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Krieg, Flucht und Vertreibung

Durch den Bombenhagel zum Bunker



Im Rahmen des Schülerwettbewerbs "Projektwerkstatt" der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb interviewten zahlreiche Schülerinnen und Schüler von der 5. bis zur 11. Klasse Zeitzeugen in ihrer Heimatstadt zum Bombenkrieg in Deutschland. Die Klasse 10b der Johann-Gutenberg-Schule aus Bremerhaven sprach mit dem Zeitzeugen Günter Anders. Er lebte zum Zeitpunkt der Bombardierungen als 15-Jähriger bei seinen Eltern im Hause Grazer Straße 26, Ecke Keilstraße in Bremerhaven.

Das Ziel der Alliierten am 18. September 1944 war nichts weniger als die komplette Zerstörung Bremerhavens. 206 Bomber der Royal Air Force vernichteten innerhalb von 20 Minuten insgesamt 2.670 Häuser. Die heutigen Stadtteile Mitte und Geestemünde Bremerhavens wurden durch den Angriff fast komplett zerstört. Als "mahnender Zeigefinger" blieb der Turm der Großen Kirche in der Stadtmitte erhalten.

Alarm findet kaum Beachtung

"Als gegen 20 Uhr Luftwarnung gegeben wurde, fand dies kaum Beachtung. Zu oft schon hatten die Sirenen geheult, zu oft schon war 'drohende Luftgefahr' oder gar 'Vollalarm' angezeigt gewesen. Eine gewisse Gleichgültigkeit breitete sich aus, man 'überhörte' manchen Alarm, suchte erst gar nicht den Schutzraum auf.

Tannenbäume am Himmel: Es wird ernst

Wenn aber die Geschütze der am Stadtrand aufgestellten Flakbatterien in Aktion traten und das Feuer auf feindliche Flugzeuge eröffneten, dann war es ein Hasten und Eilen zu den als Luftschutzräumen ausgebauten Kellergewölben. Wir begaben uns gegen 21.30 Uhr zur Nachtruhe. Ich lag bereits in festem Schlaf, als etwa eine Viertelstunde später das Geheul der Sirenen 'Vollalarm' ankündigte. Aber als schon wenige Minuten später die Flakgeschütze ihren ohrenbetäubenden Lärm begannen und am Himmel von den anfliegenden feindlichen Flugzeugen 'Tannenbäume' zur Markierung für die nachfolgenden Bomber gesetzt wurden, überkam uns ein ungutes Gefühl.

Das Haus ist getroffen

Die hastige Flucht in Richtung Keller war begleitet von den Motorengeräuschen der über der Stadt fliegenden Flugzeuge. Als wir das Erdgeschoss erreicht hatten, schlugen bereits Bomben ein. Nach kurzem Aufenthalt im Schutzraum stellte ein Mitbewohner fest, dass in unserem Haus wie auch in den Nebenhäusern Feuer durch Brandbomben ausgebrochen und an ein Löschen nicht zu denken war. Wir entschlossen uns zur Flucht - in Richtung Große Kirche. Aus dem Schutzraum hatten wir einige Wolldecken mitgenommen, die mit Wasser getränkt wurden. Die triefenden Decken über den Kopf geworfen, verließen wir das bereits stark brennende Haus.

Flucht durch den Bombenhagel

Kaum 50 Meter unseres Fluchtweges hatten wir hinter uns gebracht, als meine Mutter und ich von der Druckwelle einer bei der Marienkirche explodierenden Luftmine gegen eine Hauswand geschleudert und dann zu Boden gerissen wurden. Während in nächster Nähe weitere Bomben fielen, zogen uns hilfsbereite Anwohner in einen Hauseingang. Sie forderten uns auf, ihren Luftschutzraum aufzusuchen; mein Vater aber, der auf seinem Arm meine kleinere Schwester trug, trieb uns förmlich weiter. Bei unserer Flucht zu den rettenden Bunkern auf dem Kirchenplatz fielen weiterhin Bomben. Sie durchschlugen in unserer unmittelbaren Nähe die Wohnhäuser und sprengten deren Mauern. Die fast gleichzeitig abgeworfenen Stabbrandbomben und Phosphorkanister sorgten für großflächige Brände.

Etwa in Höhe des Wohnhauses Grazer Straße 16 schlug vor uns ein Teil eines herabfallenden Giebels berstend auf den Fußweg. Weder auf Feuer und Funken oder auf herabpolternde Steinbrocken achtend, überwanden wir mit einigen Anwohnern, die ebenfalls die brennenden Häuser verlassen hatten, die auf dem Wege liegenden Hindernisse. Hinter uns, aus Richtung Lloydstraße, tobte der glühende Feuersturm, der in seinem Sog alles mit sich riss. Diese Angst im Nacken trieb uns vorwärts, das rettende Ziel greifbar vor Augen. Durch das Inferno von zusammenstürzenden Häusern und einem hell auflodernden Flammenmeer drangen Schreie von Menschen, die auf ihrer Flucht von herab fallenden Trümmern oder glühenden Phosphor getroffen waren. Niemals vorher hatte ich solch entsetzliche Schreie gehört. Lawine von Dachziegeln

Nur noch wenige Meter waren bis zum Kirchenplatz zurückzulegen, als wir uns in den Hausflur des bis dahin unversehrten Wohngebäudes Ecke Mühlenstraße - Grazer Straße 2 retten mussten. Keine Sekunde zu früh, denn vom gegenüberliegenden Gebäude schlug wie eine Lawine eine große Anzahl von Dachziegeln auf die Mitte der Straße, gefolgt von brennenden Dachsparren. Nach kurzer Pause folgte dann das letzte Stück. Auf dem Kirchenplatz waren wir vorerst in Sicherheit, der hinter uns liegenden Hölle entronnen."

Das Interview führten Schüler der Klasse 10b der Johann-Gutenberg-Schule aus Bremerhaven im Rahmen der Projektwerkstatt 2004


 
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