Dossier Familienpolitik

15.12.2014 | Von:
Martin Bujard
Ralina Panova

Rushhour des Lebens

Ein historisch neues Phänomen: die Rushhour der Lebensentscheidungen

Die Rushhour der Lebensentscheidungen ist ein historisch neues Phänomen, das vereinzelt seit den 1960er-Jahren auftauchte und Anfang des 21. Jahrhunderts bereits für über ein Viertel der entsprechenden Altersgruppe virulent ist – macht man es an der tertiären Bildung fest. Freilich gibt es auch Nichtakademiker, die in kürzester Zeit wichtige Lebensentscheidungen treffen müssen, und es gibt Akademiker, deren Lebensplanung entzerrt ist; im Kern bleibt diese Rushhour jedoch ein Problem von Akademikern.

In der Literatur wird die Altersspanne der Rushhour der Lebensentscheidungen unterschiedlich definiert. Laut dem Siebten Familienbericht der Bundesregierung ist der Zeitdruck, Entscheidungen zu treffen zwischen dem 27. und 35. Lebensjahr besonders groß (BMFSFJ 2006). Lothaller (2008) zufolge umfasst die Rushhour des Lebens den Lebensabschnitt zwischen Mitte 20 und Ende 30. Nach Bertram et al. (2011) ist der Konflikt zwischen dem Lebensziel der Familiengründung und der beruflichen Etablierung und Karriereentwicklung in der Altersgruppe der 25- bis 35-Jährigen besonders stark ausgeprägt. Bujard (2012) verwendet die breitere Zeitspanne von 25 bis 40 Jahren. Buber et al. (2014) wiederum beziehen sich bei der Definition der Rushhour des Lebens auf die Altersgruppe der 27- bis 40-Jährigen.

Frau und Mann in der AbendsonneFür Paare können die vielen Entscheidungen, die im Alter zwischen 27 und 35 Jahren heute anstehen, zur Zerreißprobe werden: Entscheidungen zu Beruf und Karriere sowie zu Partnerschaft und Familiengründung stehen gleichzeitig an. (© picture-alliance/dpa)
Individuelle Lebensverläufe sind jedoch viel zu unterschiedlich und komplex, auch sind Partnerschafts- und Berufsverläufe viel zu dynamisch und unvorhersehbar, um einheitlich feste Altersspannen für die Rushhour des Lebens definieren zu können. Im Folgenden gehen wir von einer besonders intensiven Phase im Alter zwischen 27 und 35 Jahren und einer breiteren Phase der Rushhour des Lebens aus, die im Alter zwischen 25 und 40 eintreten kann. Wir vermuten eine besondere Steigerung des Zeitdruckes im Alter um 30 Jahre herum, denn dann wünschen sich Akademiker am häufigsten ein Kind (Buber et al. 2014). Gleichzeitig gilt dieses Alter als symbolische Marke, ab der die weibliche Fertilität zu sinken beginnt.

Das Phänomen geballter Lebensentscheidungen ist von zwei Antriebskräften geprägt: dem Übergang vom Einverdiener- zum Zweiverdienermodell und dem Aufkommen wissensbasierter Arbeitsplätze. Durch das Zweiverdienermodell müssen beide Partner ihre beruflichen Pläne räumlich und zeitlich synchronisieren, was weitaus komplizierter ist als im "Brotverdiener-Hausfrau-Modell", in dem der Mann seiner Karriere und die Frau der Versorgung der Familie nachgingen. In modernen, wissensbasierten Volkswirtschaften verlängert sich die Ausbildung und gelingt Akademikern der Berufseinstieg immer später. Dazu kommt, dass die Gruppe der Akademiker kontinuierlich wächst. Im Prüfungsjahr 2013 stieg zum zwölften Mal in Folge die Zahl der Hochschulabsolventen. Über 413.000 schlossen ihr Studium ab, das war ein Plus von sechs Prozent im Vergleich zum Prüfungsjahr 2012 (Statistisches Bundesamt 2014).

