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Die Islamophobie und was sie vom Antisemitismus unterscheidet

Anmerkungen zu einem Vergleich


8.3.2010
Kann man "Islamophobie" und Antisemitismus vergleichen? Darum kreiste 2010 eine teilweise hitzig geführte Debatte. Jochen Müller erklärt einführend die Hintergründe und zeigt, wie sich Islamfeindschaft und Antisemitismus unterscheiden.

Demonstration in London gegen die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen.Demonstration in London gegen die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen. (© AP)
Kein Zweifel besteht daran, dass es in Deutschland Stereotypen, Vorurteile und Ressentiments bishin zu Feindseligkeit gegenüber dem Islam und gegenüber Muslimen gibt. Das zeigen eine Vielzahl von Untersuchungen und Umfragen.[1] Offen artikulierter Hass auf den Islam und auf Muslime kommt darüber hinaus in einer Vielzahl explizit anti-islamischer Websites und Foren im Internet zum Ausdruck. Hier wird in deutlich rassistischer Manier gegen Muslime gepöbelt und gehetzt.[2]

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass neue Begrifflichkeiten zur Beschreibung dieses Phänomens Eingang in den Sprachgebrauch finden: War früher noch vom anti-islamischen Rassismus oder vom "Feindbild Islam" die Rede, so ist mittlerweile die Bezeichung "Islamophobie" an ihre Stelle getreten. Insbesondere bei muslimischen Organisationen hat sich dieser Begriff durchgesetzt. Neben der quantitativen Zunahme von Diskriminierungen trägt er auch deren inhaltlicher Verschiebung Rechnung: "Islamophobie" beschreibt weniger die Verletzung individueller Menschenrechte von Muslimen aufgrund typischer rassistischer Zuschreibungen, sondern bezeichnet Angst (Phobie) und daraus resultierende Feindschaft gegenüber dem Islam als Religion und den Muslimen als deren Repräsentanten. Vor diesem Hintergrund kann "Islamophobie" als eine Spielart von insgesamt neuartigen, weil kulturalistisch begründeten Rassismen gelten, die in den 80er und 90er Jahren den biologistischen Rassismus abgelöst haben.

Die Geschichte der "Islamophobie"



Dennoch sind zum Begriff der "Islamophobie" Fragezeichen angebracht. Weniger zu seinem Inhalt – der Begriff beschreibt durchaus treffend neuere Entwicklungen bei der Konstitution eines spezifischen Feindbilds. Problematisch ist jedoch zum einen die Funktion des Begriffs "Islamophobie" in aktuellen politischen Diskursen; und zum anderen – vielfach auch im Zusammenhang dieser politischen Auseinandersetzungen – der Vergleich von Islamophobie und Antisemitismus.

Nicht selten soll die Verwendung des Begriffs "Islamophobie" in politischen Debatten um den Islam dazu dienen, Kritik am Islam oder dem Verhalten von Muslimen abzuwehren. So stand Mitte der 90er Jahre die Absicht britischer muslimischer Verbände am Anfang der Verbreitung des Begriffs, missliebige Positionen als islamfeindlich oder als Verletzung religiöser Gefühle der Muslime abzuwehren. Dies betraf auch kritische muslimische Stimmen wie Salman Rushdie oder die Autorin Irshad Manji, die wegen ihrer Publikationen unter anderem vom britischen IHCR (Islamic Human Rights Commission) verurteilt wurde. In der Folgezeit wurde der Begriff von Sozialwissenschaftlern, anti-rassistischen NGOs und dem Runnymede Trust übernommen, einem renommierten britischen ThinkTank. Dessen Definition des Begriffs "Islamophobie" ging 1997 in den vom damaligen britischen Innenminister Jack Straw vorgestellten Bericht: "Islamophobia: a challenge for us all" ein und wurde vom European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia (EUMC) übernommen.[3]

