"Ich bin kein Verbrecher"

Die Deserteure der NVA

von: Dagmar Hovestädt und Roland Jahn

Viele Soldaten, die in der DDR wegen Desertation aus der NVA verurteilt wurden, bemühen sich seit der Einheit vergeblich um eine Rehabilitierung. KONTRASTE schildert ihre Geschichte.

Inhalt

Die Mauer war am 13. August 1961 kaum errichtet, dass Grenzregime an der innerdeutschen Grenze noch erheblich verschärft und damit die Flucht in den Westen unterbunden worden, da schlug am 28. August 1961 der Nationale Verteidigungsrat der DDR vor, die Wehrpflicht in der DDR zum 1. Januar 1962 einzuführen. So geschah es. Wehrdienstverweigerung war zunächst unmöglich. Allerdings gab es auf Vermittlung der Kirchen ab 1964 die Möglichkeit, den achtzehnmonatigen Grundwehrdienst waffenlos bei den "Bausoldaten" zu absolvieren. Damit reagierte der Staat auch auf die Tatsache, dass viele junge Gläubige den Armeedienst verweigert hatten und dafür mit Gefängnis bestraft wurden. Neben den Bausoldaten gab es aber auch Totalverweigerer, deren Zahl in den 1980er Jahren drastisch anstieg. Allerdings wurden in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre auch kaum noch Totalverweigerer ins Gefängnis gesperrt.

Eine dritte Gruppe junger Männer war bislang kaum Gegenstand von Debatten: die Deserteure der NVA. Wie viele es von ihnen insgesamt gab, ist noch unbekannt. Gründe zur Fahnenflucht gab es viele und nicht alle können heute als politische gelten. Allerdings wurde vielen jungen Männern der Charakter des Systems, in dem sie lebten, erst gewahr, als sie ihren Pflichtdienst bei der NVA ableisteten. Denn hier spiegelte sich die Diktatur weitgehend ungeschminkt und verlor viel von ihrem Schein, den sie im zivilen Leben zuweilen vorzugaukeln wusste. Deshalb versuchten jedes Jahr Soldaten in den Westen zu flüchten, manchmal sogar Offiziere. Scheiterte eine solche Flucht, wurden diese Männer hart bestraft. In jedem Fall wurden sie aber auch in Abwesenheit strafrechtlich verurteilt.

Nach 1990 bemühten sich viele Betroffene um ihre juristische Rehabilitierung. Sie mussten aber lernen, dass die bundesdeutschen Gerichte ihre politischen Motive nicht anerkannten und stattdessen die Urteile des SED-Staates als rechtmäßig bestätigten, selbst wenn den Deserteuren eine Flucht aus der DDR in Uniform gelungen war.

Es dauerte bis zum Jahr 2002, bis der Deutsche Bundestag alle Urteile gegen die Wehrmachtsdeserteure aufhob, von denen etwa 30.000 zum Tode verurteilt worden waren. Die Bundesvereinigung "Opfer der NS-Militärjustiz e.V." erklärte aus diesem Anlass 2002: "In die Freude über die Aufhebung unserer Urteile mischt sich auch Trauer und Zorn, denn kaum eines unserer Opfer erlebt die Aufhebung seines Urteils noch. Die wenigen, welche Todeszelle, KZ und Strafbataillon überlebten, sind 57 Jahre lang gedemütigt und vorbestraft verstorben."

Auch wenn die NVA-Deserteure in einem ganz anderen historischen Kontext agierten: Ihre individuelle Entscheidung, nicht länger einer Diktatur dienen zu wollen, sollte nach Ansicht der Betroffenen von einer demokratischen Gesellschaft entsprechend gewürdigt werden. (Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk)

Quelle: Dieser Beitrag ist Teil der DVD-Edition "Kontraste - Auf den Spuren einer Diktatur".

Weitere Informationen

  • Kamera: Axel Reinhardt

  • Schnitt: Martina Berretz

  • Trick: Frauke Börner

  • Produktion: 10.09.1998

  • Spieldauer: 00:08:29

  • hrsg. von: bpb in Kooperation mit RBB

 
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