Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++

16.4.2012 | Von:
Daniel Geschke

Vorurteile, Differenzierung und Diskriminierung - sozialpsychologische Erklärungsansätze

Der Beitrag betrachtet Vorurteile, Differenzierung und Diskriminierung aus sozialpsychologischer Perspektive. Nach der Definition von verschiedenen Grundkonzepten werden Theorien zur Erklärung dieser Phänomene dargestellt.

Einleitung

Seit 1918 ist das Frauenwahlrecht in Deutschland gesetzlich verankert. Heutzutage würde es als diskriminierend empfunden, wenn mehr als die Hälfte der erwachsenen Menschen aufgrund ihres Geschlechts nicht an Wahlen teilnehmen dürfte. Denn inzwischen herrscht (zumindest bei diesem Thema) die von der Frauenbewegung erkämpfte Gleichberechtigung. Der Gedanke, dass eine Differenzierung nach Geschlecht Ausschlusskriterium für die Wahlteilnahme ist, erscheint uns heutzutage absurd. Trotzdem gibt es noch viele Gruppen wie etwa nicht volljährige Personen oder in Deutschland lebende Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft, die das Recht auf Wahlbeteiligung nicht haben. Das heißt, Differenzierungen zwischen verschiedenen sozialen Gruppen (wie nach Alter oder Staatsangehörigkeit) werden als legitime Gründe für verschiedenartige Rechte (hier in Bezug auf Wahlen) herangezogen und sind mehr oder weniger gesellschaftlicher Konsens. Die Sozialpsychologie beschäftigt sich mit der theoretischen und empirischen Analyse von Beziehungen zwischen sozialen Gruppen. Sie versucht zu beschreiben und zu erklären, welchen Einfluss die Mitgliedschaft in sozialen Gruppen auf das individuelle Erleben und Verhalten haben kann. Das wirft die Frage auf, welchen Beitrag die auf die Untersuchung einzelner Personen fokussierte Sozialpsychologie zum Verständnis von Vorurteilen, Differenzierung und Diskriminierung beitragen kann.

Eine (soziale) Gruppe ist im sozialpsychologischen Verständnis eine Ansammlung von Individuen, die sich selbst als Mitglieder derselben sozialen Kategorie wahrnehmen, ein bestimmtes Maß an emotionaler Bindung an diese Kategorie aufweisen und einen gewissen sozialen Konsens über die Beurteilung und ihre Mitgliedschaft in dieser Gruppe aufweisen.[1] Das Konzept kann auf Kleingruppen ab zwei Mitgliedern (Familie, Skatrunde) bis hin zu Nationen oder Ethnien angewandt werden. Relevant ist, dass sich die jeweilige Person als Mitglied der Gruppe fühlt und auch von anderen dafür gehalten wird. Jeder Mensch ist gleichzeitig Mitglied verschiedener sozialer Gruppen (wie Thüringerin, Fahrradfahrer, Europäer, Frau, Sozialwissenschaftlerin).

Der Prozess der Zuordnung einzelner Objekte zu Objektklassen wird als Kategorisieren bezeichnet. Unsere Umwelt ist komplex und vielfältig. Um trotzdem innerhalb kürzester Zeit handlungsfähig zu sein, müssen wir die uns umgebenden Dinge und Personen schnell einordnen. Es ist daher sowohl funktional als auch unvermeidlich, sich ähnelnde Objekte Gruppen zuzuordnen. Menschen kategorisieren sowohl bei Gegenständen (wie Tisch und Stuhl sind Möbel, Trabant und Mercedes sind Autos) als auch bei "sozialen Objekten" (wie Jenaer und Erfurter sind Thüringer, Joggerinnen und Tischtennisspieler sind Sportler). Unumgänglich ist dieses "Schubladendenken" aufgrund der beschränkten kognitiven Kapazitäten: Das Gehirn kann nicht jeden einzelnen Umweltreiz individuell wahrnehmen.

Stereotype, Vorurteile, Diskriminierung

Stereotype
sind positive und negative Eigenschaften und Verhaltensweisen, die mit bestimmten sozialen Kategorien oder Gruppen assoziiert werden. Sie können fremde soziale Gruppen ("Die Franzosen sind besonders romantisch") oder die eigene Gruppe ("Die Deutschen sind besonders gehorsam") betreffen. Sie sind automatisch, auch wenn sie häufig unzutreffend sind. Meist herrscht ein gewisser sozialer Konsens darüber, welche Eigenschaften mit welchen Gruppen assoziiert werden. Doch das Wissen darüber bedeutet nicht, dass die Stereotype auch wahr sind, wie eine über 49 verschiedene Kulturen angelegte Studie zeigte.[2]

Vorurteile
sind herabsetzende Einstellungen gegenüber sozialen Gruppen oder ihren Mitgliedern, die auf wirklichen oder zugeschriebenen Merkmalen von Mitgliedern dieser Gruppen beruhen. Sie treten zwischen (sozialen) Gruppen auf, umfassen eine (positive oder negative) Bewertung einer Gruppe, stellen eine verzerrte Wahrnehmung einer Gruppe dar und basieren auf wirklichen oder vorgestellten Gruppenmerkmalen.[3] Demnach sind Vorurteile verzerrte Bewertungen eines sozialen Reizes, die kognitive (wie Stereotype), emotionale (wie Angst) und verhaltensmäßige Komponenten (wie Vermeidung) enthalten.

