Obama

15.7.2010 | Von:
Heiko Girnth

Sprachvermittlung und Sprachprobleme

Indirektes Sprechen kann auch ein probates Mittel der Abwertung und sogar Beleidigung sein. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die Äußerung des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, der in einem Interview mit der Zeitschrift Newsweek vom 15.10.1986 über das damalige sowjetische Staatsoberhaupt Gorbatschow sagte: "Er ist ein moderner kommunistischer Führer, der sich auf Public Relations versteht. Goebbels, einer von jenen, die für die Verbrechen der Hitler-Ära verantwortlich waren, war auch ein Experte in Public Relations." Der Schlussfolgerungsprozess, der hier in Gange gesetzt wird, lautet natürlich, dass zwischen Gorbatschow und Goebbels eine gewisse Nähe besteht, was auf eine Abwertung Gorbatschows hinausläuft. Ein solcher (indirekter) Vergleich, der auf einer Schlussfolgerung beruht, hat auch hier wieder den Vorteil, dass der politische Akteur sich auf den Standpunkt zurückziehen kann, er habe dies nie wörtlich gesagt.

Alle aufgeführten Beispiele zeigen, dass Indirektheit ein Mittel der Politiker ist, um Sachverhalte, die politisch brisant sind, strategisch geschickt zu kommunizieren. Zugleich kann Indirektheit auch eine Quelle für Verständigungsprobleme sein. Weitere Ursachen für Verständigungsprobleme finden sich auf der Wortebene. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang:
  • unterschiedliche Bedeutungen und/oder Wertungen eines Wortes
  • beschönigende Gebrauchsweisen eines Wortes
  • Unterschiede zwischen fachsprachlicher und allgemein/öffentlicher Bedeutung eines Wortes

Ideologischer Polysemie / Bedeutungskonkurrenz

Haben Wörter unterschiedliche Bedeutungen und/oder Wertungen spricht man von ideologischer Polysemie (= Mehrdeutigkeit) oder von Bedeutungskonkurrenz. Die Bedeutungskonkurrenz hat zur Folge, dass oftmals nicht klar wird, was beispielsweise mit einem Schlagwort jeweils gemeint ist. Als Beispiel sei hier Freiheit genannt, das je nach politischem Standpunkt eine unterschiedliche Bedeutung (bei gleicher positiver Wertung) besitzt. Aus Sicht liberaler Parteien kann Freiheit 'Freiheit vom Staate, von staatlicher Bevormundung' bedeuten. Aus Sicht linker und sozialdemokratischer Parteien kann Freiheit 'frei von entwürdigenden Abhängigkeiten, von Armut und Not' bedeuten. Dieser Unterschied kann auch durch entsprechende Attribute hervorgehoben werden, indem man entweder von politischer Freiheit oder sozialer Freiheit spricht, wobei letztere eng mit sozialer Gerechtigkeit verknüpft ist. Auch die Bedeutung von soziale Gerechtigkeit ist – abhängig vom ideologischem Standpunkt – äußerst vage. Ein Beispiel für ein Schlagwort, das mit unterschiedlichen Wertungen verwendet wird, ist Hartz IV. Je nach politischem Standpunkt kann Hartz IV unterschiedliche Wertungen haben. Bezeichnet Hartz IV einerseits wertneutral ein Arbeitsmarktgesetz, wird es andererseits (z. B. von Sozialverbänden oder der Partei Die Linke) als negativ wertendes Synonym für Sozialabbau, Ungerechtigkeit und soziale Kälte gebraucht.

Sprachvermittlung und SprachproblemeSprachvermittlung und Sprachprobleme

Beschönigender Sprachgebrauch

Beschönigende Ausdrücke (= Euphemismen) eignen sich ebenfalls hervorragend, um den Bürgern aus Sicht der politischen Akteure unangenehme Sachverhalte zu vermitteln. Euphemismen stellen eine Kategorie von Wörtern dar, die aus sprachkritischer Sicht problematisch sind, da sie negative Sachverhalte mit sprachlichen Mitteln zu verschleiern versuchen (vgl. auch Klein 2009: 2119). Beispiele hierfür sind etwa Freisetzung statt Stellenabbau, Flexibilisierung des Arbeitsmarktes für die Auflockerung des Kündigungsschutz und negative Deckungsreserven für Haushaltslöcher. Nach Verhandlungen, die zu keinen Ergebnissen geführt haben, sprechen Politiker auch gerne einmal von einem konstruktiven und offenen Dialog, Richtungskämpfe innerhalb einer Partei werden als Diskussionen bezeichnet.

Beim Stichwort Euphemismen müssen auch NS-spezifische Wörter genannt werden, also Wörter, die in der Zeit des Nationalsozialismus verwendet wurden und nationalsozialistisches Gedankengut widerspiegeln. Zu nennen sind hier beispielsweise Blut und Boden, Sonderbehandlung und Selektion. Um ein bagatellisierendes Wort wie das NS-spezifische Reichskristallnacht zu vermeiden, bieten sich Bezeichnungsalternativen wie Novemberpogrome oder Pogromnacht an, die den Sachverhalt eindeutig negativ bewerten.

