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Polizeifahrzeuge stehen am Mittwoch (09.11.2011) vor einem durch eine Explosion zerstörten Haus in Zwickau. Die Explosion soll im Zusammenhang mit weiteren Verbrechen stehen. In dem Haus in Zwickau lebten zwei mutmaßliche Bankräuber und eine 36 Jahre alte Frau, die derzeit von Ermittlern befragt wird. Die beiden Männer hatten sich nach Angaben der Polizei am vergangenen Freitag selbst getötet. Sie werden verdächtigt, etwas mit dem Mord an der Polizistin Michele K. zu tun gehabt zu haben. Sie war 2007 in Heilbronn erschossen worden, ihr Kollege wurde schwer verletzt. Foto: Jan Woitas dpa/lsn

30.4.2012 | Von:
Stefan Glaser
Christiane Schneider

Zielgruppe Jugend: Rechtsextreme im Social Web

Von statischen Websites ins "Mitmachnetz"

Mit wachsender Bedeutung und Verfügbarkeit des Internets in den 1990er Jahren gehörten auch Rechtsextreme bald zum Nutzerkreis. Zunächst in den USA, kurze Zeit später auch in Deutschland, erschlossen sie sich das Medium als zentrale Propagandaplattform zur Verbreitung von rassistischer Hetze sowie demokratie- und menschenfeindlichem Gedankengut.[11] Waren die damaligen Angebote noch textlastig und wenig ansprechend, vollzog sich um die Jahrtausendwende ein Wandel hin zu immer moderneren und professionell designten Websites. Anfangs zumeist in Farben gehalten, die Assoziationen zum Nationalsozialismus weckten, und vielfach mit strafbaren Kennzeichen wie Hakenkreuzen oder Holocaust leugnenden Inhalten versehen, lockten diese Angebote mit dem Ruch des Verbotenen, waren in vielen Fällen jedoch hauptsächlich für ein Szenepublikum interessant. Das Potenzial des neu entdeckten Mediums lag in erster Linie in der internen Vernetzung, der Koordination von Szeneaktivitäten und dem länderübergreifenden Informationsaustausch. Während neonazistische Schriften und Devotionalien früher nur in einschlägigen Läden zu haben waren, ließen sich sämtliche Materialien nun vergleichsweise einfach online bestellen.

Die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft schlug sich auch in der gestiegenen Anzahl rechtsextremer Websites nieder - 2009 erreichte sie mit mehr als 1800 einen bisherigen Höchststand.[12] Auch die Professionalität der Angebote nahm immer weiter zu. Musik und Kommunikationselemente wurden rasch um jugendgemäße Symbole, Flash-Animationen oder Videos ergänzt. Zudem verknüpfte die rechtsextreme Szene die Multimedialität ihrer Angebote mit subtileren, unauffälligeren Propagandastrategien und erweiterte damit gezielt ihren Aktionsradius. Strafbare Inhalte werden inzwischen weitestgehend vermieden. Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen oder volksverhetzende Texte sind auf deutschen Websites nur noch selten zu finden. Stattdessen wird versucht, Jugendliche unterschwellig zu beeinflussen und über Lebensweltbezüge zu ködern. So unterbreiten Rechtsextreme Identifikationsmöglichkeiten (zum Beispiel über klare Rollenbilder), Gemeinschaftserlebnisse (etwa über Konzerte) oder Hilfen für subjektive Krisen und Probleme (beispielsweise über Beratungsangebote). Demonstrationen und Events, die im Netz beworben werden, bieten darüber hinaus Kristallisationspunkte für jugendliches Protestpotenzial.

