Dossier Familienpolitik

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2.6.2014 | Von:
Karsten Kassner

Väter heute: Leitbilder, Lebensrealitäten und Wünsche

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Mehr als jeder fünfte Mann bleibt kinderlos

Auch wenn die Mehrheit der jungen Männer (und Frauen) gerne Kinder möchte, klaffen Wunsch und Wirklichkeit deutlich auseinander. Männer bleiben häufiger kinderlos als Frauen, wie verschiedene Studien zeigen. Bei kinderlosen Männern ab 45 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit, noch Vater zu werden, sehr gering (Schmitt 2005: 21f). Insofern deckt sich die Realität mit der subjektiven Vorstellung zum maximal denkbaren Alter einer Erstvaterschaft. Insgesamt bleibt mehr als jeder fünfte Mann dauerhaft kinderlos. Bei den Frauen lag der Anteil der Kinderlosen bei älteren Geburtsjahrgängen deutlich niedriger (Ruckdeschel/Naderi 2009: 3f). Aktuell erreicht die Kinderlosigkeit bei den 40- bis 44-jährigen Frauen allerdings ein ähnlich hohes Niveau wie bei den Männern (Statistisches Bundesamt 2013b: 31ff).

Ein Grund für Kinderlosigkeit liegt darin, dass die Familiengründung heute immer stärker aufgeschoben wird. Dies lässt sich am stetig steigenden Erstgeburtsalter von Frauen ablesen. Das durchschnittliche Alter der Frauen bei Geburt des ersten Kindes ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich angestiegen und liegt heute bei 29 Jahren (ebd.: 19f). Gründe dafür liegen unter anderem in der gestiegenen Bildungsbeteiligung von Frauen und – das gilt für beide Geschlechter gleichermaßen – in längeren Ausbildungszeiten, schwierigeren Übergangsprozessen in den Beruf und insgesamt einer längeren Phase der beruflichen Etablierung. Gerade für Männer ist ein stabiles Einkommen und eine sichere berufliche Position allerdings eine wichtige Voraussetzung für die Familiengründung. Das Leitbild des Familienernährers hat also auch hier einen bedeutsamen Einfluss. 57 Prozent der jungen kinderlosen Männer ist davon überzeugt, dass der richtige Zeitpunkt dann gekommen ist, wenn sie eine Familie ernähren können (Bertelsmann Stiftung: 44f).

Die Idealvorstellung von Familiengründung folgt damit einem sequentiellen Muster, bei dem Kinder erst dann realisiert werden, wenn der Mann die ökonomische Basis der Familie sicherstellen kann. Darüber hinaus ist eine gefestigte Partnerschaft für 66 Prozent der jungen kinderlosen Männer die zentrale persönliche Voraussetzung für eine Familiengründung (ebd.: 46f). Eine fehlende passende Partnerschaft ist eine der wesentlichen Ursachen für die Kinderlosigkeit von Männern.

Erwerbsarbeitsmuster von Vätern und Müttern

Obgleich das Leitbild des Ernährers weiterhin stark vertreten ist, gilt es keineswegs mehr für alle Väter. In vielen Fällen sind die Einstellungen von Männern partnerschaftlicher und "moderner" geworden. Dies zeigt sich auch in der Praxis. Ein Blick auf das gemeinsame Erwerbsarrangement von Paaren mit minderjährigen Kindern verdeutlicht: Das klassische Ernährermodell mit erwerbstätigem Vater und zu Hause bleibender Mutter ist rückläufig. In 55 Prozent der Fälle waren im Jahr 2012 beide Elternteile aktiv erwerbstätig, bei 29 Prozent war der Vater Alleinverdiener, bei fünf Prozent arbeitete nur die Mutter und bei zehn Prozent war keiner der beiden beschäftigt (Statistisches Bundesamt 2013b: 47). Im Vergleich zu 1996 hat damit der Anteil der Paarfamilien mit traditionellem Ernährermodell um elf Prozentpunkte und im Vergleich zu 2009 um zwei Prozentpunkte abgenommen (vgl. Rübenach/Keller 2011: 336).

