zur Napalmproduktion "Nicht löschbares Feuer" (1969) und dem aus Eigenmitteln aller Beteiligten finanzierten "Zwischen zwei Kriegen" (1977) entstanden vor allem Beiträge für das Fernsehen, die dessen Bildpolitik zugleich kritisierten. "Die Arbeit mit Bildern" und "Der Ärger mit den Bildern" heißen zwei der Sendungen, in denen Farocki die oft gedankenlose Bildproduktion von TV-Features polemisch und präzise am Schneidetisch sezierte.


Der Schnittplatz ist bis heute ein zentraler Ort, von dem aus sich Farockis Poetik beschreiben lässt. Zusammen mit dem Schreibtisch des Autors bildet er das Labor, an dem Bildkombinationen erprobt und Kommentare gefunden werden, die unmittelbar dem visuellen Material selbst entnommen sind. In diesem Sinne sind Farockis Filme Theorie im ursprünglichen Sinn des Wortes: Zeugnisse von und Anleitungen zu genauer Beobachtung. Für die Zeitschrift Filmkritik, deren Profil er als Redakteur und Autor zwischen 1974 und 1984 entscheidend mitbestimmte, hat Farocki Anfang der Achtziger Jahre den Text "Was ein Schneideraum ist" über die Arbeit im Schneideraum geschrieben: "Am Schneidetisch, wenn das Bild vor- und zurückläuft, erfährt man über die Eigenständigkeit des Bildlichen. So wie die Zeitlupen beim Fußballübertragen unseren Blick geschult haben für die versteckten Fouls und vorgetäuschten Fouls, lernt man am Schneidetisch die Fouls und vorgetäuschten Fouls einer Inszenierung sehen."

Die Bilder des Kinos

In der filmvermittelnden Installation "Über die Bauweise des Films bei Griffith", die am Beispiel des amerikanischen Stummfilmregisseurs einen filmhistorisch wichtigen Zeitpunkt ins Auge fasst, stellt Farocki Filme des amerikanischen Regisseurs Griffith ins Zentrum; er vergleicht eine Szene aus dem Film "Lonedale Operator" von 1911 mit einem Ausschnitt aus "Intolerance" von 1916. In der verblüffend einfachen Anordnung des Bildmaterials auf zwei nebeneinander stehenden Monitoren werden die komplexe Etablierung von Schuss/Gegenschuss sowie die neuartige Verwendung der Großaufnahme innerhalb der fünf Jahre deutlich.

Farockis Hinweis auf die Eigengesetzlichkeit des Bildes schließt an unterschiedliche filmgeschichtliche Projekte an. In seinem Insistieren auf die Möglichkeiten der Bildverknüpfung liegt eine Erinnerung an die Versuche Sergej Eisensteins und anderer früher Filmemacher und Theoretiker, das Kino durch die Montage zum Medium intellektueller Auseinandersetzung zu machen. Die Lust an der überraschenden Bildverknüpfung verbindet Farocki aber auch mit Jean-Luc Godard, der die Frage nach dem Bild immer wieder von Neuem als – politische, ökonomische, ästhetische – Frage von Bildverhältnissen formuliert hat. Farockis Interesse an dokumentarischen Formaten lässt sich unter anderem in einer für den WDR entstandenen Sendung über Basil Wrights Film "Song of Ceylon" erkennen, in dem Bildkomposition, Einsatz des Tons und die Montage einer Szene unter Zuhilfenahme von Wiederholungen, Zeichnungen und kommentierenden Beschreibungen analysiert werden.


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