Dossier Familienpolitik

5.11.2014 | Von:
C. Katharina Spieß

Familienbezogene Infrastruktur

Der Ausbau der Kinderbetreuung geht weiter

Im Jahr 2013 konnten aber noch nicht alle Bundesländer die anvisierte Betreuungsquote von 35 Prozent erreichen. In dem Jahr waren in Gesamtdeutschland fast 29 Prozent der Kinder unter drei Jahren in der Tagesbetreuung – dabei wurden etwa 25 Prozent in einer Tageseinrichtung (z.B. einem Kindergarten) und weitere 4 Prozent in der Kindertagespflege (z.B. durch eine Tagesmutter) betreut. Hier sind erhebliche Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland festzumachen: So besuchten in Westdeutschland etwa nur ein Viertel aller Kinder eine Tagesbetreuung – in Ostdeutschland ist es fast jedes zweite Kind (Statistisches Bundesamt 2013a).

Diese Unterschiede gehen auf die unterschiedliche Geschichte der Bildungs- und Betreuungsangebote in den beiden deutschen Staaten zurück. Während Westdeutschland keine Tradition in der flächendeckenden Betreuung von Kindern unter drei Jahren hatte, bestand diese Tradition in Ostdeutschland seit vielen Jahren. So sind zwischen den Bundesländern große Nutzungsunterschiede zu beobachten: In Sachsen-Anhalt nahmen 58 Prozent der Kinder eine Tagesbetreuung in Anspruch, während es in Nordrhein-Westfalen nur knapp 20 Prozent waren (vgl. Tabelle 1). Darüber hinaus sind zwischen den Kreisen eines Bundeslandes erhebliche Unterschiede festzumachen – und dies auch innerhalb der Bundesländer (Statistisches Bundesamt 2013a).
Kinder unter 3 Jahren in TagesbetreuungTabelle 1: Kinder unter 3 Jahren in Tagesbetreuung Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die durchschnittliche vereinbarte Betreuungszeit – zwischen Eltern und Tageseinrichtung bzw. Kindertagespflege – beträgt bei 0- bis 3-Jährigen 7,6 Stunden pro Tag und bei 3- bis 7-Jährigen 7,3 Stunden pro Tag. Insgesamt werden nur sehr wenige Kinder mehr als 7 Stunden am Tag betreut: Bundesweit ist dies nur jedes siebte Kind unter drei Jahren. 80 Prozent der Kinder unter drei Jahren erhalten in den Einrichtungen ein Mittagessen, während es bei den Kindern im Kindergartenalter 63 Prozent sind (Statistisches Bundesamt 2013b). Die Betreuung über Mittag hat insbesondere bei Kindergartenkindern in den vergangenen Jahren sehr zugenommen.

Der Anteil von Schulkindern, welche Tageseinrichtungen besuchen – in diesem Fall Horte, die nicht einer Schule, sondern der Kinder- und Jugendhilfe zuzuordnen sind –, beträgt in etwa 22 Prozent aller Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren. Dabei sind es insbesondere Kinder im Grundschulalter, welche diese Angebote nutzen. Auch hier sind es wieder Kinder in Ostdeutschland, die das Angebot verstärkt nutzen – die Besuchsquote beträgt hier fast 53 Prozent, in Westdeutschland knapp 16 Prozent (Statistisches Bundesamt 2013b).

Träger der Infrastrukturangebote

Die Infrastrukturangebote im Bereich der Tagesbetreuung werden von freien Trägern, öffentlichen Trägern oder auch von Wirtschaftsunternehmen angeboten. Als öffentliche Träger agieren mehrheitlich die Gemeinden. Als freie Träger sind insbesondere der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband, das Diakonische Werk oder andere evangelische Träger und der Caritasverband bzw. andere katholische Träger aktiv. Die Träger, welche der Gruppe der Wirtschaftsunternehmen zuzuordnen sind, umfassen betriebliche Angebote oder privat-gewerbliche Angebote.

31 Prozent aller Kinder unter drei Jahren in einer Kindertageseinrichtung werden in einer Einrichtung eines öffentlichen Trägers betreut, 68 Prozent in einer Einrichtung eines freien Trägers und 1 Prozent in einer Einrichtung eines privat-gewerblichen Trägers. Bei den Kindern im Kindergartenalter entspricht der Anteil öffentlicher Träger 35 Prozent und der freien Träger 65 Prozent – hier haben privat-gewerbliche Träger eine noch geringere Bedeutung (Statistisches Bundesamt 2013b). Allerdings sind insbesondere bei der Betreuung von Kindern unter drei Jahren erhebliche regionale Unterschiede festzumachen. Der geringe Anteil privat-gewerblicher Träger lässt sich auch dadurch erklären, dass nur einige Bundesländer, wie z.B. Hamburg, privat-gewerblichen Trägern öffentliche Mittel zukommen lassen (Spieß 2010). Dies ist unabhängig davon, dass alle Einrichtungen eine Betriebserlaubnis benötigen und sich an Mindeststandards halten müssen, sofern diese auf Landes- oder kommunaler Ebene festgelegt sind.

Sozioökonomische Unterschiede bei der Nutzung von Angeboten der Kindertagesbetreuung

Die Angebote der Kindertagesbetreuung werden in Deutschland nicht von allen Gruppen in gleichem Umfang in Anspruch genommen. Insbesondere im Bereich der Betreuung der Kinder unter drei Jahren sind größere sozioökonomische Unterschiede bei der Nutzung festzumachen.

In Westdeutschland sind z.B. Kinder, deren Eltern beide einen Migrationshintergrund haben oder Kinder, deren Familien zu Hause mehrheitlich kein Deutsch sprechen, in Kindertageseinrichtungen unterrepräsentiert. In Ostdeutschland besuchen Kinder einkommensschwacher Eltern und von Eltern, die öffentliche Transfers erhalten, eher nicht eine Kindertageseinrichtung. Dies trifft auch auf Kinder zu, deren Mütter keine berufliche Ausbildung haben. Insofern ist bei dieser Altersgruppe von sozioökonomisch bedingten Nutzungsunterschieden auszugehen. Bei älteren Kindern im Kindergartenalter sind diese Unterschiede nicht festzumachen (Schober und Spieß 2012).

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: C. Katharina Spieß für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Sozialkunde

Familie - Zwischen traditioneller Institution und individuell gestalteter Lebensform

Seit Jahrzehnten finden tiefgreifende Veränderungen statt, die Wesen und Gestalt von Familie und das Verhältnis von Familie und Gesellschaft betreffen. Der Wandel hat die Familie fraglos verändert. Grundlegende Regelmäßigkeiten von Familienstruktur und Familienentwicklung bestehen aber fort.

Mehr lesen

Die soziale Situation in Deutschland

Familie und Kinder

Trotz der wachsenden Bedeutung alternativer Familienformen machen Ehepaare mit Kindern immer noch knapp drei Viertel der Familien in Deutschland aus. Allerdings variiert der Anteil auf Länderebene zwischen 53 Prozent in Berlin und 80 Prozent in Baden-Württemberg.

Mehr lesen

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen