Autonomer am 1. Mai 2009 in Berlin, bewaffnet mit Flasche und Stein.

31.1.2008 | Von:
Hans-Gerd Jaschke

Totalitarismus

Totalitarismus: Das ist politischer Extremismus, der zur Herrschaft gekommen ist. Totalitäre Regime und Bewegungen sind hermetisch abgeschlossene "Weltanschauungen" – und rationaler Kritik nicht zugänglich.

Ikonen-Verehrung: Ein Georgier küsst ein Porträt des sowjetischen Diktators Josef Stalin anlässlich des 128. Geburtstages, 21. Dezember 2007 in Tbilisi.Ikonen-Verehrung: Ein Georgier küsst ein Porträt des sowjetischen Diktators Josef Stalin anlässlich des 128. Geburtstages, 21. Dezember 2007 in Tbilisi. (© AP)

Der politische Extremismus befindet sich in einer Situation der fundamentalen Opposition gegen die Herrschenden. Was aber, wenn dieser Extremismus durch Wahlen oder durch einen Putsch an die Macht gelangt? Es gibt zahlreiche Beispiele für Extremismen, die, einmal an die politische Macht gekommen, durch besonders brutale, menschenverachtende Praktiken ein System der Gewaltherrschaft errichteten. Für diesen Prozess kennt die Politikwissenschaft den Begriff des Totalitarismus, entstanden aus der Selbstdarstellung des italienischen Faschismus unter Mussolini (Hobsbawm 1995: 146). Darunter versteht sie den zur staatlichen Herrschaft gekommenen Extremismus:
"Totalitarismus bezeichnet eine politische Herrschaft, die die uneingeschränkte Verfügung über die Beherrschten und ihre völlige Unterwerfung unter ein (diktatorisch vorgegebenes) politisches Ziel verlangt. Totalitäre Herrschaft, erzwungene Gleichschaltung und unerbittliche Härte werden oft mit existenzbedrohenden (inneren oder äußeren) Gefahren begründet, wie sie zunächst vom Faschismus und vom Nationalsozialismus, nicht zuletzt auch im Sowjetkommunismus Stalins von den Herrschenden behauptet wurden. Insofern stellt der Totalitarismus das krasse Gegenteil des modernen freiheitlichen Verfassungsstaates und des Prinzips einer offenen, pluralen Gesellschaft dar".[1]
Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist von zwei gegenläufigen Prozessen gekennzeichnet. Auf der einen Seite ist die Demokratisierung und Liberalisierung insbesondere der westlichen Gesellschaften weiter vorangeschritten. Maßgeblich dafür sind die Erfolge demokratischer Politik, aber auch gesellschaftliche Veränderungen wie etwa der Wertewandel in der westlichen Welt und Prozesse der Individualisierung. Wertewandel nennt die Politikwissenschaft die langfristige Veränderung der Orientierungsmuster insbesondere der gut ausgebildeten Mittelschichten hin zu nicht-materiellen Werten wie etwa gesunde Umwelt, gute soziale Beziehungen, Selbstentfaltungswerte, aber auch ideelle wie Frieden.

Individualisierung wird ein gesellschaftlicher Prozess genannt, der in der modernen Dienstleistungsgesellschaft von immer größerer Bedeutung ist. Demnach ist der Mensch immer mehr herausgelöst aus traditionellen Bindungen wie Familie, Religion, Sozialmilieu und immer stärker auf sich selbst und seine Entscheidungen verwiesen. Beide, Wertewandel und Individualisierung, haben den langfristigen Prozess der Demokratisierung in der westlichen Welt wesentlich vorangetrieben.

Auf der anderen Seite sind jedoch die Gegenbewegungen, zusammengefasst in den theoretischen Begriffen Totalitarismus, Extremismus und Fundamentalismus, eine beharrliche Kraft gegen Freiheit und Demokratie. Sie haben verschiedene gemeinsame Struktureigenschaften, die in sieben Punkten zum Ausdruck kommen. Totalitäre Bewegungen erheben erstens einen Alleinvertretungsanspruch. Sie verstehen sich als alleinige und ausschließliche Besitzer politischer, religiöser oder sonstiger weltanschaulicher "Wahrheiten". Konkurrierende Bewegungen werden als Verirrungen oder Abweichungen aufgefasst, die es zu bekämpfen gilt. Damit einher geht die maßlose Selbstüberschätzung und Selbstüberhöhung als einzige und erste Kraft in der Geschichte, die der Menschheit das Heil bringt. Ihr Messianismus ist absolut und unteilbar.

Totalitäre Regime und Bewegungen sind, zweitens, hermetisch abgeschlossene "Weltanschauungen". Sie sind, von innen betrachtet, rationaler Kritik nicht zugänglich. Ihre Ideologie entwickelt sich nicht in der permanenten, rationalen, diskussions- und lernbereiten Auseinandersetzung mit der Geistes- und Ideengeschichte, sondern sie beruft sich auf die angeblich "ewige" und unverrückbare Wahrheit bestimmter Lehrsätze. Weltanschauungen werden grundsätzlich nicht reflexiv und für die Diskussion offen fortentwickelt, sondern sie werden als vorgebliche Wahrheiten "geglaubt". Darin zeigt sich der quasi-religiöse Charakter aller totalitärer Glaubenssysteme. Lehrsätze werden nicht diskutiert und selbstkritisch überprüft, Kritik an ihnen gilt als abweichlerisches und sanktionswürdiges Verhalten.

Sie verfügen, drittens, über eine anti-aufklärerische, absolu-tistische Legitimationsbasis. Nicht die Vernunft des aufgeklärten Subjekts, sondern die prophetischen, charismatischen Gaben des die Weltanschauung in idealer und absoluter Weise verkörpernden Führers gelten als einzige Quelle der Legitimation. Schon von daher sind konkurrierende und relativierende Argumente aus der Tradition anderer Ideengeschichten ausgeschlossen. Der Führer wird verehrt und mystifiziert und gilt als der messianische, charismatische und vom Schicksal ausersehene "leader", der jeder Kritik unzugänglich ist. Interne demokratische Willensbildung im Rahmen eines Primats des besseren Arguments läuft dem Führer-Prinzip zuwider und könnte die Allmacht der Führer-Ideologie relativieren und delegitimieren. Aus diesem Grund kann es keine demokratische Willensbildung in totalitären Bewegungen geben. Es ist bezeichnend für totalitäre Organisationen, dass Führer nach ihrem Ableben als Leitfiguren, Aushängeschilder, ideologische Fixpunkte und "geistige Alleinherrscher", versehen mit einem Heiligenschein, fortleben und in ihrer Überhöhung und Glorifizie­rung weiterhin eine zentrale Legitimation für die Organisation liefern. Marx, Lenin und Mao tse Tung haben eine solche Funktion für die extreme Linke in Deutschland eingenommen, Hitler ist für diverse Neonazi-Zirkel weiterhin der entscheidende Fixpunkt.

Fußnoten

1.
Schubert, Klaus / Klein, Martina: Das Politiklexikon, Bonn 2006, S. 289. Zu den ideengeschichtlichen Wurzeln des Totalitarismuskonzepts vgl. Pfahl-TraughberArmin: Klassiche Totalitarismuskonzepte auf dem Prüfstand - Darstellung und Kritik der Ansätze von Arendt, Friedrich, Popper und Voegelin. In: Jahrbuch Extremismus & Demokratie, hrsg. von Uwe Backes und Eckhard Jesse, 16. Jg. 2004, S. 31-58.

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