Eine neue Dimension rechtsextremer Propaganda ging mit dem Aufkommen des Web 2.0 als social web bzw. "Mitmachnetz" einher: Mit seinen vor allem bei Jugendlichen beliebten Sozialen Netzwerken und Videoplattformen hat es dazu geführt, dass Hassbeiträge und neue Szenematerialien inzwischen problemlos und rasend schnell riesigen Nutzergruppen zugänglich gemacht werden können. Facebook, Youtube und Twitter sind gerade bei der Generation der digital natives, die mit dem Internet aufgewachsen sind und die unterschiedlichen Dienste wie selbstverständlich nutzen, extrem beliebt. Das Internet ist längst nicht mehr nur eine digitale Welt aus statischen Homepages, die passiv konsumiert werden. Heute gestaltet die Nutzergemeinde "ihr Netz" aktiv mit. Von usern generierte Nachrichten, Videoclips, Bilder und Texte werden zum Gegenstand des Austauschs, im Sekundentakt millionenfach "gepostet", "getwittert" und "geteilt", mit "Gefällt-mir"-Klicks positiv verstärkt oder kommentiert. All das macht den besonderen Reiz des Internets aus, für arglose, nach Unterhaltung suchende Jugendliche ebenso wie für rechtsextreme Aktivisten.

Die Nutzung Sozialer Netzwerke und Videoplattformen gehört heute zur erklärten Strategie von Rechtsextremen. Sie wollen auf diese Weise über die Szene hinaus Kontakte herstellen. Die NPD ruft beispielsweise in der parteieigenen Monatszeitung zum "Kampf mit modernen Kommunikationsmitteln" auf und schlägt konkret vor, mit "sympathischen" Profilen auf Portalen wie SchülerVZ, Wer-kennt-wen oder Jappy auf Freundefang zu gehen.[13] Sämtliche Landesverbände der NPD sind mittlerweile auf den großen, internationalen Plattformen aktiv und verbreiten so ihre Propaganda.[14] Auch Aktivisten aus Kameradschaftskreisen und die eher jung und modern auftretenden Autonomen Nationalisten nutzen Soziale Netzwerke und Videoplattformen intensiv, um sich und ihre Aktivitäten in Szene zu setzen. Was auf der Straße nur begrenzte Reichweite erlangt und bestenfalls lokal Aufmerksamkeit erregt, erhält virtuell eine ungleich größere Resonanz, wie hohe Zugriffszahlen von Videoclips und Zustimmungsbekundungen zu rechtsextremen Beiträgen zeigen.

Rechtsextremismus im Internet trägt also längst ein modernes Gewand. Die folgenden Beispiele verdeutlichen, mit welchen Themen und Strategien Rechtsextreme versuchen, Jugendliche für sich zu gewinnen.

Propaganda 2.0: multimedial, modern und subtil

Multimediale Elemente erhöhen die Attraktivität von Internetangeboten und erleichtern die Ansprache einer jungen Zielgruppe. Das Einbinden von Videoclips gehört heute zum Standard einer Internetpräsenz. So sind Videos inzwischen auch wichtige Träger rechtsextremer Botschaften. Im Netz finden sich Musikclips von Szenebands, Filme von Aufmärschen und modern anmutende Propagandafilme von Autonomen Nationalisten. Viele der Clips wirken professionell, verzichten auf Bezüge zum Nationalsozialismus und transportieren stattdessen unterschwellig rassistische und demokratiefeindliche Botschaften. Junge Aktivisten werden mit schnellen Schnitten und wechselnden Einstellungen in Szene gesetzt. Sie wirken mit ihrer authentischen Sprache und ihren klaren Botschaften vordergründig sympathisch und bieten sich als jugendliche Identifikationsfiguren an. Inhaltlich werden Fragen wie Finanzkrise, Arbeitslosigkeit oder sexueller Missbrauch behandelt - Themen also, die in der Gesellschaft kontrovers, häufig hoch emotional und keinesfalls nur von Rechtsextremen diskutiert werden.

