Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus

27.8.2007 | Von:
Volker Trusheim

Selbstmordattentäter

Israel/Palästina

In den 1970er Jahren begannen palästinensische Freischärler ("Fedayyin") mit Angriffen auf israelische Truppen und die Zivilbevölkerung. Ausgerüstet mit Pistolen, Maschinengewehren und Handgranaten drangen Fedayyin-Gruppen tief in israelisches Territorium ein. Eine heile Rückkehr war meist ausgeschlossen, die Kämpfer nahmen den Tod bereitwillig in Kauf. In den Augen der palästinensischen Bevölkerung wurden sie dadurch zu Märtyrern.

Iran/Irak

Eine besonders auto-destruktive Form von selbstmörderischen Attacken fand im ersten Golfkrieg (1980 – 88) zwischen Iran und Irak statt, als seitens der Iraner ganze Heerscharen von "Freiwilligen" durch irakische Minenfelder geschickt wurden. Durch die Explosion der Minen wurde der Weg für die reguläre Armee frei geräumt. Vielen dieser Märtyrer, darunter auch Kindern, wurden kleine Schlüssel mit auf den Weg gegeben, die ihren direkten Aufstieg in den Himmel symbolisieren sollten.

Libanon

Im Jahr 1983 zündete ein Attentäter einen mit Sprengstoff beladenen LKW auf dem Gelände der amerikanischen Botschaft in Beirut. Im selben Jahr erfolgte auf gleiche Weise ein Attentat auf einen französischen Militärstützpunkt. Später bekannte sich die schiitische Hisbollah zu den Anschlägen. Die Opferzahlen gingen in die Hunderte. Direkte Folge waren der französische und amerikanische Abzug aus dem Libanon.

Sri Lanka

Das Beispiel Sri Lanka macht klar, dass Selbstmordattentate kein rein islamisches Phänomen sind. Die "Tamilischen Tiger", eine nationale Befreiungsarmee der tamilischen Bevölkerungsminderheit, kämpft auf der Insel um die Unabhängigkeit von der indisch-dominierten Zentralregierung. Seit den 1990er Jahren führte die Gruppe über 100 Selbstmordattentate durch. Ein verhältnismäßig großer Teil davon wurde von Frauen begangen.


Selbstmordattentate heute

Israel/Palästinensergebiete

Von 1993 bis 1996 und schließlich in der zweiten palästinensischen "Intifada" ab 2000 wurde das Selbstmordattentat zur bevorzugten Waffe verschiedener palästinensischer Organisationen, darunter auch säkulare Gruppierungen. Während sich die Angriffe der Selbstmordattentäter zuerst weitgehend auf militärische Ziele erstreckten, wurden später auch Märkte, Restaurants, Einkaufszentren und öffentliche Verkehrsmittel in Israel zu Zielen. Die Verluste unter der israelischen Zivilbevölkerung waren verheerend und haben dem Ansehen der Palästinenser, zumindest in den westlichen Medien, schwer geschadet.

Ausweitung der Anschlagsgebiete

Zum Symbol für Selbstmordattentate schlechthin wurden die Angriffe vom 11. September 2001, als 19 Attentäter vier Flugzeuge entführten und samt Passagieren als Waffe missbrauchten. Damit läutete die islamistische Formation al-Qaida unter Führung Usama Bin Ladens einen Großangriff auf den Westen ein. Es folgten viele weitere Attentate, sowohl im Nahen Osten als auch in anderen Teilen der Welt. Nicht alle davon waren Selbstmordattentate.

Irak

Die Lage im heutigen Irak ist unübersichtlich. Ein Großteil der Aufständischen scheint der sunnitischen Bevölkerung in den mittleren Provinzen Iraks anzugehören. Daneben bedroht ein Bürgerkrieg zwischen sunnitischer und schiitischer Bevölkerung das Land. Jedoch scheint ein überwiegender Teil der Selbstmordattentäter ausländischer Herkunft zu sein, vor allem aus dem arabischen Raum. Ähnlich wie Afghanistan in den 1980er Jahren entwickelt sich der Irak zu einem internationalen Schlachtfeld.


Fazit

Selbstmordattentate scheinen Teil einer asymmetrischen Kriegsführung zu sein. Sie kommen immer dann zum Einsatz, wenn keine andere erfolgversprechende militärische Option offen steht. Dabei sollen verschiedene Ziele erreicht werden: Die Bekämpfung eines Gegners, der mit anderen Mitteln nicht zu treffen ist, eine größtmögliche Opferanzahl unter der Zivilbevölkerung und eine hohe Medienwirksamkeit.

Wie sich in verschiedenen Konfliktfeldern (Israel-Palästinensergebiete, Libanon, Sri Lanka) gezeigt hat, kann das Phänomen aber auch wieder verschwinden, wenn es innerhalb der Gruppen zu einer Demoralisierung kommt, der Rückhalt unter der eigenen Zivilbevölkerung verloren geht, die politischen Ziele erreicht worden sind oder ein anderes Mittel probater erscheint, um die angestrebten Ziele zu erreichen.

Eine Typologie der Attentäter

Eine genaue Typologie von Selbstmordattentätern ist schwierig. Während die Attentäter des 11. September mit Namen und sozialem Hintergrund bekannt sind, sterben andere wie z.B. im Irak oftmals unbekannt. Aus Untersuchungen über Selbstmordattentäter im israelisch-palästinensischen Konflikt hat sich jedoch folgendes Bild ergeben: Der typische Selbstmordattentäter ist jung, männlich, überdurchschnittlich gebildet und unverheiratet. Auch wenn es vereinzelt ältere oder weibliche Selbstmordattentäter gibt, so scheint sich diese Charakterisierung doch bestätigt zu haben. Als mögliche Motive lassen sich Hoffnungslosigkeit, Glaube, Nationalismus, Streben nach Anerkennung, Rache oder auch Geld nennen – schließlich wird Hinterbliebenen oftmals eine Summe aus Fonds ausgezahlt, die extra zu diesem Zweck eingerichtet worden sind.


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