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Jugendpolitik

1. Die Auswirkungen des Wandels in der Sozialstruktur fortgeschrittener Industriegesellschaften auf die politischen Orientierungen Jugendlicher



Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich in allen entwickelten Demokratien ein fundamentaler sozialer Wandel vollzogen, dessen Hauptmerkmale eine Pluralisierung der Gesellschaftsstruktur sowie eine Individualisierung der Lebensentwürfe sind. Die dadurch bedingte Erosion traditioneller soziopolitischer Milieus hat dazu beigetragen, dass Jugendliche heute weit weniger als früher in sozialstrukturell vorgegebene Lebensverlaufsmuster und politische Loyalitäten hineinwachsen. In der Jugendsoziologie besteht ferner Einigkeit darüber, dass darüber hinaus auch die Bildungsexpansion Auswirkungen auf den Erwerb sozialer und politischer Orientierungen in der Jugendphase gehabt hat. Die Ausdehnung der Lebensphase Jugend (Hurrelmann u. a. 2006: 32 ff.) bringt durch den späteren Eintritt in das Berufsleben eine weitgehende Freisetzung der heutigen Jugendlichen von beruflichen und familiären Zwängen mit sich, die vielfach bis ins frühe Erwachsenenalter hinein reicht. Diese Wandlungsprozesse haben zur Herausbildung eigenständiger Jugendkulturen, zu einer stärkeren Betonung von Selbstverwirklichungs- im Verhältnis zu Pflicht- und Akzeptanzwerten sowie zu einer größeren Kritikbereitschaft gegenüber Staat und → Gesellschaft beigetragen.

2. Politisches Interesse



Abbildung 1: Entwicklung des politischen Interesses in den alten Bundesländern nach AltersgruppenAbbildung 1: Entwicklung des politischen Interesses in den alten Bundesländern nach Altersgruppen
% mit (sehr) starkem politischem Interesse (Werte 1 und 2 auf einer 5-stufigen Skala) (© Wahlstudie 1969; Political Action 1974; ZUMA Standarddemographie 1976-1979; ALLBUS 1980-2010)
Generell ist Politik ein für die Bürger peripherer Lebensbereich. Dies gilt besonders für junge Menschen, deren → politische Sozialisation noch nicht abgeschlossen ist. Von daher liegt das politische Interesse jüngerer Menschen in der Regel unter dem der Erwachsenen. Da der Grad des politischen Interesses jedoch neben dem Lebensalter in beträchtlichem Maß von ihrem Bildungsniveau abhängt, könnte man auf Grund der Bildungsexpansion der letzten Jahrzehnte eine Verringerung dieser Differenz erwarten.

Wie Abb. 1 zeigt, nahm das politische Interesse in der jüngeren Generation in den 1970er Jahren auch tatsächlich überproportional zu und überstieg in diesem Jahrzehnt durchweg das der Älteren. In den 1980er Jahren näherten sich beide Kurven weitgehend an. In den 1990er Jahren sank das politische Interesse in der jüngeren Generation dann jedoch überproportional ab und liegt seitdem weit unter dem der Über-30-jährigen.

Abbildung 2: Entwicklung des politischen Interesses in den alten Bundesländern nach Altersgruppen und Bildungsniveau % mit (sehr) starkem politischem Interesse (Werte 1 und 2 auf einer 5-stufigen Skala)Abbildung 2: Entwicklung des politischen Interesses in den alten Bundesländern nach Altersgruppen und Bildungsniveau
% mit (sehr) starkem politischem Interesse (Werte 1 und 2 auf einer 5-stufigen Skala) (© ALLBUS 1980-2008.)
Aus diesen Ergebnissen kann man drei Schlüsse ableiten. Einmal unterliegt das politische Interesse offensichtlich beträchtlichen Schwankungen über die Zeit, so dass Phasen politischer Mobilisierung und politischer Demobilisierung feststellbar sind (vgl. auch Schneekloth 2010: 130 ff.). Insofern können aus Zeitreihen, die nur eine kurze Zeitspanne umfassen, bestenfalls kurzfristige Trends abgeleitet werden. Zudem hat sich der Anstieg des Bildungsniveaus der jüngeren Generation nicht in einem entsprechenden Anstieg des politischen Interesses niedergeschlagen. Schließlich überstieg der Anteil derjenigen Befragten, die sich selbst auf einer 5-stufigen Skala ein großes politisches Interesse zuschrieben, im gesamten Beobachtungszeitraum, also seit 1969, weder bei den Jüngeren noch bei den Älteren den Wert von 40 %. Hieraus kann man auf die Existenz eines sog. ceiling effect schließen, d. h. das politische Interesse in der Bevölkerung lässt sich dauerhaft offensichtlich nicht über ein gewisses Niveau steigern.

