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Interessengruppen

Schon ein kurzer Blick auf das System der Interessengruppen (Ig) in D macht deutlich, dass einige Interessen besonders gut organisiert sind, während andere nur unzureichend im organisierten Interessenspektrum vertreten sind. Am ehesten organisieren sich homogene, durch eine gemeinsame ökonomische Lage und ggf. Deprivationen gekennzeichnete Statusgruppen. Dies zeigt sich sowohl an der Entwicklung der → Gewerkschaften als auch bei den → Unternehmerverbänden und den Mittelstandsvereinigungen. Durch diese ökonomische Logik werden allgemeine, außerhalb der Produktionssphäre angesiedelte Interessen strukturell benachteiligt. Hierbei handelt es sich im Wesentlichen um allgemeine Interessen und Bedürfnisse aus den Bereichen Umwelt, Verkehr, Freizeit etc. Wenngleich manche dieser Interessen, vor allem durch die zahlreichen Vereine auf kommunaler Ebene, eine organisatorische Interessenvertretung gefunden haben, und der Eindruck entstehen könnte, jedem Interesse sei eine Organisation zuzuordnen, so müssen doch die vielfältigen organisatorischen Schwierigkeiten und die oft nur lokale politische Bedeutung dieser Gruppierungen gesehen werden, die die strukturellen Restriktionen nicht gänzlich außer Kraft setzen können.

Die lückenhafte Entstehung von Organisationen wurde von M. Olson (1968) durch den am methodologischen Individualismus orientierten ökonomischen Ansatz der "Logik kollektiven Handelns" erklärt, der sich gegen die von pluralistischer Seite vertretene Gleichgewichtsthese aussprach, derzufolge einem mächtigen Verband quasi automatisch ein gleich starker Gegenverband Paroli bietet. Vielmehr wird nachgewiesen, dass mit steigender Gruppengröße die Bereitschaft zur Organisierung abnimmt, da die von dem Verband angebotenen und erkämpften politischen Güter (z. B. höhere Löhne bei den Gewerkschaften) unteilbar sind (Kollektivgüter) und so auch den Nichtmitgliedern zur Verfügung stehen, so dass ein ökonomisch rational handelndes Individuum nur durch persönliche Anreize (etwa besondere Serviceleistungen) zum Organisationsbeitritt bewogen werden kann.

Die Möglichkeit, im Verbandssystem Bedeutung zu erlangen, ist neben der Organisationsfähigkeit im Wesentlichen durch die Konfliktfähigkeit von Interessen bestimmt. Diese beweist sich in den Entzugsmöglichkeiten als Sanktionen gegenüber anderen Ig. oder staatlichen Instanzen. Ein wirksames Druckmittel ist die Zurückhaltung von Kapital und/oder Arbeit, wie sie etwa von Unternehmerverbänden und Gewerkschaften in Konflikten eingesetzt wird (z. B. bei einem → Streik). Ein weiteres Druckmittel von Verbänden gegenüber politischen → Parteien, das seit Bestehen der Ig. eine große Rolle spielt, ist die Drohung mit dem Entzug von Wählerstimmen. Die Effektivität solcher Drohungen ist von gewissen Konstellationen im politischen System abhängig. Wenn bspw. ein Wechsel der Parteipräferenzen bei knappen Mehrheiten im Parlament angedroht werden kann, steigt der Einfluss von Interessenorganisationen. Vergleicht man das Durchsetzungspotential gewisser ökonomischer Ig. mit den geringen Entzugsmöglichkeiten anderer Gruppen, etwa der Behinderten, Kinder, Hausfrauen, alten Menschen, Verbraucher etc., dann wird deren geringer politischer Einfluss schnell einsichtig. Manche dieser kaum konfliktfähigen und oft auch nur schwer zu organisierenden Gruppen werden im Vereins- und Verbandssystem meistens durch von den Betroffenen nicht selbst entwickelte soziale Organisationen (z. B. Wohlfahrtsverbände) repräsentiert, deren Gefahr darin liegt, dass diese die Gruppenprobleme nicht adäquat thematisieren, sondern primär ihre eigenen selektiven Organisationsinteressen im Auge haben.

