Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am 10.12.2017 eine selbst gemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. Die geplante Verlegung der US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem sorgte auch in Berlin für Proteste. Bei den pro-palästinensischen Demonstrationen wurden Fahnen mit dem Davidstern angezündet.

27.11.2006 | Von:
Peter Philipp

Antisemitismus in nahöstlichen Medien

Instrumetalisierung des Holocausts

Ähnlich wie den 11. September instrumentalisieren nahöstliche Medien auch immer wieder den Holocaust. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinejad treibt dies auf die Spitze, er hat es aber nicht erfunden: Der Mord an den Juden durch die Nazis wurde schon lange vor der Wahl Ahmadinejads in nahöstlichen Medien in Frage gestellt und als Instrument bezeichnet, rückhaltlose Unterstützung der USA und Europas gegenüber Israel zu erzwingen. Zumindest aber wurde und wird – wie es der iranische Präsident ja auch tut – die Gründung Israels als direkte und allein als Folge des Holocaust dargestellt, für das Deutschland und die Europäer verantwortlich seien. Die folglich auch "das Problem Israel" lösen sollten, mit dem die Palästinenser und die arabische wie muslimische Welt ungerechterweise bestraft würden.

So hatte es seit den Anfängen der jüdischen Siedlung in Palästina arabischen Widerstand dagegen gegeben, der sich auch in den Medien der damaligen Zeit ausdrückte. Die Masseneinwanderung von Juden in Folge des Holocaust verschärfte diese Aversion und die Niederlage im Krieg von 1948 wie auch die Gründung Israels trieben dies noch weiter. Beliebte Erklärung der Propagandisten von damals bis heute: Israel sei eine Kreatur des Westens. Entweder aus schlechtem Gewissen – wegen mangelnder Hilfe während der Judenverfolgung – oder aber, weil man Israel Vorposten in der arabischen und muslimischen Welt brauche, um diese letztlich zu beherrschen.

An solchen Ideen und Thesen hat sich im Laufe der Jahre wenig verändert. Und sie finden sich selbst in den Medien der Länder wieder, die mit Israel Frieden geschlossen haben: In Ägypten und Jordanien sind solche Dinge zwar nicht an der Tagesordnung, wenn sie aber vorkommen, erklären sich die Behörden – unter Hinweis der sonst kaum existierenden Meinungs- und Pressefreiheit – außerstande, etwas dagegen zu unternehmen.

Ähnlich im Golfstaat Qatar, der zwar halboffizielle Beziehungen zu Israel unterhält und mit seinem Fernsehsender "Al Jazeera" die Medienwelt im arabischen Raum revolutioniert hat. Trotzdem kann von dort Scheich Yusuf al Qaradawi, der heute vielleicht einflussreichste islamische Vordenker der arabischen Welt, auch über den Sender "Al Jazeera" palästinensische Selbstmordanschläge verherrlichen und die USA als Erfüllungsgehilfen Israels darstellen: "Israel und Amerika sind wie eine chemische Verbindung. Amerika ist Israel und Israel ist Amerika" (in einer Rechtfertigung seiner Behauptung, Washington habe den Irak-Krieg nur im Interesse Israels geführt).

Verschwörungstheorien

Und selbst wenn man sich im Nahen Osten zu Recht aufregt über gedankenloses oder rücksichtsloses Verhalten westlicher Medien, wird rasch ein "jüdischer Kontext" erfunden. Wie im Fall der unseligen Mohamed-Karikaturen der dänischen Tageszeitung 'Jyllands Posten': In Bahrain antwortete ein Karikaturist damit, dass der Vorfall die "Penetration Dänemarks durch die Zionisten" zeige. Und im Iran fühlte die große Tageszeitung "Hamshahri" sich bemüßigt, als Antwort darauf einen Karikaturen-Wettbewerb über den Holocaust auszuschreiben.

Jede Gemeinheit oder auch Dummheit des Westens wird sofort als Produkt jüdischer Manipulation oder Intrige empfunden oder dargestellt. Wobei dann natürlich auch wieder kein Unterschied zwischen 'Juden' und ‚Israel´ gemacht wird und israelische Militäraktionen – etwa im Gazastreifen – mit denen der Nazis verglichen oder gleichgesetzt werden. Immer wieder werden auf Karikaturen Davidstern und Hakenkreuz gleichgesetzt und vermengt: Die Opfer von einst werden zu den Tätern von heute gemacht und dadurch – rückwirkend – die Verfolgung und Vernichtung von Juden im Holocaust verharmlost oder gar gerechtfertigt.

Hinter all dem steckt eine Mischung von Unwissenheit und Demagogie: Die Geschichte der europäischen und besonders deutschen Judenverfolgung wird in der arabischen Welt nicht unterrichtet, das Leiden der palästinensischen Bevölkerung unter "den Juden" ("Al Yahoud") dafür umso mehr. Der einfache Mann auf der Straße ist zur Differenzierung nicht in der Lage. Und die arabischen Medien helfen ihm dabei nicht weiter. Sie vertiefen eher die Ignoranz und Fehl-Interpretationen in dieser Frage. Und selbst eine Zeitung wie die ägyptische Tageszeitung "Al Ahram", die offiziell von sich behauptet, keinen Antisemitismus zu dulden, druckt eine Karikatur, in der ein Jude/Israeli mit Blut tropfender Axt auf der Erdkugel reitet.

Politiker wiederum missbrauchen antisemitische Bilder rücksichtslos für ihre politischen Ziele. So schrieb der inzwischen zurückgetretene langjährige syrische Verteidigungsminister Mustafa Tlass das Vorwort zum Buch "Die Matzah von Zion", das bereits in mehr als acht Auflagen erschienen ist und in dem behauptet wird, Juden hätten 1840 in Damaskus einen katholischen Priester ermordet, um mit seinem Blut "Matzot" zu backen – ungesäuerte Brote für das Pessach-Fest. Tlass rechtfertigte sich damit, das Buch sei "die arabische Antwort auf Schindlers Liste".


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