Dossier Familienpolitik

28.5.2015 | Von:
Norbert F. Schneider

Vielfalt der Familie

Pluralisierung der Familie

Der Wandel der Familie seit den 1960er-Jahren wird verbreitet unter dem Stichwort "Pluralisierung der Lebensformen" interpretiert. Was ist darunter zu verstehen? Ausgangspunkt ist die bereits erwähnte historische Besonderheit der weiten Verbreitung der bürgerlichen Kernfamilie in der Zeit von 1955 bis 1975. Die Kernfamilie ist zwar auch gegenwärtig die häufigste Familienform im mittleren Erwachsenenalter, aber seit den 1970er-Jahren ist ihr Anteil stetig zurückgegangen. Die Zahl sogenannter nicht konventioneller Lebensformen (Schneider/Rosenkranz/Limmer 1998) ist hingegen gewachsen. Dazu gehören unter anderem Alleinerziehende, nichteheliche Lebensgemeinschaften, Alleinlebende, Fernbeziehungen und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften.

Die zu beobachtende Pluralisierung resultiert nicht primär aus der Herausbildung neuer Familienformen. Sie ist vielmehr Ergebnis einer gleichmäßigeren Verbreitung vorhandener Formen. Mit Ausnahme der Eingetragenen Lebenspartnerschaft für zwei Menschen gleichen Geschlechts haben alle anderen Lebensformen ihre historischen Entsprechungen und sind mithin nicht neu. Neu sind lediglich die Entstehungsumstände dieser Lebensformen und ihre soziale Bewertung. In der Vergangenheit waren es sozial diskriminierte Formen, die oftmals infolge von Notlagen unfreiwillig entstanden sind, etwa die nichteheliche Lebensgemeinschaft als Folge einer nicht erteilten Heiratserlaubnis. Heute handelt es sich um sozial weithin akzeptierte Alternativen, die meist freiwillig gewählt und aufrechterhalten werden. Pluralisierung entsteht also nicht infolge einer größeren Vielfalt von Lebensformen, sondern über die gleichmäßigere Verbreitung der vorhandenen Formen (Wagner 2008).

In welchen Lebensformen leben die Menschen gegenwärtig in Deutschland? Ein Blick mit den Daten des Mikrozensus 2013 ergibt folgendes Bild (Angaben in Prozent):

Ehepaare mit ledigen Kindern im Haushalt19
Lebensgemeinschaften mit ledigen Kindern im Haushalt*2
Ehepaare ohne Kinder im Haushalt24
Lebensgemeinschaften ohne Kinder im Haushalt*5
Alleinerziehende7
Alleinwohnende39
Alleinstehende**5
Insgesamt100
Quelle: Statistisches Bundesamt 2014, eigene Berechnungen

*Bei etwa jedem zwölften Paar in Lebensgemeinschaften handelt es sich um ein gleichgeschlechtliches Paar. Nach den Ergebnissen des Zensus 2011 gab es in Deutschland rund 75.000 gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, darunter 34.000 eingetragene Lebenspartnerschaften.
**Alleinstehende wohnen nicht allein, haben aber keinen Partner und keine eigenen Kinder im Haushalt (Beispiel: Wohngemeinschaften).

Bei den Alleinerziehenden und den Alleinwohnenden im Alter zwischen 25 und 54 Jahren, das zeigen Daten aus repräsentativen Befragungen, befindet sich etwa jeder Dritte in einer festen Partnerschaft ohne Haushaltsgemeinschaft (zum Beispiel Fernbeziehung).

Oft vernachlässigt wird beim Thema Pluralisierung die Bedeutung der Binnendifferenzierung von Lebensformen. Die Entwicklungen in den vergangenen Jahren zeigen, dass die zunehmende Vielfalt der Familie mehr auf einer steigenden Varianz der Binnenstrukturen als auf einer wachsenden Vielfalt der Strukturformen beruht. Auch hier ein Beispiel: Die bürgerliche Kernfamilie – Vater, Mutter, Kind, unter einem Dach zusammenlebend – existiert heute in drei Variationen, die auf unterschiedlichen Modellen der Rollenverteilungen zwischen den (Ehe-) Partnern basieren und als Ernährer-, Hinzuverdiener- beziehungsweise als partnerschaftlich-egalitäres Modell bekannt sind. Nach Befunden des Mikrozensus 2011 bei Paarfamilien mit Kindern besteht gegenwärtig folgende empirische Verteilung dieser drei Modelle der Arbeitsteilung (BMFSFJ 2014: S. 57):

Vater alleinverdienend (Ernährer-Modell)30 %
Vater Vollzeit, Mutter Teilzeit (Hinzuverdiener-Modell)44 %
Beide Eltern Vollzeit (partnerschaftlich-egalitäres Modell)14 %
Sonstige Konstellationen12 %

Vielfalt als Krise der Familie?

