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15.10.2010 | Von:
Cornelia Schmitz-Berning

Sprache und Sprachlenkung im Nationalsozialismus

Einige unsystematisch herausgegriffene Beispiele mögen die Sprachregelung durch Presseanweisungen illustrieren: Immer wieder lässt die NSDAP darauf hinweisen, dass bestimmte Bezeichnungen für die Partei und den Nationalsozialismus reserviert sind und nur in diesem und keinem anderen Bezug gebraucht werden dürfen:
  • "Die tschechischen Nationalsozialisten sollen in Zukunft als tschechische Volkssozialisten bezeichnet werden." (7.1.1938)
  • "Die deutsche Presse wird auch General Antonescu nicht den Titel Staatsführer oder Führer geben, er bleibt für uns Ministerpräsident". (6.10.1940) [7]
  • "Der Begriff Parteigenosse ist nur für die NSDAP." (8.3.1943)
  • "Die Worte Parteitag und Kongress sind für die NSDAP." (1940) "Die Bezeichnung Feierstunde und Morgenfeier sind ausschließlich für die Partei vorbehalten." (16.2.1942)
  • "Kampfflugzeuge nur für die deutschen Flugzeuge ..."(14.8.1941)
  • "tapfer nur für deutsche Soldaten." (11.9.1939)


Wichtige Hochwertwörter der nationalsozialistischen Weltanschauung durften nicht profaniert werden:
  • "Es ist unzulässig, mit dem Stichwort Rasse Propaganda für einen modernen Hut zu machen." (14.1.1937)
  • "Die Formulierungen katholisches Volk, Kirchenvolk, evangelisches Volk sind unbedingt zu vermeiden. Es gibt nur ein deutsches Volk." (11.8.1936)
  • "Es wird gebeten, das Wort Propaganda nicht missbräuchlich zu verwenden. Propaganda ist im Sinne des neuen Staates gewissermaßen ein gesetzlich geschützter Begriff und soll nicht für abfällige Dinge Verwendung finden. Es gibt also keine Greuelpropaganda, keine bolschewistische Propaganda, sondern nur eine Greuelhetze, Greuelagitation, Greuelkampagne usw. Kurzum – Propaganda nur dann, wenn für uns, Hetze, wenn gegen uns." (28.7.1937)
Gebäude des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda am Wilhelmplatz in Berlin.Gebäude des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda am Wilhelmplatz in Berlin. (© Bundesarchiv, Bild 146-1985-013-24 / Fotograf: Otto Hagemann)
Als 1938 die tödlichen Schüsse des 17–jährigen Herschel Grünspan auf den Botschaftssekretär Ernst Eduard vom Rath zum Vorwand genommen wurden für die beispiellosen Gewaltexzesse des organisierten Novemberpogroms gegen die Juden, nahm Goebbels die Steuerung der Presseberichtersterstattung über die barbarischen Ereignisse am 9./10. November selbst in die Hand. Goebbels selbst war es, der mit Zustimmung Hitlers durch eine hetzerische Hassrede gegen die Juden die von der SA organisierten Terroraktionen in Gang gesetzt hatte. Nun aber wollte er die Verhaftung Zehntausender Juden, die Verschleppung in Konzentrationslager, die brutalen Gewalttaten, die eine unbekannte Zahl von Menschen das Leben kosteten, das Niederbrennen der Synagogen, die Demolierung Zigtausender von Geschäften, die Verwüstung von Wohnungen und die Zertrümmerung ungezählter Fensterscheiben als Ausdruck der spontanen Volkswut erscheinen lassen.

Die entsprechende Presseanweisung vom 10. November 1938 lautet: "Meldungen ueber Vergeltungsmaßnahmen gegen Juden dürfen nur in DNB-Fassung gebracht werden." [8] Die DNB-Meldung, die am folgenden Tag in der gesamten Presse an herausgehobener Stelle erschien, hatte den Text: "Die berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes über den feigen Meuchelmord an einem Diplomaten in Paris hat sich in der vergangenen Nacht in umfangreichen Maße Luft verschafft. In zahlreichen Städten und Orten des Reiches wurden Vergeltungsaktionen gegen jüdische Gebäude und Geschäfte vorgenommen. Es geht nun an die gesamte Bevölkerung die strenge Aufforderung, von allen Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum, gleichgültig welcher Art, sofort abzusehen ..."[9]

In einer weiteren Presseanweisung legte der Propagandaminister ergänzend fest: "Wenn Kommentare noetig sind, sollen sie nur kurz sein und etwa sagen, dass eine begreifliche Empoerung der Bevoelkerung eine spontane Antwort auf die Ermordung des Gesandtschaftsrates gegeben habe." [10]

Sprache und Sprachlenkung im NationalsozialismusSprache und Sprachlenkung im Nationalsozialismus
Tatsächlich findet man in der Presse, in allen Publikationen bis zu den "Geheimen Lageberichten des Sicherheitsdienstes der SS" [11], immer nur die 5 oder 6 genehmigten Vokabeln (Vergeltungsmaßnahmen, Aktionen gegen die Juden, Demonstrationen, spontane Antwort, begreifliche Empörung, Protestaktionen oder Zusammensetzungen daraus: Vergeltungs-, Juden-, Demonstrations--, Empörungs-, Spontanaktionen, -maßnahmen). Für die umstrittene Bezeichnung Reichskristallnacht gibt es im Übrigen keinen zeitgenössischen schriftlichen Beleg. Sie war offenbar ein Element der inoffiziellen mündlichen Sprache.

