A new sign designates a third floor unisex restroom at a Kent State University student center in Kent, Ohio, Thursday, May 17, 2007. The University is accommodating transgender students with a newly relabeled unisex restroom that has four images on the door: a man, a woman, a person in a wheelchair and a man and a woman separated by a slash. The concept, which the school hopes to expand in its new buildings and renovation projects, reflects a growing trend on U.S. campuses.

8.5.2012 | Von:
Susanne Schröter

Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern aus ethnologischer Perspektive

Two spirits

Ähnliches gilt für die indigenen Gesellschaften des nördlichen Amerikas, bei denen die Institution des dritten Geschlechts seit dem 16. Jahrhundert überliefert ist.[6] Soldaten der kolonialen Armeen, Missionare, Siedler und Handelsreisende berichteten immer wieder über sogenannte Sodomiten, Mannweiber und Weibmänner, für die sich im 19. Jahrhundert der Sammelbegriff berdache durchsetzte.[7] Aufgrund der problematischen Implikationen wurde er Ende des 20. Jahrhunderts von indianischen Aktivistinnen und Aktivisten kritisiert, und die Bezeichnung two spirit setzte sich durch. Ähnlich wie bei den hijras gibt es auch in vielen indianischen Gesellschaften Mythen, die auf einen idealisierten doppelgeschlechtlichen Zustand verweisen. Dies gilt beispielsweise für die Zuni im Nordwesten der USA. Sie verehren das Geistwesen Kolhamana, das aus der inzestuösen Verbindung eines Geschwisterpaares entstanden sein soll. Kolhamana erinnert an eine vorkulturelle Zeit, in der die Menschen als noch "ungekocht" galten. Als Mann/Frau sei er/sie wie ein Maiskolben mit zwei Herzen, sagen die Zuni, das Zweifache einer Art und daher ein vollkommenes Wesen. Die lebenden Manifestationen Kolhamanas waren die ihamanas, Personen, die männliche und weibliche Attribute auf sich vereinigen konnten. Die bekannteste ihamana des 20. Jahrhunderts war We'wah, die eine langjährige Freundschaft mit der Ethnologin Mathilda Coxe Stephenson unterhielt und in mehreren Publikationen verewigt wurde.[8] We'wah pendelte Zeit ihres Lebens zwischen den Geschlechtern, war einerseits Mitglied eines religiösen Männerbundes und beteiligte sich wie ein Krieger an gewaltsamen Auseinandersetzungen, trug andererseits Frauenkleidung und verrichtete weibliche Arbeiten. Nach ihrem/seinen Tod wurde sie/er mit Frauenkleidung und Männerhose beerdigt.

Entscheidend für die Annahme eines "dritten Geschlechts" war in indianischen Gemeinschaften allerdings nicht nur die sexuelle Präferenz, sondern eine generelle "Tätigkeitspräferenz". Two spirits strebten die soziale Rolle des anderen Geschlechts an, dessen Position im Arbeitsprozess und in der Familie, in der Politik und im Krieg.[9] Wenn ein Kind dadurch auffiel, dass es sich nicht der dem biologischen Geschlecht entsprechenden sozialen Rolle verhielt, wenn ein Junge am liebsten mit Mädchen spielte, und ein Mädchen sich kämpferisch und wild gebärdete, dann galt dies in den meisten indianischen Gesellschaften als Hinweis auf eine mögliche Bestimmung zu einer nicht-stereotypen Geschlechterrolle.

Ein expliziter Verweis auf Doppelgeschlechtlichkeit ist in der Figur der nádleehé der Navajo enthalten, "jemand, der/die sich in einem ständigen Prozess des Wandels befindet".[10] Ein nádleehé konnte ein Hermaphrodit sein oder ein Mensch, der sich aus eigenem Antrieb für ein ambivalentes Geschlecht entschied. Hermaphroditen galten den Navajo dabei als die Urform oder das Original aller nádleehé, während man von allen anderen als von denjenigen sprach, "die vorgeben, nádleehé zu sein".[11] Ausschlaggebend für die Wahl einer nádleehé-Rolle war eine Tätigkeitspräferenz, so dass man die nádleehé, die keine Hermaphroditen waren, zusätzlich unterschied. Der Anthropologe Thomas Wesley spricht daher von fünf verschiedenen Geschlechterrollen der Navajo: Männer, Frauen, Hermaphroditen, weibliche nádleehé (womanly male) und männliche nádleehé (manly female).[12]

Eine spezifische Form von Geschlechtsrollenüberschreitung für Frauen, die sowohl temporär als auch dauerhaft sein konnte, war die Kriegerinnentradition der manly-hearted women bei den Plains-Indianern.[13] Die Mehrheit dieser Kämpferinnen wechselte aber nicht ihr Geschlecht, sondern bewegte sich lediglich erfolgreich im männlichen Terrain. Sie begleiteten Ehemänner, Brüder und Väter oder wurden vom Wunsch nach Rache eines Familienmitglieds in den Kampf getrieben. Wenn sie sich dort unerschrocken zeigten und sich vielleicht sogar durch das Töten eines Feindes einen Namen machten, nannte man sie manly-hearted, da man von einer Frau, der binären Geschlechterkonstruktion entsprechend, Furchtsamkeit erwartete. Manly-hearted women waren anerkannt und hoch geachtet, weil sie sich dort bewährt hatten, wo Männer Prestige erwerben. Ihre Identität als Frau sowie ihr soziales Geschlecht wurde von diesen Auszeichnungen nicht zwangsläufig tangiert. Allerdings gab es auch Ausnahmen, die eine vollständige männliche Identität annahmen und als Mann Frauen heirateten.

Wie im südasiatischen Kontext tangierte das Phänomen des dritten Geschlechts auch bei nordamerikanischen Indianern keinesfalls die heterosexuelle Norm, sondern bestätigte diese vielmehr. Homosexualität war verpönt, und sexuelle Kontakte waren nur zwischen Personen erlaubt, die als gegengeschlechtlich identifiziert waren. Traditionelle indianische dritte Geschlechter gehören weitgehend der Vergangenheit an, was nicht zuletzt auf den Einfluss von Kolonisatoren, Missionaren und einer Abwertung durch die hegemoniale weiße Kultur zurückzuführen ist. Trotz dieser Umstände erlebt das Phänomen derzeit eine politische Renaissance, auch motiviert durch indianische ethnologische Forschung und den Einfluss der panindianischen Schwulen- und Lesbenbewegung, die sich um Abgrenzung zur weißen urbanen Schwulen- und Lesbenkultur und die Rückbesinnung auf eine homosexuelle indianische Kultur bemüht. Letzteres stellt die Aktivistinnen und Aktivisten vor eine Reihe schwer lösbarer Probleme, von denen die traditionelle indianische Homosexuellenfeindlichkeit sicherlich die gravierendste ist. Homosexuelle Indianer und Indianerinnen bewegen sich heute weitgehend außerhalb dieses Rasters; sie sind urban sozialisiert und orientieren sich an der weißen Schwulen- und Lesbenbewegung. In ihren Familien und in den lokalen indianischen Kommunen werden sie deshalb mit Ablehnung und Diskriminierung konfrontiert.[14]

Fußnoten

6.
Vgl. Jonathan N. Katz, The invention of heterosexuality, New York 1995.
7.
Der Begriff geht auf das persische barah = Lustknabe zurück. Vgl. Henry Angelino/Charles L. Shedd, A note on berdache, in: AA, 57 (1955) 1, S. 121-126.
8.
Vgl. Elsie C. Parsons, The Zuni La'mana, in: AA, 18 (1916) 4, S. 521-28; dies., The last Zuni transvestite, in: AA, 41 (1939), S. 338-340; Mathilda C. Stephenson, The Zuni Indians. Their mythology, esoteric fraternities, and ceremonies, in: Twenty-third Annual Report of the Bureau of American Ethnology 1901-1902, Washington 1904, S. 1-608.
9.
Vgl. u.a. Sabine Lang, Männer als Frauen - Frauen als Männer: Geschlechtsrollenwechsel bei den Indianern Nordamerikas, Hamburg 1990; Lüder Tietz, Crooked circles and straight lines, in: Susanne Schröter (Hrsg.), Körper und Identität. Ethnologische Ansätze zur Konstruktion von Geschlecht, Münster 1998, S. 101-130.
10.
Sabine Lang, Wer oder was ist eigentlich homosexuell?, in: Sabine Strasser/Gerlinde Schein (Hrsg.), Intersexions. Feministische Anthropologie zu Geschlecht, Kultur und Sexualität, Wien 1997, S. 67-109, hier: S. 82.
11.
Willard W. Hill, The Status of the Hermaphrodite and Transvestite in Navaho Culture, in: AA, 37 (1935), S. 273-279, hier: S. 273.
12.
Vgl. Thomas Wesley, Navajo cultural constructions of gender and sexuality, in: Sue-Ellen Jacobs/ders./Sabine Lang (eds.), Two-spirit people. Native American gender identity, sexuality, and spirituality, Urbana 1997, S. 156-173., hier: S. 160.
13.
Vgl. Claude E. Schaefer, The Kutenai female berdache: courier, phrophetess, and warrior, in: Ethnohistory, 12 (1965), S. 225ff.
14.
Vgl. S. Lang (Anm. 10), S. 74.