Das spätere Ankommen in der ökonomischen Selbständigkeit

Insgesamt ist die Ausbildung anspruchsvoller geworden und entsprechend hat sich die Ausbildungsphase verlängert. Dadurch verschiebt sich für eine größere Gruppe junger Erwachsener der Berufseinstieg im Lebensverlauf weiter nach hinten. Dazu kommt, dass der Berufseinstieg in Deutschland, aber auch in vielen anderen europäischen Ländern, oft über Praktika, befristete Arbeitsverträge und Qualifizierungsstellen mehrere Jahre dauert, bis man in einem entfristeten Arbeitsverhältnis angekommen ist. Die Zahl unsicherer Beschäftigungsverhältnisse wächst ebenso wie die Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen des Arbeitsmarktes. Erwerbsbiografien sind fluider, die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses erzeugt erhebliche Unsicherheit. Dazu kommt bei Akademikern die späte ökonomische Selbstständigkeit, da viele erst mit Anfang 30 ein eigenes Einkommen haben, sodass ein Ansparen für die Familiengründung erschwert wird. Beides – berufliche Unsicherheit und späte ökonomische Selbständigkeit – erschweren und verschieben eine Entscheidungsfindung für die Gründung eines gemeinsamen Haushalts und einer Familie.

Abbildung 1 verdeutlicht anhand des Pro-Kopf-Einkommens, dass das nicht immer so war: 1973 gab es bereits mit Mitte 20 ein Einkommenshoch im Vergleich zur mittleren Lebensphase um die 35 Jahre, sodass die Familiengründung auch schon früher im Leben finanziell stärker abgesichert war. Im Jahr 2009 ist das Pro-Kopf-Einkommen mit Mitte 50 am höchsten, während es für unter Dreißigjährige sehr gering ist. Studien zeigen, dass dieser Kontrast bei Akademikern noch größer ist. Abbildung 1 zeigt das Pro-Kopf-Einkommen im Lebensverlauf von Frauen, für Männer gelten ähnliche Ergebnisse.

Abbildung 1: Pro-Kopf-Einkommen von Frauen im Lebensverlauf 1973 und 2009Abbildung 1: Pro-Kopf-Einkommen von Frauen im Lebensverlauf 1973 und 2009 (© bpb/Bujard)
Lebensentscheidungen und die biologische Uhr

Neben diesem enormen gesellschaftlichen Wandel der vergangenen vier Jahrzehnte hat sich die biologische Grenze der Fruchtbarkeit kaum verändert. Die Fruchtbarkeit von Frauen ist in den Zwanzigern am höchsten und lässt ab dem 30. Geburtstag langsam , ab dem 35. verstärkt nach. Abbildung 2 zeigt die Fruchtbarkeitskurve im Lebenslauf von Frauen.

Inzwischen bringen 42 Prozent der Akademikerinnen ihr erstes Kind nach ihrem 35. Geburtstag zur Welt (eigene Mikrozensusauswertungen). Dabei gilt das Alter ab etwa 35 Jahren nach den Mutterschaftsrichtlinien als Grenze für Risikogeburten. Der Aufschub von Geburten, genauso wie die hohe endgültige Kinderlosigkeit von 30 Prozent bei Akademikerinnen sind markante Auswirkungen des Entscheidungskonfliktes in der Rushhour des Lebens.

Abbildung 2: Fruchtbarkeit der Frau im Lebensverlauf nach dem Critical Age ModellAbbildung 2: Fruchtbarkeit der Frau im Lebensverlauf nach dem Critical Age Modell (© bpb/Bujard)
Aber auch das fortgeschrittene biologische Alter des Mannes bringt Risiken für die Fortpflanzung und das Neugeborene mit sich und stellt einen wichtigen, wenn auch nicht so ausgeprägten, Einflussfaktor der Infertilität des Paares dar. Insbesondere dann, wenn auch die Frau im fortgeschrittenen Alter (über 35 Jahre) ist (Sartorius und Nieschlag 2010). Es scheint, dass das Alter von 45 Jahren einen "turning point", also einen Wendepunkt, für die Fruchtbarkeit von Männern bedeutet. Der Fruchtbarkeitsrückgang betrifft Frauen jedoch weitaus früher im Lebensverlauf als Männer.

