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Geschichte, Definition, Tendenzen

Was ist ein Konflikt?

Lutz Schrader
Konflikte sind allgegenwärtig. Doch was ist ein Konflikt? Gibt es einen begrifflichen Kern, den all die verschiedenen Formen gesellschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen gemeinsam haben?

Polizeibeamte in Kandahar, Afghanistan.
Polizeibeamte in Kandahar, Afghanistan. Foto: AP

Konflikte sind nicht zwangsläufig zerstörerisch und deshalb nicht grundsätzlich negativ zu bewerten. Im Gegenteil, sie sind "eine unvermeidbare und für den sozialen Wandel notwendige Begleiterscheinung des Zusammenlebens in allen Gesellschaften". (Ropers, S.11) Eine Gesellschaft ohne Konflikt wäre eine tote Gesellschaft. Das Ziel der Erforschung von Konflikten ist deshalb nicht ihre Abschaffung. Es gilt vielmehr, Mittel und Wege zu finden, wie Konflikte möglichst gewaltfrei und konstruktiv ausgetragen werden können. Sozialer Wandel geht oft mit Konflikten einher, die z.T. auch gewaltsam sind. Eine systematische Vermeidung und Diskreditierung von Konflikten wäre also letztlich kontraproduktiv, weil sie gesellschaftliche Veränderungsprozesse blockieren würde.

Zur Person
Lutz Schrader
Lutz Schrader (Jg. 1953) ist freiberuflicher Dozent, Berater und Trainer mit dem Schwerpunkt Friedens- und Konfliktforschung sowie Konfliktberatung und -bearbeitung. Forschungsthemen sind die Konflikte im westlichen Balkan, Handlungsmöglichkeiten zivilgesellschaftlicher Akteure in bewaffneten Konflikten und Post-Konfliktgesellschaften, Verfahren der Konflikttransformation sowie Friedens- und Konflikttheorien.

Konfliktdefinition

Weil Konflikte vielschichtig sind, kann die Definition dessen, was unter einem Konflikt verstanden wird, sehr unterschiedlich ausfallen. Dennoch: Die meisten Definitionen benennen eine Reihe von Elementen, die mehr oder weniger allen Konflikten eigen sind. Dabei ist es zunächst unerheblich, ob sie sich auf der intrapersonalen, der gesellschaftlichen oder auf der (zwischen-)staatlichen Ebene abspielen.

In jedem Konflikt lassen sich idealtypisch drei Ebenen bzw. Komponenten ausmachen:
  • ein bestimmtes Verhalten der Konfliktparteien, das auf den Konflikt hindeutet und ihn allzu oft weiter verschärft (z.B. Konkurrenz, unangemessene Aggressivität, Hass, Gewalt),
  • ein Widerspruch, der sich zwischen den unvereinbar erscheinenden Zielen, Interessen bzw. Bedürfnissen der Konfliktparteien auftut, sowie <(li>
  • Einstellungen und Haltungen der Konfliktparteien, die die eigene Position – bewusst oder unbewusst – rechtfertigen. Dazu gehören u.a. ihre Wahrnehmungen und Annahmen in Bezug auf die eigene Stellung im Konflikt, die Konfliktursachen und die Bewertung der "anderen Seite" (z.B. Feindbilder).
Die drei Komponenten können im sog. Konfliktdreieck anschaulich darstellt werden. Dieses weit verbreitete Werkzeug der Konfliktanalyse wurde von Johan Galtung eingeführt – einem der Mitbegründer der Friedens- und Konfliktforschung:

Konfliktdreieck

Mit der Unterscheidung zwischen manifester und latenter Ebene eines Konflikts wird verdeutlicht, dass die Beteiligten meist nur das durch den Konflikt beeinflusste bzw. hervorgerufene Verhalten – oft verbale oder körperliche Gewalt – wahrnehmen. Dagegen bleiben die zugrunde liegenden Widersprüche sowie Haltungen und Annahmen zunächst weitgehend im Dunkeln.

Zwischen den drei "Ecken" eines Konflikts besteht ein unauflöslicher Zusammenhang. In aller Regel reicht ein "objektiver" Widerspruch der Konfliktparteien allein nicht aus, um einen Konflikt zu begründen. Mindestens eine Partei muss diesen Widerspruch, konkret: die Unvereinbarkeit der Ziele, Interessen und Bedürfnisse, auch subjektiv wahrnehmen und diese Unvereinbarkeit in ihrem Verhalten und ihrer Haltung anzeigen. Mögliche Reaktionen sind Verdrängung, Flucht, Angriff und im Idealfall Bemühungen, den Konflikt zu verstehen, sich mit den anderen Konfliktparteien zu verständigen und eine konstruktive Lösung herbeizuführen.

Strukturelle Dimension und Konfliktdynamik

Nicht selten erschließt sich für die Beobachter eines Konflikts nicht, warum die Kontrahenten plötzlich aufeinander losgehen und sich buchstäblich ineinander "verbeißen". Die sichtbaren Anlässe und Ursachen für den Streit vermögen einen solchen Grad an gegenseitiger Ablehnung und destruktiver Dynamik nicht zu erklären. Besonders in solchen Fällen lohnt sich ein Blick auf die Vorgeschichte des Konflikts und auf die strukturellen und kulturellen Ursachen und Hintergründe.