Unwort des Jahres 1999: Kollateralschaden. Zu Begründung hieß es, das Wort lenke vom wahren Inhalt des Begriffes ab und verharmlose militärische Verbrechen als Nebensachen. Foto: APUnwort des Jahres 1999: Kollateralschaden. Zu Begründung hieß es, das Wort lenke vom wahren Inhalt des Begriffes ab und verharmlose militärische Verbrechen als Nebensachen. Foto: AP
Bei der 1991 gegründeten Aktion "Unwort des Jahres" werden jährlich Wörter innerhalb der öffentlich-politischen Kommunikation gesucht, die negativ aufgefallen sind, da sie Sachverhalte unangemessen bezeichnen und die möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen. Wie breit das Spektrum ist, zeigen die Beispiele Diätenanpassung (Unwort des Jahres 1995) und Kollateralschaden (Unwort des Jahres 1999). Diätenanpassung bezeichnet die Erhöhung der Diäten der Bundestagsabgeordneten, wobei die die Verbindung von Diäten und Anpassung, so die Jury, "eine fast naturnotwendige, unausweichliche Veränderung von finanziellen Forderungen im Hinblick auf neue Sachbedingungen" suggeriert. Ähnliche Beispiele sind etwa Gebühren- oder Tarifanpassung. Der Tatbestand der Erhöhung wird somit verschleiert.

Das Beispiel Diätenanpassung im Sinne von 'Diätenerhöhung' zeigt aber auch, dass Sprach- und Sachkritik nicht verwechselt werden dürfen. Bei der Suche nach dem Unwort des Jahres gab es viele Vorschläge für das Wort Diätenerhöhung und damit eine Verwechslung von Wort und kritisiertem Sachverhalt. Diätenerhöhung bezeichnet den Sachverhalt angemessen und ist aus diesem Grunde auch kein Euphemismus. Kollateralschaden ist ein nur halb aus dem NATO-Englischen übersetztes Wort (collateral damage = 'Randschaden'). Mit diesem Wort wurde während des Kosovo-Krieges die Tatsache verschleiert, dass auch unschuldige Zivilisten bei militärischen Angriffen getötet wurden. Eine ähnlich verschleiernde Wirkung haben auch Wörter wie Luftschläge (statt Bombardements) oder Konflikt (statt Krieg).

Allerdings sind es nicht nur Euphemismen, die sprachkritisch betrachtet werden, sondern auch negativ bewertende Wörter wie etwa betriebsratsverseucht, das 2009 zum Unwort des Jahres gewählt wurde. Dieses Wort wurde laut einem Bericht der Sendung "Monitor" (ARD 14.5.2009) von Abteilungsleitern einer Baumarktkette verwendet, wenn ein Mitarbeiter von einer Filiale mit Betriebsrat in eine Filiale ohne Betriebsrat wechseln wollte.

Political correctness

Euphemismen stehen in einem engen Zusammenhang mit Political correctness. Damit bezeichnet man eine Sprachpraxis, die alle Handlungen und sprachlichen Ausdrucksweisen ablehnt, die Menschen beispielsweise aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht diskriminiert. Als Beispiele seien hier Wörter wie Asylanten oder Unterschicht genannt, die als diskriminierend gelten und durch als diskriminierungsfrei geltende Bezeichnungen wie beispielsweise Asylbewerber oder Arme ersetzt werden.

Fachsprachlicher und öffentlichen Sprachgebrauch

Schließlich können Unterschiede im fachsprachlichen und öffentlichen Gebrauch von Wörtern zu Verständigungsproblemen führen. Als Beispiel sei hier das Wort Störfall angeführt, das im allgemeinsten Sinne ein ungewolltes Ereignis bezeichnet, das einen technischen Ablauf unterbricht. Dabei muss zwischen einem allgemeinen/öffentlichen und einem juristisch/technischen Gebrauch unterschieden werden (vgl. Strauß/Haß/Harras 1989: 524ff.). Beide sind nicht deckungsgleich und stehen zum Teil im Widerspruch zueinander. Das Wort Störfall stammt ursprünglich aus der Fachsprache der Technik und gelangte dann in den juristischen Sprachgebrauch. Im fachsprachlichen Sinne bezeichnet Störfall in Bezug auf Atomkraftwerke "ein ungewollt eintretendes Ereignis (...), das zwar den Ablauf der Energieerzeugung stört oder unterbricht und bei dem radioaktive Teilchen in die Umgebung des Kraftwerkes gelangen, bei dem aber die im Strahlenschutzvorsorgegesetz festgelegten Grenzwerte außerhalb des Reaktors nicht überschritten werden" (Strauß/Haß/Harras 1989). Werden die festgelegten Grenzwerte überschritten, sprechen die Experten von einem Unfall, Reaktorunfall oder Nuklearunfall. Im allgemeinen bzw. öffentlichen Sprachgebrauch werden mit Störfall für Mensch und Umwelt folgenschwere Katastrophen in Atomkraftwerken oder Chemieanlagen bezeichnet. Störfall ist zudem negativ belegt. Die behördliche bzw. fachliche Sichtweise wird oft als euphemistisch kritisiert, was wiederum von offizieller Seite zurückgewiesen wird.


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