Dabei ermöglicht es die sehr weit gefasste Defintion von "Islamophobie" durch den Runnymede Trust, religionskritische Fragen und Positionen zum Islam zu diskreditieren – gilt es doch per definitionem bereits als "islamophob", wenn "der Islam als monolithisch, statisch und ablehnend gegenüber Veränderung" dargestellt wird. Sicher ist dies eine unzutreffende und voruteilsbehaftete Wahrnehmung "des Islam". Dennoch wären entsprechende Äußerungen für sich genommen nicht als "islamophob" zu werten – nicht zuletzt, weil ein solches Islamverständnis demjenigen vieler islamistischer Organisationen sehr nahe kommt. Diese wären demnach vor allen anderen als "islamophob" einzustufen. Auch die Beschreibung der Islamophobie auf der britischen Website Islamophobia-Watch, die Fälle von Islamfeindschaft und Rassismus in den Medien aufgreift als "rassistisches Instrument des imperialistischen Westens", deutet auf den politischen Gehalt des Begriffs.[4]

Vor diesem Hintergrund kritisieren etwa der britische Forscher Kenan Malik sowie ein Manifest von Autoren, das unter anderem von Taslima Nasreen und Salman Rushdie unterzeichnet wurde, den Begriff: Malik bemängelt, dass nicht zwischen Islam-Kritik und Rassismus unterschieden und damit der Rassismus überbetont werde, der sich spezifisch gegen Muslime richte. Und im "Manifest der 12" gegen den Islamismus heißt es: "We refuse to renounce our critical spirit out of fear of being accused of 'Islamophobia', a wretched concept that confuses criticism of Islam as a religion and stigmatisation of those who believe in it."[5] Grundsätzlich verweisen diese kritischen Stimmen auf die Gefahr, dass im Diskurs über die Islamophobie nicht zwischen legitimer Kritik (auch Religionskritik) und rassistischem Ressentiment unterschieden wird.

Der Vergleich mit dem Antisemitismus



Diese kurz skizzierte Begriffsgeschichte der "Islamophobie" stellt nicht die Verbreitung von Ressentiments gegenüber Muslimen sowie die Existenz von Islamfeindschaft bzw. "Islamophobie" in Abrede. Sie weist aber darauf hin, dass die Verwendung des Begriffs immer auch politische Funktionen erfüllt hat. Dies gilt insbesondere, wenn Islamophobie und Antisemitismus in einem Atemzug genannt werden.[6]

In Deutschland sind es dabei meist islamistische Organisationen und Websites aus dem Spektrum des sehr rigiden und sich eng am Wortlaut der religiösen Quellen orientierenden salafitischen Islam[7], die den Antisemitismus heranziehen, um auf "Islamophobie" hinzuweisen: Ganz gezielt betreiben diese – etwa im Zusammenhang mit dem islamfeindlich motivierten Mord an Marwa El-Sherbini im Sommer 2009 in Dresden – über den Vergleich mit dem Antisemitismus eine Dramatisierung der Bedrohung von deutschen Muslimen. Auf den Internetseiten im Umfeld des vor allem bei sehr religiösen jungen Muslimen und Konvertiten populären Predigers Pierre Vogel (z.B. muslimegegenrechts.de) wird dazu vor einem "Holocaust gegen Muslime" gewarnt. Schließlich gleiche die heutige Hetze gegen Muslime jenen "Propagandamethoden von Adolf Hitler", die die Menschen bereit für den Massenmord gemacht hätten. Gegen die Islamophobie, so die Propaganda der Salafiten, müssten sich die Muslime um den "wahren Islam" zusammenschließen. Hier dient der Vergleich von "Islamophobie" und Antisemitismus ganz offensichtlich dem Ziel, unter jungen Muslimen Anhänger für den salafitischen Islam zu werben.

