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Selbstständigenverbände

1. Abgrenzung



Selbständigenverbände (S.) ist eine Sammelkategorie für die Organisationsdomänen der Handwerker, Einzelhändler, der Bauern sowie der freien Berufe, wie der Ärzte, Rechtsanwälte, Architekten. Laut Sozialstatistik beläuft sich die Zahl der Selbständigen in D gegenwärtig auf über 4,4 Mio. (2010), das entspricht einem Anteil von rund 11 % der Erwerbstätigen. Verbandliche Abgrenzungsprobleme bestehen insbesondere gegenüber den Unternehmerverbänden (U.). Eine in sich widerspruchsfreie Trennlinie zwischen diesen beiden Verbändetypen besteht nicht: Weder die Gegenüberstellung von personaler Mitgliedschaft in den S. und Betriebsmitgliedschaft in den U. ist immer zutreffend wie der Verband "Die Familienunternehmer" (ASU) (ehemals Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer) zeigt, welche zu den Unternehmerverbänden zählt, jedoch auch die personale Mitgliedschaft kennt. Aber auch die Gegenüberstellung von kleinem Betrieb, im S. organisiert, und größerem Betrieb im U., ist ungenau. Im Bereich der S. sind durchaus betriebliche Einheiten zu finden, die im Einzelfall deutlich größer sind als vergleichbare Einheiten in den U.

Innerhalb der Selbständigenverbände bestehen Überschneidungen zwischen einzelnen Berufsgruppen. Da im Bereich der freien Berufe auch sozialversicherungspflichtige Selbständige und Selbständige anzutreffen sind, die unter die Kategorie der "Scheinselbständigen" fallen, kann sogar gegenüber manchen Arbeitnehmerorganisationen ein Abgrenzungsproblem bestehen. Im Unterschied zu den U. ist der Gegensatz zwischen großen und kleinen Firmen meist schwächer ausgeprägt. Die Adressaten der S. sind das → politische System, die Wirtschaft selbst (insbesondere die Kammern), die → Gewerkschaften und die Gesellschaft. Unterscheiden kann man S., die direkt als Pressure-Group, Beratungs- und Serviceverband auftreten und solche die sich auch um die Pflege der Beruflichkeit kümmern. Zentrale Strukturelemente der S. werden anhand des Zentralverbandes des deutschen Handwerks (ZDH), des Handelsverbandes Deutschland (HDE) und des Bundesverbandes der Freien Berufe (BFB) dargestellt. Die besonders gut organisierten Interessengruppen der Ärzte und der Bauern werden nicht weiter berücksichtigt.

2. Handwerk



Der größte S. ist der ZDH. Die Zahl der Handwerksbetriebe wird gegenwärtig auf 975.316 (2009) mit über 4,7 Mio. Beschäftigten geschätzt. Im Unterschied zur Industrie sind unter dem Dach des ZDH Wirtschaftsverband, Arbeitgeberverband und Kammern zusammengefasst. Laut Bundeshandwerksordnung baut die Handwerksorganisation auf einer fachlichen und einer überfachlichen Ebene auf. Der fachliche Zweig läuft von den Innungen über Landes- und Bundesinnungsverbände zum "Unternehmerverband Deutsches Handwerk" (UDH); der überfachliche von den Innungen über Kreishandwerkerschaften und Handwerkskammern zum "Deutschen Handwerkskammertag" (DHKT). Bis 1966 war das Verhältnis zwischen dem UDH und dem DHKT, die als eigenständige Dachverbände neben dem ZDH agierten, ungeklärt. Erst mit der Organisationsreform von 1966 wurde festgelegt, dass der Präsident des ZDH zugleich die Leitung der beiden anderen Verbände übernimmt und für alle drei Verbände wurde eine gemeinsame Geschäftsstelle eingerichtet.

Im ZDH, Sitz im Berliner Haus des Deutschen Handwerks, sind die 53 Handwerkskammern, 36 Zentralfachverbände des Handwerks sowie bedeutende wirtschaftliche und sonstige Einrichtungen des Handwerks zusammengeschlossen. Während die Mitgliedschaft in den Innungen freiwillig ist, besteht bei den Kammern eine obligatorische Mitgliedschaft. Daraus resultiert auch, dass es vor allem die Kammern sind, die den ZDH finanzieren. In Brüssel unterhält der ZDH ein eigenes Büro. Darüber hinaus ist er Mitglied der Europäischen Union des Handwerks und der Klein- und Mittelbetriebe (UEAPME).

Die überfachlichen Kammern fördern die Interessen des Handwerks und sorgen für einen Interessenausgleich zwischen den einzelnen Handwerken und ihren Organisationen. Ihnen obliegt zudem die Rechtsaufsicht über die Handwerksinnungen und die Kreishandwerkerschaften. Als Körperschaft des öffentlichen Rechts führen Handwerkskammern die Handwerksrolle, in der sich selbständige Handwerksmeister registrieren lassen müssen. Sie regeln die Berufsausbildung und sind in ihrem Kammerbezirk für das fachliche Prüfungswesen verantwortlich. Die 36 Fachverbände des Handwerks sind die fachlichen Dachorganisationen der Innungen. Sie vertreten die spezifischen Interessen eines Handwerkszweigs und informieren über Produkte und Dienstleistungen der einzelnen Branchen. Fach- und Bundesinnungsverbände haben die Funktion von Arbeitgeberorganisationen und führen Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften.

