Straßenszene am Brandenburger Tor

22.5.2015

Deutschland innovativ – Eindrücke einer Veranstaltung

Friedliche Revolution und Mauerfall im Herbst 1989 waren die Ausgangspunkte für die Deutsche Einheit. Die Veränderungen, denen sich die Deutschen seit der Wende haben stellen müssen, waren in allen Bereichen spürbar und haben Spuren hinterlassen.

Eine kleine Glocke läutet den Beginn des Nachmittags ein und die 80 Gäste versammeln sich im großen Saal im ersten Obergeschoss.

Der Bürgermeister der Stadt Mönchengladbach, Hans Wilhelm Reiners, begrüßt alle Anwesenden. Er unterstreicht dabei, wie wichtig eine engagierte Bürgerschaft für die Umbrüche vor 25 Jahren in der ehemaligen DDR sowie im Prozess der Wiedervereinigung war und ebenso auch für alle heutigen Veränderungen ist.

In Vertretung für den Parlamentarischen Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, Dr. Günter Krings, begrüßt Dr. Jörg Bentmann im Anschluss die Gäste. Er macht deutlich, dass die Jubiläen der Friedlichen Revolution und Deutschen Einheit nicht nur Anlass zur Rückschau, sondern auch für einen Blick nach vorne, in die Zukunft, sind.

Die erste Tischrunde beginnt und angeregtes Gemurmel erfüllt den Raum.

Die Frage nach den Veränderungen, die es durch den Fall der Mauer und die Deutsche Einheit in den vergangenen 25 Jahren gegeben hat, bewegt. Die persönlichen und gesellschaftlichen Umbrüche waren und sind heute immer noch vielfältig: von der Massenarbeitslosigkeit der Nachwendejahre, über den verstärkten Wegzug aus der Heimatregion im Osten, die zunehmende Berufstätigkeit von Frauen im Westen, die weltweite Globalisierung, die insgesamt zu Flexibilisierung und Mobilisierung des Arbeitsmarktes führte. Die Digitalisierung des vergangenen Jahrzehnts, die das Leben und Arbeiten beschleunigte, neue Möglichkeiten schuf und Risiken aufbrachte, die europäische Wirtschaftspolitik, die auf unerwartete Art und Weise mit der Insolvenz der amerikanischen Lehmann Brothers verwoben war oder die weltweite Migration von Flüchtlingen, die die Gesellschaft heute insgesamt herausfordert. Diese Themen betreffen in der einen oder anderen Weise jede und jeden am Tisch. Das anschließende Podium fasst diese Entwicklungen unter dem Begriff "Megatrends der heutigen Zeit" zusammen und definiert vier als besonders relevant: Migration, Individualisierung, Digitalisierung und Globalisierung.

Die Veränderungen, denen sich die Deutschen seit der Wende haben stellen müssen, waren in allen Bereichen spürbar und haben Spuren hinterlassen. Heute, so stellte eine Tischrunde im gemeinsamen Gespräch fest, haben wir vor allem Ängste, wenn wir an Veränderungen denken. Die „deutsche Angstmentalität“ wird auch an einem anderen Tisch aufkommen, als es um die Frage geht, wie sehr das demografisch alternde und schrumpfende Deutschland Migration braucht. "Wir haben aber mehr Angst vor den Flüchtlingen oder gar vor Überfremdung ", sagt eine junge Frau an einem Tisch, "als dass wir die Chancen verstehen, die Zuwanderung für unser Land bedeutet".

Als es an den Tischen um die Frage geht, welche Innovationen wir heute wollen, wird der schmale Grad deutlich, den gesellschaftliche Veränderung beschreitet: ohne die Weiterentwicklung der Gesellschaft wird der Erhalt von Wohlstand und Wachstum nicht möglich sein. Allerdings wird parallel klar, dass die Rahmenbedingungen für Innovation und Veränderung eindeutig sein müssen, auch um Ängste und Vorbehalte aufzufangen. Die Digitalisierung ist eines der an diesem Tag oft zitierten Beispiele: Kultur und Musik werden für einige Anwesende zunehmend durch die Digitalisierung entwertet, so dass die Innovation, die das Digitale mit sich bringt, nicht ausschließlich als "gute" Innovation gewertet wird. Ähnlich verhält es sich mit dem Thema Gentechnik, wird das Podium später diskutieren. Nicht überall, wo Innovationen entstehen, sind diese für die Gesellschaft insgesamt und in Abwägung aller Konsequenzen in Gänze wünschenswert.

Der schmale Grad von Freiheit und (Über-)Regulierung, wird es später auf dem Podium weiter heißen, muss gefunden werden: einerseits um genügend Freiräume zur Entfaltung und für Innovation zu schaffen und andererseits, um der notwendigen Regulierung Rechnung zu tragen, die Gefahren und Risiken angemessen einzuschätzen.