Abb. 2 zeigt den Zusammenhang zwischen Bildungsniveau, politischem Interesse und Lebensalter. Hier liegen die beiden Kurven der Unter 30-jährigen mit hohem bzw. niedrigem bis mittlerem Bildungsniveau zu allen Zeitpunkten unter denen der älteren Befragten. Gleichzeitig bestätigt sich, dass der Effekt des Bildungsniveaus bei den Jüngeren über die Zeit schwächer geworden ist. Die Prozentsatzdifferenz zwischen den Befragten mit und ohne Abitur, die in den 1980er noch über 30 % betrug, hat sich inzwischen auf etwa 20 % reduziert, auch wenn das formale Bildungs-niveau nach wie vor die stärkste Determinante politischen Interesses bleibt. Darüber hinaus hat in der jungen Altersgruppe auch bei den übrigen Befragten das politische Interesse leicht abgenommen, so dass sich insgesamt die Schere zwischen jungen und älteren Befragten weiter geöffnet hat.

Neben dem Bildungsniveau variiert das politische Interesse auch noch systematisch nach Geschlecht, Region und Migrationsstatus. Trotz der Angleichung des Bildungsniveaus zwischen den Geschlechtern und der Abschleifung geschlechtsspezifischer Rollenorientierungen liegt das politische Interesse von Mädchen und jungen Frauen nach wie vor deutlich unter dem der jungen Männer. Der Vergleich zwischen den alten und den neuen → Bundesländern ergibt dagegen kein einheitliches Bild. Während in der Wendezeit das politische Interesse der ostdeutschen Jugendlichen deutlich über dem der westdeutschen lag, sank es danach deutlich ab und lag für längere Zeit etwas niedriger, hat sich inzwischen aber weitgehend angeglichen (Datenreport 2011: 372). Befragte mit Migrationshintergrund zeigen ebenfalls ein geringeres Interesse an politischen Fragen, auch wenn die Unterschiede in der zweiten Generation tendenziell rückläufig sind (Kroh 2006; Gaiser/de Rijke 2006: 264 ff.). Unter Berücksichtigung all dieser Faktoren lässt sich daher festhalten, dass soziales Kapital in Form von Bildung sowie Berufs- und Einkommenschancen einen positiven Effekt auf das politische Interesse ausübt.

3. Vertrauen in Institutionen und Demokratiezufriedenheit



Die Erosion der traditionellen soziopolitischen Milieus wie auch der → Wertewandel haben in den letzten Jahrzehnten zu einem Rückgang in der Bindekraft der etablierten politischen → Parteien und Mitgliederorganisationen (v. a. → Gewerkschaften, → Kirchen, Jugendverbände) geführt. Dies schlug sich in einer Abnahme des Vertrauens in politisch-gesellschaftliche Institutionen, insbesondere in die politischen Parteien nieder. Diese Abnahme war zunächst in der jüngeren Generation besonders ausgeprägt, hat jedoch nach und nach auch die Älteren erfasst. Diese Entwicklung ist jedoch seit Mitte der 1990er Jahre weitgehend zum Stillstand gekommen.

Sowohl die Demokratiezufriedenheit als auch das Vertrauen in die politischen → Parteien haben sich seitdem auf niedrigerem Niveau stabilisiert (Abold/Juhász 2006; Schneekloth 2010: 139 ff.).

