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Verwaltungssprache: Bürokratenspeak oder Bürgerdeutsch


12.11.2010
Warum ist "Behördendeutsch" oft so unverständlich? Welche Merkmale kennzeichnen diesen Sprachgebrauch? Und welche Vorteile hätte eine leichter verständliche und bürgernahe Sprache?

Verwaltungssprache:  Bürokratenspeak oder BürgerdeutschVerwaltungssprache: Bürokratenspeak oder Bürgerdeutsch

Grundbegriffe: Wesen und Funktionen der Verwaltungssprache



Bei der Verwaltungssprache handelt es sich um einen rechtlich-institutionellen Sprachgebrauch, der sich wesentlich vom alltäglichen Sprachgebrauch unterscheidet. Die Verwaltungssprache speist sich aus der Sprache des Rechts und den jeweiligen kommunikativen Anforderungen, die sich aus den verschiedenen Zuständigkeitsbereichen von Behörden ergeben – wie zum Beispiel Sozialamt, Rechtsamt, Bauordnungsamt, Umweltschutzamt. Behörden haben dabei die Aufgabe, rechtlich bindende Entscheidungen herzustellen. Zu diesen Verwaltungsentscheidungen zählen das Erlassen von Vorschriften und Verordnungen und das Genehmigen oder Ablehnen von Anträgen. Wir haben es also mit dem Stiltyp der unmittelbaren Verhaltenssteuerung zu tun. Die Gesetze und Verwaltungstexte sollen sicherstellen, dass die Entscheidungen verlässlich und einheitlich sind. Je komplexer Gesellschaften sind, umso wichtiger ist es, dass die Sprache informativ (vollständig), klar, genau, eindeutig und verständlich ist. Zudem muss sie erkennen lassen, dass der Sprecher oder Schreiber legitimiert ist, die Rechte und Pflichten der Normadressaten – also aller durch das Recht angesprochenen Personen – zu bestimmen. Doch trotz – oder gerade wegen – dieser Anforderungen – wird Verwaltungssprache von vielen Menschen oft als unverständlich wahrgenommen. Durch welche Merkmale also unterscheidet sie sich von unserem alltäglichen Sprachgebrauch?



Verwaltungssprachliche Merkmale und ihre besondere Leistung



VerwaltungsspracheVerwaltungssprache
Als Fachsprache beansprucht die Verwaltungssprache anders als die Alltagssprache lückenlose Vollständigkeit und Genauigkeit. Das Streben nach Vollständigkeit führt hierbei zu einer Erfassung aller möglichen Eventualitäten.

Dem Streben nach Genauigkeit dienen unter anderem Präpositionen, die logische Beziehungen verdeutlichen sollen (zur Angleichung, durch Verschulden, im Verhinderungsfall). Auch Funktionsverbgefüge dienen der Exaktheit, wenn sie Begriffe hervorheben (in Rechnung stellen), ein Akkusativobjekt einsparen helfen (eine Genehmigung erteilen) oder Schattierungen ausdrücken, die das Einzelverb nicht ausdrücken kann (in Erfahrung bringen, zum Abschluss bringen, zur Unterzeichnung schreiten). Juristische Begriffe werden definiert, indem die Grenzen ihrer Anwendungsbereiche eindeutig festgelegt werden: Im Sinne dieser Verordnung bezeichnet der Begriff "Fahrzeug" Fahrzeuge der Klasse M1 ... oder N1 ... sowie dreirädrige Kraftfahrzeuge gemäß der Richtlinie 92/61/EWG (ABl. EG Nr. L 225 S. 72). Ganz im Gegensatz zu diesem genauen Sprachgebrauch arbeitet die Alltagssprache mit unscharfen Kategorien und fließenden Übergängen: Abfall ist das, was anfällt, wenn etwas hergestellt oder verzehrt wird, also ein Rest. Anders im Abfallgesetz: §1 (1) Abfälle im Sinne dieses Gesetzes sind bewegliche Sachen, deren sich der Besitzer entledigen will, oder deren geordnete Beseitigung zur Wahrung des Wohls der Allgemeinheit geboten ist (AbfG).

Eine besondere Bedeutung kommt dem komprimiert-abstrakten Stil zu. Die Rechts- und Verwaltungssprache liebt den Nominalstil und damit abstrakte Substantive, die wie das Beispiel Planfeststellungsbeschluss eine ganzes sprachliches Urteil enthalten: Jemand hat beschlossen, einen Plan festzustellen.

Je abstrakter die Wörter sind, desto wichtiger wird für den Schreiber auch der Bau und die Anordnung von Wortgruppen und Sätzen. Das Ergebnis ist der bekannte kompakte Stil, der auf alles Überflüssige verzichtet: Ich ordne die sofortige Vollziehung der Ordnungsverfügung an. Hierzu passt, dass Verwaltungssprache als Fachsprache eine Sprache für Menschen ist, die bereits verstanden haben, und deshalb oft darauf verzichtet, einen Verstehenshorizont aufzubauen.

Als Bürger erwarten wir, gerecht behandelt zu werden. Das Recht schränkt die Willkür ein und behandelt alle Menschen gleich. Aus diesem Grund hat das bürokratische Verfahren einen emotionslosen und unpersönlichen Stil entwickelt, der der Alltagssprache ebenfalls fremd ist. Der Mensch als Handelnder tritt nicht hervor, weshalb der Imperativ fehlt und Pronomen selten sind: Der Aufenthalt im Park bei starkem Wind geschieht auf eigene Gefahr; Die Benützung der Liegewiesen richtet sich nach den besonderen Bestimmungen.

Auf juristischer Seite werden Gesetze nicht "gelesen", sondern ausgelegt, das heißt es werden Wissensrahmen konstruiert, um Sachverhalte der Lebenswelt so "zuzubereiten", dass rechtssichere Entscheidungen getroffen werden können. Sprachlich drückt sich dies im Merkmal der Intertextualität aus. Hierzu zählen Gesetzesverweise im Text ebenso wie Rechtsbegriffe, die als "Texthüllen" [1] benutzt werden. Gemeint sind Begriffe wie zum Beispiel grobe Fahrlässigkeit oder Überschussbeteiligung, die für sich genommen verständlich wirken, hinter denen sich aber ganze Bündel von miteinander vernetzten Rechtssätzen verbergen.

Die Wahrheitsbedingung der Rechts- und Verwaltungssprache lautet "x gilt als verbindlich". Sanktionen helfen, das geltende Recht durchzusetzen. Die Tatsache, dass mehrere Sachverhalte als gleichzeitig geltend wahrgenommen werden sollen, begünstigt die Verwendung von Schachtelsätzen: Das Übergangsgeld wird für die Zeit, die der Beamte das Amt, aus dem er entlassen worden ist, innehatte, mindestens für die Dauer von sechs Monaten, längstens für die Dauer von drei Jahren, gewährt (Beamtenversorgungsgesetz § 47a, Abs. 2).


Fußnoten

1.
Schwintowski 2003, S. 14

 

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