Blick auf den Erdball vom Weltall aus. Im Zentrum des Betrachters ist die nördliche Halbkugel zu sehen. Sie ist kaum von Wolken bedeckt. Im Westen liegt der amerikanisch Kontinent, im Osten liegt Europa. Dazwischen leuchtet blau der Ozean Atlantik.

31.1.2019

6. Februar: Internationaler Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind weltweit über 200 Millionen Mädchen und Frauen beschnitten. Drei Millionen Mädchen sind jährlich gefährdet, Opfer einer Beschneidung zu werden. Seit 2003 macht jedes Jahr am 6. Februar der "Internationale Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung" auf diese Form der Menschenrechtsverletzung aufmerksam.

Frauengruppen in Somalia starten am 8.3.2004 in Mogadischu die erste landesweite Kampagne gegen die Beschneidung von Mädchen (FGM=Female Genital Mutilation)Frauengruppen in Somalia starten am 8.3.2004 in Mogadischu die erste landesweite Kampagne gegen die Beschneidung von Mädchen (FGM=Female Genital Mutilation) (© dpa, Fotoreport)

Die sogenannte "Female Genital Mutilation" (FGM, dt.: Genitalverstümmelung) oder das "Female Genital Cutting" (FGC, dt.: Genitalbeschneidung) wird in 30 Ländern Afrikas, des Mittleren Ostens und Asiens praktiziert [1]. Die Motive der Beschneidung unterscheiden sich hinsichtlich der kulturellen Praktiken in den verschiedenen Ländern. Das Sicherstellen der Jungfräulichkeit, bessere Chancen auf dem Heiratsmarkt oder spirituelle Reinheit sind verbreitete Begründungen für das Ritual. Das Problem der Genitalverstümmelung existiert auch in Deutschland. Nach Schätzungen der Nichtregierungsorganisation "Terre des Femmes" lebten 2018 in Deutschland etwa 65.000 betroffene und 15.500 gefährdete Mädchen und Frauen – ein Anstieg von mehr als zehn Prozent im Vergleich zum Jahr 2017.

Eingriff

Die WHO definiert die weibliche Genitalverstümmelung als "jede teilweise oder totale Entfernung oder sonstige Verletzung der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane aus nicht medizinischen Gründen". Es gibt verschiedene Formen von FGM/FGC, die je nach Land und Region ab dem Säuglingsalter bis ungefähr zum 14. Lebensjahr durchgeführt werden. Aber "auch Frauen, die kurz vor der Eheschließung stehen, sind generell gefährdet", sagt Idah Nabateregga, Referentin für weibliche Genitalverstümmelung bei "Terre des Femmes" in Berlin. Ältere Frauen, die in ihren Dörfern mit der Aufgabe betraut wurden, oder traditionelle Geburtshelferinnen führen die Eingriffe durch. Häufig verwenden sie dabei nicht sterilisierte Messer, Glasscherben, Rasierklingen, Scheren oder Skalpelle, ohne ihren Opfern eine Narkose zu geben oder Antiseptika zu verwenden.

Gesundheitliche Folgen

Für die Mädchen und Frauen beginnt mit der Verstümmelung ein lebenslanger Leidensweg. Neben dem Schock, den die Betroffenen erleben, kommt es durch beschädigte Venen und Arterien zu starken Blutungen. Viele Betroffene leiden unter Infektionen. Sie entstehen durch nicht sterilisierte Instrumente, traditionelle Wundheilmittel und den Brauch, dem Opfer nach dem Eingriff die Beine zusammenzubinden, was den Abfluss des Wundsekrets verhindert. Langzeitfolgen sind Unfruchtbarkeit, chronische Unterleibsentzündungen, Harnwegsinfektionen und Abszesse sowie Schwierigkeiten beim Urinieren und bei der Menstruation. Laut WHO sterben 10 Prozent der Frauen und Mädchen an den direkten Folgen wie Blutvergiftung und Blutverlust. 25 Prozent sterben an langfristigen Folgen wie Infektionen mit Aids und Hepatitis sowie an Komplikationen bei der Geburt. Viele Betroffene leiden jahrelang unter dem erlebten Trauma und haben das Vertrauen in ihre Bezugspersonen verloren. Langfristig kämpfen sie mit Angstzuständen, dem Verlust ihrer Weiblichkeit, Schamgefühlen, Depressionen, chronischer Reizbarkeit, Frigidität, Partnerschaftskonflikten und Psychosen [2]. In Deutschland sind Ärzte und Ärztinnen teilweise noch unvorbereitet, da sie keine Erfahrung haben, wie sie mit den Frauen einfühlsam über die Verstümmelung sprechen können und wie sie mit einer betroffenen Frau bei der Geburt umgehen müssen. Doch mittlerweile gibt es mehrere Angebote, wie beispielsweise das "Desert Flower Center" in Berlin, das auf die medizinische und psychologische Betreuung der Opfer von Genitalverstümmelung spezialisiert ist.