Der ZDH dient der einheitlichen Willensbildung in allen grundsätzlichen Fragen der Handwerkspolitik. Gegenüber dem politischen System vertritt der Verband die Gesamtinteressen des Handwerks. Mit der 1953 eingeführten einheitlichen Handwerksordnung besteht seither ein stabiler gesetzlicher Rahmen. Im historischen Vergleich spricht einiges dafür, dass der Einfluss der Handwerksverbände zurückgegangen ist: Während die Handwerksorganisationen nach innen noch immer relativ starke regulative Funktionen wahrnehmen können, ist ihr gesamtwirtschaftlicher Einfluss im Vergleich mit anderen Verbänden zurückgegangen. Ein Merkmal der Handwerksverbände im Vergleich zu anderen S. ist die hohe Bedeutung von Selbstregulierung und Bewahrung berufsständischer Traditionen.

3. Bundesverband der freien Berufe



Der 1949 gegründete BFB geht auf eine Initiative der westdeutschen Ärztekammern zurück, die bis auf den heutigen Tag einen maßgeblichen Einfluss auf dessen Verbandspolitik haben. Der wirtschaftliche Hintergrund der freien Berufe: Etwa jeder vierte Selbständige in D ist mittlerweile als Freiberufler tätig. In 2010 gab es rund 1.114.000 Freiberufler. Zwischen 1978 und 2010 ist ihr Anteil an allen Selbständigen von 12,8 % auf über 25 % gestiegen. Die ca. 1.114.000 selbständigen Freiberufler beschäftigen über 3 Mio. Arbeitnehmer, davon rund 125.000 Auszubildende.

Der BFB ist ein Dachverband, der in Landesverbände und Berufgruppen gegliedert ist. Dazu gehören: Den nach wie vor größten Bereich besetzen zu ca. 30 % die Vertreter der Heilberufe – also Ärzte, Zahnmediziner, Tierärzte, Apotheker und Therapeuten aller Art (335.000 Mitglieder) (2010). Die zweitgrößte Gruppe mit 303.000 Mitgliedern bilden die rechts-, wirtschafts- und steuerberatenden Berufe. Im Bereich der technischen Freien Berufe sind die Architekten und Ingenieure unter den 199.000 Mitgliedern am stärksten vertreten. Die vierte Gruppe schließlich stellen die rund 277.000 Angehörigen der Freien Kulturberufe. Inhaltlich werden Serviceleistungen im Bereich des Steuer- und Berufsrechts, der Sozialpolitik und in Ausbildungsfragen angeboten. Mit Bezug auf ihre Rolle als Träger des dualen Ausbildungssystems ist es dem BFB auch gelungen, eine Mitwirkung in der Selbstverwaltung der Bundesagentur für Arbeit zu erreichen. Auf der arbeitsmarktpolitischen Ebene engagierte sich der Verband für die Minijobs und gegen das Gesetz zur Scheinselbständigkeit. Der Verband lässt sich als Service- und Öffentlichkeitsakteur sowie als institutionalisierter Gesprächskreis der freien Berufe charakterisieren. Besonders deutlich sind inhaltliche Übereinstimmungen mit den ärztlichen Standesorganisationen, die den Verband nach wie vor maßgeblich prägen.

4. Handelsverband Deutschlands



Der dominante Verband des Einzelhandels ist der Handelsverband Deutschland (HDE) (ehemals Hauptverband des Deutschen Einzelhandels), dessen Wurzeln in die Weimarer Republik zurückreichen und der heute ein Verband der Verbände ist. Zugleich ist er ein integrierter Arbeitgeber- und Wirtschaftsverband. Die Spitzenorganisation des deutschen Einzelhandels ist zuständig für eine Branche mit rund 400.000 Betriebsstätten, von denen etwa 100.000 verbandlich organisiert sind. Der Einzelhandel ist nach Industrie und Handwerk mit insgesamt 2,9 Mio. Beschäftigten der drittgrößte Wirtschaftszweig in D. Die Differenzen zwischen großen und kleinen Unternehmen spielen im HDE eine wesentlich größere Rolle als in den anderen S. Während die großen Betriebe nahezu alle organisiert sind, nimmt der Organisationsgrad mit der Betriebsgröße drastisch ab.

Der HDE (Sitz in BE) vertritt die Interessen des gesamten Einzelhandels gegenüber dem politischen System, den Gewerkschaften, anderen Wirtschaftsbereichen und der Öffentlichkeit. Als Mitglieder hat der HDE: 11 Landesverbände, 34 Regionalverbände, 22 Bundesfachverbände, rund 100 Landesfachverbände und Fachgemeinschaften. Zudem stehen den Firmen die Zentralstelle für Berufsbildung im Handel, 8 Fachschulen und 27 Bildungszentren des deutschen Einzelhandels, 15 Versorgungswerke, 6 Fachbereiche, 20 Ausschüsse und Arbeitskreise sowie Versicherungsvereine, Erfahrungsaustauschgruppen und Werbegemeinschaften zur Verfügung.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Wolfgang Schroeder




 

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