Die Organisierung von Interessen und die dabei auftretenden strukturellen Asymmetrien (Organisations- und Konfliktfähigkeit) erweisen sich als wesentliche Filterfunktionen für das real existierende Verbandssystem, in dem nur eine begrenzte Zahl von organisierten Interessen mit unterschiedlichen Machtressourcen vertreten ist.

Bevor hier eine empirisch orientierte Typologie der Ig. diskutiert wird, muss zunächst geklärt werden, was unter einer Interessengruppe bzw. einem Verband zu verstehen ist. Generell geben die selbst gewählten Bezeichnungen der Organisationen nur wenig Auskunft über ihre wirklichen Ziele und Vorgehensweisen. Organisationen, die ökonomische Interessen vertreten, tragen die Bezeichnung Verband oder eben Gewerkschaft, und die mehr im Freizeitbereich engagierten Organisationen nennen sich Verein, aber aus diesen Bezeichnungen ist nicht immer klar ersichtlich, welche konkreten Zielsetzungen von den Interessenorganisationen verfolgt werden. Für eine Klassifizierung ist deshalb eine sozialwissenschaftliche und teilweise auch juristische Abgrenzung wichtig. Die Bemühungen um eine sozialwissenschaftliche Definition und Analyse der Verbände und Vereine sind schon sehr alt. Bereits M. Weber bezeichnete 1910 auf dem ersten Deutschen Soziologentag die Entwicklung einer "Soziologie des Vereinswesens" als fundamentale Aufgabe einer Gesellschaft für Soziologie, da sich in D eine Vielzahl von Vereinigungen konstituiert hatte und ihm der damalige Mensch als ein "Vereinsmensch in einem fürchterlichen, nie geahnten Maß" vorkam (Weber 1924: 442).