Rechtliche Situation

Genitalverstümmelung ist seit 1992 von den Vereinten Nationen als Menschenrechtsverletzung anerkannt. Und auch in den meisten nationalen Gesetzgebungen ist die weibliche Genitalverstümmelung auf dem Papier längst verboten. Von den 30 Ländern, in denen Frauen traditionell beschnitten werden, haben 26 Staaten Gesetze, welche FGM verbieten. In Liberia, Teilen Somalias (Somaliland), Sierra Leone und Mali gibt es keine gesonderten gesetzlichen Regelungen dazu. Zuletzt kündigte die kurdische Regionalregierung im Nordirak ein totales Verbot von FGM an. Insgesamt 33 weitere Länder mit Migrationsbevölkerungen aus Staaten mit FGM-Praktiken haben ebenfalls entsprechende Gesetze erlassen. In Deutschland, wie in anderen europäischen Ländern, ist FGM seit 2013 ein Straftatbestand (Strafbesetzbuch, § 226a).[3] Außerdem gibt es internationale Abkommen wie die Frauenrechtskonvention, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Kinderrechtskonvention, in denen die weibliche Genitalverstümmelung explizit geächtet wird.

Laut einer im Juli 2018 veröffentlichten Statistik von "Terre des Femmes" lebten innerhalb Deutschlands zahlenmäßig die meisten Opfer von FGM in Nordrhein-Westfalen (13.455), Bayern (11.351), Hessen (10.856) und Baden-Württemberg (7.404).

Nach einer UNICEF-Studie ist die Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen seit den 1980er Jahren weltweit um etwa ein Drittel zurückgegangen. Sowohl unter Frauen als auch unter Männern findet sich in den von FGM-Praktiken betroffenen Ländern eine Mehrheit dafür, Genitalverstümmelungen zu beenden.

Allerdings sind die Erfolge in der Bekämpfung des traditionellen Rituals von Land zu Land sehr unterschiedlich. Während Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen sich in Nigeria, Zentralafrika oder Liberia in den vergangenen Jahrzehnten um die Hälfte verringert hat, sind in Somalia, Guinea, Ägypten und Djibouti weiterhin etwa 90 Prozent der weiblichen Bevölkerung von Genitalverstümmelung betroffen.

Sensibilisierung und Aufklärung

Es gibt heute vielerorts Organisationen, die sich gegen Genitalverstümmlung einsetzen. In Deutschland engagiert sich beispielsweise "Terre des Femmes" mit anderen Organisationen aus verschiedenen EU-Staaten in einem gemeinsamen Projekt "Change Plus" und bildet sogenannte Change Agents aus. Diese sind engagierte Mitglieder afrikanischer Gemeinden, die sich in ihren Communities durch Aufklärung dafür einsetzen, dass die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung beendet wird. Idah Nabateregga wünscht sich mehr Einsatz von der Bundesregierung. "Es fehlen bundesweit flächendeckende und ausreichend spezialisierte Projekte, vor allem für Minderjährige", kritisiert die Referentin von "Terre des Femmes". Und: "Diese müssen ausreichend und langfristig finanziert sein." Zudem müsse das Thema FGM Teil der Berufsausbildung werden, beispielsweise bei medizinischem und psychologischem Fachpersonal. "Die Erfolge kann man noch nicht statistisch messen", sagt Nabateregga, aber immerhin könne man in den Communities jetzt offener über das Thema reden.




Mehr zum Thema:


Fußnoten

1.
https://www.bundestag.de/blob/557698/259d14b816ce5ada304073c98eefa069/wd-9---023-18-pdf-data.pdf
2.
Eine im Juni 2018 veröffentlichte Studie der Uni Konstanz beispielsweise untersuchte die psychischen Belastungen, die mit FGM einhergehen. In der Gruppe der untersuchten Patientinnen, die zum Zeitpunkt der Studie durchschnittlich 32 Jahre alt waren, litten fast 20 Prozent unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Auch auf die Stressregulation des Körpers hat FGM Auswirkungen. Die Forscher fanden in den Haaren der Frauen erhöhte Werte des Stresshormons Kortisol. Das galt auch für Patientinnen, die bereits im Säuglingsalter verstümmelt wurden. (Link zur Studie: https://doi.org/10.1186/s12888-018-1757-0)
3.
https://www.bundestag.de/blob/557600/f56055a9a0d7a4dc25096a798d8c8569/wd-7-075-18-pdf-data.pdf

Dossier

Frauenbewegung

In Deutschland ist wieder viel von Frauenbewegung und vom Verhältnis der Geschlechter die Rede. Doch wie verlief der Weg der Emanzipation? Die Geschichte der Frauenbewegung zeigt, an welchem Punkt Frauen heute stehen und was alles erreicht wurde.

Mehr lesen

Dossier

Frauen in Deutschland

Regierung und Wirtschaft diskutieren derzeit die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote für Führungspositionen. Bisher sind Chefetagen überwiegend von Männern besetzt, obwohl Frauen gleiche oder höhere Abschlüsse, Qualifikationen und Führungskompetenzen besitzen.

Mehr lesen