In der Konsequenz, so diskutiert ein Tisch sehr lebendig, bedeutet dass, das Innovationen solange in Ordnung sind, solange das Fundament bzw. dass, was wertgeschätzt wird, beibehalten wird. Das Ausbalancieren von Werten und Interessen scheint die Grundlage zu sein, um sich gegenüber Veränderungen und Innovationen in der Gesellschaft öffnen bzw. diese akzeptieren zu können. Wird die Entwicklung nicht als positiv empfunden, "habe ich nicht daran mitgewirkt oder verstehe zumindest, weshalb die Entwicklung entstanden ist, besteht die Gefahr, dass ich mich dieser Veränderung gegenüber verschließe", fasst ein älterer Mann am Tisch zusammen.

Welche konkreten Rahmenbedingungen braucht gesellschaftliche Innovation denn aber, um zu funktionieren? Im Podiumsgespräch wird deutlich, dass gerade der unbedingte Willen zur Veränderung, eine gesamtgesellschaftliche Kraft, wie sie nur die Revolution kennt, 1989 zum Sturz der DDR geführt hat. Im Sinne des berühmten Satzes "Das einzig Beständige ist die Veränderung" führt das Podium später weiter aus, dass insbesondere die Veränderungsbereitschaft im Alltäglichen heute wichtig ist, damit Deutschland insgesamt innovativ bleibt.

An einigen Tischen wird zu dieser Frage eine eher abstrakte, aber sehr grundsätzliche Forderung nach Regelung von gesellschaftlichen Veränderungen durch die Politik laut. Diese ist nachvollziehbar, soll Politik doch den Rahmen festlegen, welche Veränderungen und Innovationen die Gesellschaft möchte. Wichtig bleibt dennoch, dass auch die Bürgerinnen und Bürger ihren Beitrag leisten, damit eine Gesellschaft aus sich heraus verändert werden kann.

Deshalb folgen an den Tischen auch sprudelnd weitere Vorschläge, welche Bedingungen ein Land braucht, um innovativ und veränderungswillig zu sein: es braucht Bürgerinnen und Bürger, die lebenslang lernen, sich fortbilden, verschiedene Sprachen sprechen, wissen, wie es sich anfühlt, im Ausland fremd zu sein und vor allem, Bürgerinnen und Bürger, die sich engagieren. Im Ehrenamt, so finden zahlreiche Teilnehmende, findet Innovation und sozialer Wandel besonders statt bzw. wird auf besondere Weise aktiv gestaltet wird. Die Forderung nach kommunalen Stellen, die das ehrenamtliche Engagement koordinieren, findet Zuspruch. Auf dem Podium wird später gesagt, dass Innovation besonders aus dem Dialog mit Menschen entsteht – insbesondere auch aus Widersprüchen und Dissens. Im Ehrenamt scheinen dieser Dialog und die aktive Gestaltung von Veränderungen für die Teilnehmenden auf besondere Weise möglich.

Innovation schaffen, so das Podium später, bedeutet das über Bord werfen alter Muster und damit verbunden auch immer die gesellschaftliche Diskussion darüber, ob alle bereit sind, dies zu tun. Am Ende bedeutet Innovationen schaffen vor allem zu akzeptieren, dass Veränderung permanent stattfindet und Teil des persönlichen Lebens, wie auch der Gesellschaft ist. Die Herausforderung besteht darin, die Veränderungen aktiv zu gestalten, das Beste aus Wandlungsprozessen zu machen und Chancen zu ergreifen. Es bedeutet auch, an grundsätzlich Bewährtem festzuhalten, wenn die Folgen, nicht das sind, was die Gesellschaft möchte. Nicht alles, was gemacht werden kann, sollten wir machen, resümiert das Podium.

In den Wendejahren war die Veränderung für viele eine große Chance und einzigartige Möglichkeit in einem vereinten Deutschland zu leben. Der unbedingte Willen zur Veränderung war da, Bedenken tragen nicht an der Tagesordnung.

Heute, so scheint es, gibt es eine Trennung in der Sicht auf technisch-naturwissenschaftliche und gesellschaftliche Innovationen und Veränderungen. Stehen wir technischen Neuerungen überwiegend offen gegenüber und sehen darin vor allem die Chancen, stehen bei gesellschaftlichen Veränderungen häufig eher Angst und Skepsis im Vordergrund.

Das Podium plädiert zum Abschluss der Veranstaltung für mehr Zukunftsfreudigkeit und für mehr Gestaltungswillen, aus den heutigen Veränderungen das Beste zu machen. Immerhin haben sowohl der Osten, wie auch der Westen in den vergangenen Jahrzehnten massive Veränderungen erlebt und in vielerlei Hinsicht positiv bewältigt - darüber miteinander ins Gespräch zu kommen und voneinander zu lernen ist 25 Jahre nach dem Fall der Mauer eine Bereicherung.