Belgien: Statue "Europa" der belgischen Künstlerin May Claerhout vor dem Europäischen Parlament in Brüssel

23.3.2012 | Von:
Peter Knauer

Geld anders einrichten

Zinsen

Man kann sein Geld verleihen und andere mit diesem Geld arbeiten lassen. Dafür bekommt man Zinsen. Sind Zinsen also eine Art Prämie dafür, dass einer mit dem Spielverderb des Geldhortens aufhört? Sie sind jedenfalls der Gegenwert für den realen Verzicht auf den Liquiditätsvorteil des Geldes für die Zeit des Verleihens. Nach der am meisten verbreiteten Zinstheorie sind Zinsen eine Prämie für Konsumverzicht. Der Mensch sei von Natur aus geneigt, seine Bedürfnisse sofort zu erfüllen, heißt es; einen Aufschub müsse man ihm durch eine Prämie schmackhaft machen. Aber warum eigentlich sollte man den Genuss gegenwärtig reichlich vorhandener Güter, zum Beispiel von Birnen im Sommer, auf die Zukunft verschieben? Die Knappheit von gegenwärtigen Gütern würde besser in deren Preis selbst ausgedrückt als in einer Prämie für Konsumverzicht.

Zutreffend an der Theorie vom Konsumverzicht ist nur: Wer sein Geld verleiht, verzichtet damit offenbar in Wirklichkeit nicht nur auf eigenen Konsum. Er verzichtet auch darauf, sein Geld zu eigener Produktion einzusetzen. Anstatt überhaupt selber wirtschaftlich tätig zu sein, stellt er den Liquiditätsvorteil seines Geldes anderen zur Verfügung. Er lässt "sein Geld arbeiten", tatsächlich jedoch andere Menschen, die das Geld brauchen, weil sie sonst mit niemandem ins Geschäft kommen können. Die von ihm eingenommenen Zinsen erscheinen so genau genommen eher nur als der Gegenwert für den Verzicht auf den Liquiditätsvorteil des Geldes während der Zeit der Ausleihe.

Vielleicht nutzt der Kreditnehmer das aufgenommene Geld bereits am ersten Tag zum Kauf von Baumaterial. Damit geht das Geld mit seinem Liquiditätsvorteil in andere Hände über. Merkwürdig allerdings ist, dass im heutigen System die Kosten für den Liquiditätsvorteil dieses Geldes für die ganze Laufzeit des Kredits beim ursprünglichen Kreditnehmer hängen bleiben. Das Geld mit seinem Liquiditätsvorteil geht von dem Moment an, in dem es zu einem Kauf verwandt wird, den einen Weg, die Verpflichtung zur Zahlung der Zinsen verbleibt auf dem anderen. Ich nenne diese Trennung der Wege den "Geldknick" - ein grundlegender Systemfehler unseres Geldes.

Sollte der Verkäufer des Baumaterials bereits über genügend Geld verfügen, könnte er seinerseits das soeben beim Verkauf eingenommene Geld aufgrund des mit ihm verbunden bleibenden Liquiditätsvorteils erneut gegen Zinsen verleihen, die nun in seine Tasche fließen. Dieselbe Geldmenge würde also in fast derselben Laufzeit ein zweites Mal zur Zahlung von Zinsen verpflichten. Und dies ist durchaus noch mehrmals wiederholbar.

Paradox ist auch, dass Zinsen gewöhnlich umso höher sind, je größer das Risiko ist, dass ein Kredit nicht zurückgezahlt werden kann. Aber genau dies macht die Rückzahlung des Kredits selber erst recht schwierig. Eine sehr schädliche Auswirkung der Nichtneutralität von Geld ist ferner: Unternehmen, die zwar noch immer rentabel wären, aber nicht die Rentabilität des Geldes erreichen, werden normalerweise unterbleiben. Denn warum sollte man sich mit einem eigenen Unternehmen selber abmühen, wenn man durch bloßes Verleihen seines Geldes mehr Gewinn hat?

Vor Jahren veröffentlichte die Bank für Gemeinwirtschaft eine Reklame für Geldanlagen mit dem Bild eines Faulenzers auf seinem Bett. Am Telefon antwortet er auf die Frage, was er gerade mache: "Ich verdiene Geld." Die Überschrift: "Wie Sie zu Geld kommen, ohne einen Finger krumm zu machen." Es gibt eine freiwillige Arbeitslosigkeit, die erzwungene Arbeitslosigkeit anderer zur Folge hat: Die Börsenkurse vieler Unternehmen steigen, je mehr Beschäftigte sie entlassen.

Zinseszinsen

Im Bürgerlichen Gesetzbuch steht unter §248 "Zinseszinsen": "(1) Eine im Voraus getroffene Vereinbarung, dass fällige Zinsen wieder Zinsen tragen sollen, ist nichtig. (2) Sparkassen, Kreditanstalten und Inhaber von Bankgeschäften können im Voraus vereinbaren, dass nicht erhobene [= nicht abgehobene, P.K.] Zinsen von Einlagen als neue verzinsliche Einlagen gelten sollen. Kreditanstalten, die berechtigt sind, für den Betrag der von ihnen gewährten Darlehen verzinsliche Schuldverschreibungen auf den Inhaber auszugeben, können sich bei solchen Darlehen die Verzinsung rückständiger Zinsen im Voraus versprechen lassen."

Offenbar sieht der Gesetzgeber Zinseszinsen zunächst als gefährlich an und möchte sie eigentlich verbieten. Denn sie bilden eine exponentielle Kurve, die nur am Anfang langsam und dann immer schneller steigt. Der Zeitraum für die Verdoppelung einer Schuld aufgrund von Zinseszins lässt sich (wenigstens annäherungsweise) sehr einfach berechnen: Man braucht nur die Zahl 72 durch den Zinssatz zu teilen und erhält die Zeitangabe. Bei 6% Zinsen verdoppelt sich eine Schuld alle zwölf Jahre. Bei 10% sind es nur noch alle 7,2 Jahre. Nach ebenso vielen weiteren Jahren hat sich die ursprüngliche Schuld vervierfacht.

Einige weitere Zahlenbeispiele: $10000 zu 3% einfachen Zinsen angelegt ergeben in 50 Jahren $25000; mit Zinsenzinsen dagegen $43839. Zu 4% einfachen Zinsen würden sich $30000 ergeben; mit Zinseszinsen jedoch bereits $71066, also gegenüber einfachen Zinsen mehr als das Doppelte. Und wenn es sich um 11 oder gar 12% Zinsen handelt? Der Unterschied ist auch hier nur 1%. Bei 11% ergibt sich mit einfachen Zinsen in 50 Jahren die Summe von $65000, mit Zinseszinsen $1845648; bei 12% führen einfache Zinsen zu $70000, Zinseszinsen zu $2890021, also etwa eine Million $ mehr als bei 11%. In den ersten zehn Jahren würden $10000 bei zwölfprozentiger Verzinsung allerdings nur auf $31058 wachsen; aber dann wird die Kurve steil.

Warum hat der Gesetzgeber für Banken eine Ausnahme von seinem Verbot von Zinseszinsen gemacht? Wenn Geld Zinsen bringt, gibt es keine praktikable technische Möglichkeit, Zinseszinsen zu verhindern. Aber könnte man nicht einfach von vornherein die Zinsen selbst verbieten? Auch dies wäre nicht nur kaum praktikabel, sondern ungerecht. Denn Zinsen sind der Gegenwert für den Liquiditätsvorteil des Geldes, auf dessen Genuss ja derjenige tatsächlich verzichtet, der sein Geld verleiht.