Auch die sprachlichen Äußerungen von Parteigrößen und selbst Hitlers 'Mein Kampf' wurden von den regulierenden Maßnahmen zur ideologischen Vereinheitlichung des Sprachgebrauchs nicht ausgenommen. Eine Presseanweisung vom 1. September 1934 etwa ordnet an: "Das Wort des Ministerpräsidenten Göring Das deutsche Volk muß ein Volk von Fliegern werden soll aus außenpolitischen Gründen aus der deutschen Presse verschwinden."[12] In einer Anweisung vom 6. März 1941 wird ausgeführt: "In der Ley-Rede in Leipzig kam der Satz vor: Recht ist allein, was der Nation nutzt. Ein anderes Recht gibt es nicht. In einem Augenblick, wo wir uns um die Neuordnung Europas im Sinne einer höheren Gerechtigkeit bemühen, sind derartige Wendungen gefährlich und müssen unterbleiben. Alle deutschen Schriftleiter werden vom Reichspressechef auf ihre nationale Verantwortlichkeit bei der Weitergabe außenpolitischer Redewendungen erinnert. Auch wenn solche Dinge in DNB-Meldungen, Redewiedergaben usw. stehen, müssen sie ausgemerzt werden. Jeder deutsche Schriftleiter ist dem Reichspressechef für diese Sorgfalt verantwortlich. Es kann also in Zukunft in Reden herumgestrichen werden." [13]

In Hitlers 'Mein Kampf' zählt Hermann Hammer [14] allein 2.294 Änderungen von der 1. Auflage 1925/27 bis zur 6. Auflage 1930/33 – weitere Änderungen folgten bis zur letzten Auflage. Die Änderungen dienten der stilistischen Glättung, kleinen sachlichen Korrekturen, aber auch der Anpassung von bestimmten Textstellen an den ideologisch definierten NS-Sprachgebrauch. Ein Beispiel: Erst in der 820. Auflage von 1943 – zur Zeit der Judenvernichtung – erhält ein bis dahin unverändert gebliebener hasserfüllter Satz über die Juden in Russland eine neue Fassung. Da wo vorher von 'fanatischer Wildheit' die Rede war‚ heißt es nun: "Das furchtbarste Beispiel bietet Rußland, wo er [der Jude] an 80 Millionen Menschen in wahrhaft satanischer Wildheit ... töten und verhungern ließ." Die Tatsache, dass Fanatismus im Dritten Reich zur höchsten Qualifikation eines Nationalsozialisten geworden war, ließ eine Anpassung auch des Hitlertextes als opportun erscheinen.

Es wird erkennbar, dass die nationalsozialistische Sprachlenkung durch die Festlegung der Gebrauchsweisen von Wörtern, Schlagwörtern und Slogans auf eine einzige Bedeutung eine Einheitssprache schaffen wollte, die konkurrierenden Meinungen und Interpretationsweisen (W. Dieckmann) das Wort abschnitt, so dass Gegenmeinungen und Gegenargumente in der Öffentlichkeit nicht mehr vernehmbar waren.

Es ist allerdings zu beachten, dass einer solchen Sprachbeeinflussung von oben das begeisterte Mitgehen der Überzeugten, die Anpassungsbereitschaft der Opportunisten, die Echohaftigkeit der Unreflektierten, das Unauffälligkeitsstreben der Ängstlichen, die Camouflage der Abseitsstehenden entgegenkam. Wobei allerdings auch zu berücksichtigen ist, dass öffentliche Kritik oder durch Denunziation öffentlich gewordene private Kritik unter vorher nicht kalkulierbaren Umständen tödlich sein konnte.

Fußnoten

7.
"Presseanweisungen ab 1939 s. R. Glunk: Erfolg u. Mißerfolg d. nationalsozialistischen Sprachlenkung. In: Zeitschr. f. dt. Sprache 22/1966-27/1971.
8.
"In: NS-Presseanweisungen d. Vorkriegszeit, Bd. 6/III, Nr. 3204.
9.
"In: NS-Presseanweisungen d. Vorkriegszeit, Bd. 6/III, Nr. 3204.
10.
"Bd. 6/III, Nr. 3209
11.
"Meldungen aus d. Reich 1938-1945. Die geheimen Lageberichte d. Sicherheitsdienstes d. SS. Hg. u. eingel. v. Heinz Boberach, 17 Bde. Herrsching 1984.
12.
"ZSg. 101/4, Nr. 704, 1.9.1934, Slg. Brammer, Bundesarchiv Koblenz.
13.
"ZSg. 101/19, Nr. 727 TP, 6.3.1941, Slg. Brammer, Bundesarchiv Koblenz.
14.
"Die deutschen Ausgaben von Hitlers 'Mein Kampf'. In: Vierteljahresh. f. Zeitgesch., 4. Jg., 1956, Nr. 2, S. 161-178.

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