Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am 10.12.2017 eine selbst gemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. Die geplante Verlegung der US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem sorgte auch in Berlin für Proteste. Bei den pro-palästinensischen Demonstrationen wurden Fahnen mit dem Davidstern angezündet.
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24.11.2006 | Von:
Dr. Juliane Wetzel

Antisemitismus als Gegenstand des Schulunterrichts

Holocaust-Erziehung kann Jugendliche zwar sensibel machen für die Gefahren des Antisemitismus, aber nicht immunisieren. Die Maßnahmen der Aufklärung müssen umfassender sein.

TafelTafel (© Gary Fordham / sxc.hu)

Schule – Spiegelbild der Gesellschaft

Schule ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Die Kommunikationslatenz im öffentlichen Umgang mit antisemitischen Phänomenen, also die Ablehnung, über die negativen Konstrukte gegenüber Juden öffentlich zu reden, schlägt sich auch im pädagogischen Umgang mit dem Thema nieder. Obgleich die antisemitische Welle in Europa im Frühjahr 2002 mit hohen Werten antisemitischer Latenz und manifesten Übergriffen auf Juden in einer Reihe von europäischen Länder inzwischen im internationalen und nationalen Rahmen thematisiert werden, gibt es bisher noch wenig pädagogische Konzepte, wie diesem Phänomen im Schulunterricht zu begegnen ist.


Antisemitische Stereotypenmuster haben sich insofern grundlegend geändert, als an Stelle "der Juden" der Zionismus und insbesondere Israel getreten sind. Deshalb gilt heute um so mehr, dass "Holocaust-Erziehung" nicht gegen Antisemitismus immunisiert. Dies sollte auch vor dem Hintergrund beleuchtet werden, dass die Vermittlung der Geschichte des Holocaust heute immer häufiger auf Ablehnung stößt, weil Schüler glauben, bereits alles darüber zu wissen oder sich gegen einen moralisierenden Impetus wehren bzw. gar einen von "Juden" oktroyierten imaginierten Erinnerungszwang empfinden. Die Thematisierung der nationalsozialistischen Judenverfolgung im Unterricht bedeutet für Lehrer heute, häufig konfrontiert zu werden mit aktuellen antisemitischen Stereotypen, die sie dem Dilemma aussetzen, unzureichend darauf vorbereitet zu sein. Praktische Erfahrungen haben gezeigt, dass die Vermittlung von Kenntnissen über die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust kein Präventivmittel gegen antisemitische Einstellungen ist, ebenso wenig wie sie rechtsextremen Dispositionen entgegenwirken kann. Wir müssen uns die Frage stellen, ob das Projekt "Holocaust-Erziehung" nicht zu einer Unterrichtseinheit zu verkommen droht, die Defizite gesellschaftlicher Entwicklungen kompensieren soll und die überfrachtet wird mit Zielen wie Toleranzerziehung, demokratische Wertevermittlung und nicht zuletzt Strategien gegen Antisemitismus.

Allen voran muss die Erkenntnis stehen, dass der Antisemitismus ein eigenes spezifisches Phänomen ist, dessen Brisanz nicht erfasst werden kann, wenn es immer nur als Teil von Rassismus und Xenophobie begriffen wird. Juden werden heute im allgemeinen nicht mehr als "Rasse" oder wegen ihrer Religion diskriminiert, sondern weil ihnen unterstellt wird, sie wollten die Welt beherrschen. Im Gegensatz zu rassistischen Konzepten wird Juden eine omnipotente Macht zugeschrieben. Antisemitische Vorurteile, die von einer Generation auf die andere weitergegeben werden, existieren nicht aus Angst vor Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, sondern sie basieren nicht selten auf unbegründetem Neid, schreiben "den Juden" Macht und Einfluss zu und unterstellen ihnen verschlagene Intelligenz, die sie vermeintlich zum Nachteil der Mehrheitsgesellschaft nutzen. Menschenrechts- und Antirassismuspädagogik eignen sich deshalb nur wenig, diesen Vorurteilen beizukommen.

