Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus

14.6.2012 | Von:
Marwan Abou-Taam

Die Salafiyya – eine kritische Betrachtung

Ein weiterer Aspekt wird durch Tauhid/die Einheit Gottes impliziert. Tauhid ist ein theologischer Begriff, der Gott als den absolut Einen beschreibt.[5] Neben Gott soll keine weitere Autorität akzeptiert werden. Damit ist für die Salaffiyya-Anhänger jede Gesetzgebung, die nicht auf den göttlichen Willen fußt, nicht gültig. Sie ist sogar eine Idolatrie (Götzenverehrung), die zur Apostasie führt. Damit ist das politische Projekt der Salaffiyya zutiefst demokratiefeindlich. Salafisten in Ägypten rechtfertigen ihre Teilnahme an den Parlamentswahlen damit, dass sie hierdurch die Da´wa/ Einladung zum Islam effizienter über die staatlichen Strukturen umsetzen können.

Die Beziehung zwischen Herrscher und Beherrschten ist durch Machtausübung und Unterordnung charakterisiert. Machtausübung und Unterordnung sind religiöse Pflichten, durch die der Mensch Gott näher kommt.[6] Anhänger der Salafiyya sehen im Koran eine politische Ordnung, gar eine Verfassung. Aus der Koranstelle "Gehorcht Gott und dem Propheten und denjenigen von euch, welche die Macht besitzen"(4/59) leiten sie für die Gläubigen eine Pflicht zur Unterwerfung gegenüber dem Führer. Somit hat der weltliche Herrscher göttlichen Glanz, ihm ist als dem Gotterwählten Gehorsam zu leisten. Ein starker Führer ist der Garant für die Durchsetzung der Schari´a. Die Schari´a ist das islamische Recht, also alle Gesetze, die in einer islamischen Gesellschaft zu beachten sind. Sie ist aber keine feste Gesetzessammlung. Die Schari´a ist für die Salafisten Quelle und Ziel des Politischen und hat einen totalen Geltungsanspruch. Hierdurch entsteht ein deutlicher Widerspruch zu den Grundlagen des modernen pluralistischen Verfassungsstaates, der sich nicht religiös legitimieren lassen kann.

Die Jugend in den Umbruchstaaten Ägypten, Tunesien und Libyen ist auf die Straße gegangen, um bessere Lebensbedingungen, Demokratie, Freiheit und Schutz der Menschenwürde zu erlangen. Die Salafiyya hingegen mit ihrer dualistischen und menschenfeindlichen Weltanschauung zelebriert gar ihr Unvermögen, eine konstrutkive Rolle zu spielen bei der Lösung sozialer, ökonomischer und politischer Konflikte der Gesellschaften, in denen sie agiert. Salafisten glauben, sie könnten durch die Organisation und Mobilisierung auf Grundlage einer vergangenen Utopie eine andere, bessere Gesellschaft formen. Ihre ideologisch begründete Realitätsverweigerung zeigt sich in der aggressiven Beschneidung der Freiheit Andersdenkender ebenso wie in ihrer Unfähigkeit zur Selbstkritik. Die Salafiyya schafft tiefe Gräben zwischen den Muslimen, spaltet Nationen entlang konfessioneller Linien und provoziert globale Konflikte. In einem solchen System erhalten Nicht-Muslime nur einen nachgeordneten Status mit der Begründung, dass die staatstragende Ideologie der Islam sei. Und das bedeutet, dass nur wer sich zum Islam bekennt, bei der Organisation des Staates involviert werden kann. Die Salafiyya ist Geisel einer selbstkonstruierten Tradition und nimmt ihrerseits den Islam in Geiselhaft.