Allerdings zeigt sich zugleich, dass der tatsächliche Einfluss der Familiengründung auf das Ausmaß der Erwerbstätigkeit von Vätern eher gering ist. Männer, die Väter werden, sind zumeist weiter in Vollzeit erwerbstätig, unterbrechen die Erwerbstätigkeit nicht und übernehmen in der Regel die Rolle des hauptverantwortlichen Familienernährers. Weitgehend unabhängig vom Alter und von der Anzahl der Kinder waren im Jahr 2012 über 80 Prozent der Väter aktiv erwerbstätig [1] (Statistisches Bundesamt 2013b: 39f). Ganz anders stellt sich demgegenüber die Situation von Müttern dar. Ihre Erwerbstätigkeit hängt stark von der Anzahl und dem Alter der Kinder ab. Im Jahr 2012 waren lediglich 32 Prozent der Mütter mit einem Kind unter drei Jahren aktiv erwerbstätig und 62 Prozent der Mütter mit jüngstem Kind zwischen drei und sechs Jahren. Mit zunehmendem Alter der Kinder steigt die Erwerbsbeteiligung von Müttern weiter an.

Trotz zunehmender Erwerbstätigkeit der Mütter bleiben die Väter in der Rolle des hauptverantwortlichen Familienernährers. In einer aktuellen repräsentativen Umfrage unter 20- bis 55-jährigen Vätern mit Kindern im eigenen Haushalt sagen 74 Prozent der Väter von sich, dass größtenteils sie für die finanzielle Versorgung der Familie verantwortlich seien (Forsa 2013: 21). Das vorherrschende Modell bei Paaren mit minderjährigen Kindern, bei denen beide Partner aktiv erwerbstätig sind, ist heute das Modell "Vater Vollzeit, Mutter Teilzeit". Je nach Anzahl der Kinder trifft dies auf 69 Prozent (ein oder zwei Kinder) beziehungsweise 77 Prozent (drei oder mehr Kinder) der Elternpaare mit doppelter Erwerbstätigkeit zu (Statistisches Bundesamt 2013b: 56). Eine annähernde Gleichverteilung der Erwerbsverantwortung im Sinne des Leitbilds des modernen Basisversorgers findet also de facto weit weniger statt, als dies von Müttern und Vätern gewünscht ist. Dies zeigt auch ein Blick auf den Erwerbsumfang von aktiv erwerbstätigen Vätern und Müttern. 2012 lag die Vollzeitquote von Vätern mit jüngstem Kind unter drei Jahren bei 94 Prozent, lediglich sechs Prozent arbeiteten in Teilzeit (ebd.: 44f). 40 Prozent der in Teilzeit arbeitenden Väter begründete dies mit fehlender Vollzeittätigkeit, lediglich 15 Prozent arbeiteten wegen der Betreuung von Kindern oder Pflegebedürftigen Teilzeit. Anders bei den Müttern, deren Teilzeitquote bei 70 Prozent lag und die dies mehrheitlich mit ihren Betreuungsverpflichtungen begründeten.

Ein Großteil der Väter wünscht sich mehr Zeit für die Familie

Das Arbeitsvolumen von Vätern und Müttern klafft deutlich auseinander (vgl. im Folgenden Institut für Demoskopie Allensbach 2012:17ff). Berufstätige Väter mit minderjährigen Kindern hatten 2012 eine durchschnittliche reale Wochenarbeitszeit von 44 Stunden, berufstätige Mütter hingegen arbeiteten 28 Stunden pro Woche. Lange Arbeitszeiten und Überstunden sind für einen Großteil der Väter die Regel. Ein Viertel der berufstätigen Väter mit minderjährigen Kindern arbeitete 2012 regelmäßig über 50 Stunden pro Woche, weitere 40 Prozent arbeiteten 41 bis 49 Stunden.

Vater und Sohn gemeinsam an der BohrmaschineMit dem Elterngeld fördert die deutsche Politik seit 2007 explizit die stärkere Beteiligung der Väter an der Kinderbetreuung. (© Damian Longerich/www.cupitronic.net)
Vor allem bei Vätern liegen die tatsächlichen Arbeitszeiten damit deutlich höher als die gewünschten. Väter wollen gerne weniger arbeiten, nicht zuletzt wegen der Familie. Die gewünschte durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Vätern liegt bei lediglich 36 Stunden; 30 Prozent der Väter würden gerne eine vollzeitnahe Teilzeitarbeit im Umfang von 30 bis 35 Wochenstunden realisieren. Insgesamt wünscht sich ein Großteil der Väter (72 Prozent) unter der Woche mehr Zeit für die Familie.

