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Informationen zur politischen Bildung (Heft 271)
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"Zigeuner" und Juden in der Literatur nach 1945 |

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Mona Körte
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Die rassige Carmen, bunte Zigeunerwagen, wilde Zigeunermusik, die unheimliche Wahrsagerin, der Dieb oder der arbeitsscheue Vagabund sind traditionelle und bis heute wenig hinterfragte Typisierungen des "Zigeuners" bzw. der "Zigeunerin" in der Literatur und anderen Künsten. Reduziert auf ihre Funktion als spannungserhöhende und die Handlung vorantreibende Instanz, gehören sie seit dem 18. Jahrhundert zum Figurenbestand der populären Literatur (der Sagen, Märchen, Balladen, Schauerromane und Abenteuergeschichten). Neben den klassischen Behandlungen des Zigeunerstoffes diente der vagabundierende Fremde als bloße Randfigur einer exotischen Kulisse. Nach 1945 steht er mitunter als Protagonist im Zentrum des Geschehens.
Seit Jahrzehnten erfreuen sich Geschichten mit vorverurteilenden Erzählungen über "Zigeuner" aus aller Welt einer ungebrochenen Konjunktur. Manche der dort versammelten Erzählungen fanden gar Eingang in die Schulbücher, wie etwa Wolfdietrich Schnurres Kurzgeschichte "Jenö war mein Freund" (1958). Dieser Klassiker der Jugendliteratur geriet ins Kreuzfeuer der Kritik, da Schnurre in wohlmeinender Absicht - die Geschichte endet mit der Deportation und einer Anspielung auf den Völkermord an den Sinti und Roma - in der Figur Jenö die positiven wie negativen Klischees vom schlitzohrigen und stehlenden Zigeunerjungen fortschreibt.
Erzählt wird die Geschichte einer Freundschaft zwischen dem jugendlichen Ich-Erzähler und dem Zigeunerjungen Jenö, dessen "Leute [?] in ihren Wohnwagen" hausen und wie die Großmutter "unglaublich verwahrlost" sind. Eigentlicher Held der Geschichte ist der geliebte Vater des Ich-Erzählers. Obwohl seine Vorurteile bestätigt werden, klagt der Vater nicht, als nach Jenös Besuch ein Barometer und bald auch einiges mehr fehlt. Im Kontakt mit Jenö tauscht der Vater die anfänglich "zigeunerfeindliche" Haltung lediglich gegen eine "zigeunerfreundliche" ein, die die von Schnurre beschriebene Anders- und Fremdartigkeit im Ganzen unverstanden lässt. Das Verhalten des Zigeunerjungen, der Igel verspeist und Kinderspielzeug klaut, wird mit den "anderen Sitten" entschuldigt, der Junge aber bleibt auf seine Fremdheit reduziert und darin ohne persönliche Dynamik. Mangelnde Reflexion und fehlendes Problembewusstsein lässt Schnurre auch darin erkennen, das sein Zigeunerjunge nicht Romanes, sondern die auf das Mittelalter zurückgehende Gaunersprache Rotwelsch spricht. Diese weist Jenö als Nachfahren der so genannten Jenischer aus, bei Schnurre gehört er also irrtümlich der ethnischen Gruppe der Sinti und Roma an.
Die kritische Rezeption derartiger Erzählungen tat stereotypen Zigeunerdarstellungen keinen Abbruch. In dem 1990 erschienenen Buch "In meiner Sprache gibt es kein Wort für morgen" beispielsweise kombiniert die Autorin Elisabeth Petersen beharrlich fortbestehende und mit der Realität der Sinti und Roma unvereinbare Mythen wie den vom unbeschwerten Zigeunerleben und von zwanghafter Mobilität, verbunden mit der Unterstellung, Sinti lebten nach Art von Kindern in der puren Gegenwart und hätten daher kein "Wort für morgen".
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Quellentext
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Tradierte Zigeunerbilder Auch wenn die gängigen Bilder von den "Zigeunern" nicht auf persönlichen Erfahrungen beruhen, so sind sie keineswegs aus der Luft gegriffen. Sie gehören zum kulturellen Erbe, auf das die Deutschen, "das Volk der Dichter und Denker", so stolz sind. [...]
Die Dichter haben sich für ihre Darstellung von "Zigeunerfiguren" nicht mit der realen Lebensweise der Sinti und Roma befasst, sondern ausschließlich aus schriftlichen, vor allem literarischen Quellen geschöpft. Der junge Goethe hat für das "nächtliche Zigeunerlager" im "Götz von Berlichingen" auf Cervantes und Wieland zurückgegriffen, die Romantiker haben Goethes Porträt der zigeunerhaften Mignon kopiert, die Autoren des Biedermeier und des Realismus haben Züge von Goethes Mignon und Mignons romantischen Schwestern kombiniert [...].
Die ethnische Dämonisierung der "Zigeuner" blieb nicht auf das späte Mittelalter beschränkt, sondern wurde durch die Volksliteratur, durch Märchen, Sagen, Legenden, Schwänke und Witze verbreitet und fand auch in mehreren Erzählungen der Romantik Eingang. Die "fahrenden Zigeuner" werden in den Sammlungen von Sprichwörtern, Schwänken und Fasnachtsspielen des 16. Jahrhunderts ebenso wie von Luther als Bettler, Diebe und Betrüger verurteilt, während sie in Grimmelshausens Schelmenromanen ungleich positiver als listige Gauner und Abenteurer porträtiert werden.
War die Figur des "Zigeuners" vor 1770 nur eine Randerscheinung, so haben sich danach die feindlichen "Zigeunerbilder" ebenso wie die Judenbilder schlagartig vermehrt und verschärft. [...]
So sind in verschiedenen Epochen verschiedene Vorurteile über Sinti und Roma in die Literatur eingegangen: erst die Dämonisierung der Einwanderer aus dem Nahen Osten, dann die Kriminalisierung der Fahrenden und seit der Aufklärung die Herleitung der ihnen aufgezwungenen Merkmale aus ihrer Rasse. Da diese Vorurteile durch die Literatur am Leben geblieben sind, haben sie einander nicht abgelöst, sondern sich zu einem todbringenden Feindbild addiert. [...]
Während die Sinti und Roma in Westeuropa längst sesshaft sind und bürgerliche Berufe ausüben, werden in schulischen Lesebüchern, in Editionen von "Zigeunermärchen", in Tatort-Krimis und auf Musikfestivals nach wie vor exotische Bilder von "Zigeunern" verbreitet, die lachen, singen oder weinen, sich prügeln oder sich umarmen und die Engel oder Hexen, Clowns oder Verbrecher darstellen, nur ja keine normalen Menschen.
Wilhelm Solms, "'Der Zigeunermythos' und seine Wurzeln", in: Neue Zürcher Zeitung vom 2./3. Dezember 2000.
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10. Februar 2012
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Thema im Unterricht/Extra |
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Gesellschaft für Einsteiger
Ob Alter, Religion, Herkunft oder Beruf: Es gibt viele Merkmale, in denen sich die Menschen einer Gesellschaft unterscheiden. Doch wie bestimmen sie unsere individuelle Entwicklung und unser Zusammenleben? Die 20 farbigen Arbeitsblätter nähern sich auf einer sehr persönlichen Ebene den Grundlagen der Soziologie. |
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