Ein großer Teil der Videos aus dem Spektrum der Neonazikameradschaften zielt auf das Aktionspotenzial von Jugendlichen. Zu sehen sind Graffiti-Aktionen, öffentlichkeitswirksame Verteilaktionen von Flyern oder Flashmobs, meist unterlegt mit fetziger Musik. Zum Beispiel unter dem Motto "Werde aktiv!" sollen junge Menschen dann zum Nachahmen animiert und aufgefordert werden, die eigenen Aktionen im Netz zu dokumentieren. Die Szene setzt hier bewusst auf einen Schneeballeffekt. Dass diese Strategie ihre Wirkung nicht verfehlt, zeigt sich an den Zugriffszahlen: Zu bestimmten Kampagnen finden sich viele Beiträge und Kommentare auf Videoplattformen, zugehörige Videos werden binnen weniger Wochen mehrere Zehntausend Mal aufgerufen.[15] Insbesondere Themen, die nicht auf den ersten Blick rechtsextreme Inhalte vermuten lassen, erzeugen große Klickzahlen. So wurde etwa der Clip "Wir hassen Kinderschänder" einer Szene-Musikerin seit seiner Einstellung ins Netz im Jahr 2008 mehr als eine Million Mal abgerufen. Unter den Videos angebrachte Links führen häufig auf einschlägige Neonaziseiten.

Ein weiteres Beispiel für rechtsextreme Agitation, die auf die Wirkung multimedialer Präsentationsformen, starke Emotionalisierung und die rasche Verbreitung über das social web setzt, liefert eine Kampagne unter dem scheinbar positiven Motto "Werde unsterblich": Wer den ursprünglichen Clip anklickt, sieht schwarz gekleidete Gestalten, die Gesichter mit weißen Masken verhüllt, in den Händen brennende Fackeln. Ein nächtlicher Zug Jugendlicher, die auf den ersten Blick nicht als Rechtsextreme zu erkennen sind, tragen ein Transparent mit der Aufschrift "Damit die Nachwelt nicht vergisst, dass du Deutscher gewesen bist" sowie der Referenz auf die entsprechende Internetseite vor sich. Dort wird das drohende Aussterben des deutschen Volkes beschworen, gegen "Fremde", die multikulturelle Gesellschaft und "die Demokraten" gehetzt. Was im Frühjahr 2011 in Bautzen mit einem Aufmarsch von wenigen Hundert Neonazis begann, hat bundesweit inzwischen viele Nachahmer gefunden: Die modern aufgemachten und mit dramatischer Musik unterlegten Videos zu den Aktionen finden sich vor allem in Sozialen Netzwerken und auf Videoplattformen. Ergänzend werden Website und Kampagne auch auf der Straße beworben: So reihten sich Rechtsextreme, ausgestattet mit Masken und Transparent, im Februar 2012 bei einem Fastnachtsumzug in Konstanz ein. Als Teilnehmer getarnt mischten sie sich ins bunte Treiben, verschenkten Süßigkeiten und versuchten über mysteriöse Slogans ("Narri Narro - Der Untergang naht, seid ihr froh?") Interesse zu wecken. Die Aktion wurde auf Youtube dokumentiert und wird von der Szene seither als erfolgreiche Aktion der "Unsterblichen" gefeiert. Unkonventionelle und erlebnisorientierte Events dieser Art, subversive Aktionsformen, griffige Slogans und die flankierenden Auftritte in Online-Communitys sollen zunächst vor allem neugierig machen. Symbole wie die weißen Masken etwa faszinieren, schaffen einen Wiedererkennungseffekt und stiften Identität. Die Beiträge auf den Plattformen sind meist zulässig und daher rechtlich nicht angreifbar.

Außer zur "Volkstod-Kampagne" mobilisiert die Szene auch zu all ihren anderen zentralen Aktionen über die Kanäle des Web 2.0: Veranstaltungen zum Gedenken an Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß, Trauermärsche "gegen Kinderschänder" oder Musikevents wie "Rock für Deutschland". Recherchen von "jugendschutz.net" zeigen, dass die meisten Beiträge zu diesen Szeneveranstaltungen bei den großen Plattformen Youtube, Facebook und Twitter zu finden sind (94 Prozent).[16] Dabei wird in vielen Kampagnen auf massive Hassparolen verzichtet. Stattdessen dockt die Agitation an heutige Medienwelten an und ist inhaltlich auch außerhalb rechtsextremer Kreise anschlussfähig.

