Vorurteile
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Was sind Vorurteile?


13.1.2006
Vorurteile sind stabile negative Einstellungen gegenüber Gruppen bzw. Personen, die dieser Gruppe angehören. Vorurteile beruhen oftmals nicht auf eigenen Erfahrungen, sondern werden übernommen. Besonders schwache Persönlichkeiten stützen sich auf Vorurteile.

Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Fans aus aller Welt schauen und feiern zusammen das Sportspektakel.Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Fans aus aller Welt schauen und feiern zusammen das Sportspektakel. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



Vorurteile begleiten unseren Alltag. Jeder hat Vorurteile - nur man selbst nicht. Wie ist dies möglich? Wieso erkenne ich die Vorurteile bei anderen, aber meine eigenen nicht? Warum verteidige ich mich gegen den Vorwurf, ich hätte dieses oder jenes Vorurteil und versuche, mein Urteil als realitätsgerecht zu beweisen? Ist ein Vorurteil also etwas Falsches oder gar Schlechtes? Gibt es nicht auch positive Voreingenommenheiten?

Karikatur: VorurteileKarikatur: Vorurteile
Im Alltagsverständnis gebrauchen wir den Begriff Vorurteil, um ausgeprägte positive und negative Urteile oder Einstellungen eines Mitmenschen über ein Vorurteilsobjekt zu bezeichnen, wenn wir diese für nicht realitätsgerecht halten und der Betreffende trotz Gegenargumenten nicht von seiner Meinung abrückt. Da wir in unseren Urteilen zumeist nur unsere Sichtweise wiedergeben und Urteile fast immer gewisse Verallgemeinerungen enthalten, sind in jedem Urteil Momente des Vorurteilshaften zu finden.

Begriffsbestimmung



In dieser Allgemeinheit ist der Begriff Vorurteil aber wenig brauchbar. Deshalb hat die Vorurteilsforschung, im Wesentlichen die Psychologie, die Sozialpsychologie und die Soziologie, ihn stärker eingegrenzt und von anderen Urteilen und Einstellungen abgehoben. Der Vorurteilsbegriff ist wesentlich durch seinen normativen, moralischen Gehalt bestimmt. Demnach unterscheiden sich Vorurteile von anderen Einstellungen nicht durch spezifische innere Qualitäten, sondern durch ihre soziale Unerwünschtheit. Als Vorurteile erscheinen also nur soziale Urteile, die gegen anerkannte menschliche Wertvorstellungen verstoßen, nämlich gegen die Normen der
  • Rationalität, das heißt, sie verletzen das Gebot, über andere Menschen nur auf der Basis eines möglichst sicheren und geprüften Wissens zu urteilen. Vorurteile verletzen diese Rationalitätsnorm durch vorschnelles Urteilen ohne genauere Kenntnis des Sachverhaltes, durch starres, dogmatisches Festhalten an Fehlurteilen, indem triftige Gegenargumente nicht anerkannt werden, und durch falsche Verallgemeinerungen, die von Einzelfällen auf allgemeine Gültigkeit schließen.
  • Gerechtigkeit (Gleichbehandlung), das heißt, sie behandeln Menschen oder Menschengruppen ungleich, die eigene Gruppe wird nach anderen Maßstäben beurteilt als andere Gruppen. Vorurteile lassen eine faire Abwägung der jeweils besonderen Umstände vermissen, unter denen Mitglieder anderer Gruppen bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen zeigen.
  • Mitmenschlichkeit, das heißt, sie sind durch Intoleranz und Ablehnung des Anderen als eines Mitmenschen und Individuums gekennzeichnet, ihnen fehlt das Moment der Empathie, ein positives Sich-Hineinversetzen in andere Menschen.
Unsere Definition, die diese Aspekte der "sozialen Unerwünschtheit" einbezieht, schränkt den Vorurteilsbegriff in doppelter Weise ein: Er steht nur für negative Einstellungen (obwohl positive Verallgemeinerungen wie "Die Juden sind intelligent" auch falsch sein können) und ist nur auf Einstellungen zu Menschen, genauer Menschengruppen, bezogen. Vorurteile sind demnach stabile negative Einstellungen gegenüber einer anderen Gruppe bzw. einem Individuum, weil es zu dieser Gruppe gerechnet wird.

