Erde

Gewalt gegen Frauen

25.11.2014
Der 25. November ist seit 15 Jahren der "Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen". Ob in Indien, im Sudan oder in Deutschland: Körperliche und seelische Verletzungen von Frauen sind weltweiter Alltag – ebenso wie der Kampf von Frauen dagegen.

Mehrere Frauen haben ein schwarzes Tuch um den Mund gebunden. Sie demonstrieren damit in Mumbai gegen die Gruppenvergewaltigung einer Fotojournalistin.Nachdem die Gruppenvergewaltigung einer Fotojournalistin bekannt wurde, protestieren im August 2013 in Mumbai, Indien, Journalistinnen mit schwarzen Tüchern vor dem Mund gegen die Gewalt gegen Frauen in ihrem Land. (© picture-alliance/AP)

Gewalt gegen Frauen bezeichnet die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) als eines der größten Gesundheitsrisiken von Frauen: Mehr als jede dritte Frau weltweit (35 Prozent) hat in ihrem Leben bereits sexuelle, physische oder psychische Gewalt innerhalb oder außerhalb von Partnerschaften erlebt. Das schätzt die WHO in einer aktuellen Untersuchungsreihe. Gewalt innerhalb von Beziehungen sei dabei die am meisten verbreitete Gewalt gegen Frauen.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine im März 2014 veröffentlichte Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (European Union Agency for Fundamental Rights, FRA). Die FRA hatte rund 42.000 Frauen in den Ländern der Europäischen Union befragt. Jede dritte Frau gab an, bereits Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt geworden zu sein (33 Prozent) – auch in Deutschland (35 Prozent). In einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von 2004 mit mehr als 10.000 befragten Frauen in Deutschland lag der Anteil derjenigen Frauen, die sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt hatten, bei 40 Prozent.

Die historisch ungleichen Machtverhältnisse



Seit 15 Jahren widmen die Vereinten Nationen (United Nations, UN) den 25. November der Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Die UN-Generalversammlung hatte den internationalen Aktionstag im Dezember 1999 beschlossen. In der Begründung heißt es: "Gewalt gegen Frauen offenbart die historisch ungleichen Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen, welche zu Herrschaft über und Diskriminierung von Frauen durch Männer geführt haben und den vollständigen Aufstieg von Frauen verhindern." Gewalt gegen Frauen sei einer der entscheidenden sozialen Mechanismen, um Frauen in Männern untergeordnete Positionen zu zwingen. Die UN-Generalversammlung fordert seither alle Regierungen und Institutionen auf, den 25. November zu nutzen, um das öffentliche Bewusstsein für das Problem gegen Frauen gerichteter Gewalt zu schärfen.

Mord an drei Schwestern



Die Auswahl des Datums ist kein Zufall. Im Jahr 1981 hatte die Schriftstellerin Ángela Hernández auf einem Kongress südamerikanischer und karibischer Frauenrechtsaktvistinnen in Bogotá vorgeschlagen, den 25. November als Aktionstag einzuführen. Das Datum sollte an die Ermordung der drei Frauen Patria, Minerva und María Teresa Mirabal erinnern. Die drei Schwestern waren im Auftrag des dominikanischen Diktators Rafael Trujillo als Mitglieder der Oppositionsbewegung am 25. November 1960 ermordet worden

Am Todestag der drei Schwestern weisen die Vereinten Nationen seit 1999 jährlich darauf hin, dass Frauen häuslicher, sexueller, politischer und kultureller Gewalt ausgesetzt sind. Dazu gehören auch sexuelle Belästigung, frauenfeindliche Sprache, Körperverletzungen und Morde durch Beziehungspartner, Menschenhandel und Zwangsprostitution, Genitalverstümmelung, so genannte "Ehrenmorde" und Vergewaltigungen.