Nun verbietet sich wegen dieser instrumentellen Begriffsverwendung nicht gleich jeglicher Vergleich von Antisemitismus und Islamfeindschaft, wie ich die "Islamophobie" im Folgenden bezeichnen möchte.[8] Vielmehr haben nicht nur offizielle muslimische Organisationen wie der ZMD (Zentralrat der Muslime in Deutschland), sondern auch der Zentralrat der Juden in Deutschland einen Vergleich der Ursachen und Erscheinungsformen aktueller Islamfeindschaft in Deutschland mit antisemitischen Vorurteilen nahe gelegt. Wissenschaftlich gestützt wurde dies vom Zentrum für Anitsemitismusforschung (ZfA) der TU-Berlin, in dessen Jahrbuch 2008 erstmals mehrere Autoren auf die Ähnlichkeit der Vorurteilstrukturen von Islamfeindschaft und Antisemitismus verwiesen. So heißt es im Vorwort des Jahrbuchs: "Mit Stereotypen und Konstrukten, die als Instrumentarium des Antisemitismus geläufig sind, wird Stimmung gegen Muslime erzeugt." Aufgabe einer Antisemitismusforschung, "die sich als Vorurteilsforschung begreift" sei es daher, auch den "Hass gegen Muslime" in den Blick zu nehmen, "der sich der gleichen Methoden bedient, die vom christlichen Antijudaismus wie vom rassistischen Antisemitismus entwickelt wurden". [9]

Mehrere Beiträge im Jahrbuch des ZfA beschäftigten sich vor diesem Hintergrund mit Erscheinungsformen aktueller Islamfeindschaft - etwa anhand des Internetportals "Politically Incorrect" - und weisen darauf hin, wie sich einzelne antimuslimische und antisemitische Vorurteile ähneln. So benennt Peter Widmann vier charakteristische Elemente im anti-islamischen Denken des renommierten Autors Hans-Peter Raddatz, die teils deutliche Nähe zum Antisemitismus aufweisen: "Die antimoderne Klage über die verlorene Identität, das Denken in absoluten Feindschaften, der Verschwörungsglaube und eine Neuverteilung historischer Täter- und Opferrollen."[10]

Auch in einem weiteren Band, der die Konferenz des ZfA "Feindbild Jude – Feindbild Muslim" dokumentiert, benennt Wolfgang Benz Parallelen zwischen antisemitischer und islamfeindlicher Stereotypenbildung. Er kommt darin zu dem Schluss: "Die Wut der Muslimfeinde ist dem Zorn der Antisemiten gegen die Juden ähnlich; die Verabredung einer Mehrheit gegen das eine oder andere Kollektiv der Minderheit, das als solches ausgegrenzt wird, ist gefährlich, wie das Paradigma der Judenfeindschaft durch seine Umsetzung im Völkermord lehrt."[11]


