Iran

I., Staat in Westasien mit einer Ausdehnung von 1648 000 qkm und einer Einwohnerzahl von über 68 Mio. (2005). Das Bevölkerungswachstum, 1990 noch bei 3,6%, beträgt inzwischen nur noch ca. 2,1%. Die Alphabetisierungsrate der über 15 jährigen liegt bei 72%. Die Hauptstadt und zugleich größte Stadt ist Teheran (1994: 11 Mio. Einwohner). Weitere große Städte mit über einer Mio. Einwohnern sind Maschhad, Täbris, Isfahan und Schiras. I. war 1991 in 26 Provinzen und 299 Departements gegliedert, wobei sich diese Einteilung abhängig von der Bevölkerungsdichte und der Gründung neuer Dörfer immer wieder ändert. Im regenreicheren Norden und Nordwesten des Landes konzentrieren sich 80% der Bevölkerung. Klima, Vegetation und Ausdehnung des Landes werden bestimmt von drei Landschaftstypen: den Plateau- und Beckenlandschaften Zentralirans, den Gebirgszügen des Elburs im Norden und des Zagros im Westen und Südwesten sowie den Küstensäumen am Kaspischen Meer und am Persischen Golf. Abgeleitet von der griechisch-römischen Bezeichnung „Persae“ wurde „Persien“ wahrscheinlich erst im europäischen Mittelalter als Bezeichnung für die iran. Hochebene gebräuchlich. Auch heute noch heißt die Region im Südwesten des Landes Fârs (ursprünglich. pârs). Das aus dem Mittelpersischen stammende „Îrân“ geht auf die ältere Form „Ariana“ zurück. 1935 wurde „I.“ zum offiziellen Namen des Landes. Als polit. und kulturelle Einheit wurde I. in vorislam. Zeit zuerst unter den Sasaniden (bis 642), in islam. Zeit erst wieder unter den Mongolen (1256–1353) definiert. Die »afawiden (1502–1722) sorgten für die mehrheitliche Bekehrung der Bevölkerung ihres Reiches zur Zwölferschia. Während es den Qâjâren (1794–1925) nicht gelang, eine wirkungsvolle Zentralmacht in I. durchzusetzen, war die nachfolgende Pahlavi-Dynastie darin erfolgreicher. Diese letzte Monarchie wurde 1979 nach der Revolution von der Islam. Republik I. abgelöst. Im Jahre 1906 hatte I. nach der Verfassungsrevolution seine erste Verfassung erhalten und war somit zu einer Konstitutionellen Monarchie geworden. Nach der Revolution von 1979 gab sich die Islam. Republik eine Verfassung, die zehn Jahre später ergänzt wurde. Das Parlament, das alle vier Jahre gewählt wird, hat 290 Sitze. Außerdem gibt es einen zwölfköpfigen Wächterrat, der für die Überprüfung der Konformität von Gesetzen mit dem in der Verfassung verankerten islam. Recht zuständig ist. Das allgemeine Wahlrecht gilt für iran. Staatsbürger ab 16 Jahre. Die Grundlage der Verfassung ist die Idee, daß die Souveränität Gott allein gebührt. Während der Verborgenheit des 12. Imâms (Schiiten) liegt die Regierungsgewalt in den Händen des dazu befähigten Experten (faqîh). Für dieses Amt wurde in Art. 107 Khomeini genannt. Nach seinem Tode 1988 trat Ayatollah Alî Khamenei seine Nachfolge an. Der „Revolutionsführer“, das Staatsoberhaupt der Islam. Republik, wird durch einen von 86 Geistlichen besetzten „Expertenrat“ gewählt. Am 23. 5. 1997 gewann überraschend der Außenseiter Hojjatoleslam Sayyid Mohammad Khatami die fünften Präsidentschaftswahlen. Die in ihn und seine moderate Politik v. a. von Frauen und jungen Leuten gesetzten Hoffnungen drückten sich auch in den Ergebnissen der sechsten Parlamentswahl der Islam. Republik im Februar 2000 aus. Bei einer Wahlbeteiligung von 80% wurde diese Wahl zu einem Erdrutschsieg für diejenigen Kandidaten, die den reformorientierten Präsidenten Khatami unterstützten. Mehr als 70% der 290 Parlamentssitze gingen an die 18 moderaten Fraktionen. Je einen Sitz erhielten die religiösen Minderheiten der Juden und Zoroastrier. Den vier christlichen Gruppen des Landes stand ebenfalls je ein Parlamentssitz zu. Aus den folgenden Wahlen gingen die Reformkräfte als Verlierer hervor, und Mahmud Ahmadinejad wurde im Juni 2005 Präsident. Seit seinem Amtsantritt hat er durch die Forcierung des iranischen Atomprogramms gegen internationalen Druck, durch die Leugnung des Holocaust und durch seine israelfeindlichen Äußerungen im Ausland die Sorge hervorgerufen, I. strebe nach