Die Salafiyya und der globale Jihad

Die Salafisten interpretieren Geschichte dualistisch als ewigen Kampf zwischen Glaube und Unglaube. Die logische Konsequenz dieser damit einhergehenden Politisierung des Sakralen ist für sie der Jihad. Der militante Jihad ist ein Mittel zur Erreichung des utopischen Zustands vom islamisch-salafistischen Frieden. Dabei muss bedacht werden, dass in der Denkstruktur der Salafiyya die Universalität des Islam und der Unglaube Gegensätze sind, die nicht gleichzeitig existieren können.[7] Gott als Schöpfer aller Menschen soll von allen Menschen verehrt werden. Seine Gesetze müssen befolgt werden, damit ein Zustand seelischer Befriedung erreicht werden kann. Nur dadurch kann der Mensch in der Wahrnehmung der Salafiyya seinen natürlichen Platz innerhalb der Schöpfung wiedererlangen. Die Universalität des Islam und die damit verbundene Da`wa seien eine Rettungsaktion für die Menschheit, denn der Islam sei die Religion aller, die Recht, Gerechtigkeit und Freiheit wollen. Ein dichotomes Denkmuster entsteht: Die Anhänger Gottes sind die Kämpfer für das Gute und ordnen ihr Leben nach den von Gott geoffenbarten Regeln und Gesetzen. Die anderen, nämlich die Ungläubigen, erkennen menschliche Gesetze an, die von irdischen Souveränen gemacht werden. Diese Gesetze müssen notfalls mittels des Jihads verhindert werden, da alle Gläubigen vor ihnen geschützt werden müssen.

Die Salafiyya will die Gläubigen zusammenschweißen und klare Rollenmuster, Handlungsweisen und Ziele prägen. Ihre Anhänger sollen sich zusammengehörig fühlen und zwischen sich und den anderen unterscheiden, zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern, zwischen Gläubigen und Ungläubigen. Unter den Anderen versteht die Salafiyya alle Ungläubige wie Christen oder Juden, aber auch liberale Muslime. Es kann sich auch um Regime, Systeme, Kollektive und Einzelpersonen handeln, die die Gedanken der Salafiyya nicht teilen.

Die Salafiyya will letztendlich die Umma herbeiführen, die Gemeinschaft aller Islamgläubigen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist Gewalt auch gegen Zivilisten ein legitimes Mittel. Die salafistische Weltanschauung erlaubt und fordert gar Gewalt gegen den tagut/ Tyrannen. Sie einigt dadurch alle, die sich als Opfer betrachten und reduziert deren mögliche Schuldgefühle, indem sie die eigene Aggression als Verteidigungshandlung, als Reaktion auf eine vom Gegner ausgehende Verschwörung, Aggression und Unterdrückung darstellt. Jeder Terroranschlag festigt somit die Identität der Kämpfer.

Betrachtet man die Führungselite der Jihad-Salafiyya, so handelt es sich keineswegs um ein reines Armutsphänomen. Jihadisten verstehen sich als Avantgarde des Islams. Die Argumentationslogik der Jihad-Salafiyya beschreibt den eigenen Kampf als Defensivkampf gegen Aggressoren, die islamisches Gebiet besetzen, die Schätze der Muslime plündern und die Bewohner demütigen. Des Weiteren wird die Besatzung und die damit verbundene Unterdrückung in Palästina instrumentalisiert. Damit emotionalisiert die Salafiyya ihre Anhängerschaft und polarisiert gegen die politischen Machthaber innerhalb der islamischen Welt, die unfähig waren, die Palästinenser zu schützen. Dieser Logik folgend haben die Feinde der Salafiyya eine Kriegserklärung an Gott, seinen Propheten und alle Muslime gerichtet. Und da nichts heiliger ist als das Vertreiben eines Feindes, der die Religion und das Leben bedroht, argumentiert die Salafiyya, dass "das Töten von Amerikanern und deren Verbündeten, ob Zivilisten oder Soldaten, die Pflicht eines jeden Muslims ist, der dazu fähig ist, egal, in welchem Land er die Möglichkeit dazu hat, um ihre Armeen aus allen Gebieten des Islam zu vertreiben, besiegt und unfähig, einen einzigen Muslim zu bedrohen".[8]

