Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus
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Endzeitvisionen als Quelle islamistischer Gewalt?


1.8.2011
Im radikal-islamischen Milieu gelten Selbstmordattentäter als Märtyrer, denen der unmittelbarte Weg ins Paradies sicher sein soll. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen eschatologischen Vorstellungen im Koran und islamistischer Gewalt? Reinhard Möller gibt Antworten.

Postkarten und Schlüsselanhänger von palästinensischen Attentätern in Gaza, die als "Märtyrer" verehrt werden.Postkarten und Schlüsselanhänger von palästinensischen Attentätern in Gaza, die als "Märtyrer" verehrt werden. (© AP)

Eschatologie im Koran



Gerade im Zusammenhang mit Selbstmordanschlägen islamistischer Terroristen in Vergangenheit und Gegenwart wird die Thematik der Endzeitvorstellungen im Islam immer wieder aktuell. Attentäter solcher Art gelten im radikal-islamischen Milieu als schätzens- und nachahmenswerte Märtyrer, denen der unmittelbare Zugang zum himmlischen Paradies sicher sein soll. Nach Koran und Prophetenüberlieferungen (Hadithe) erwarten sie dort nie endende Wonnen, nicht zuletzt mit Paradiesjungfrauen, und ewige Seligkeit. Neben der Lehre von dem Einen und allmächtigen Schöpfergott zählt die Verkündung des Jüngsten Tages und das Leben nach dem Tod zu den Kernaussagen von Mohammeds Botschaft, die in anschaulicher, teils auch derber Sprache formuliert ist. Was sind nun die zentralen eschatologischen (Eschatologie = Lehre von den letzten Dingen) Themen im Koran? Es sind diese:
  • der Weltuntergang als kosmische Katastrophe
  • die Auferstehung bzw. Auferweckung der Toten
  • der Tag des Gerichts – mit Gott als strengem und gerechten Richter
  • Paradies und Hölle.


Der Prophet Mohammed hat zumindest einen Teil seiner eschatologisch-apokalyptischen Anschauungen und Visionen (Apokalyptik = Schrifttum über das Weltende) aus jüdischen und christlichen Glaubenstraditionen übernommen und ist sicher auch von der altpersischen Reformreligion des Zarathustra beeinflusst worden. Für die Mehrheit der heutigen gläubigen Muslime steht die Realität von Wiederauferstehung der Toten, Jüngstem Gericht, Paradies und Hölle außer Frage. Für manche radikalen Islamisten sind eschatologische Erwartungen ein Motiv, im Dschihad ("heiliger Krieg") ihr Leben für die Sache Allahs zu opfern.

Eschatologische Vorstellungen in nachprophetischer Zeit



Was am Weltende geschieht und zu erwarten ist, haben auch verschiedene Hadith-Sammlungen zum Thema. Die darin enthaltenen Erzählungen und Berichte, neben dem Koran verbindliche Leitlinien für die Gläubigen, runden mit vielen Details die Jenseitsvorstellungen des Heiligen Buches ab. Eine wichtige Rolle spielen in diesen Zusammenhängen drei eschatologische Gestalten, nämlich Daggal, Mahdi (der durch Gott Rechtgeleitete) und Isa (Jesus). Der Daggal, Äquivalent zum "Antichrist" der Bibel, soll am Ende der Zeiten auftreten und nach einer Schreckensherrschaft von 40 Jahren vom Mahdi, nach anderen Darstellungen von Jesus, getötet werden. Der Mahdi ist in islamischen Eschatologien die Figur, die vor dem Jüngsten Gericht Recht und Gerechtigkeit in der muslimischen Gemeinschaft (Umma) wiederherstellen wird. Am Jüngsten Tag soll – wie angedeutet – auch Jesus wiederkommen und als Fürsprecher für die Christen in Erscheinung treten.

Zum Mahditum in der Schia



In der Schia (ursprünglich "Partei" oder "Interessengruppe" innerhalb einer arabischen Stammesföderation), insbesondere bei den Zwölferschiiten, verbindet sich die Hoffnung auf den Mahdi mit dem Glauben an den zwölften Imam als den letzten in der Kette der unfehlbaren Imame. Dieser, auch "Erlöser"-Imam genannt, sei – so wird berichtet – nicht gestorben, sondern lebe seit dem Jahre 873 in einer geheimnisvollen Verborgenheit. Doch eines Tages werde er wieder erscheinen, um die Tyrannenherrschaft zu beenden und Gottes Reich auf Erden zu errichten. Für Schiiten sind Ali (gest. 661), Vetter und Schwiegersohn Mohammeds wie zugleich Stammvater der Imame, und seine Nachkommen die einzigen religiösen wie politischen Autoritäten, die bisher das Amt des Imams ausüben durften. Heute noch gedenken Schiiten in Passionsspielen und Umzügen des Martyriums ihres dritten Imams Hussein, des Sohnes von Ali, der im Jahre 680 in Kerbela am Euphrat mit fast all seinen Gefährten im Kampf gegen den Umayyaden-Kalifen Jazid getötet wurde.

In islamischen Ländern schiitischer wie sunnitischer Prägung hat es übrigens im Laufe der Geschichte immer wieder so genannte Mahdi-Bewegungen gegeben – mit anderen Worten eschatologische Aufbrüche mit teilweise revolutionärer Zuspitzung.


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