Vergewaltigung als Waffe



Vergewaltigungen werden in Kriegen und Konflikten systematisch und gezielt als Waffe eingesetzt. Allein in Ruanda wurden während des Völkermords 1994 mehr als 250.000 Frauen vergewaltigt und dabei häufig auch mit HIV infiziert. Bei Kämpfen zwischen staatlichen Militärs und Rebellengruppen in der Demokratischen Republik Kongo registrierte die UN zwischen Januar 2010 und Dezember 2013 insgesamt 3.635 Vergewaltigungen – die Dunkelziffer liegt nach Schätzung der UN jedoch weit höher. Zuletzt verlangte die Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs für sexuelle Gewalt in Konflikten, Zanaib Hawa Bangura, sofortigen und ungehinderten Zugang für UN-Ermittler in Nord-Darfur/Sudan und Südsudan: In beiden Ländern war es zuletzt und während des Bürgerkriegs zu Massenvergewaltigungen und schwersten Sexualverbrechen gekommen.

Doch auch in von Kriegen verschonten Ländern werden Frauen vergewaltigt. Öffentlich diskutiert werden dabei nur wenige Fälle sexueller Gewalt. Viele Frauen trauen sich nicht von ihren Erlebnissen zu berichten, da sie als Betroffene erneut stigmatisiert werden.

Weltweite Aufmerksamkeit erlangte der brutale Mord an einer 23-jährigen Frau in Indien im Dezember 2012. Sechs Männer hatten sie vor den Augen ihres Freundes in einem Bus vergewaltigt; sie starb an den ihr zugefügten Verletzungen. Seitdem protestieren immer mehr indische Frauen gegen die Straf- und Folgenlosigkeit der alltäglichen sexualisierten Gewalt in ihrem Land. Laut offiziellen Zahlen wird in Indien alle 21 Minuten eine Frau vergewaltigt, die Dunkelziffer dürfte aber weitaus höher liegen, schätzt die Indologin Dorothea Riecker. Die Indische Regierung gab dem öffentlichen Druck der Proteste 2013 nach und verabschiedete ein neues Gesetz gegen Vergewaltigungen, mit dem es unter anderem das Strafmaß bei Vergewaltigungen drastisch verschärfte: Tätern droht nun die Todesstrafe.

Sexuelle Gewalt gegen Frauen in Deutschland



Die Frauenschutzorganisation "Terre des Femmes" geht davon aus, dass fast jede siebte Frau in Deutschland von "strafrechtlich relevanter" sexueller Gewalt betroffen ist – darunter fallen Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung und sexuelle Nötigung. Die Organisation beruft sich dabei auf die Ergebnisse der Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von 2004 (siehe oben). Der Untersuchung zufolge wenden sich zudem nur wenige Frauen – gerade einmal acht Prozent – im Falle sexueller Gewalt an die Polizei, noch weniger Fälle würden zur Anzeige gebracht und in Gerichtsverfahren münden. "Terre des Femmes" kritisiert deshalb vor allem die Strafverfolgung in Deutschland: Jährlich würden einer Studie der London Metropolitan University von 2009 zufolge rund 8.000 Vergewaltigungen in Deutschland angezeigt, es komme aber nur in rund 13 von 100 Fällen zu einer Verurteilung. Damit läge Deutschland unter dem europäischen Durchschnitt.

Hilfe für Frauen, die von Gewalt betroffen sind

Seit März 2013 können von Gewalt bedrohte und betroffene Frauen rund um die Uhr eine bundesweite und kostenlose Hotline anrufen: Unter 08000 -116 016 beraten und unterstützen Mitarbeiterinnen hilfesuchende Frauen.

Mehr Informationen unter: www.hilfetelefon.de


Mehr zum Thema:

  • Becker, Julia C.: Subtile Erscheinungsformen von Sexismus
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  • Lembke, Ulrike: Sexuelle Belästigung: Recht und Rechtsprechung
  • Dittmer, Cordula: Genderdimensionen des Waffengebrauchs
  • Kavemann, Barbara: Kooperation zum Schutz vor Gewalt in Ehe und Beziehungen



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