Zustimmung zu den SchuldaussagenZustimmung zu den Schuldaussagen
Auf Grund dieses normativen Gehalts sind Vorurteile nicht absolut, sondern nur relativ auf ein bestehendes Wertsystem hin zu definieren, nämlich als Abweichung von den Wissens- und Moralstandards einer Gesellschaft. Der Bestand an Vorurteilen hat sich also im Laufe der Geschichte verändert und ist je nach sozialen Gruppen (Schichten, Ethnien, Religionsgemeinschaften) verschieden. Was heute für jedermann als lächerliches Vorurteil gilt (zum Beispiel der Hexenglaube), hat einmal zu den unbestrittenen Gewissheiten von Kirche, Wissenschaft und Öffentlichkeit gehört.

Wenn man davon ausgeht, dass auch in der Gegenwart starke Unterschiede im Wissensstand und in den Vorstellungen über Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit zwischen Generationen, sozialen Schichten, Religionsgemeinschaften und ethnischen Gruppen bestehen, ist leicht einzusehen, dass es häufig umstritten ist, ob die als gültig geäußerte Beschreibung einer Gruppe (Stereotyp) richtig oder falsch, gerecht oder ungerecht, human oder inhuman ist. Dies führt zu dem Problem, das jeder kennt, wenn über "Vorurteile" gestritten wird: Jede Konfliktpartei gibt für ihre Sicht Beispiele, führt Erfahrungen an oder erzählt Geschichten wie: "Ich kenne Türken, die wollen gar kein Deutsch lernen...", um ihr verallgemeinerndes Urteil zu belegen, dass "die Türken sich ja gar nicht integrieren wollen".

Da Vorurteile eng mit dem positiven Selbstbild, mit dem Eigennutz und mit Gruppenkonflikten verbunden sind, gibt es zumeist keine dritte "objektive" Instanz, sodass der Wahrheitsgehalt der Urteile strittig bleibt. Wie soll man die Behauptung von Rechtsextremisten überprüfen, "die Juden hätten zu viel Macht"? Gegenbeispiele richten bekanntlich wenig aus, da man sie als Ausnahmen abwerten kann. Das Erkennen von Vorurteilen hängt demnach von der Fähigkeit und der Bereitschaft ab, die eigenen Urteile und Bewertungen kritisch auf ihre Rationalität, ihre Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit zu prüfen und die möglicherweise abweichenden Perspektiven anderer einzubeziehen. Da man gewöhnlich von seinen eigenen (Vor-)Urteilen fest überzeugt ist, zumal wenn sie wichtige Züge der eigenen Person oder Gruppe betreffen, ist die Überwindung von Vorurteilen ein langwieriger und schmerzhafter Prozess des Umlernens. Häufig ist er mit der Aufgabe von Dominanz und nicht gerechtfertigten Privilegien verbunden.

Auch in der europäischen Geschichte ist die Fähigkeit zur Kritik der eigenen Weltanschauung und Dominanz ein - oft schwieriger - Prozess hin zu Selbsterkenntnis und Pluralismus gewesen. Zu einer solch neuen Weltsicht zwang das Zeitalter der großen Entdeckungsreisen, die das eurozentrische Weltbild und die fraglose Selbstverständlichkeit von Sitten und Überzeugungen erschütterten. Mit der konfessionellen Spaltung der europäischen Völker seit der Reformation wurden gesicherte Glaubenswahrheiten zweifelhaft, und die Philosophie der Aufklärung schließlich verstand es geradezu als ihre Aufgabe, Licht in das Dunkel der Vorurteile und des "Unwissens" zu bringen. Die Forderung nach (religiöser) Toleranz war eng mit der nach einer vorurteilsfreien Haltung verbunden, nämlich auch andere (religiöse) Überzeugungen zuzulassen. Die Kritik der Aufklärungsphilosophie im 18. Jahrhundert richtete sich besonders gegen den dogmatischen Anspruch der Religionen auf wahre Urteile. Gegenüber dem Vorwurf, sich auf Betrug und Unwissenheit zu stützen, musste sich die Religion nun vor der Vernunft rechtfertigen. Die Aufklärer haben damit eine der zentralen Fragen formuliert, welche die Vorurteilsforschung bis heute beschäftigt, nämlich die nach der Manipulation von Vorurteilen - als "interessenbestimmte Lügen"- im Dienste bestimmter Interessen.

