68er Dossier
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Neue Linke und Studentenbewegung


9.1.2008
Bereits in den frühen 60er Jahren bildete sich international eine Bewegung, besonders unter Studenten, die später als "New Left" bezeichnet wurde: in Abgrenzung zur Sozialdemokratie - aber auch zum Kommunismus.

Mai 1968 in Saarbrücken: Karl Dietrich Wolff (Sozialistischer Deutscher Studentenbund - SDS ), Daniel Cohn-Bendit and Gaston Savatore (von links nach rechts). Foto: APMai 1968 in Saarbrücken: Karl Dietrich Wolff (Sozialistischer Deutscher Studentenbund - SDS ), Daniel Cohn-Bendit and Gaston Savatore (von links nach rechts). (© AP)

Kein anderes Ereignis in der friedlichen Geschichte der Bundesrepublik hat wohl derart nachwirkend die politischen Diskussionen bestimmt wie die Studentenrevolte und der jugendliche Protest am Ende der 60er-Jahre. Mit dem zeitlichen Abstand von zwei Jahrzehnten wurde es üblich, diese unruhige Phase unter der Chiffre "68" als entscheidenden Bruch in der Geschichte der Bundesrepublik zu stilisieren und eine vorherige "bleierne", geschichtslose Zeit von der nachfolgenden modernen Gesellschaft abzusetzen. Für den Schriftsteller und Publizisten Hans Magnus Enzensberger machte "68" die "unbewohnbare Bundesrepublik (überhaupt) erst bewohnbar". Umgekehrt beklagten konservative Stimmen, dass zuvor geordnete Verhältnisse durch den Einfluss der 68er mit nihilistischer Wut zerstört worden seien. So schrieb der bekannte Theologe Helmut Thielicke in seinen Erinnerungen von "einem der traurigsten Lebensabschnitte" und vom "Niedergang der deutschen Universität", der 1967 begonnen habe. Gemeinsam ist diesen in der Wertung entgegengesetzten Versionen eine Ursprungslegende, mit der die Geschichte des gesamten Jahrzehnts verdeckt oder zur bloßen Vorgeschichte von 68 verzerrt wird.

Die mythische Überhöhung der Studentenrevolte speiste sich nicht zuletzt aus ihrem unerwarteten Ausbruch, ihrer Vehemenz und dem auch von den Massenmedien vermittelten Gefühl der weltweiten Gleichzeitigkeit sowie dem Ineinandergreifen politischer und kultureller Momente. Für die meisten Beteiligten war der Protest mehr Lebensgefühl als Ergebnis theoretischer Analyse. Aber deshalb war er noch lange nicht unpolitisch, sondern umschloss durchaus Utopien einer radikalen Gesellschaftsveränderung.

Die antiautoritäre Studentenrevolte kam sehr plötzlich und kündigte sich öffentlich nicht schon viele Jahre vorher an, von einigen vereinzelten Aktionen vor allem in München und West-Berlin abgesehen. Dort hatte sich bereits um 1960 eine zahlenmäßig kleine libertäre Subkultur gebildet, die neben avantgardistischem Jazz, Happenings in der Bildenden Kunst, den existentialistischen Philosophen Sartre und Camus auch den Marxismus als intellektuelles Tabu im Zeitalter des Kalten Krieges entdeckte. In einem weiteren Sinne allerdings kann man durchaus von einer allmählichen Belebung einer Neuen Linken seit den frühen 60er-Jahren sprechen: Der Begriff "New Left" wurde von dem Soziologen C. Wright Mills in den USA 1957 in Abgrenzung von der kommunistischen ebenso wie von der reformistisch-sozialdemokratischen Richtung der internationalen Arbeiterbewegung geprägt.

Für die Suche nach einer wirkungsvollen Neuen Linken bestand in der Bundesrepublik durchaus Anlass. Da alle Organisationsversuche links von der SPD unter dem Generalverdacht einer Steuerung durch die SED standen, achteten selbst die wenigen marxistischen "Traditionalisten" in kleinen linkssozialistischen Gruppierungen und im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) auf strikte Abgrenzung. Der SDS, der 1961 als akademischer Nachwuchsverband von der SPD verstoßen worden war, schloss selbst kurz darauf kommunistische Gruppierungen aus. In der erstmals zur Bundestagswahl 1961 antretenden Deutschen Friedensunion (DFU) arbeiteten, neben einigen pazifistischen und linkssozialistischen Persönlichkeiten, verdeckt auch kommunistische Gruppierungen mit. Die DFU blieb durch den Verdacht östlicher Unterstützung – das Parteikürzel wurde in der Öffentlichkeit ironisch als "Die Freunde Ulbrichts" interpretiert – weitgehend erfolglos.

Die Proteste richteten sich gegen die Notstandsgesetze und gegen den Vietnamkrieg.
Foto: Günter ZintDie Proteste richteten sich gegen die Notstandsgesetze und gegen den Vietnamkrieg.(© Günter Zint)
Vor diesem Hintergrund kamen wichtige Anstöße aus dem westlichen Ausland. Die so genannte Ostermarsch-Bewegung entwickelte sich – nach einem britischen, ursprünglich gegen die atomare Aufrüstung im Kalten Krieg gerichteten Vorbild – aus kleinen Anfängen zu einer Massenbewegung. 1960 demonstrierten etwa 1.000 Menschen an unterschiedlichen Orten gegen die atomare Kriegsgefahr. 1964 waren es schon 100.000 und 1967 rund 150.000, die nun ein erheblich breiteres Spektrum von Protestthemen artikulierten. Örtliche Behörden schikanierten die anfangs strikt pazifistisch ausgerichtete Ostermarschbewegung zum Teil durch die Zuweisung publikumsferner Routen und der Zensur ihrer Plakate. Innerhalb der Ostermarsch-Bewegung gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen Pazifisten und Linkssozialisten, die letztere erst zur Mitte der 60er-Jahre hin für sich entschieden.

Seit Ende der 50er-Jahre entdeckten intellektuelle Kreise die "Kritische Theorie" der Zwischenkriegszeit und des Exils sowie undogmatische marxistische Schriften, etwa von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Karl Korsch, Georg Lukacs, Ernst Bloch und Walter Benjamin. Kaum beachtet wurde dabei der historische jüdisch-deutsche Hintergrund dieser Autoren, das Moment des Re-Imports vormals verfemter Autoren. Biographisch interessant erscheint, dass etliche der jungen Intellektuellen, die sich dieser Literatur zuwandten, aus Kreisen der dj.1.11 stammten.



 

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