Fachtagung Politische Gewalt

16.9.2016 | Von:
Benjamin Dresen

Gewalt von Syrienrückkehrern – Wie groß ist die Bedrohung? Welche Rolle spielt die Prävention?

Typen und Motive der Radikalisierung

Den Sicherheitsbehörden sind 840 Personen bekannt, die von Deutschland nach Syrien ausreisten, um sich dort Terrorgruppen anzuschließen. Der Workshop beleuchtete, wer sich aus welchen Gründen zur Ausreise entschloss und skizzierte Ansätze zur Prävention.

André Taubert unterschied im Workshop zwischen fünf Typen von Radikalisierten.André Taubert unterschied im Workshop zwischen fünf Typen von Radikalisierten. (© bpb/Nils Pajenkamp)

Der Workshop beschäftigte sich mit der Gewalt von Syrienrückkehrern, ihrem Bedrohungspotenzial und möglicher Prävention. Die Sicherheitsbehörden gehen laut Moderatorin Jana Kärgel von mindestens 840 Personen aus, die von Deutschland nach Syrien ausgereist sind. Ein Drittel ist bislang nach Deutschland zurückgekehrt. Zwei Fachleute aus der Praxis stellten zu dem Problemfeld ihre Erkenntnisse und Erfahrungen vor: Marwan Abou-Taam ist wissenschaftlicher Referent in der Abteilung "Politisch motivierte Kriminalität" des Landeskriminalamtes Rheinland-Pfalz. André Taubert leitet die Hamburger Fachstelle "Legato – systemische Ausstiegsberatung – Fachstelle für religiös begründete Radikalisierungen".

Eine Typologie der Ausreisenden

Marwan Abou-Taam nutzt die Erkenntnisse der Sicherheitsbehörden für seine Forschung. In Gefängnissen befragte er verurteilte Terroristen, unter ihnen den Afghanistan-Rückkehrer und als Mitglied der Sauerland-Gruppe bekannten Daniel Schneider. Insgesamt seien den Behörden die Biografien von 840 nach Syrien Ausgereisten bekannt. Hieraus ließen sich vier verschiedene Motivationsmuster erkennen, wie Abou-Taam berichtete. Da seien erstens die ideologisch angesprochenen "verlorenen Söhne", die es als ihre religiöse Verpflichtung ansehen, Muslimen zu helfen. Die zweite Gruppe seien die "Abenteurer", die sich von einer anderen Form der Propaganda ansprechen ließen: Für sie verheißen Rekrutierungsvideos, ähnlich denen von westlichen Armeen, Männlichkeit, die sie im Kampf ausleben können. Eine dritte, "sehr interessante" Gruppe seien diejenigen, die sich mit dem Motiv der "Wiedererweckung" ansprechen ließen. Dies seien häufig Personen mit kriminellem Hintergrund, die sich eine Reinwaschung oder Wiedergeburt erhoffen. Am gefährlichsten sei gleichwohl die vierte Gruppe der "Besessenen. Dieser Personenkreis habe krankhafte Gewaltphantasien und werde von Gewaltbildern angesprochen.

Wo beginnt Prävention?

Wenn dieser Personenkreis nach Deutschland zurückkehre, stelle sich für Sicherheitsbehörden die Frage: "Warum schaffen sie es überhaupt zurückzukehren?" Schließlich sei der IS eine "Null-Toleranz-Organisation", die niemanden wieder gehen lasse. Deshalb seien die genannten Motive von Rückkehrern genau zu prüfen, betont Abou-Taam. Reisen sie nach Deutschland, weil sie traumatisiert oder enttäuscht sind, oder weil sie einen Auftrag haben? Für die Sicherheitsbehörden sei die Frage entscheidend, ob die Person kriminell wurde. Nachzuweisen sei ihr in der Regel nur die Ausreise in die Türkei. Zum Gegenstand von Präventionsarbeit werde ein Rückkehrer erst ab seiner Verurteilung, damit er in der Haft nicht andere radikalisieren könne. Auch Nicht-Verurteilte müssten im Auge behalten werden, da ihre Entwicklung ungewiss sei.