Ein wesentlicher Grund dafür, dass die Zeitwünsche nicht realisiert werden können, liegt nach Einschätzung der Väter in den betrieblichen Rahmenbedingungen. 56 Prozent der Väter meinen, dass in ihrem Betrieb nur wenig oder gar nicht auf zeitliche Bedürfnisse von Eltern Rücksicht genommen wird (ebd.: 15). Darüber hinaus sind die Vorbehalte in der Arbeitswelt gegenüber Vätern, die aus familiären Gründen kürzer treten wollen, nach wie vor groß. Häufig wird eine Relativierung des erwerbszentrierten Lebensmodells mit einem reduzierten beruflichen Engagement gleichgesetzt und letztlich als Abweichung von auf Berufsarbeit bezogenen tradierten Männlichkeitsvorstellungen verstanden (BMFSFJ 2013: 12).

Väter und Elterngeld

Es lässt sich zusammenfassen: Die Realität der Erwerbsarrangements von Paaren mit Kindern ist weiterhin stark durch das tradierte Ernährermodell geprägt, das allerdings heute in einer modernisierten Form vorliegt. Der Vater bleibt nach Familiengründung in Vollzeit erwerbstätig, die Mutter reduziert ihre Erwerbsarbeit nach der Geburt des ersten Kindes und steigt dann nach und nach in Teilzeit wieder ein. Zugleich klaffen Wunsch und Wirklichkeit auseinander. Ein substantieller Teil der Väter möchte gerne weniger Zeit für den Beruf aufwenden, sich die Verantwortung für das Familieneinkommen mit der Partnerin teilen und sich insgesamt stärker in die Familienarbeit einbringen. Übergreifend sind 81 Prozent der Väter der Meinung, ein guter Vater zeichne sich dadurch aus, dass er so viel Zeit wie möglich mit den Kindern verbringt (Forsa 2013: 24). Dieser Anspruch findet heute auch gesellschaftlich eine breite Zustimmung. Über zwei Drittel der Bevölkerung meint, dass sich Väter heute mehr als früher an der Betreuung und Erziehung ihrer Kinder beteiligen. Dies wird nahezu ausnahmslos positiv eingeschätzt (Institut für Demoskopie Allensbach 2012: 33f).

Ein Indikator für die stärkere Beteiligung von Vätern ist ihre Inanspruchnahme von Elterngeld und Elternzeit, also einer befristeten beruflichen Auszeit aus familiären Gründen. Das Elterngeld wird seit 2007 als Lohnersatzleistung angeboten, wenn sich ein Elternteil in der ersten Zeit nach der Geburt um das Kind kümmert. Mit den zwei Partnermonaten wurde beim Elterngeld erstmalig eine Leistung für "den Partner" eingeführt, die verfällt, wenn sie nicht genutzt wird. Damit fördert die Politik in Deutschland erstmalig explizit eine stärkere Beteiligung der Väter an der Kinderbetreuung (Baronsky et al. 2012). [2]

Seit Einführung des Elterngeldes hat die Nutzung dieser familienpolitischen Leistung durch Väter kontinuierlich zugenommen. Während bei der zuvor geltenden Leistung des Erziehungsgeldes weniger als fünf Prozent der Antragsteller Väter waren, liegt die Väterbeteiligung am Elterngeld aktuell bei über 29 Prozent (Statistisches Bundesamt 2013a).[3] Mehrheitlich nehmen Väter die beiden Partnermonate in Anspruch, im Durchschnitt liegt die Bezugsdauer bei 3,2 Monaten. [4] Vor allem junge Väter nehmen die Auszeit häufiger direkt im Anschluss an die Geburt des Kindes als ältere Väter (BMFSFJ 2012: 89f). Damit besteht die Möglichkeit, von Beginn an eine enge Vater-Kind-Beziehung aufzubauen. Eine Inanspruchnahme der Partnermonate durch Väter unterstützt zudem den beruflichen Wiedereinstieg der Partnerin. Wichtige Einflussfaktoren, die eine Nutzung des Elterngeldes durch Väter fördern, sind die Erwerbstätigkeit beider Partner (insbesondere ein höheres Nettoeinkommen der Partnerin) sowie gute betriebliche Rahmenbedingungen.

