Geschichte begreifen

12.11.2008 | Von:
Annegret Ehmann

Das Arbeiten mit Texten

Literarische und nichtfiktionale Texte können Schülern historische Bezüge verdeutlichen. Dieser Text gibt Empfehlungen für die verschiedenen Altersstufen.

Seit Ende der 1960er Jahre ist, angestoßen durch Bürgerinitiativen (Geschichtswerkstätten / Suche nach Spuren verdrängter Geschichte), ein steigendes Interesse an Geschichte feststellbar. Es zeigt sich hier die Suche danach, was Geschichte mit dem individuellen Leben zu tun hat sowie die Suche nach Orientierung für die Gegenwart.

Leuchtender Lesestoff. Bild: © M. Hauck / PIXELIO, www.pixelio.deLeuchtender Lesestoff. (© M. Hauck / PIXELIO, www.pixelio.de)

Diesem Bedürfnis kommen außerwissenschaftliche Geschichtsliteratur und mediale Geschichtsaufbereitung mehr entgegen als Geschichtsunterricht oder die Fachwissenschaft. Die angebotenen Erzählungen werden als "sinnbildende Narration" mit eigenen imaginierten Geschichtsbildern und Projektionen verbunden.


Die als Hilfsmittel angewandte erlebnishaft ausgeschmückte "Geschichtserzählung" kann bei Schüler/innen der Grundschule und der Sekundarstufe I eher Interesse wecken und verständlicher sein als Schulbuchtexte. Diese sind oftmals im Schwierigkeitsgrad auf Schülerniveau verkürzte Sachtexte von Fachhistorikern, die weder Erzählqualität haben noch Zusammenhänge und Sinn für Schüler erkennen lassen.

Beispiele für Grundschule und Sekundarstufe I

Für die jüngeren Jahrgänge und die Sekundarstufe I kommen vor allem historische Jugendbücher, Biografien und Romane, in denen Tatsachen mit fiktionalen Elementen vermischt sind, als Lektüre in Frage. Jüngere Zielgruppen sind zudem mit dem Genre Comic vertraut und werden davon angesprochen.

Es geht dabei nicht darum, dass Schülerinnen und Schüler die fiktionalen Texte auf die Richtigkeit historischer Fakten hin untersuchen. Auch die Angst, Kinder und Jugendliche könnten Wahrheit von Erfindung nicht unterscheiden, ist unbegründet (Borries v./Pandel, 1994). Sie können beim Jugendbuch durchaus erkennen, dass die Protagonisten der Geschichten nicht einer realen Person, sondern einem Typus der damaligen Wirklichkeit entsprechen.

Problematisch ist eher, dass die mit pädagogischer Absicht geschriebenen Geschichten von Freundschaft, Hilfe für Verfolgte oder erfolgreichem Widerstand den Eindruck des Normalen erwecken, wohingegen diese in der Realität Ausnahmen waren. (Mayer/Pandel/Schneider 2004)

Der 27. Januar, seit 1996 öffentlicher Gedenktag zur Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz und alle Opfer des Nationalsozialismus, wird fast ausschließlich als Holocaust-Gedenktag für die jüdischen Opfer verstanden. Damit Schüler/innen auch die Geschichten vergessener oder in der offiziellen Erinnerungskultur selten thematisierter Opfergruppen kennen lernen, stehen statt der hinlänglich bekannten Texte wie "Damals war es Friedrich" oder das "Tagebuch der Anne Frank" unter anderem folgende Lektüren zur Verfügung.

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Info

Methodensteckbrief

  • Teilnehmerzahl: Klassenverband oder Teil einer außerschulischen Lerngruppe
  • Altersstufe Sekundarstufen I/ II
  • Zeitbedarf: Je nach Komplexität und Lerntempo der Gruppe ab 3 Unterrichtsstunden bis zu mehrwöchigen/monatigen Unterrichtsprojekten
  • Preis (ohne Fahrten): Nicht ermittelbar
  • Benötigte Ausstattung: Moderationsmaterial, Flipchart/Overhead-Projektor/Folien, Internetfähiger Computer je Kleingruppe (2-6 Schüler), gängige Office-Software, Software zur Bildbearbeitung, Präsentationsprogramm
  • In dem Kinder- und Jugendbuch "Tanja" (Schulenburg 1981) wird die reale Geschichte eines russischen Mädchens erzählt, das während der neunhunderttägigen Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht (1941-1944) wie zahllose andere Kinder Leningrads damals verhungerte.

    Die Erzählung "Abschied von Sidonie" (Hackl 1989) über das Schicksal des Sintimädchens Sidonie Adlersburg hat ebenfalls einen authentischen Hintergrund. Sidonie wurde im Alter von zehn Jahren ihrer Pflegefamilie weggenommen und in Auschwitz ermordet. Einige Editionen dieser Erzählung sind für den Schulgebrauch mit Zusatzmaterialien versehen.

    "Elses Geschichte – Ein Mädchen überlebt Auschwitz" (Sauerländer 2007) von Michail Krausnick und mit Illustrationen von Lukas Ruegenberg ist die auf dem Zeitzeugenbericht der heute 71-jährigen Else Schmidt basierende, authentische Geschichte eines Sintimädchens aus Hamburg.

    Die Kombination von Dokumenten und literarischen Texten ermöglicht die Sensibilisierung für Sprachstile und ihre verschiedenen Funktionen. Vielfältige Anregungen für die Einbeziehung und Bearbeitung literarischer und autobiografischer Texte in der Sekundarstufe I über "Holocaust" und "Auschwitz" bietet die Sammlung "Arbeitstexte für den Unterricht" (Feuchert 2000), die fächerübergreifend im Deutsch- und Geschichtsunterricht eingesetzt werden kann. Diese Sammlung hat den Vorteil, dass es sich dabei um Textauszüge handelt.

    Ganzschriften können schon aus Zeitgründen im Geschichtsunterricht nicht behandelt werden, es sei denn, sie werden als Aufgabe für ein Referat oder eine Jahresarbeit von einzelnen Schülerinnen oder Schülern bearbeitet und vorgestellt.


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