einer Großmachtstellung am Golf und entwickle sich zu einer atomaren Bedrohung für den Staat Israel. Innenpolitisch kehrte I. zu den moralischen und ideologischen Vorstellungen der Frühzeit der Islamischen Republik zurück. Das zeigt sich u. a. an einem dirigist. Regierungsstil und an verstärkten Repressionen gegen Kritiker, Sufis (Mystik) und angebliche Spione. Mit einer Endzeiterwartung, die bei einem Teil der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden fällt, soll I. auf die Wiederkehr des Mahdî vorbereitet werden. In Zusammenhang mit dem Atomstreit wird von manchen Beobachtern befürchtet, Ahmadinejad und seine Anhänger bereiteten die Wiederkunft des Mahdî vor, indem sie die apokalyptische Endzeit selbst herbeiführten. Die sprachlich und kulturell vorherrschende Gruppe der persischsprachigen Iraner (Perser) macht ca. die Hälfte der Bevölkerung des Landes aus, die andere Hälfte setzt sich hingegen aus Angehörigen nicht-persischer Bevölkerungsgruppen zusammen. Zur offiziellen Staatsreligion, der Zwölferschia, bekennen sich 95% der Iraner, ca. 4% sind Sunniten. Die Einteilung iran. Minderheiten nach religiösen und sprachlichen Kriterien ist schwierig, da es immer wieder zu Überschneidungen kommt. Zu den sog. ethnischen Minderheiten, also denjenigen Gruppen, die sich aufgrund verschiedener Zugehörigkeitsdefinitionen bestimmen, gehören Azerbaidschaner, Kurden, Araber, Belutschen, Luren, Turkmenen, Kaschgai und Bakhtijaren. Während sich die Azerbaidschaner, Araber, Kaschgai, Luren und Bakhtijaren mehrheitlich zur Schia bekennen, sind die Kurden, Belutschen und Turkmenen überwiegend sunnit. Konfession. Einige dieser Minderheiten, die v. a. an den Außengrenzen I. leben, sind in Stammesverbänden organisiert (Araber, Kurden, Turkmenen, Belutschen). Für andere, wie v. a. die Azerbaidschaner, gilt das nicht; sie leben in engem Kontakt zu den ebenfalls auf der iran. Hochebene siedelnden Persern. Zu den nichtmuslim. religiösen Minderheiten gehören die Bahâ’îs (ca. 300 000), die armen. Christen (ca. 200 000), die assyr. Christen (ca. 130 000), Juden (ca. 30 000), Zoroastrier (ca. 30 000) und Mandäer (ca. 10 000). Während Bahâ’îs, Juden und Zoroastrier Persisch sprechen, pflegen Armenier das Armenische und die assyr. Christen eine neuostaramäische Sprache. Außer den Bahâ’îs und den Mandäern werden alle nichtmuslim. Minderheiten anerkannt und sind im Parlament vertreten. I. verfügt über einen großen Vorrat natürlicher Ressourcen, zu denen v. a. Erdöl, Gas, Kohle, Chrom und Kupfer gehören. Zu den wichtigsten Exportgütern zählen, abgesehen vom Erdöl und seinen Produkten (93%), Teppiche, Frisch- und Trockenobst, Nüsse, Leder, Eisen und Stahl. Bis vor kurzem waren außer Japan und der Türkei v. a. Staaten der EU, darunter auch Deutschland, wichtigste Handelspartner I. s. Infolge verstärkter Sanktionen im Zusammenhang mit dem Atomstreit sucht I. seine Wirtschaftspartner vor allem in China, Rußland und einigen südamerikan. Ländern. Die Bilanz der Wirtschaftspolitik unter Präsident Ahmadinejad ist negativ: Eine Inflationsrate von 15% (in 2007) löste einen starken Preisanstieg u. a. für Lebensmittel aus. Benzin, das importiert (bis zu 40% des täglichen Bedarfs) und subventioniert wird, mußte inzwischen rationiert werden, was wiederum zur Entwicklung eines illegalen Marktes führte. Zudem konzentriert sich die Wirtschaft zunehmend auf den staatlichen Sektor, während eine Stärkung der Privatwirtschaft fehlt.

Literatur:
Ehlers, E.: Iran. Grundzüge einer geograph. Landeskunde, 1980. – Gronke, M.: Geschichte Irans von der Islamisierung bis zur Gegenwart, 2003. – Halm, H.: Der schiit. Islam. Von der Religion zur Revolution, 1994. – Kermani, N.: Iran. Die Revolution der Kinder, [2]2005. – Kursawe, J.: Halbzeitbilanz. Innere Entwicklungen in Iran unter Ahmadinejad, in: Giga Focus 7 (2007), 1–8.

Autor/Autorinnen:
Anja Pistor-Hatam, Prof. Dr., Universität Kiel, Islamwissen¬schaft


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

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