Arbeitsteilung in den Familien: Haus- und Erziehungsarbeit ist nach wie vor meist Frauensache

Die Inanspruchnahme von Elterngeld (und Elternzeit) durch Väter ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Väterbeteiligung in der Familie. Drei Viertel der Männer in Deutschland sind heute davon überzeugt, dass Väter ebenso wie Mütter ihre Kinder lieben und pflegen können (Volz/Zulehner 2009: 119). Mehrheitlich trauen sich Männer Familienkompetenzen zu, die Pflege und Betreuung auch von Säuglingen und Kleinkindern ist für sie keineswegs mehr ein Tabuthema. Gradmesser für die Umsetzung eines geänderten Leitbilds von Vaterschaft ist aber letztlich, wie sich Mütter und Väter die Kindererziehung und Hausarbeit auch unabhängig von der Übernahme familienbedingter Auszeiten untereinander aufteilen. Soweit der Anspruch besteht, gemeinsam für das Familieneinkommen verantwortlich zu sein, braucht es eine entsprechende Arbeitsteilung auch im Familienalltag, wenn nicht eine Doppelbelastung der Mütter die Folge sein soll.

Einschlägige Untersuchungen zeigen allerdings immer wieder, dass die Familienarbeit stark asymmetrisch zwischen den Geschlechtern aufgeteilt ist (vgl. aktuell: BMFSFJ 2013: 51ff und 95ff, Institut für Demoskopie Allensbach 2013: 40ff). Frauen übernehmen den überwiegenden Teil der alltäglich anfallenden Hausarbeit sowie den Hauptanteil bei der Erziehung und Betreuung der Kinder. 70 Prozent der Mütter mit minderjährigen Kinder geben an, die Familienarbeit weitgehend alleine zu erledigen, im Vergleich zu 12 Prozent der Väter (Institut für Demoskopie Allensbach 2012: 23f).

Mit der Familiengründung reduzieren Mütter, wie oben dargestellt, in erheblichem Umfang ihre Erwerbsbeteiligung bzw. ihre Arbeitszeit und konzentrieren sich auf die Betreuung des neugeborenen Kindes und den Haushalt. Dadurch setzt in aller Regel eine Re-Traditionalisierung der Arbeitsteilung zwischen den Partnern ein, selbst bei Paaren, die das Ideal einer egalitären Aufgabenverteilung vertreten oder vor Geburt des ersten Kindes mehr oder weniger praktiziert haben (vgl. Rüling 2007). Bereits bei Paaren ohne Kinder sind Frauen mehrheitlich für die Erledigung klassischer Haushaltstätigkeiten – wie Wäsche machen, Kochen oder Putzen – überwiegend oder hauptsächlich zuständig. Bei Paaren mit Kindern übernehmen nahezu ausschließlich Frauen hauptverantwortlich diese Aufgaben (BMFSFJ 2012: 58f). Ähnliches gilt für die Hauptverantwortung bei der Erziehungsarbeit (ebd.: 100f). Viele Väter sehen sich zwar weiter in der Mitverantwortung, haben aber allein schon aufgrund ihrer Berufstätigkeit nicht die Möglichkeit, sich zeitlich in gleicher Weise einzubringen. Dadurch etabliert sich eine Arbeitsteilung, die oft nur schwer zurück zu drehen ist, wenn sie sich einmal eingeschliffen hat. Dieser traditionalisierende Effekt verstärkt sich in der Regel bei weiteren Kindern und mit der Dauer der Beziehung (Grunow 2007).

Die "neuen" Männer und Väter als richtungsweisende Minderheit

Steigen Mütter nach einer familienbedingten Erwerbsunterbrechung wieder in den Beruf ein, häufig mit reduziertem Erwerbsumfang, bleibt die Familienarbeit weitgehend in ihrem Verantwortungsbereich und führt zur häufig beklagten Doppelbelastung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber auch viele Väter erleben die Situation als unbefriedigend, weil sie ihren eigenen Ansprüchen an aktive Vaterschaft und eine stärkere Beteiligung an der Familienarbeit nicht gerecht werden können. Eine Lösung dieses Dilemmas kann gelingen, wenn beide Bereiche – die Verantwortung für Familie und die Verantwortung in Familie – konsequent von beiden Partnern übernommen und gemeinsam getragen würde. Allerdings zeigen verschiedene Studien, dass selbst wenn beide Eltern in Vollzeit erwerbstätig sind, im Durchschnitt die Mutter mehr Kinderbetreuung und Hausarbeit übernimmt als der Vater (Wengler et al. 2008).