Alle seit der deutschen Vereinigung durchgeführten Jugendstudien zeigen im Ost-West-Vergleich eine größere politische Unzufriedenheit der jungen Menschen in den neuen → Bundesländern. Die Bewertungen der politisch-gesellschaftlichen Realität in D fallen aber je nach Lebensbereich sehr unterschiedlich aus. Während nur geringe Ost-West-Unterschiede im Hinblick auf die Bewertung der persönlichen Lebenssituation existieren, sind die jungen Menschen in den neuen Bundesländern erheblich unzufriedener, was ihre soziale Sicherheit, ihre finanzielle Lage sowie ihre politischen Einflussmöglichkeiten angeht (Schneekloth 2010: 137).

Die eher geringe Zufriedenheit mit Parteien und → Demokratie impliziert allerdings nicht, dass die jungen Menschen die Demokratie als politisches Ordnungmodell gering schätzen. Diese wird von der großen Mehrheit der Jugendlichen in Ost und West positiv bewertet (vgl. Schneekloth 2010: 139).

4. Soziale und politische Partizipation



Das Niveau der → politischen Partizipation junger Menschen liegt in der Regel ebenso wie ihr politisches Interesse unter dem der Erwachsenenbevölkerung. Allerdings zeigt die Studentenbewegung der 1960er Jahre, die in allen westlichen Demokratien eine sprunghafte Zunahme der politischen Aktivität junger Menschen mit sich brachte, dass politische Jugendbewegungen einen beträchtlichen politischen Mobilisierungseffekt haben können. Diese Mobilisierungswelle wurde vielfach auf das durch die Bildungsexpansion gestiegene Bildungsniveau der jungen Generation zurückgeführt, das die "kognitive politische Mobilisierung" erhöht habe. Dementsprechend sprachen Sozialforscher von einer "partizipatorischen Revolution", die den demokratischen politischen Prozess in den westlichen Demokratien auf Dauer grundlegend verändern werde. Wie die weitere Entwicklung allerdings erweist, hielt diese politische Mobilisierungswelle lediglich bis in die 1980er Jahre hinein an. Seitdem haben nicht nur das politische Interesse, sondern auch die politische Teilnahmebereitschaft der jungen Generation deutlich nachgelassen.

 
Tabelle 1: Politische Partizipationsbereitschaft und tatsächliche politische Partizipation von 18- bis 32-Jährigen (in %)
 
Kommt in FrageBereits gemacht
Sich an Wahlen beteiligen93 %88 %
Beteiligung an einer Unterschriftensammlung88 %77 %
Teilnahme an einer genehmigten Demonstration65 %44 %
Sich an einer Online-Protestaktion beteiligen50 %25 %
In einer Partei aktiv mitarbeiten22 %4 %
Teilnahme an einer nicht genehmigten Demonstration19 %7 %
Quelle: AID:A – DJI-Survey 2009 (gewichtet); 18- bis 32-jährige Befragte, N=7.900.
Frage: "Wenn Sie politisch in einer Sache, die Ihnen wichtig ist, Einfluss nehmen, Ihren Standpunkt zur Geltung bringen wollen: Welche der Möglichkeiten käme für Sie in Frage und welche nicht?" Für alle genannten Bereitschaften erfolgte dann die Nachfrage: "Welche der genannten Möglichkeiten, haben Sie schon einmal gemacht bzw. waren Sie schon einmal beteiligt?". Dargestellt sind die Anteile von "Kommt in Frage" und "Bereits gemacht" an allen Befragten.

Dies bestätigen zunächst die Ergebnisse der repräsentativen Wahlstatistik, die eine überproportional sinkende Wahlbeteiligung der Jungwähler ausweisen. Die Differenz zwischen den Jungwählern (den 18- bzw. 21- bis 24-Jährigen) und der Gesamtwählerschaft hat in den letzten beiden Jahrzehnten zugenommen und beträgt bei Landtagswahlen inzwischen deutlich über 10 % (z. B. NRW 2010: 17,5 %, BW 2011: 12,4 %, HH 2011: 14,8 %, BE 2011: 16,0 %). Selbst bei der Bundestagswahl 2009 lag das Jungwählerdefizit bei 12,3 %.

