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Medizin

beruht in der islam. Welt auf drei unterschiedlichen Traditionssträngen, die jeweils eigene Legitimationsgrundlagen haben. Die Volksmedizin verwendet teils bis ins Altertum zurück verfolgbare Behandlungsmethoden wie Schröpfen, Aderlass und Kaute­risierung, als Arzneien kommen allerlei Drogen in der Form von Salben und Elixieren zum Einsatz. Eine wichtige Ursache für Krankheiten wurde in den Aktivitäten der Dschinn gesehen, dagegen boten Amulette, bestimmte Steine und auch Zaubersprüche Schutz. Die zweite große Tradition stammt aus der griechischen Vorstellung von der Balance der Körpersäfte. Die Werke von Galen von Pergamon wurden im 9. Jh. zuverlässig ins Arabische übersetzt, was auch eigenständige arab. medizin. Forschungen auslöste. Avicenna (Ibn Sīnā, gest. 1037) fasste in seinem grundlegenden Werk al-­Qānūn fī aṭ-­ṭibb («Der Kanon der M.») das auf Galen basierende medizin. Wissen zusammen. Dessen latein. Übersetzung war maßgeblich für die Rezeption Galens in der mittelalterlichen westeuropäischen M. Galenische M., die v. a. in der urbanen Kultur der muslim. Welt tradiert wurde, wird in Indien und Pakistan bis heute gelehrt. Die dritte Tradition ist die sog. M. des Propheten. Analog zu Moral und Rechtsprechungen basiert diese auf koran. Aussagen (z. B. über die Heilkraft des Honigs) und Prophetentraditionen (Hadith). Die größte Traditionssammlung auf diesem Gebiet wurde von Ibn Abī Shaiba (gest. 848) zusammengestellt. Einflussreich bis heute ist die Kompilation ṭibb an-­nabī («Die M. des Propheten») des syrischen Rechtsgelehrten Ibn Qayyim al-­Jauzīya (gest. 1350). Westliche M. verbreitete sich seit dem 19. Jh. Im frühen 20. Jh. wurden medizin. Einrichtungen wie auch die Ausbildung von Ärzten an den Hochschulen meist unter der Ägide staatlicher Organe institutionalisiert. Auch wenn sich in jüngster Zeit die Prophetenmedizin größerer Beliebtheit erfreut – die in den 1970 er Jahren in Kuwait gegründete Islamic Medical Organization propagiert eine M. auf religiöser Grundlage und versucht, ihr einen islam. Moralkodex zugrunde zu legen –, werden westliche oder traditionelle Formen der M. nicht verdrängt. Es ist eher von einem pluralen Verständnis von M. auszugehen, das je nach Bedürfnissen, Finanz- und Glaubenslage des Patienten wie auch Ausbildung des Therapeuten vom Schreiben von Amuletten bis hin zur westlichen «Apparatemedizin» reichen kann. Die oft lückenhafte medizin. Versorgung insbesondere in den ärmeren muslim. Ländern lud gegen Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jh. christliche, heute verstärkt muslim. religiöse Aktivisten dazu ein, neben der Bereitstellung erschwinglicher medizin. Versorgung ihre jeweiligen Ideologien zu verbreiten.

Literatur:
Brandenburg, D.: Die Ärzte des Propheten. Islam und Medizin, 1992. – ­Rosenthal, F.: Science and Medicine in Islam, 1990. – Sinclair, M. J.: A History of ­Islamic Medicine, 1978.

Autor/Autorinnen:
Christian Szyska, M. A., Bonn, Orientalistik


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.



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