Was muss Unterricht leisten?

Die Fähigkeit zur Empathie mit Verfolgten ist zweifellos eine notwendige Voraussetzung für eine Sen-sibilisierung auch gegenüber neuen feindseligen Vorurteilen. Doch der im Unterricht über den Holo-caust zuweilen allzu deutlich vermittelte oder auch nur vermutete moralische Impetus, der von Kindern und Jugendlichen oft als Schuldzuschreibung und verordnete Betroffenheit wahrgenommen wird, ist kontraproduktiv; er kann Distanz oder gar Abwehr erzeugen. In Bezug auf Antisemitismus sehen sich Pädagogen heute häufig in dem Dilemma, auf antisemitische Stereotypen, die von Schülern bewusst oder unbewusst geäußert werden, adäquat zu reagieren. Einerseits widerspricht es einem pädagogisch sinnvollen Vorgehen, solche Vorurteile in Form von Beschuldigungen anzusprechen, anderseits müssen antisemitische Inhalte als solche benannt und die Motive hinterfragt werden. Nur selten verbergen sich dahinter verfestigte antisemitische Weltbilder oder Ideologien, obgleich der Antisemitismus als Erklärungsmuster für schwierige politische oder gesellschaftliche Sachverhalte oder wirtschaftliche Krisenzeiten in Form einer monokausalen Welterklärung sowie als soziales Distanzkonstrukt zwischen dem "Wir" und dem "Anderen" immer wieder willkommen ist. Auch Schüler und Jugendliche, die sich explizit von Antisemitismus distanzieren, müssen nicht frei von solchen Stereotypen sein, die sie über öffentliche Diskurse und familiäre Tradierungen "gelernt" haben.

"Holocaust-Erziehung" kann Jugendliche für die Gefahren des Antisemitismus sensibilisieren, aber nie dagegen "immunisieren". Die Aufklärung über und Sensibilisierung für Formen von Antisemitismus müssen viel umfassender sein. Dazu ist es notwendig kognitives Wissen zu vermitteln und die Schüler mit der langen Tradition von antijüdischen Feindbildern und ihrer Funktion in der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft bekannt zu machen und sie damit auch für aktuelle antisemitische Vorurteile und Stereotypen zu sensibilisieren.

Curricula und Unterricht müssen die gesellschaftlichen Veränderungen berücksichtigen, die sich vor allem in den Schulen mit einer multikulturellen Schülerschaft spiegeln. Insbesondere beim Thema "Holocaust-Erziehung" werden nicht nur die unterschiedliche kulturelle und soziale Herkunft der Klassengemeinschaft zu einer Herausforderung für die Lehrer, sondern auch die eigene Einstellung zur Migration, die Positionierung zur eigenen familiären Geschichte und die Wahrnehmung der sozialen Probleme der Migranten. Die Angst, marginalisierte Jugendliche durch den Vorwurf antisemitische Stereotypen zu verwenden, noch weiter ins Abseits zu stellen, veranlasst viele Lehrer dazu, antisemitische Einstellungen eher zu verharmlosen als konsequent zu thematisieren. In manchen Fällen ist es hilfreich, auf Gegenstimmen in der Klasse zu vertrauen und sie zu stärken. Werden antisemitische Vorurteile geäußert, dann bleiben sie erfahrungsgemäß durchaus nicht unwidersprochen. Zudem ist nicht immer ein antisemitischer Hintergrund zu vermuten. Wenn Schüler etwa das Klischee vom "reichen Juden" reproduzieren, dann kann Anerkennung, Neid oder Stereotypisierung das Motiv sein oder einfach nur unbewusstes Reproduzieren von tradierten Vorurteilen. Um dieses Stereotyp nicht als "Wissen" in der Klasse zu perpetuieren, müsste sich eine Auseinandersetzung im Unterricht anschließen. Dies gilt ebenso für das heute häufig verwendete Schimpfwort "Du Jude", das als Provokation oder inhaltslos Verwendung findet, selten aber Ausdruck eines verfestigten antisemitischen Weltbildes ist.

