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Eliten

1. Begriff und Relevanz



Seit einigen Jahren findet auch in D der längere Zeit diskreditierte Begriff der Eliten (E) Verbreitung. Damit nähert sich D Gesellschaften wie Frankreich und den USA an, in denen der E.begriff nicht nur gebräuchlich, sondern auch überwiegend positiv besetzt ist. Die Relevanz von E. ergibt sich v. a. daraus, dass ihre Zusammensetzung, ihr Status und ihr Austausch Auskunft über die soziale Struktur, die soziale Mobilität und die Machtverteilung in einer Gesellschaft geben.

Ein Einvernehmen darüber, was unter E. zu verstehen ist, besteht jedoch weder im öffentlichen Diskurs noch in den Sozialwissenschaften. Sprachgeschichtlich geht der Begriff auf das lateinische Wort "eligere" zurück, das "auswählen" oder "auslesen" bedeutet. Im Einklang damit bedeutet die Zugehörigkeit zu E. immer das Herausgehobensein aus einer größeren sozialen Gemeinschaft unabhängig davon, auf welchen Kriterien die Auswahl beruht und mit welchen Privilegien sie verbunden ist. Zum allgemein anerkannten Bedeutungsgehalt der E. gehört darüber hinaus ihr dauerhafter Einfluss auf Entscheidungen, die für eine größere Personengruppe relevant sind. Welche Ressourcen diesen Entscheidungen zugrunde liegen, etwa Gewalt, Kapital oder durch Wahlen legitimierte Macht, variiert im Zeitverlauf, im Vergleich der Kulturen und auch zwischen einzelnen E.sektoren. Die Besonderheit der politischen E. etwa ergibt sich daraus, dass die von ihnen getroffenen Entscheidungen für die gesamte Gesellschaft verbindlich sind.

Üblicherweise werden E. im Hinblick auf die Kategorien Macht, Funktion, Position oder Werte definiert. Der Begriff der Wertelite bestimmt die E. danach, wie sehr sie Grundwerte der → Gesellschaft verkörpern bzw. diese in ihrem Reden und Handeln zum Ausdruck bringen. Dieser stark normativ unterlegte E.begriff, der den E. eine Vorbildfunktion zuerkennt, ist in der Öffentlichkeit weit verbreitet. In den Sozialwissenschaften hat sich hingegen der Funktions- bzw. Positionsansatz durchgesetzt. Danach bestimmt sich die Zugehörigkeit zu E. nach der Einnahme bestimmter mit Entscheidungskompetenzen ausgestatteter Führungspositionen bzw. der Wahrnehmung für die Gesellschaft wesentlicher Leitungsfunktionen. Im Kontext der jüngeren Debatten um Bildungsreformen hat zudem der Begriff der Leistungs-E. eine Wiederbelebung erfahren. Der Zugang zu den E. wird nach dieser Lesart durch herausragende Leistungen und besondere Verdienste erworben.

Wer dem Kreis der E. zugerechnet wird (oder sich selbst diesen zurechnet), hängt vom zugrunde liegenden E.verständnis wie auch vom betrachteten Sektor ab. Anforderungsprofile und Rekrutierungsmechanismen sind bei politischen Spitzenpositionen andere als beim Führungspersonal der Wirtschaft, der Medien oder der Verbände. Zu unterscheiden sind in allen Sektoren die E. im engeren Sinne (in D etwa die Bundesminister und die Vorstandsvorsitzenden der DAX-Unternehmen) und die sogenannten Subeliten (in D etwa Bundestagsabgeordnete ohne Führungsaufgaben oder die Vorstände mittelgroßer Unternehmen).

2. Elitentheorie und Elitenforschung



Das Nachdenken über die Auswahl geeigneten Führungspersonals lässt sich ideengeschichtlich bis in die Antike zurückverfolgen. Von einer E.forschung im engeren Sinne kann jedoch erst seit Ende des 19. Jh.s gesprochen werden. Die in dieser Zeit entstandene elitistische Schule, der insbesondere Mosca, Pareto und Michels zugerechnet werden, zeichnet sich v. a. durch drei Annahmen aus: Erstens versteht sie E. als ein universelles, für Gesellschaften konstitutives und zentrales Phänomen. Damit verknüpft geht sie zweitens von einer Dichotomie zwischen E. und Masse aus. Es sind demnach die E., die gesellschaftliche Prozesse steuern und sozialen Wandel herbeiführen, wofür sie sich ggf. der Mobilisierung größerer Bevölkerungsgruppen ("Massen") bedienen. Drittens wird von einer E.zirkulation ausgegangen, die sich entweder evolutionär oder durch schlagartige Regimewechsel vollziehen kann. Sie führt notwendig zur Herausbildung neuer, auf die Verfolgung eigener Interessen bedachter und insoweit der Bevölkerung entfremdeter E. (das eherne Gesetz der Oligarchie nach Michels).

In seiner Ursprungsform wird der elitistische Ansatz wegen der Entkopplung der E.bildung von demokratischen Verfahren und der einseitigen Fokussierung auf das E.handeln kaum noch verfolgt. Ebenso verebbt ist die Fundamentalkritik am E.konzept, wie sie in den 1970er Jahren von Verfechtern partizipativer Demokratiekonzepte vorgebracht wurde. Stattdessen ist es im Laufe der bdt. Geschichte zu einer Vermittlung von E.konzept und → Demokratie gekommen, indem die E.bildung an soziale Referenzgruppen gekoppelt wird. Die E. gehen demnach – einer berühmten Formulierung Stammers zufolge – aus gesellschaftlichen "Muttergruppen" hervor, denen sie verpflichtet sind. Eine weitere "Demokratisierung" der E.theorie ist durch den mitunter als neues Paradigma gehandelten E.pluralismus erfolgt. Dieser stellt auf die Rekrutierung der E. aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und Bereichen sowie auf den gleichberechtigten Zugang zu Führungspositionen ab. Die heutige Forschung widmet sich neben der Untersuchung von Rekrutierung und Zirkulation verstärkt Fragen der E.integration. So gelten pluralistische, zugleich aber strukturell wie normativ integrierte und über Sektoren hinweg vernetzte (konsensuell geeinte) E. als wesentliche Voraussetzung für die Konsolidierung junger Demokratien.

3. Eliten in Deutschland



3.1 Nachkriegsdeutschland

Die Wahrnehmung eines für den Niedergang der Weimarer Republik verantwortlichen E.versagens und der Missbrauch des E.begriffs durch die Nationalsozialisten prägten in doppelter Weise die Geschichte der BRD. Zum einen blieb der E.begriff für lange Zeit diskreditiert und war als Selbstzuschreibung untauglich geworden. Insbesondere das politische Führungspersonal der jungen Demokratie war entsprechend bemüht, jeglichen elitären Habitus zu vermeiden, um sich keiner gesellschaftlichen Kritik auszusetzen (Dahrendorf zufolge ein "Kartell der Angst"). Zum anderen erfolgte die demokratische Neugründung in scharfer Abgrenzung zum NS-System, die sich auch in der Zusammensetzung des Führungspersonals spiegeln sollte. Faktisch blieb die E.zirkulation jedoch auf die Politik und wenige weitere gesellschaftliche Bereiche begrenzt und erfolgte selbst dort unvollständig. In Verwaltungsapparat und Justiz hingegen bestanden nach dem Ende des Dritten Reichs bemerkenswerte personelle Kontinuitäten.

Dessen ungeachtet hat sich in der BRD über gesellschaftliche Sektoren hinweg eine konsensuell geeinte E. herausgebildet. Diese zeichnet sich einerseits durch eine ausgeprägte kommunikative Vernetzung, andererseits durch gemeinsame demokratische Grundüberzeugungen aus. Zugleich hat sich die bereits in der Weimarer Republik einsetzende soziale Öffnung des Zugangs zu E. fortgesetzt. Für die westdeutschen E. vor der dt. Vereinigung sind daher eine pluralistische Zusammensetzung und eine erfolgreiche (horizontale und vertikale) Integration festzustellen. Die horizontale E.integration, d. i. die Integration der verschiedenen Sektoreliten, ist dabei durch korporatistische Tendenzen im politischen System und den kooperativen Föderalismus begünstigt worden.

Die E.rekrutierung in der → DDR folgte grundlegend anderen Mustern: als zentralistische, von der SED gesteuerte Kaderauswahl. Die Führungsfunktionen in Staat und Partei wurden primär nach politischer Loyalität vergeben, während etwa im Bereich der Wirtschaft fachliche Qualifikationen eine größere Rolle spielten. Nach einer anfänglich gezielten Förderung von Kandidaten aus der Arbeiterschaft erfolgte mit fortschreitender Zeit die Selbstrekrutierung aus der Funktionärsschicht. In der Endphase der DDR fand ein E.austausch kaum mehr statt mit der Konsequenz einer massiven Überalterung der Staats- und Parteiführung.

3.2 Die Eliten im vereinten Deutschland

Während die E.struktur Westdeutschlands durch die deutsche Einheit kaum tangiert wurde, vollzog sich in den ostdeutschen Ländern ein E.wandel. Der Austausch der politischen E. fiel dabei so umfassend aus wie in keiner anderen postkommunistischen Gesellschaft. Selbst die vertikale Reproduktion, also das Nachrücken von Subeliten in politische Spitzenpositionen, blieb die Ausnahme. Diese Besonderheit war v. a. dem E.transfer im Gefolge der deutschen Einheit geschuldet, als Führungspositionen u. a. in Exekutive und Justiz überwiegend mit westdeutschem Personal besetzt wurden. Im Unterschied zu den politischen E. ergibt sich für andere E.sektoren ein differenziertes Bild. So ist es in der Wirtschaft zu einer weit größeren E.reproduktion gekommen als in der Politik. Eine erhebliche personelle Kontinuität über den Regimewechsel hinweg kennzeichnet den kulturellen Sektor und Teilbereiche der Wissenschaft, v. a. die Ingenieurs- und Naturwissenschaften.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Michael Edinger




 

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