Insgesamt lassen sich verschiedene Einflussfaktoren auf die Aufteilung der Hausarbeit und Kinderbetreuung ausmachen. Unverheiratete Paare und Paare in den neuen Bundesländern haben eine egalitärere Arbeitsteilung als Ehepaare und Paare in den alten Bundesländern. Darüber hinaus übernehmen bei Paaren mit modernen Geschlechterbildern auch die Männer mehr Haus- und Familienarbeit als bei traditionell eingestellten Paaren. Schließlich sind die Erwerbsarbeitszeiten und das Einkommen im Paarvergleich relevant – je mehr die Frau im Vergleich zu ihrem Partner arbeitet und je mehr sie verdient, desto höher die Beteiligung der Männer zu Hause.

Paarbeziehungen, in denen eine Gleichverteilung bereits Realität ist, sind bislang eine kleine Minderheit. Wird als definitorische Grundlage für "neue" Männer beziehungsweise Väter genommen, dass sich Männer in gleichem Umfang wie ihre Partnerin an allen Aufgaben der Haus- und Erziehungsarbeit beteiligen, so lassen sich derzeit sechs Prozent der Männer als gleichgestellte neue Männer bezeichnen (bezogen auf Hausarbeit) und neun Prozent der Väter als gleichstellte neue Väter (bezogen auf Erziehungsarbeit) (BMFSFJ 2013: 61ff, 104ff). Das ist noch weit entfernt von einer Massenbewegung, aber auch keine zu vernachlässigende Größe mehr. Es ist zudem eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Mütter ihre Erwerbswünsche realisieren und sich beruflich weiter entwickeln können.

Vater-Kind-Beziehung

Der Wunsch vieler Väter, sich heute insgesamt verstärkt in die Kindererziehung einzubringen und eine aktive Beziehung zu ihren Kinder aufzubauen, ist allerdings nicht nur aus gleichstellungspolitischer Sicht von Bedeutung. Verschiedene Forschungsergebnisse zeigen, dass sich ein stärkeres väterliches Engagement positiv auf die Vater-Kind-Bindung und die kindliche Entwicklung auswirken kann (vgl. zu Folgendem BMFSFJ 2011: 24ff). Gerade der unterschiedliche Umgang von Mutter und Vater mit dem Kind hat einen förderlichen Einfluss. Insofern sind beide Eltern als Bezugspersonen wichtig. Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist aber vor allem die Beziehung als solche von Bedeutung. Als zweite Bezugsperson neben der Mutter hat der Vater eine wichtige Funktion bei der Herauslösung des Kleinkindes aus der zunächst engen Beziehung zur Mutter. Von zentraler Bedeutung ist der Vater im Familiensystem darüber hinaus bei der Geburt des zweiten Kindes, da er sich verstärkt um das ältere Geschwisterkind kümmern kann, während die Mutter mit dem Säugling beschäftigt ist. Insgesamt zeigen die Forschungsergebnisse zur Eltern-Kind-Beziehung: Entscheidend ist nicht allein die Quantität, sondern vor allem die Qualität der gemeinsamen Zeit. Wenn Väter mit ihren Kindern Zeit verbringen und sensibel auf ihre Bedürfnisse eingehen, können sie auch bei einer eher traditionellen Arbeitsteilung eine enge und eigenständige Beziehung zu ihren Kindern aufbauen. Von einer stabilen Vater-Kind-Beziehung profitieren beide Seiten: die Väter und die Kinder.