Wie dies funktioniert, verdeutlicht aktuell ein "Online-Flashmob gegen Kinderschänder" auf Facebook. Der Aufruf beinhaltet lediglich ein Statement zum Kinderschutz, das breit konsensfähig ist: "Sicherheit für unsere Kleinsten!" Die Initiatoren bauen darauf, dass user ihre spontane Zustimmung ausdrücken und der Aktion über massenhafte likes und shares Gewicht verleihen. Dass sich dahinter tatsächlich eine rechtsextreme Propagandaaktion verbirgt, wird erst beim genaueren Hinsehen ersichtlich. Diese Strategie scheint aufzugehen: Schon nach zwei Tagen bekundeten fast 1000 Nutzerinnen und Nutzer virtuell ihre Unterstützung, womöglich ohne sich des extremistischen Hintergrunds bewusst zu sein.

Die Strategie von Neonazis, Materialien und Tonträger im Umfeld von Schulen zu verteilen ("Schulhof-CDs"), gibt es schon länger. Inzwischen wird sie jedoch durch Online-Aktivitäten ergänzt. Die Musikalben werden per E-Mail und in den Sozialen Netzwerken beworben und zugleich zum Download angeboten, wie etwa 2011 auf der rechtsextremen Website mit dem unscheinbaren Titel "Jugend in Bewegung". Internetseite und CD waren bunt gestaltet, enthielten Musik einschlägiger rechtsextremer Bands, NS-verherrlichende Texte, Videos und Aktionsmaterial wie Vorlagen zum Sprühen von Graffitis. Darüber hinaus boten sie niedrigschwellige Möglichkeiten, mit Rechtsextremen in Kontakt zu treten, zum Beispiel via Instant-Messenger-Software. Hierbei handelt es sich um eine Kommunikationsform, die bei Jugendlichen besonders hoch im Kurs steht. Auch die NPD bewarb ihre "Schulhof-CD" "Freiheit statt BRD" breit im Netz. Auf der betreffenden Website wurde den Besuchern eine einfache Möglichkeit geboten, den Link zum Album per Mausklick in der eigenen Online-Community zu verbreiten. Kurz nach Erscheinen wurde die CD dann auch über zahlreiche Twitter-Kurzmeldungen und in den Sozialen Netzwerken in Umlauf gebracht. Selbst in Schüler-Communitys fanden sich Werbeprofile und Downloadlinks. Über einen Kanal bei Youtube namens "NPDindenReichstag" machten Nutzer einzelne Musikstücke zugänglich. Nicht nur die Reichweite solcher Hasspropaganda hat sich durch das Web 2.0 erheblich vergrößert, auch die Geschwindigkeit, mit der sie gestreut wird, ist wesentlich höher.

Fußnoten

11.
Vgl. Thomas Pfeiffer, Uraltes Denken in Hightech-Medien. Rechtsextremisten entdecken den Computer, in: Stefan Glaser/ders. (Hrsg.), Erlebniswelt Rechtsextremismus. Menschenverachtung mit Unterhaltungswert, Schwalbach/Ts. 2007.
12.
Vgl. jugendschutz.net, Rechtsextremismus online - Beobachten und effektiv bekämpfen, Mainz 2010, online: http://hass-im-netz.info/bericht2009 (5.3.2012).
13.
Vgl. Die NPD in der virtuellen Welt, in: Deutsche Stimme, 9.4.2010, online: www.deutsche-stimme.de/ds/?p=3160 (11.10.2011).
14.
Vgl. jugendschutz.net, Die NPD im Netz - Mit Multimedia und Web 2.0 Jugendliche ködern, Recherchebericht, April 2011, online: http://hass-im-netz.info/npd2011 (5.3.2012).
15.
Vgl. jugendschutz.net, "Werde unsterblich" - Neonazis mobilisieren multimedial auf allen Kanälen, September 2011, online: http://hass-im-netz.info/volkstod (5.3.2012).
16.
Vgl. ebd.