Die heutige Vorurteilsforschung untersucht die Funktionen dieses "falschen" Denkens. Offenbar unterliegen Vorurteile nämlich keinen besonderen Denkgesetzen, sondern folgen den allgemeinen psychischen Regeln des Denkens, Fühlens und Handelns (siehe folgenden Abschnitt). Eine Reihe anderer Theorien versucht zu erklären, wie die individuellen Unterschiede der Empfänglichkeit für Vorurteile zu erklären sind. Andere Theorien fragen nach dem Einfluss der Dynamik von Gruppenbeziehungen auf die Entwicklung von Vorurteilen, während sich wieder andere mit ihrer Weitergabe von einer Person zur nächsten befassen.

Quellentext

Umgang mit Vorurteilen

[...] Mittlerweile kreist die Arbeit des Sozialpsychologen Jens Förster weniger um die Frage, was Vorurteile sind oder wie sie entstehen, sondern eher um den rechten Umgang damit. Kann sich der Einzelne gegen eigene und fremde Stereotype wappnen, oder ist er ihnen hilflos ausgeliefert? Was passiert, wenn man Vorurteile unterdrückt? Solche Themen behandeln drei von der DFG geförderte Projekte, an denen er beteiligt ist und die alle ineinander greifen.
So ließ der Psychologe etwa Studenten Aufsätze über Ausländer verfassen unter der Auflage, jedes ausländerfeindliche Klischee zu vermeiden. Als er seine Probanden hinterher dem Assoziationstest unterwarf, zeigte sich, dass die Intensität ihrer Vorurteile nicht etwa schwächer, sondern stärker geworden war. Werden Vorurteile unterdrückt, wirken sie umso massiver, lautet Försters Hypothese. »Das ist das bekannte Phänomen des rosa Elefanten: Wenn man nicht an ihn denken soll, denkt man an nichts anderes.« Gelänge es dagegen, so seine Vermutung, das Denken zu »entkrampfen«, die unterdrückten negativen durch positive Assoziationen zu ersetzen, könnte man sich vielleicht leichter von ihnen lösen.
Ein anderes Phänomen, dem er in seinen Projekten nachgeht, ist das der Selffulfilling Prophecy, der »sich selbst erfüllenden Prophezeiung«. Stereotype beeinflussen nicht nur das Denken derer, die sie aussprechen, sondern auch diejenigen, auf die sie gemünzt sind. So schnitten blonde Studentinnen bei Intelligenztests immer dann schlechter ab, wenn man ihnen zuvor Blondinenwitze erzählt hatte. Selbst wesentlich subtilere Einflüsse zeigen Wirkung. Wenn Frauen vor dem Lösen mathematischer Aufgaben einen Fragebogen mit persönlichen Angaben ausfüllen und darin auch ihr Geschlecht angeben müssen, zeigen sie schlechtere Leistungen. Daraus schließt die Sozialpsychologie: Fokussiert man die Aufmerksamkeit der Frauen stärker auf ihr Geschlecht, aktiviert man in ihnen das unbewusste Vorurteil, Frauen seien in Mathematik minderbegabt. Umgekehrt schnitten Männer im Vergleichstest schlechter ab, wenn ihre Sprachkompetenz gefragt war.
Dass Misserfolgserwartungen die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen, ist seit den frühen 1970er Jahren bekannt. Försters Forschung geht einen Schritt weiter. Er konnte zeigen, dass Leistungen nicht generell, sondern nur in bestimmter Weise gemindert werden. Dazu ließ er beispielsweise Frauen und Männer dünne Drähte in Fliegengitter flechten. Wurde diese Aufgabe als »Stickarbeit« angekündigt, arbeiteten die Frauen meist schneller als Männer, allerdings auch weniger sorgfältig. Wurde die Arbeit dagegen als technische Aufgabe ausgegeben, war der Effekt umgekehrt: Die Männer absolvierten sie schneller, aber schlampiger.
Positive Konditionierung, glaubt Förster, wirkt sich nicht nur auf die Schnelligkeit, sondern auch auf die Kreativität günstig aus; eine negative Voreinstellung dagegen schärft die Genauigkeit, Selbstdisziplin und Analysefähigkeit. Im Rahmen seines dritten DFG-Projekts will er diese Hypothese überprüfen. [...]

Sabine Etzold, "Forscher, Sänger, Provo", in: Die Zeit vom 28. April 2005.