Väter gewinnen persönlich, indem sie eine enge emotionale Bindung aufbauen sowie eine eigenständige und wichtige Bezugsperson für das Kind werden. Kinder entwickeln sich besser, wenn ihnen eine zweite Bezugsperson zur Verfügung steht. In psychologischen Studien wurden bei Kindern von Vätern, die feinfühlig auf ihre Kinder eingehen und diese adäquat fördern, sowohl eine höhere soziale Kompetenz als auch höhere kognitive Fähigkeiten beobachtet. Diese positiven Effekte lassen sich bis ins Jugend- und junge Erwachsenenalter nachweisen. In diesen Lebensphasen zeigten die Jugendlichen mehr Reflexionsfähigkeit in Partnerschaften und mehr Selbstvertrauen in neuen Situationen. Dieser Befund verdeutlicht, wie wichtig die ersten Lebensjahre des Kindes für eine tragfähige Vater-Kind-Beziehung sind. Gerade für Väter eröffnen Elternzeit und Elterngeld insofern wesentliche Spielräume, um sich mehr Zeit für die Beziehung zu den eigenen Kindern zu nehmen.

Fazit

Leitbilder von Vaterschaft sind in Bewegung geraten. Viele Väter wollen heute partnerschaftlicher sein und mehr Zeit für Familie und Kinder aufbringen. Die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist allerdings nach wie vor hoch: Noch immer übernimmt ein Großteil der Väter hauptverantwortlich die Rolle des Familienernährers und beteiligt sich nicht substanziell an der Haus- und Erziehungsarbeit. Zwar wird das Elterngeld von Vätern seit seiner Einführung immer besser angenommen, aber lediglich ein kleiner Teil der Väter versucht über eine kurze "Babypause" hinaus dauerhaft die eigene Arbeits- und Familiensituation zu verändern. Kürzere Arbeitszeiten und mehr Engagement in der Familie bleiben so häufig unerfüllte Ansprüche oder sind nur schwer und mit viel Aufwand zu realisieren. Zugleich ist das Thema Veränderung von Vaterschaft in gesellschaftlichen und politischen Debatten präsent und nicht mehr wegzudiskutieren. Auch auf betrieblicher Ebene gibt es mittlerweile viele gute Ansätze, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch für Väter zu erleichtern. Insofern bleibt Vaterschaft und ihr Wandel ein Thema mit Zukunft.

Notwendig ist allerdings, dabei das Verhältnis der Geschlechter als Ganzes in den Blick zu nehmen. Die Situation von Vätern und Müttern – von Männern und Frauen – lässt sich nicht isoliert betrachten, sondern nur im Verhältnis zueinander. Dies gilt sowohl für die Familie als auch für die Arbeitswelt. Viel wäre gewonnen, wenn mehr Väter und Mütter die Verantwortung für die Bereiche Familieneinkommen, Haushalt und Kinder konsequent gemeinsam tragen würden, anstatt sie aufzuteilen. Das ermöglicht beiden Geschlechtern die Teilhabe an beiden Lebensbereichen. Mütter erfahren Anerkennung im Beruf und erarbeiten sich eine eigenständige soziale Absicherung. Väter werden als Familienernährer entlastet und bauen intensivere Beziehungen zu ihren Kindern auf. Ob und wie das umgesetzt werden kann, ist zunächst eine gemeinsame Entscheidung der beteiligten Personen. Aber die Politik kann diesen Prozess unterstützen, indem sie förderliche Rahmenbedingungen setzt und sich von einem solchen Leitbild neuer Partnerschaftlichkeit in der Ausgestaltung zukünftiger Maßnahmen und Vorhaben leiten lässt.

Fußnoten

1.
Die aktiv Erwerbstätigen umfassen alle Voll- und Teilzeitbeschäftigten im erwerbsfähigen Alter ohne vorübergehend Beurlaubte (z.B. Personen in Elternzeit).
2.
Die Möglichkeit zur Aufteilung bestand bereits vor Einführung des Elterngeldes im Rahmen der Regelungen zum Erziehungsurlaub und zum Erziehungsgeld. Mit der Einführung der Elternzeit 2001 wurden die Möglichkeiten, die Elternzeit parallel zu beanspruchen, flexibler regelt. Mit den Partnermonaten beim Elterngeld gibt es ab 2007 aber zum ersten Mal eine Leistung, die verfällt, wenn sie nicht durch beide Elternteile genutzt wird.
3.
Vgl. Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes vom 6. Dezember 2013 (411/13).
4.
Im Vergleich dazu ist die Bezugsdauer von Müttern mit 11,7 Monaten deutlich höher. Rund 96 Prozent der anspruchsberechtigten Mütter beziehen Elterngeld. (vgl. Statistisches Bundesamt 2013a).
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Autor: Karsten Kassner für bpb.de
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