Soziale Konflikte entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie werden vielmehr auf vielfältige Weise von den bereits bestehenden sozialen Strukturen und kulturellen Gegebenheiten in der jeweiligen Gruppe, Gemeinschaft oder Gesellschaft beeinflusst und wirken auf diese zurück. Das Zusammenspiel zwischen Konflikten und ihrem strukturellen und kulturellen Umfeld kann sich mitunter sehr destruktiv auswirken. Dies geschieht meist dann, wenn Konflikte in Gesellschaften aufbrechen und ausgetragen werden, die durch tiefe und verhärtete soziale, politische und wirtschaftliche Brüche, Gegensätze und Abstufungen geprägt sind (z.B. große Machtunterschiede, tiefe Kluft zwischen Reichen und Armen, Wohlfahrtsgefälle zwischen Metropolen und peripheren Regionen).

Die betroffenen Menschen sind sich der Ungerechtigkeit dieser Strukturen oft gar nicht bewusst, weil diese durch soziale Konventionen, religiöse Dogmen und Alltagsmythen gerechtfertigt werden. Um die Dynamik von Konflikten zu verstehen und nachhaltig in konstruktive Bahnen zu lenken, müssen die Beteiligten deshalb auch die strukturellen Ursachen und Hintergründe angehen. Das ist insbesondere dann erforderlich, wenn zwischen Konfliktparteien bestehende Unterdrückungs-, Ausgrenzungs- und Ausbeutungsverhältnisse als "normal", ja unabänderlich angesehen und dargestellt werden.

Stufen der Konflikteskalation

Werden die Konfliktparteien sich nicht rechtzeitig eines entstehenden Konflikts bewusst und reagieren auf erste Anzeichen unangemessen, also z.B. mit Verdrängung, Abwehr, einseitiger Schuldzuweisung oder Angriff, droht eine stetige Eskalation. Der Konfliktforscher Friedrich Glasl hat aus eigenen praktischen Erfahrungen und der Auswertung von Eskalationsmodellen aus der wissenschaftlichen Forschung ein neunstufiges Schema der Konflikteskalation entwickelt. Dies ist mit der Annahme verbunden, dass es bei der Zuspitzung von Konflikten übergreifende, mehr oder weniger allgemeingültige Muster und Abfolgen gibt. Die Merkmale und Ausdrucksformen der verschiedenen Eskalationsstufen können den direkt Beteiligten und den Konfliktberatern nützliche Hinweise zum bereits erreichten Konfliktstadium geben. Außerdem bieten sie eine Fülle von Anhaltspunkten für eine konstruktive und deeskalierende Bearbeitung.

Schlussfolgerungen für die Konfliktbearbeitung

Angesichts der Komplexität von Konflikten ist ihre Bearbeitung ein sehr anspruchsvolles Unterfangen. Grundsätzlich sollten entsprechende Bemühungen an allen drei "Ecken" eines Konflikts ansetzen. Für eine nachhaltige Konfliktbearbeitung wäre es zu wenig, lediglich das Verhalten der Akteure – also die Art und Weise zu kommunizieren und miteinander umzugehen – zu verändern. Auch der Widerspruch selbst muss überbrückt und die Annahmen/Haltungen der Konfliktparteien verändert werden.

Die größte Herausforderung im Rahmen eines Bearbeitungsprozesses stellt zweifellos die Berücksichtigung der strukturellen und kulturellen Dimensionen dar. So wird ein Konflikt letztlich nur dann dauerhaft zu überwinden sein, wenn wirksame Maßnahmen zur Angleichung des Macht- und Einkommensgefälles zwischen den Konfliktparteien ergriffen werden. Ein möglicher Einstieg wäre, die Konfliktparteien dabei zu unterstützen, sich ihre sozialen und kulturellen Prägungen bewusst zu machen und diese schrittweise in Richtung der Unterstützung einer konstruktiven Konfliktdynamik zu verändern. Dazu könnte z.B. gehören, tief verinnerlichte Verlierer- und Opfer-Identitäten zu überwinden.

Literatur

Imbusch, Peter /Zoll, Ralf (Hrsg.) (2005): Friedens- und Konfliktforschung. Eine Einführung. Lehrbuch, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Sommer, Gert /Fuchs, Albert (Hrsg.) (2004): Krieg und Frieden. Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie, Weinheim, Basel, Berlin: Beltz Verlag.

Glasl, Friedrich (2009): Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führungskräfte, Beraterinnen und Berater, Bern, Stuttgart, Wien: Haupt Verlag.

Galtung, Johan (2007): Frieden mit friedlichen Mitteln. Friede und Konflikt, Entwicklung und Kultur, Münster: Agenda Verlag.

Links

Ropers, Norbert (2002): Friedensentwicklung, Krisenprävention und Konfliktbearbeitung Technische Zusammenarbeit im Kontext von Krisen, Konflikten und Katastrophen, Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), Eschborn 2002, S. 11.


17. Januar 2012


 
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