Der demografische, kulturelle und strukturelle Wandel der Familie wird immer wieder als krisenhafte Entwicklung gedeutet. Familie, so die These in diesem Zusammenhang, wandelt sich nicht, sie verschwindet (Popenoe 1993). Im Zuge der zunehmenden Individualisierung, so wird weiter argumentiert, sind Menschen heute nicht mehr wie in der Vergangenheit bereit, Zeit, Geld und Energie in die Familie zu investieren; sie investieren lieber in sich selbst (ebd., S. 527).

Die Vorstellung von der "richtigen" Familie, die bedroht ist und die es zu bewahren gilt, ist jedoch überholt. Die Entwicklung der Familie in Deutschland seit den 1960er-Jahren ist von ausgeprägtem Wandel, aber auch von bemerkenswerter Beständigkeit gekennzeichnet. Es gibt keine empirische Evidenz, dass sich Familie auflösen oder ihren Charakter grundlegend verändern würde. Die stattfindenden Veränderungen sind Ausdruck des fortlaufenden historischen Wandels und keine typische Erscheinung der Gegenwart. Daher geben die gegenwärtigen Entwicklungen der Familie, insbesondere auch die sich ausbreitende Vielfalt der Familienformen und des Familienlebens, keinen Anlass für Krisenszenarien. Im Gegenteil, die Wertschätzung der Familie ist heute auch bei jungen Menschen außerordentlich hoch. Die allgemeine Lebenszufriedenheit wird auch aktuell hauptsächlich durch die Zufriedenheit mit dem eigenen Familienleben bestimmt.

Vielfalt ist mithin kein Indikator für die Auflösung oder Transformation, sie ist vielmehr eine notwendige Voraussetzung für die Überlebensfähigkeit der Familie.

Vielfalt der Familie und Familienpolitik

Welche Konsequenzen resultieren aus dem Wandel der Familie und ihrer wieder gewachsenen Vielfalt für familienpolitisches Handeln? Festzuhalten bleibt zunächst, dass Familienpolitik in modernen Gesellschaften nicht legitimiert ist, direkt Einfluss auf die Gestaltung der Familie und des Familienlebens zu nehmen. Auch ist sie nicht legitimiert, ein Leitbild von der "richtigen" oder "erwünschten" Familie vorzugeben und einseitig zu fördern. Eine moderne Familienpolitik benötigt eine klare Zielbestimmung und kommt ohne die radikale Akzeptanz der Vielfalt der Familie nicht aus.

Im Mittelpunkt einer modernen Familienpolitik sollte die Verbesserung der Lebensqualität der Menschen, insbesondere von Eltern und Kindern stehen. Lebensqualität gründet dabei auf den Säulen Chancengleichheit, wirtschaftliche Stabilität und Wahlfreiheit (Schneider et al. 2013). Damit Wahlfreiheit bei der Lebensführung besteht, müssen die Menschen die Chance haben, Familie – in den rechtlich gesteckten Grenzen – so zu leben und so zu gestalten, wie sie es wünschen und für richtig erachten. Die Chancen auf berufliche, familiale und gesellschaftliche Teilhabe dürfen nicht durch Geschlecht oder Lebensform begrenzt werden. Gesellschaftliche Strukturen, die in dieser Hinsicht einschränkend wirken, sind durch eine gezielte familienorientierte Politik umzugestalten, soweit dies möglich ist.

Die Vielfalt der Erscheinungsformen und der Entwicklungsverläufe sind Kernmerkmale von Familie und kennzeichnen die Lebensrealität in Deutschland. Politisch wird diese Vielfalt bislang noch nicht angemessen anerkannt und nicht hinreichend adressiert.

Solange zum Beispiel das Angebot an Kinderbetreuungsplätzen und an Teilzeitarbeitsplätzen hinter der Nachfrage zurückbleibt und der Abschied vom immanenten Leitbild der "bürgerlichen Normalfamilie" nicht erfolgt, ist die Wahlfreiheit der Lebensführung begrenzt und die Lebensqualität für viele Menschen in Deutschland beeinträchtigt.

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Autor: Norbert F. Schneider für bpb.de
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