Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

31.3.2011 | Von:
Jürgen Kühl

Betriebe und Beschäftigung

Wenn vom Beschäftigungssystem und von Arbeitsmärkten, von Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik die Rede ist, wird sehr häufig vergessen, dass rund 5 Millionen Betriebe und Verwaltungen die verantwortlichen Arbeitgeber der gut 40 Millionen Erwerbstätigen sind. Der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul A. Samuelson verweist uns zurecht auf unsere zwei Augen, um stets Nachfrage nach und Angebot an Erwerbspersonen gemeinsam im Blick zu haben. Nur so sind die Akteure mit ihren einzelnen Entscheidungen und Interessenlagen zu verstehen.

Trainer Joachim Madlenscha im Trainigszentrum der Adam Opel AG in Eisennach 2001.Trainer Joachim Madlenscha im Trainigszentrum der Adam Opel AG in Eisennach 2001. (© AP)

Bestimmungsgrößen der Betriebslandschaft

Betriebe und Verwaltungen sind die örtlichen Erbringer der Güterproduktion oder Dienstleistung. Eigentümer können Privatpersonen oder öffentliche Hände sein. Es kommen viele Rechtsformen vor, die meisten sind Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbH). Häufig sind Betriebe zu Unternehmen zusammengefasst und verteilen sich über viele Standorte im Inland, mitunter auch im Ausland. Die Nachfrage nach Arbeitsleistung ist dabei immer abgeleitete Nachfrage: In privatwirtschaftlichen Betrieben aus Aufträgen, Umsatz, Absatz- und Gewinnerwartungen, Marktlagen, Konjunktur- und Wachstumszyklen, Strukturwandel und staatlicher Politik. Öffentliche Nachfrage ist abgeleitet aus der staatlichen Daseinsvorsorge, den gesetzlichen Aufgaben und Programmen sowie den Stellenplänen der Gebietskörperschaften im gesamten Öffentlichen Dienst. Beschäftigung sowie Aus- und Weiterbildung dafür sind also kein Selbstzweck, sondern unerlässliche Mittel zur Zielerreichung. Betriebe und Verwaltungen entscheiden, ob sie Arbeits- und/oder Ausbildungsplätze einrichten, anbieten, besetzen, verändern, räumen und neu besetzen, verlagern oder gar abschaffen. Bei etwa fünf Millionen Betrieben mit 40 Millionen besetzten und etwa anderthalb Millionen als frei angebotenen Arbeitsplätzen fallen also jedes Jahr sehr viele einzelne Beschäftigungsentscheidungen.

In den Jahrzehnten mit Massenarbeitslosigkeit, die im Westen seit 1975, im Osten seit 1990 herrscht und auch bei erfreulichen Rückgängen unter drei Millionen (noch) nicht durch Vollbeschäftigung abgelöst ist, kann der betrieblichen Nachfrageseite sogar ein strukturelles Übergewicht in nahezu allen Fragen der betrieblichen Bildung und Beschäftigung bescheinigt werden. Das mag sich jetzt allmählich zu mehr Verhandlungs- und Machtgleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage verändern, wenn das Erwerbspersonenpotential und die Nachwuchsjahrgänge kleiner und das Fachkräfteangebot knapper werden, die Belegschaften stark altern und geburtenstarke Jahrgänge alsbald in Rente gehen.

Mit über 4 Millionen Betrieben und Verwaltungen ist die größte Gruppe diejenige, die mindestens einen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten oder Auszubildenden hat. Sie sind in der Betriebsdatei der BA verzeichnet und stellen die große Masse der Arbeitsplätze. Freiberufler wie Ärzte, Apotheker, Architekten, Kanzleien und Notare sowie Landwirte einschließlich mithelfender Angehöriger, Einzelunternehmer, reine Beamtenverwaltungen usw., die keinen Einzigen sozialversichert beschäftigen oder ausbilden, sind in der Betriebsdatei bei der BA also nicht registriert. Wenn aber Zahnärzte, Tierärzte sowie Anwälte, Steuerberater und Apotheken sowie weitere Freie Berufe ausbilden oder Mitarbeiter sozialversicherungspflichtig beschäftigen, zählen sie zur Gesamtheit der erfassten Betriebe. Durch Existenzgründungen und Betriebsschließungen ist die Gesamtzahl der Betriebe jährlich stark in Bewegung.