In der heutigen Diskussion hat sich eine relativ weite Definition durchgesetzt, die sowohl Verbände als auch Vereine umfasst. Eine der ersten in der BRD publizierten Typologien stammt von R. Breitling (1955), der den lobbying-Charakter der Verbände hervorhob und folgende Klassifizierung entwickelte: 1. Wirtschaftsverbände, 2. Glaubensgemeinschaften, 3. politische Verbände (Öffentliche Körperschaften, halbstaatliche Verbände wie etwa das Rote Kreuz, Verbände der Beamten und Staatsbürgerverbände, z. B. der Rentner oder Kriegsbeschädigten). Auffällig ist hierbei die Hervorhebung der → Kirchen, die ein Beispiel für die in der Verbandsforschung oft vorgenommene Trennung zwischen ideellen Förderverbänden und ökonomischen Interessenverbänden ist Die besondere Berücksichtigung der Glaubensgemeinschaften und ebenso die generelle Trennung ist inzwischen in der Interessengruppenforschung überwunden worden. Ganz ausgeblendet werden bei R. Breitling die vor allem auf kommunaler Ebene aktiven Vereine, die durch die zentral gesetzte Fixierung der Verbände auf die staatliche → Gesetzgebung nicht besonders betrachtet werden, obwohl diese auf ihren Ebenen auch auf politische Entscheidungen Einfluss nehmen können. Aus einer weniger auf die Großverbände als vielmehr auf die Vielfalt von Vereinen und Verbänden auf kommunaler Ebene gerichteten Analyse, die in der Stadt Frankfurt total erfasst wurden, hat P. Raschke (1978) eine andere Verbandstypologie erstellt: 1. Vereinigungen des Wirtschafts- und Arbeitssystems, 2. Sozialvereinigungen, 3. Vereinigungen in Bereichen der Wissenschaft und Kunst, 4. Werteorientierte Vereinigungen, 5. Freizeitvereinigungen. Der Vorteil dieser Typologie liegt in ihrer Orientierung am empirischen Befund der Frankfurter Vereinsstruktur, die durchaus qualitativ repräsentativ für andere Städte in D ist. Aus dieser Untersuchung schälte sich als ein wesentliches Ergebnis das "Dienstleistungsprinzip" der Ig. heraus; über 3/4 der Vereinigungen preisen schon in den Satzungen ihre Dienstleistungen an. U. v. Alemann/R. G. Heinze (1990) haben eine gegenüber der Untersuchung von P. Raschke leicht veränderte Typologie organisierter Ig. entwickelt, die sich an Handlungs- und Politikfeldern orientiert:
  1. Organisierte Interessen im Wirtschaftsbereich und in der Arbeitswelt (Unternehmer- und Selbständigenverbände, Gewerkschaften, Konsumentenverbände)
  2. Organisierte Interessen im sozialen Bereich (Sozialanspruchsvereinigungen, Sozialleistungsvereinigungen, Selbsthilfegruppen)
  3. Organisierte Interessen im Bereich der Freizeit und Erholung (Sportvereine und -verbände, Geselligkeits- und Hobbyvereine)
  4. Organisierte Interessen im Bereich von Religion, Kultur und Wissenschaft (Kirchen, Sekten, wissenschaftliche Vereinigungen, Bildungswerke, Kunstvereine)
  5. Organisierte Interessen im gesellschaftspolitischen Querschnittsbereich (ideelle und gesellschaftspolitische Vereinigungen)
Aber auch eine solche Typologie hat ihre Schwächen. Es ist schwer, einen ADAC, der gleichzeitig Autosportclub, Autofahrerverbraucherverband, Reiseunternehmen und Dienstleistungsorganisation in einem ist, einzuordnen. Ebenso vertreten auch die Gewerkschaften oder die → Kirchen soziale, kulturelle und allgemein gesellschaftspolitische Interessen ihrer Mitglieder.

Auf lokaler Ebene ist die überwiegende Mehrzahl der Ig. als Verein organisiert. Sie sehen ihr wichtigstes Ziel nicht in der Durchsetzung sozialökonomischer Interessen. Die unmittelbare politische Relevanz des Vereinswesens ist meist nur randständig. Hauptzweck der freiwilligen Vereinsarbeit bleibt die gemeinsame Ausübung von Freizeit- und Hobbyinteressen. Politisch wirken die Vereine in erster Linie indirekt als Vermittler von politischer Sozialisation und Kommunikation. So gesehen hat das Vereinsleben nicht nur eine Komplementärfunktion als Ausgleich zur Arbeitswelt, sondern es hat auch eine wichtige gesellschaftliche, sozialintegrative Funktion.

Schätzungen zufolge gab es in der "alten" Bundesrepublik über 200.000 Interessenvereinigungen, darunter ca. 40.000 Sportvereine, über 5.000 Verbände im engeren politischen Sinne. Rund 1.200 Verbände waren bereits in der Bonner "Lobbyliste" registriert; diese Zahl ist in der "Berliner Republik" weiter gewachsen (so sind allein um das Gesundheitsministerium über 400 Lobbyverbände angesiedelt). Weit über die Hälfte aller Bundesbürger gehören einem Verein an, 1/4 der Bürger ist sogar Mitglied in mehr als einer Vereinigung. Rechnet man die Mitgliedschaft im ADAC oder sogar in einer der Religionsgemeinschaften dazu, so schrumpft die Zahl der nichtorganisierten Bundesbürger auf eine Minderheit. Allerdings zeigt sich eine auffallende Kluft zwischen formaler Mitgliedschaft einerseits und subjektiver Vereinszugehörigkeit andererseits, die sich daraus erklärt, dass viele Mitglieder in den Interessenvereinigungen nur eine passive Rolle innehaben.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Rolf G. Heinze / Helmut Voelzkow




 

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