Diese Aspekte können auch unabhängig voneinander auftreten. So ist es denkbar, dass Menschen zwar vorurteilsvoll über eine bestimmte Gruppe denken und fühlen, aber trotzdem nicht so handeln. Im Alltag lassen sich verschiedene Arten von Vorurteilen beobachten. Die häufigsten finden sich gegenüber sozialen Gruppen, die anhand von Hautfarbe, Herkunft, Alter, Geschlecht, Religion, sexueller Orientierung, politischer Orientierung oder sozialer Schicht definiert sind. Beispiele für verschiedene Arten weit verbreiteter Vorurteile (und die entsprechenden Zielgruppen) sind: Rassismus (andere Ethnien), Xenophobie (Fremde generell), Antisemitismus (Juden), Anti-Islamismus oder Islamophobie (Muslime), Sexismus (Frauen) oder Homophobie (Homosexuelle). Aber auch Blondinen, "Hartz-IV"-Empfänger, Psychologen, Politikerinnen oder auch Banker unterliegen häufig bestimmten Vorurteilen.

An sich sind Stereotype und Vorurteile kein Problem. Denn jeder darf denken und fühlen, was er oder sie möchte, auch wenn diese Bewertungen oder Empfindungen häufig nichts mit der spezifischen Person, die einem gegenübersteht, zu tun haben. Problematisch ist allerdings, dass negative Einstellungen auch die Grundlage für negatives Intergruppen-Verhalten bilden können: Sie können zu Abwertung und Diskriminierung von anderen Menschen allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen führen. So weist eine Untersuchung der Einstellung von Lehrpersonal darauf hin,[4] dass Namen von Schülerinnen und Schülern wie Chantal, Mandy oder Kevin (die sozial schwachen Elternhäusern zugeordnet werden) eher mit Leistungsschwäche und Verhaltensauffälligkeit assoziiert werden, unabhängig von den tatsächlichen Schulleistungen der entsprechenden Kinder. Es besteht die Gefahr, dass diese Kinder schlechter bewertet, also diskriminiert werden.

Diskriminierung
ist, wenn Individuen oder Gruppen eine Gleichbehandlung, die sie sich wünschen, verwehrt wird. Die (unvermeidliche) soziale Kategorisierung ist Voraussetzung für Diskriminierung; sie liegt aber erst vor, wenn auch der Wunsch nach Gleichbehandlung verletzt wird: Ohne diesen Wunsch nach Gleichbehandlung wäre intergruppales Verhalten (Verhalten aufgrund von Gruppenmitgliedschaften) zwar differenzierend, aber nicht diskriminierend.[5] Dass heutzutage vollzeitbeschäftigte Frauen in Deutschland im Durchschnitt für die gleiche Arbeit 23 Prozent weniger Lohn als Männer erhalten, ist ein Fall von Diskriminierung - vorausgesetzt, dass die Frauen (und/oder die Männer) diese Art der Ungleichbehandlung nicht wünschen. Solange es dagegen mehr oder weniger gesellschaftlicher Konsens ist, dass beispielsweise Jugendliche unter 18 Jahren (mit einigen Ausnahmen) nicht wählen dürfen, würde dies als Differenzierung des Rechts auf politische Beteiligung anhand des Kriteriums Alter gelten. Doch wenn sich der gesellschaftliche Konsens entsprechend verändert, könnte die als Differenzierung verstandene Ungleichbehandlung als Diskriminierung gewertet und könnten die entsprechenden Gesetze geändert werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Henry Tajfel/John C. Turner, The social identity theory of intergroup behavior, in: Stephen Worchel/William G. Austin (eds.), Psychology of intergroup relations,Chicago 1986, S. 7-24.
2.
Vgl. Antonio Terracciano et al., National Character Does Not Reflect Mean Personality Trait Levels in 49 Cultures, in: Science, (2005) 310, S. 96-100.
3.
Vgl. Todd. D. Nelson, The psychology of prejudice, Needham Heights, MA 2002, S. 3 und S. 11.
4.
Vgl. Lydia Knaak/Laura Dodot, Im Namen der Gerechtigkeit, Diplomarbeit, Universität der Bundeswehr München, 2011 (E-Book im Grin-Verlag).
5.
Vgl. Amélie Mummendey/Sabine Otten, Aversive Discrimination, in: Marilynn Brewer/Miles Hewstone (eds.), Emotion and Motivation, Oxford 2003, S. 112-132.