Der überproportionale Rückgang in der Wahlbeteiligung der jüngeren Kohorten ist in erster Linie darauf zurückzuführen, dass die Wahlnorm bei ihnen schwächer ausgeprägt ist (Arzheimer 2006). Dadurch hängt die Entscheidung zur Wahlteilnahme in der jüngeren Generation stärker als früher von der Mobilisierungswirkung des jeweiligen → Wahlkampfs ab und die Fluktuationen von einer Wahl zur nächsten werden ausgeprägter. Unabhängig davon wird die Teilnahme an → Wahlen von mehr als neun Zehnteln der jungen Menschen aber als sinnvolles Mittel politischer Einflussnahme betrachtet (Gaiser/Gille 2011).

Empirisch gut belegt sind auch die beträchtlichen Probleme der politischen Parteien bei der Rekrutierung junger Mitglieder. Der Anteil der Unter 30-Jährigen betrug 2007 bei CDU, CSU, SPD und der Linken nur zwischen 5 und 6 % und lag selbst bei der FDP und den Grünen nur bei knapp über einem Zehntel, während der Anteil der Altersgruppe zwischen 15 und 30 Jahren an der Gesamtbevölkerung 17,4 % beträgt. Er war zudem – mit Ausnahme der Grünen (11,4 %) – weit niedriger als der Anteil der über 60-jährigen Parteimitglieder, der bei den übrigen Parteien zwischen 34,9 % bei der FDP und 54,0 % bei der Linken betrug (vgl. Niedermayer 2011: 18). Wie Tabelle 1 jedoch ausweist, ist die prinzipielle Bereitschaft, in einer Partei mitzuarbeiten, deutlich höher als die tatsächliche Teilnahme: Zudem ist sie seit Beginn der 1990er Jahre auch relativ konstant geblieben.

Ebenso leiden auch Gewerkschaften und Jugendverbände unter Nachwuchsmangel. Diese rückläufige Entwicklung der Mitgliederzahlen ist allerdings nur bedingt als Indikator für einen generellen Rückgang in der Bereitschaft der Jüngeren zum gesellschaftlichen Engagement geeignet. Sie ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass sich seit den 1970er Jahren im Umfeld der → Neuen Sozialen Bewegungen zahlreiche neue Organisationen gebildet haben, die mit den etablierten Organisationen um Mitglieder konkurrieren. Zudem haben organisatorisch nicht verfasste politische Aktivitäten zugenommen. Darüber hinaus belegen die neueren Jugendstudien eine hohe Bereitschaft der heutigen Jugendlichen zum sozialen Engagement (Gille/de Rijke/Gaiser 2011; Schneekloth 2010: 152 ff.). Selbst wenn viele der dort berücksichtigten gemeinnützigen Aktivitäten (z. B. zu Gunsten besserer Freizeitmöglichkeiten Jugendlicher) nicht umstandslos als im engeren Sinne politisch relevant verstanden werden können, wäre es angesichts dieser Ergebnisse unangemessen, die rückläufige Organisationsbereitschaft der heutigen jungen Generation mit mangelndem sozialen Verantwortungsbewusstsein gleichzusetzen.

Die Veränderungen im politischen Partizipationsverhalten deuten darauf hin, dass Wertewandel und "partizpatorische Revolution" dauerhafte Spuren im politischen Verhalten der seit den 1970er Jahren nachgewachsenen Kohorten hinterlassen haben. Während die Mitarbeit in formalen Organisationen stark rückläufig ist, haben die Bereitschaft zur ad-hoc Mitarbeit in informellen Gruppen und zur Teilnahme an (politischen) Protestaktionen in allen entwickelten Demokratien deutlich zugenommen (Dalton 2006: 68; Schneekloth 2010: 146 ff.). Solche Aktionsformen werden heute bis weit in die mittlere Generation hinein als Teil des normalen politischen Verhaltensrepertoires betrachtet (vgl. Tabelle 1). Zwar billigt nur eine kleine Minderheit illegale Aktionen und politische Gewalt, die Bereitschaft zum politischen Protest bis hin zu zivilem Ungehorsam ist aber beträchtlich und wird von der heutigen jungen Generation ohne zu Zögern in Anspruch genommen.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Ursula Hoffmann-Lange/Martina Gille




 

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