Die Salafiyya und ihr Jihad verdeutlichen das Unvermögen einer ganzen Generation, am gesellschaftlichen Geschehen teilzunehmen. Der von der Salafiyya proklamierte Jihad entspringt einer Weltanschauung, die keineswegs mit dem Problem der Armut erklärt werden kann. Die Hauptakteure salafistischer Bewegungen vertreten einen machtpolitischen Anspruch. Ihre Strategien sind vielfältiger Natur. Die Bewegung teilt sich in Eliteformationen, die aus den "wahren“ Gläubigen bestehen, und Sympathisanten. Die Eliten sind die Träger und Verbreiter der Ideologie. Meist verstehen diese sich als Avantgarde, die die Muslime in das goldene Zeitalter des Islam zurückführen wird. Dabei geht es ihnen stets darum, sich als Erlöser zu präsentieren. Der gemeinsame Nenner vieler Sympathisanten der Salafiyya ist die Tatsache, dass es sich bei ihnen oft um gesellschaftliche Verlierer handelt.

Die Salafisten schaffen es, mit ihrer religiös-totalitären Weltanschauung desorientierte Jugendliche zu mobilisieren. Die Salafiyya prosperiert unter den Bedingungen einer fortschreitenden "Vermassung der Gesellschaft"[9]: Junge Menschen, die unter dem Verlust sozialer Zuordnung leiden und nach Identität und Geborgenheit suchen, fühlen sich in den totalitären Gedanken der Salafiyya beheimatet. Sie steht für Rückzug, Identitätssuche, das Beharren und die Angst vor vermeintlichen Sünden. Sie definiert Gut und Böse, indem sie einen vermeintlich "reinen" Islam predigt. Ihr Erfolg resultiert daraus, dass die Salafiyya sich als sinngebende gesellschaftliche Formation darstellt, die Widerstand leistet gegen eine zunehmende Entzauberung des Göttlichen.[10] Das beinhaltet gleichermaßen eine revolutionäre Gedankenwelt gegen die Moderne und all diejenigen, die für die Schwäche des Islams verantwortlich gezeichnet werden und ist eine sich konservativ gebende Ideologie, die die goldene Zeit des Islams beschwört. Diese Gleichzeitigkeit von revolutionärem Chaos und religiös-kultureller Kontrolle übt eine Faszination aus, die viele junge Menschen erreicht. Das salafistische Projekt vermittelt ihnen das Gefühl, Zeitgeschichte zu schreiben, da sie sich aus Sicht der Salafiyya nicht nur gegen die vorherrschenden Autoritäten auflehnen, sondern sich auch auf Gottes Seite positionieren. In ihren Kritikern und Gegnern sehen sie Anhänger des Teufels. Die Mitglieder und Sympathisanten der Salafiyya steigen somit auf zu Gotteskämpfern.

Hannah Arendt beschreibt totalitäre Bewegungen als Träger von Weltanschauungen, die die politische Ortlosigkeit der Massen durch die Artikulation übermenschlicher Gesetze von Geschichte und Natur aufzuheben suchen.[11] Die Salafiyya erfüllt diese Beschreibung hinreichend.

Fußnoten

5.
vgl. Mooren, Thomas (1991): Macht und Einsamkeit Gottes. Dialog mit dem islamischen Radikal-Monotheismus. Altenberge
6.
Hourani, Albert (1962): Arabic Thought in the Liberal Age, 1798-1939, London, S. 1-24.
7.
Vgl. Btaji, Mohamad (Hrsg) (o.D.): Die Schriften von Mohamad Bin abd-al wahab, Riad.
8.
Abou Taam, Marwan, Bigalke, Ruth (Hrsg.) (2006): Die Reden des Usama Bin Ladens, München S.76f.
9.
Vgl. Arendt, Hannah (1986): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München, S. 505.
10.
Vgl. Weber, Max (1917/19): Wissenschaft als Beruf. Politik als Beruf, herausgegeben von: Mommsen, Wolfgang J. /Schluchter, Wolfgang, Tubingen 1992, S. 100f.
11.
Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, a.a.O., S. 607 ff.
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