Vor dem Hintergrund der Radikalisierung des Nahostkonflikts und der täglichen Präsens des Krisenherdes in den Medien reproduzieren Schüler im familiären Umfeld oder in der Gesellschaft virulente Stereotypisierungen, die Kritik an der israelischen Regierung oder dem Vorgehen des Militärs in den besetzten Gebieten als tabuisiert annehmen. Wenig hilfreich erscheint es hier, wenn Erwachsene – Eltern, Pädagogen, Multiplikatoren – dies im positiven oder negativen Sinne bestätigen. Kritik muss als erlaubt vorausgesetzt werden, allerdings ist es ebenso wichtig, im Diskurs zu erarbeiten, wann eine solche Kritik Grenzen überschreitet und antisemitische Vorurteile instrumentalisiert. Thematisiert werden sollte ebenso, dass der Antisemitismusvorwurf in der politischen Auseinandersetzung nicht selten auch der Diskreditierung des Gegners dient.

Juden, und zwar nicht als konkrete Menschen, sondern als Abstraktum, lernen Kinder und Jugendliche heute in erster Linie über negative Inhalte kennen. Jüdische Geschichte wird nur selten als integraler Bestandteil der deutschen Geschichte gelehrt. Schüler sollten einen Einblick in jüdisches Leben heute in Deutschland erhalten. Diese Vermittlung eröffnet zugleich Möglichkeiten, die Brüche in den Lebensgeschichten zu thematisieren, die empfundene Bedrohung durch antisemitische Vorfälle, die Stigmatisierung als "Fremde", die Gründe der besonderen Affinität zum jüdischen Staat, aber auch Perspektiven einer Minderheit gegenüber der Mehrheitsgesellschaft kennen zu lernen.

Aufgaben der Erziehungswissenschaft

Einige Forschungsvorhaben im erziehungswissenschaftlichen Bereich beschäftigen sich mit den Herausforderungen, die aktuelle antisemitische Tendenzen im Schulalltag bedeuten. Die Ergebnisse werden in die Lehrerausbildung einfließen, bis diese sich allerdings konkret im Unterricht niederschlagen, wird noch einige Zeit vergehen. Deshalb ist es wichtig das Thema Antisemitismus in der Lehrerfortbildung stärker zu verankern. Um dem Defizit an Unterrichtsmaterialien entgegenzuwirken, entwickelt das Zentrum für Antisemitismusforschung (im Rahmen eines Projektes mit LISUM Berlin-Brandenburg und dem American Jewish Committee) derzeit eine CD-Rom ("Fit machen gegen Antisemitismus") zum Einsatz im Unterricht. Kognitives Wissen über die aktuellen Formen des Antisemitismus und seine historischen Vorbilder werden mit Hilfe multimedialer Möglichkeiten erarbeitet.

Darüber hinaus erstellt die Menschenrechtsabteilung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zusammen mit dem Anne Frank House Amsterdam für sieben europäische Länder Unterrichtsmaterialien zu Juden und Judenfeindschaft in Europa. An der deutschen Adaption sind das Zentrum für Antisemitismusforschung und das Fritz-Bauer-Institut beteiligt. Im Rahmen eines dreiteiligen Konzepts werden historische und aktuelle Formen des Antisemitismus thematisiert, aber auch Einblicke in jüdisches Leben als Teil europäischer Geschichte vermittelt.

Hilfesuchende Lehrer, eine starke Nachfrage nach Lehrerfortbildungsseminaren, eine überraschend starke Beteiligung bei der ersten Sommeruniversität des Zentrums für Antisemitismusforschung im September 2006 zum Thema machen deutlich, welchen Herausforderungen sich Pädagogen ausgesetzt sehen und dass nur längerfristige Projekte helfen können, die Defizite im Bildungsbereich nachhaltig auszugleichen.
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