Fußnoten

1.
So erklärten in einer Studie des Bielefelder Konfliktforschers Wilhelm Heitmeyer fast 40% der Befragten, sich "durch die vielen Muslime wie Fremde im eigenen Land" zu fühlen. Weit über 60% der Befragten halten die "muslimische Kultur" und deren Werte für unvereinbar mit der eigenen (Heitmeyer, Deutsche Zustände 2007). Weiteren repräsentativen Umfragen der Forschungsgruppe Heitmeyer über "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" zufolge vertreten etwa 27% der Befragten "konsistent islamophobe Positionen"(Leibold/Kühnel, Islamophobie. Differenzierung tut Not, in: W. Heitmeyer (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 4, Frankfurt 2005, S. 135-155. S. u.a. auch: Heiner Bielefeld, Das Islambild in Deutschland – Zum öffentlichen Umgang mit der Angst vor dem Islam, Berlin 2007.
2.
Die bekanntesten dieser Websites dürften "Die Grüne Pest", "Akte Islam" und die Seite "Politically Incorrect" sein, die – nach eigenen Angaben - täglich bis zu 37.000 Besucher verzeichnet.
3.
So gab die EUMC 2002 einen Bericht unter dem Titel "Islamophobie in der EU nach dem 11.9.2001" heraus, dem weitere folgten.
4.
Hier die Definition des Runnymede Trusts auf der britischen Website Islamophobia-Watch: http://www.islamophobia-watch.com/islamophobia-a-definition/
5.
Hier die Kritik von Malik: http://www.prospectmagazine.co.uk/2005/02/islamophobiamyth/; und hier eine deutsche Übersetzung des "Manifest der 12": http://www.welt.de/print-welt/article201259/Manifest_der_12_Gemeinsam_gegen_den_neuen_Totalitarismus.html
6.
Bereits 1998 stellte der französische Soziologe Ètienne Balibar im Kontext der insgesamt zunehmenden Diskriminierung von Gruppen von Menschen aufgrund ihrer religiös- und/oder ethnisch-kulturellen Zugehörigkeit einen Vergleich mit der Judenfeindschaft an und bezeichnete die neuen Formen des Rassismus als "verallgemeinerten Antisemitismus". 2002 erklärte Balibar (22.6. 2002 in der FR), dass "Anti-Judaismus beziehungsweise der Judenhass" nicht mehr die einzige Form des Antisemitismus darstellten. Vielmehr sei der Judenhass "zum einen Teil eines Begriffspaares" geworden, dessen anderen Teil Balibar als den "Araberhass beziehungsweise die Islamfeindlichkeit" benannte (zit. nach Wolter in:iz3w Nr.284). Auch in einem EUMC-Bericht ging es 2003 gleichermaßen um "Fighting Anti-Semitism and Islamophobia" (EUMC 2003).
7.
Zum Salafismus s.u.a. auf bpb.de: http://www1.bpb.de/themen/DY4AIX,20,0,Glossar.html#art20
8.
Weil der Begriff "Islamophobie" mitunter instrumentalisiert wird, ziehe ich den Begriff der Islamfeindschaft vor, wie er auch vom ZfA verwendet wird. Allerdings hat sich der Begriff "Islamophobie" inzwischen auch im deutschen Kontext etabliert. So ist in den von Wilhelm Heitmeyer herausgegebenen Bänden "Deutsche Zustände" (s.o.) von "Islamophobie" die Rede; s.dazu: Leibold/Kühnel, Islamophobie oder Kritik am Islam?, in: W. Heitmeyer (Hrg.): Deutsche Zustände. Folge 6 (2008), S. 95-115
9.
Wolfgang Benz (Hrg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung.17, Berlin 2008, S.9ff. Gestützt wird dieser Ansatz etwa vom Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik (http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1114583/); vgl. zu Ähnlichkeiten antisemitischer Stereotypenbildung des 19. Jahrhunderts mit aktuellen Erscheinungsformen von Islamfeindschaft auch: Achim Bühl, Islamophobie und Antisemitismus, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, März 2010.
10.
Yasemin Shooman, Islamfeindschaft im World Wide Web, in: Benz, a.a.o., S. 69-96; Peter Widmann, Der Feund kommt aus dem Morgenland. Rechtspopulistische "Islamkritiker" um den Publizisten Hans-Peter Raddatz suchen die Opfergemeinschaft mit den Juden, in: Benz, a.a.O., S. 45-68.
11.
Zu den Parallelen zählt Benz "Verschwörungsfantasien ebenso wie vermeintliche Grundsätze und Gebote der Religion, die ins Treffen geführt werden." So würde "mit Stereotypen argumentiert, die aus der Antisemitismusforschung bekannt sind, etwa der Behauptung, die jüdische bzw. die islamische Religion sei bösartig inhuman und verlange von ihren Anhängern unmoralische oder aggressive Verhaltensweisen gegenüber Andersgläubigen"; Benz, Wolfgang (Hrg.), Islamfeindschaft und ihr Kontext: Dokumentation der Konferenz "Feindbild Muslim-Feindbild Jude", Berlin 2009, S. 9ff.
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