Abou-Taam sagte zum Bedrohungspotenzial der Syrien-Rückkehrer: "Ihr Terror wird effektiver sein durch ihre militärische Ausbildung." Dies belegten die Anschläge in Frankreich und Belgien. Zudem verfügten sie über Netzwerke in europäischen Ländern und seien über die Sicherheitsapparate der Länder informiert. "Das sind Globalisten", unterstrich Abou-Taam.

Wer radikalisiert sich?

Im Anschluss stellte André Taubert eine eigene Typisierung aus der Perspektive von Beratungsstellen vor. Er beschrieb "religiös begründete Radikalisierung" als "Opposition zum sozialen Umfeld", die als Isolationsprozess ablaufe. Taubert stellte fünf Typen von Radikalisierten vor: Den "Weltverbesserer" trieben sein Wunsch nach einem Systemwechsel an, die Lust an der politischen Debatte und die Suche nach Spiritualität. Den "Mitläufer" führten persönliche Beziehungen zur Radikalisierung; er sei Spätzünder bei der Partnersuche, auf der Suche nach einer neuen Gruppe und empfänglich für Parolen. Er erhoffe sich Zugehörigkeit, eine romantisierte Männerwelt und die Überwindung von Beziehungsfragen. Der "Puppenspieler" reise seltener aus, sei aber wichtig für die Szene. Er erreiche Zufriedenheit durch Macht, Einfluss und Abwertung anderer, dabei sei sein Selbstbewusstsein nur scheinbar groß. Im Kreis der Radikalisierten biete sich ihm der "Instrumentenkasten des Puppenspiels". Der "Scheiterer" erhalte zu wenig Anerkennung und erreiche seine persönlichen Ziele nicht. Hier habe er erreichbare Ziele vor Augen, erhalte Anerkennung für sein Handeln und dürfe sich zur Gruppe der "Gewinner" zählen. Die letzte Gruppe seien die "Traumatisierten und Verunsicherten". Sie seien häufig Opfer von Übergriffigkeit und Gewalt, in ihrer Kommunikation gehemmt, Diskriminierungsopfer und zudem unsicher im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Im Kreis der Extremisten erhofften sie sich klare Regeln, das Gefühl auf der "sicheren Seite" zu sein sowie ein Heilsversprechen und die Bewältigung ihres Traumas.

Taubert unterschied bei den Rückkehrern in junge Frauen mit oder ohne Kind, in Personen, deren Anschluss an die Terrorgruppe gescheitert ist sowie in militärisch oder terroristisch Aktive. Er prognostizierte: "Viele Rückkehrer werden Frauen sein." Schließlich machten Frauen 20 Prozent der sogenannten Foreign Fighters aus.

Mit Blick auf Rückkehrer betonte Abou-Taam, diese müssten sich zuerst juristisch verantworten, bevor man mit ihrer Re-Integration beginne. Dies sei wegen der Eigenverantwortung der Ausgereisten eine ethische Frage. "Ich habe ein Problem damit, wenn Täter und Opfer um die Zuneigung der Sozialarbeit wetteifern." Seitens der Muslime in Deutschland gebe es keine professionellen Strukturen für die Re-Integration. Dies hält er auch nicht für zielführend. Die Integration von Muslimen müsse in den bestehenden Strukturen stattfinden. André Taubert erklärte, seine Beratungsstelle ziehe bei Bedarf theologisch gebildete Partner hinzu.
Referenten:
Dr. Marwan Abou-Taam, Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz
André Taubert, Legato - Systemische Beratungsstelle, Fachstelle für religiös begründete Radikalisierung Hamburg

Moderation: Jana Kärgel, Bundeszentrale für politische Bildung

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