Dossier Familienpolitik

11.7.2015 | Von:
Martin Bujard

Ziele der Familienpolitik

Systematik der familienpolitischen Ziele in der Wissenschaft

Im Folgenden wird versucht, alle bisher genannten Ziele zu ordnen und zu systematisieren (siehe Abbildung 3). Zunächst unterscheiden sich die Adressaten der Ziele, also wer von der Familienpolitik profitiert. Es sind Kinder, Eltern, Wirtschaft und Gesellschaft. Zudem unterscheidet sich das Abstraktionsniveau zwischen allgemeinen Zielen, wichtigen Prinzipien und konkreten Zielen, die sich anhand von Indikatoren messen lassen.

Abbildung 3: Ziele, Prinzipien und Adressaten von Familienpolitik

KinderElternWirtschaft und Gesellschaft
Allgemeines ZielWohlbefinden KinderWohlbefinden ElternHumankapital
Gleichstellung
Wichtige PrinzipienChancengleichheit
Schutz
Förderung
Partnerschaftlichkeit
Vereinbarkeit von Beruf und Familie
Wahlfreiheit
Lastenausgleich
Partnerschaftlichkeit
Nachhaltigkeit
Reproduktionsfunktion von Familie anerkennen
Konkrete Ziele
(Beispiel eines Indikators, mit dem das Ziel messbar ist)
Materielle Sicherung
(Haushaltseinkommen)
Materielle Sicherung (Haushaltseinkommen)Geburten erhöhen (Geburtenrate)
Zeit mit Eltern, Geschwistern etc. (Zeitbudgetdaten)Zeit mit Kindern M/F; Netzwerke (Zeitbudgetdaten)Müttererwerbstätigkeit erhöhen (Erwerbsquote und Arbeitsstunden)
Bildung (Lesekompetenz PISA)Inklusion Arbeitsmarkt M/F (Erwerbsquote)Bildung von Kindern (Lesekompetenz PISA)
Gesundheit (Säuglingssterblichkeit)Gesundheit
(Burnout-Prävalenz)
Institution Ehe stärken (Ehequote)
Risikoaverses Verhalten (Anteil Raucher)Erziehungskompetenz
(Zeit Vorlesen)
Gleichstellung
(Väterquote Elternzeit)
Kindgerechtes Wohnumfeld (Nähe Spielplatz)Kinderwunsch erfüllt (Anteil ungewollter Kinderlosigkeit)
Quelle: Martin Bujard, 2014, Zur Evaluation familienpolitischer Leistungen, in: Familienpolitische Informationen 4/2014, S. 1-5.
(Anmerkung: M/F steht für Männer/Frauen.)

Wie ist diese Systematik zu verstehen? Bezüglich der Kinder ist das allgemeine Ziel der Familienpolitik, ihr Wohlbefinden zu sichern und zu fördern. Wichtige Prinzipien sind dabei der Schutz und die Förderung von Kindern sowie die Chancengleichheit. Konkret lässt sich das übergreifende Ziel Wohlbefinden durch einige Teilziele differenzieren. Dazu gehören die materielle Sicherung, gemeinsame Zeit in der Familie, Bildung, Gesundheit, weniger riskante Verhaltensmuster und ein kindgerechtes Wohnumfeld. Diese Ziele lassen sich jeweils anhand mehrerer Indikatoren messen. Für die Adressaten Eltern, Wirtschaft und Gesellschaft lassen sich allgemeine und konkrete Ziele sowie wichtige Prinzipien in ähnlicher Weise wie bei den Kindern differenzieren (siehe Abbildung 3).

Die Ziele bezüglich der Kinder sind gleichzeitig meistens auch Ziele ihrer Eltern, da ihr Wohlbefinden auch positiv auf das der Eltern wirkt – und umgekehrt. Generell ergänzen sich viele dieser Ziele bzw. beeinflussen sich wechselseitig. Die Ziele lassen sich nach bestimmten Bevölkerungs- und Altersgruppen differenziert analysieren, wodurch sich ein umfassendes Bild familienpolitischer Wirkungen messen lässt. Freilich lassen sich die jeweiligen Punkte nicht nur auf familienpolitischen Einfluss zurückführen. Auch müssten in weiterführenden Abhandlungen die Großeltern und die Pflegethematik berücksichtigt werden. Die konkreten Ziele bezüglich Kinder und Eltern bauen auf den Konzepten von Bradshaw et al. (2006) sowie Bertram und Spieß (2011) auf, jedoch mit Modifikationen. Beim kindlichen Wohlbefinden wurde das Ziel kindgerechtes Wohnumfeld ergänzt, beim elterlichen wurden Erziehungskompetenz und die Erfüllung des individuellen Kinderwunsches ergänzt.

Chancen durch die Vielfalt der Zielsetzungen

Die familienpolitischen Ziele sind vielfältig: Sie unterscheiden sich je nach Akteur und überschneiden sich mit Zielen anderer Politikfelder wie Wirtschafts-, Bildungs-, Gleichstellungs- und Sozialpolitik. Von familienpolitischen Maßnahmen können Kinder und Eltern profitieren, aber auch die gesamte Gesellschaft und die Wirtschaft.

Aber es gibt auch Zielkonflikte. Zum Beispiel jener, der zwischen der Sicherung der Institution Ehe und der Gleichstellung dann auftritt, wenn ehebezogene Leistungen wie das Ehegattensplitting Anreize implizieren, die der ökonomischen Unabhängigkeit von Ehefrauen entgegenwirken. Ein weiterer elementarer Widerspruch besteht zwischen den Interessen der Wirtschaft und der Familien, wenn es um Zeitsouveränität und Zeitverwendung geht. Arbeitgeber haben naturgemäß ein Interesse, dass die gut ausgebildeten Mütter und Väter möglichst Vollzeit arbeiten und möglichst kurz Elternzeit nehmen. Dieser Zielkonflikt sollte – auch angesichts der Interessenübereinstimmung bei der prinzipiellen Einbindung von Müttern am Arbeitsmarkt – nicht übersehen werden. Die Reaktionen der Arbeitgeber auf Vorschläge von Familienministerin Manuela Schwesig zu einer reduzierten Arbeitszeit von Eltern kleiner Kinder verdeutlichen dies. Insofern ist bei den familienpolitischen Zielen eine Hierarchie notwendig, um bei möglichen Zielkonflikten eine Instrumentalisierung von Familien durch demografische oder arbeitsmarktpolitische Ziele zu verhindern.

Strukturell ist die Zielstruktur der Familienpolitik überwiegend komplementär. Die Einführung des Elterngeldes ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine familienpolitische Maßnahme mehrere Ziele gleichzeitig verfolgen kann. Dadurch entstehen vielfältige Chancen für die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Familien, da neuartige Interessenkoalitionen zwischen Arbeitgebern und Frauenpolitikern sowie zwischen progressiven und konservativen Politikern entstehen können. Das ist ein Grund, warum der Stellenwert der Familienpolitik in den vergangenen Jahren immens gestiegen ist.

Originaltext vom 06.11.2014, aktualisiert am 11.07.2015.

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Autor: Martin Bujard für bpb.de
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