Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus

5.7.2007 | Von:
Dr. Franz Kogelmann

Islamismus im 19. und 20. Jahrhundert

Salafiya-Bewegung

Neo-Salafiya: Die Gesellschaft der Muslimbrüder

Zu den wichtigsten durch die Ideologie der Salafiya Bewegung inspirierten islamistischen Bewegungen zählt die von Hasan al-Banna (1906-1949) Ende der 1920er Jahre in Ägypten gegründete Gesellschaft der Muslimbrüder (Jamiyat al-Ikhwan al-Muslimin). Aufgrund der ideologischen Weiterentwicklung wird sie auch als Beispiel der so genannten Neo-Salafiya bezeichnet. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelte sie sich zu einer streng hierarchisch organisierten primär urbanen Massenbewegung mit einer klar definierten Ideologie. Für die Muslimbrüder ist der Islam ein allumfassendes auf Koran und Sunna beruhendes System, das immer und überall anwendbar sei. Sie versteht sich als politische Organisation, die zahlreiche sozial-karitative und wirtschaftliche Aktivitäten entwickelte. Hier liegt auch ein gravierender Unterschied zu Abduh und Rida, deren Vorstellungen von gesellschaftlicher Veränderung durch eine von oben initiierte Reform des Bildungswesens geleitet waren. Al-Banna hingegen wandte sich durch seinen Aktionismus an die muslimischen Massen und reagierte unmittelbar auf deren materielle, soziale und religiöse Bedürfnisse. Grundlage für ein Wiedererstarken der Muslime sei die Errichtung eines islamischen Systems (nizam islami). Das islamische Recht soll im Lichte zeitgenössischer Erfordernisse neu interpretiert werden und als oberste Richtschnur für ethisch korrektes Handeln nicht nur dem einzelnen Muslim dienen, sondern auch dem Herrscher bzw. dem Staat. Europäische Fremdherrschaft ist somit in jedem Fall inakzeptabel und wird als Bedrohung der Scharia sowie der muslimischen Gemeinschaft betrachtet. Aber auch die Legitimität eines muslimischen Herrschers wird an der Umsetzung des islamischen Rechts gemessen.

Nach einer Phase der Expansion – in Palästina, Syrien, Jordanien und Sudan kam es in den 1940er Jahren zur Gründung von direkten Ablegern der Muslimbrüder –, folgte im Ägypten der 1950er und 1960er Jahre eine Phase staatlicher Verfolgung. Die Gesellschaft wurde verboten, ihre Organisation zerschlagen und ihre Anhänger verfolgt. Die Repressalien des ägyptischen Staates hatten mehrere Konsequenzen. Zahlreiche führende Muslimbrüder waren gezwungen ins Exil zu gehen, was zu einer Weiterverbreitung ihres Gedankengutes führte. Zudem setzte mit Sayyid Qutb (1906-1966) eine ideologische Radikalisierung ein.

Qutb popularisierte einen für nachfolgende islamistische Bewegungen grundlegenden Begriff. Seiner Meinung nach befindet sich die gesamte muslimische Welt im Zustand der Jahiliya, der vorislamischen Barbarei und Ignoranz. Zentral für diesen Zustand ist der Umstand, dass Herrschaft sowie Gesetzgebung der Willkür der Menschen unterliegen und nicht Gott. Selbst wenn der einzelne Muslim sein Leben nach den Vorschriften der Scharia ausrichtet, ist die Gesamtgesellschaft noch lange nicht islamisch. Es sei Pflicht für alle Muslime diese unislamischen Zustände zu beseitigen – auch unter Einsatz von Gewalt. Der Jihad ist für Qutb ein revolutionärer Befreiungskampf. Er ist Glaubenskrieg, Kampf für Gott, und Kampf für den Menschen, deren Errettung aus der Unterdrückung er bewirkt.

Erst nach der Machtübernahme von Anwar as-Sadat im Jahr 1970 hatten die Muslimbrüder in Ägypten wieder die Möglichkeit, in dem von den Machthabern gebilligten Rahmen öffentlich zu agieren. Obwohl sie der Gewalt und den von Qutb entwickelten radikalen Thesen abgeschworen haben und zu den moderaten Islamisten zählen, blieb ihnen ein rechtlich abgesicherter Status bislang aber verwehrt. Trotz dieser prekären Situation waren sie dazu in der Lage, auf die ägyptische Gesellschaft und Politik wieder einen großen Einfluss auszuüben und gelten heutzutage als stärkste Oppositionsgruppe im Lande. Ihre Bemühungen, die Islamisierung der Gesellschaft voranzutreiben, führte zwar zu einer Islamisierung des politischen Diskurses, aber auch zu einer Stärkung des vom Staat kontrollierten und von den Muslimbrüdern abgelehnten religiösen Establishments.

In Syrien beteiligten sich die Muslimbrüder seit den 1960ern aktiv am gewaltsamen Widerstand gegen das herrschende Regime. Ab 1980 stellte das Regime in Damaskus die Mitgliedschaft in der Gesellschaft der Muslimbrüder unter Todesstrafe. Mit dem äußerst brutalen Niederschlagen des Aufstandes der Muslimbrüder in der Stadt Hama war der politische Einfluss der Muslimbrüder in Syrien schließlich weitgehend beendet. In Jordanien wiederum sind Muslimbrüder im Parlament vertreten und immer wieder an der Regierung beteiligt. Mit Unterstützung der von Hasan at-Turabi geführten Muslimbrüder putschte sich 1989 General Umar al-Baschir im Sudan an die Macht. Erstmals hatte sich eine sunnitisch-islamistische Bewegung eines Staates bemächtigt und begann, ihn ihren Vorstellungen entsprechend umzugestalten. In den besetzten Gebieten gewann die sich aus den palästinensischen Muslimbrüdern entwickelte Hamas im Januar 2006 die Parlamentswahlen und nach bürgerkriegsartigen Zuständen 2007 die Macht im Gaza Streifen. (vgl. dazu den Artikel "Hamas" von Peter Philipp in diesem Dossier) Diese Beispiele belegen, dass die Gesellschaft der Muslimbrüder keineswegs eine einheitliche Bewegung ist, sondern vielmehr im Rahmen von Nationalstaaten – unabhängig von der jeweiligen Staatsform – agiert und ihre politischen Strategien entsprechend anpasst. Sowohl die Salafiya-Bewegung als auch die Muslimbrüder – weder die eine noch die andere bildet eine in sich geschlossene und homogene Bewegung – übten im Laufe des 20. Jahrhunderts weltweit einen enormen Einfluss auf die Entwicklung der unterschiedlichsten islamistischen Ideologien aus. Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass sie auch die radikalsten und militantesten Gruppen inspiriert haben. Beide Strömungen sind ursprünglich als Reaktion auf die Unfähigkeit der eigenen Herrschaft und die daraus resultierende westliche Vorherrschaft entstanden – der unverminderte Zulauf zu radikalen Gruppen lässt vermuten, dass sich seither offenbar nur wenig geändert hat.

Literatur

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Damir-Geilsdorf, Sabine. Herrschaft und Gesellschaft: der islamistische Wegbereiter Sayyid Quṭb und seine Rezeption. Würzburg: Ergon, 2003.

Dufner, Ulrike. Islam ist nicht gleich Islam: die türkische Wohlfahrtspartei und die ägyptische Muslimbrüderschaft : ein Vergleich ihrer politischen Vorstellungen vor dem gesellschaftspolitischen Hintergrund. Opladen: Leske + Budrich, 1998.

Ende, Werner, Udo Steinbach (Hrsg.). Der Islam in der Gegenwart. München: Beck, 2005. Grundmann, Johannes. Islamische Internationalisten: Strukturen und Aktivitäten der Muslimbruderschaft und der Islamischen Weltliga. Heceas, Bd. 02. Wiesbaden: Reichert, 2005.

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Kepel, Gilles. Das Schwarzbuch des Dschihad: Aufstieg und Niedergang des Islamus. München: Piper, 2002.

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Kerr, Malcolm H. Islamic Reform; The Political and Legal Theories of Muḥammad ʻAbduh and Rashīd Riḍā. Berkeley: University of California Press, 1966.

Kogelmann, Franz. Die Islamisten Ägyptens in der Regierungszeit von Anwar as-Sādāt (1970-1981). Islamkundliche Untersuchungen, Bd. 179. Berlin: Schwarz, 1994.

Laoust, Henri. Le réformisme orthodoxe des "Salafiya" et les caratères généraux de son orientation actuelle. Paris: Librairie Orientaliste Paul Geuthner, 1932.

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Quṭb, Sayyid, und William E. Shepard (Hrsg. und Übersetzer). Sayyid Qutb and Islamic Activism: A Translation and Critical Analysis of Social Justice in Islam. Social, economic, and political studies of the Middle East and Asia, v. 54. Leiden: E.J. Brill, 1996.

Schulze, Reinhard. Islamischer Internationalismus im 20. Jahrhundert: Untersuchungen zur Geschichte der Islamischen Weltliga. Leiden: Brill, 1990.

Internetquelle: www.crisisgroup.org


Herausforderung Salafismus

Infodienst Radikalisierungsprävention

Der Infodienst bietet praxisbezogene Hintergrundinformationen und Materialien zur Herausforderung durch salafistische Strömungen. Er richtet sich an alle Berufsgruppen, die im Rahmen ihrer Tätigkeit mit dem Thema in Berührung kommen, unter anderem in der schulischen und außerschulischen Bildung und in der öffentlichen Verwaltung.

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Beratungsstelle Radikalisierung

Eltern, Angehörige, Freunde, Lehrer: Sie sind oft die ersten, denen eine Radikalisierung eines jungen Menschen auffällt. Gleichzeitig sind sie auch die letzten, zu denen dieser trotz zunehmender Isolierung Kontakt hält. Seit dem 01.01.2012 ist im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die "Beratungsstelle Radikalisierung" eingerichtet, an die sich alle Personen wenden können, die sich um die Radikalisierung eines Angehörigen oder Bekannten sorgen und zu diesem Themenbereich Fragen haben.

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Veranstaltungsdokumentation (Juni 2014)

01

JAN
Bei strömenden Regen beten Teilnehmer auf einer Straße am Bahnhof Dammtor in Hamburg vor dem Beginn einer Kundgebung des umstrittenen salafistischen Predigers Pierre Vogel. Der islamistische Prediger hatte zu einer Kundgebung aufgerufen, an der nach Polizeiangaben etwa 1100 Teilnehmer teilnahmen.

Salafismus als Herausforderung für Demokratie und politische Bildung

Wie begegnet die Gesellschaft einer neuen, wachsenden Jugendkultur, die für demokratische Entscheidungsfindung und die Wahrung allgemeiner Menschenrechte womöglich nicht viel übrig hat? Was kann getan werden, um Radikalisierungsprozesse zu verhindern, die schlimmstenfalls in terroristischen Aktivitäten oder der Ausreise zum Krieg in Syrien enden können? Diesen Fragen widmete sich die Bundeszentrale für politische Bildung im Rahmen einer Fachtagung. Mehr lesen