Partnerschaft als entscheidender Faktor

Die Suche eines geeigneten Partners, der Aufbau eines gemeinsamen Haushalts und gegebenenfalls die Institutionalisierung der Partnerschaft sind zentrale Entscheidungspunkte in der Rushhour der Lebensentscheidungen. Diese stehen rund um das 30. Lebensjahr an – eben parallel zum Berufseinstieg und dem Aufbau einer Karriere. Dabei ist eine feste Partnerschaft mit einem gemeinsamen Haushalt eine zentrale Voraussetzung für die Entscheidung, Kinder zu wollen (Peuckert 2008). Das Fehlen eines passenden Partners ist ein entscheidender Grund dafür, die Familiengründung aufzuschieben. Auch dieser Aspekt erhöht den zeitlichen Druck in der Altersgruppe der 27- bis 35-Jährigen. Hinzu kommt, dass mit zunehmendem Alter die Partnersuche eher schwieriger wird.

Sind Frauen und Männer ähnlich stark betroffen?

Eine weitere Besonderheit der Rushhour des Lebens ist, dass dieses Phänomen in der Literatur oft nur auf Frauen bezogen wird (Bittman und Wajcman 2000). Zum einen ist das biologische Zeitfenster für eine Mutterschaft stärker eingeschränkt als das Zeitfenster für eine Vaterschaft, wodurch ein stärkerer Zeitdruck bezüglich generativer Entscheidungen bei Frauen entsteht. Zum anderen verlangt die Familiengründung von Frauen meist höhere Einschränkungen. Denn meistens sind es auch heute noch Frauen, die Kinderbetreuung und -erziehung, Hausarbeit, Erwerbsarbeit und Freizeit vereinbaren müssen. Sie sind in der Rushhour des Lebens mit dem Konflikt Arbeit-Familie intensiver konfrontiert als Männer. Oft bedeutet die Entscheidung für die Familiengründung Verzicht auf die eigene Karriere. Fragen der Gleichstellung sind deshalb auch eng mit dem Rushhour-Phänomen verknüpft. Entsprechend nimmt der Erste Gleichstellungsbericht (Deutscher Bundestag 2011) konsequent eine Lebensverlaufsperspektive ein und fokussiert damit das Problem, dass mit unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedliche Herausforderungen verbunden sind.

Bei Männern stellt sich hingegen der Konflikt Arbeit-Familie nicht so brisant dar – eben weil es die Mütter sind, die sich überwiegend um die Kinder kümmern. Eine Studie von Buber et al. (2014) zeigt, dass sich ein besonders hohes Arbeitspensum von Frauen negativ auf ihren Kinderwunsch auswirkt, was für einen Arbeit-Familie-Konflikt spricht. Männer, die mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten, wünschen sich hingegen tendenziell eher ein Kind als solche, die eine 35- bis 40-Stundenwoche haben.

Die Rushhour wirkt sich vor allem dann auf das Leben von Akademikerinnen aus, wenn die partnerschaftliche Arbeitsteilung auf dem traditionellen männlichen Alleinverdiener-Modell basiert. Je egalitärer die Partnerschaft ist, desto mehr ist die Rushhour auch ein Problem für Väter. Erst wenn Männer ihre beruflichen Pläne auch an denen der Partnerin sowie an der Familiengründung orientieren, kommt es auch bei ihnen zu der oben beschriebenen Entscheidungsballung.

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Autoren: Martin Bujard, Ralina Panova für bpb.de
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