Diese große, vielfältige und quirlige Betriebslandschaft, deren Betriebsgrößen mit durchschnittlich 17 Beschäftigten pro Betrieb im Westen und 15 im Osten freilich recht kleinteilig sind, hat vor allem folgende Herausforderungen zu bestehen:
  • Als Träger der dualen Berufsausbildung für rund zwei Drittel eines Jahrgangs sind Betriebe mit einer Ausbildungsberechtigung für qualifizierten Berufsnachwuchs zuständig. Gegenwärtig schlägt die Großwetterlage von der "Berufsnot der Jugend" mit vielen Altbewerbern, die mangels ausreichender Ausbildungsplätze im sogenannten Übergangssystem verweilten, in partielle Bewerberknappheiten mit hochkonzentrierten Berufswünschen um.

  • Die betriebliche Weiterbildung konzentriert sich trotz vielfältiger Arbeitsförderung immer noch zu stark auf besser Qualifizierte, Männer und Beschäftigte in den mittleren Altersstufen. Weiterbildung für Geringqualifizierte und innerbetriebliche Aufstiegsfortbildung gelten als entwicklungsbedürftig.

  • Wird durch eigene Aus- und Weiterbildung sowie Personalentwicklung im Betrieb zu wenig für die Fachkräftesicherung gesorgt, bleibt die Deckung des Fachkräftebedarfs aus anderen Betrieben, aus dem Bestand an Arbeitslosen, aus der Stillen Reserve oder aus dem Ausland, doch dann auch zu Marktlöhnen.

  • Atypische, marginale oder gar prekäre Beschäftigung sowie Niedriglohnarbeit, offenbaren mitunter Fehlentwicklungen, denen Tarifparteien, Politik und Staat entgegentreten können. Einzubeziehen sind ferner Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung. Beachtung sollte auch die Mehrfachbeschäftigung finden, denn 2010 besserten etwa 15% der Erwerbstätigen ihr Haupteinkommen durch eine weitere Berufstätigkeit auf, hauptsächlich Geringverdiener und Selbständige, viermal so viele wie noch vor der Krise 2009.

  • Nachwuchs- und Fachkräftesicherung, betriebliche Weiterbildung insbesondere für bislang vernachlässigte Mitarbeiter, alternde Belegschaften und trotz steigender Erwerbstätigenquoten bald starke Abgänge von Fachkräften in die Rente fordern Personalentwicklung und -planung völlig neu. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, moderne und familienfreundliche Betriebs- und Arbeitszeiten sowie die Besetzung von Führungspositionen mit viel mehr Frauen als bislang kommen hinzu.

  • Die öffentliche Personalwirtschaft ist fast durch eine Halbierung des Öffentlichen Dienstes in den letzten Jahrzehnten gekennzeichnet, wenn auch im Westen aus eher finanziellen Gründen als in den neuen Ländern, deren Regierungen und Verwaltungen völlig neu aufzubauen waren. Hatte der Öffentliche Dienst Anfang der 1990er Jahre noch 5,3 Millionen Beschäftigte, waren es 2010 noch 3,6 Millionen. Allein der Bund hat seit 1993 Jahr für Jahr 1,5% der frei werdenden Stellen gestrichen. Mehrere Länder haben ihren Öffentlichen Dienst halbiert, einige versuchten, den Stellenabbau teilweise durch öffentlich geförderte Beschäftigung auszugleichen. Als Ausbilder und Arbeitgeber bleibt der Öffentliche Dienst perspektivisch also gefragt.

Das IAB-Betriebspanel als Dauerbeobachtung betrieblicher Entwicklungen

Die Betriebe und Verwaltungen haben für die vorgenannten Herausforderungen entscheidendes Gewicht und eine mitverantwortliche Rolle, die Arbeitsmarktpolitik bei der Problemlösung zu unterstützen. Ausgangspunkt ist die repräsentative Information über nahezu alle Aspekte der betrieblichen Beschäftigung und Qualifizierung. Für die kontinuierliche Beobachtung, Messung und Erklärung der betrieblichen Nachfrage in Betrieben aller Branchen und Größen dient seit 1993 im Westen und seit 1996 im Osten das IAB-Betriebspanel. Daran wirken inzwischen fast 16.000 Betriebe jährlich mit. Der spätere Beginn im Osten erklärt sich daraus, dass sich dort die Betriebslandschaft nach Treuhandpolitik, Privatisierung, Schließung und Neugründung von Betrieben erst neu herausbilden musste. Im Westen konzentrieren sich etwa drei Viertel aller Beschäftigten auf etwa ein Viertel aller Betriebe, die allerdings sehr lange bestehen. Solche langlebigen Betriebe bilden den Kern für eine Dauerbeobachtung Jahr für Jahr. Bei mehr als 80% der Befragungen handelt es sich um wiederholt befragte Betriebe.

Das IAB-Betriebspanel ist auch international gesehen ohne Beispiel. Denn die Mitwirkung der befragten Personalverantwortlichen ist sehr hoch. Durch stets gesicherte Anonymität ist die Vertraulichkeit der mitunter recht sensiblen Betriebsangaben stets gewahrt Es werden jedes Jahr dieselben Betriebe befragt. Existenzgründungen ergänzen jede neue Stichprobe aus der Betriebsdatei der BA. Fast alle 16 Bundesländer und das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) unterstützen das Projekt seit Jahren finanziell und mit eigenen Berichten. Durch die streng anonyme Verknüpfbarkeit der Angaben mit der BA-Beschäftigtenstatistik lassen sich die Betriebs- mit den Personaldaten in der Arbeitsmarktforschung vielfältig verwenden. Die hohen Datenqualität und langjährige Datenreihen - im Jahr 2010 über achtzehn Jahre im Westen und 15 Jahre im Osten- erlauben moderne Querschnitts- und vor allem Längsschnittanalysen betrieblicher Entwicklungen auf einer gleichbleibenden Betriebsbasis. In zahllosen anderen Betriebsbefragungen wechseln die antwortenden Einheiten ständig, so dass Vergleiche zur vorangegangenen Betriebsentwicklung kaum möglich sind. Der in Ost und West gleiche Fragebogen und Auswertungsansatz erlauben Vergleiche zwischen alten und neuen Ländern, welche die amtliche Statistik immer weniger liefert. Im Jahr 2009 war das IAB-Betriebspanel im Westen für 2,03 Millionen Betriebe repräsentativ, im Osten für 425.200. Betriebe ohne sozialversicherungspflichtig Beschäftigte sind nicht beteiligt, kämen bei einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung noch hinzu.

Das IAB sah von Anfang an erst über eine Schalterstelle, jetzt über das BA-Forschungsdatenzentrum auch eine externe Forschung mit den streng anonymisierten Betriebsdaten vor. Dadurch wurden viele hundert empirische Forschungsarbeiten möglich, ohne dass im Falle der Auftragsforschung teure Betriebserhebungen mitfinanziert werden mussten, die Betriebe zusätzlich belasten würden. An der Universität Bielefeld läuft ein Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zum Aufbau eines Forschungsdatenzentrums "Betriebsdaten". Das Bundesarbeitsministerium plant mit der BA einen "Arbeitsmarkt-Monitor", der zuverlässig voraussagen soll, in welcher Branche und in welcher Region absehbar Fachkräfte knapp werden könnten.

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Info

Arbeitsmarktmonitor

"Primäres Ziel des Arbeitsmarktmonitors ist es, die Dynamik und Entwicklung regionaler Arbeitsmärkte transparenter zu machen. Hierfür werden Beschäftigungschancen und –risiken und die strukturelle Verfasstheit einer Region eingeschätzt. Beschäftigungsprobleme können effektiv nur in Kooperation der vor Ort Verantwortlichen gelöst werden. Der Arbeitsmarktmonitor unterstützt die Akteure vor Ort, die Handlungsfelder gemeinsam zu analysieren und zu diskutieren, zu gemeinsamen Einsichten zu gelangen und in ein regional zielgerichtetes Agieren der relevanten Partner einmünden zu lassen."

Bundesagentur für Arbeit (2011): Perspektive 2025. Fachkräfte für Deutschland, Nürnberg, S. 49.


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Autor: Jürgen Kühl für bpb.de
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