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Sprachförderung in Kindertagesstätte 'Drimbornstraße' in Troisdorf. Auf spielerische Art werden von den Erzieherinnen die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder auch schon in sehr frühem Alter gefördert und unterstützt. (model released) Troisdorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, 13.06.2006
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Schlagworte
Familie , Menschen , reading , Spiele , Reader , blond , Spiel , Kind , lesendes , Kita , Bildung , Bücher , Sprache , Kultur , Lesen , Pädagogik , EDU , Kleinkind , UPBRINGING , FAMILY , Buch , Kindertagesstätte , Kitas , Mädel , Kindergartenplatz , Vorschule , Kindergärten , Kinder , Förderung , Bilderbuch , Soziales , Mädchen , Spielen , GAMES , Gesellschaft , vorschulisch , Begabung , Kindergarten , Mensch , Intelligenz , Personen , vorschulische , Bilderbücher , Bildungswesen , LANGUAGE , Erziehung , lesend , Alter 2-4 , CULTURE (GENERAL) , Kindertagesstätten , Kleinkinder , Lesender , Lernen , PRESCHOOLING , Familien , Lesende , Person , frühkindliche Erziehung
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Überschrift 
Sprachförderung in de...  
Personen
 
Kontinent
-
Land
Deutschland  
Provinz
Nordrhein-Westfalen
Ort
Troisdorf
Aufnahmedatum
20060613
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Rechtliche Daten
Bildrechte
 Verwendung weltweit
Besondere Hinweise
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Rechtevermerk
picture alliance / JOKER
Notiz zur Verwendung
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21.5.2012 | Von:
Sabina Pauen

Wie lernen Kleinkinder? Entwicklungspsychologische Erkenntnisse und ihre Bedeutung für Politik und Gesellschaft

Erste Lebensjahre: prägend für die weitere Entwicklung

In der frühen Kindheit werden ohne jeden Zweifel wichtige Weichen für das spätere Leben gestellt. Sonst wären die eingangs geschilderten Befunde zum Return-of-investment-Modell nicht plausibel. Wie wir zudem aus zahlreichen Studien wissen, haben es Menschen, die in dieser Phase vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht werden, schwer, später stabile Beziehungen einzugehen, in der Schule Erfolg zu haben, gesund zu bleiben und gesellschaftlich erfolgreich zu sein. Ohne frühe positive Erfahrungen ist es auch kaum möglich, der nächsten Generation entsprechende Erfahrungen zu vermitteln. Probleme können sich also über Generationen fortpflanzen.

Dass das Fehlen einer stabilen Bezugsperson in der Säuglings- und Kleinkindzeit schicksalhafte Auswirkungen hat, postulierten bereits Forscher wie Sigmund Freud (1856-1939), Erik Erikson (1902-1994) oder John Bowlby (1907-1990). Beispielsweise betonte Freud, dass die Mutter das erste und wichtigste Liebesobjekt jedes Menschen sei. Erikson baute auf Freuds Arbeiten auf und konstatierte, dass das Kind in seinen frühen Beziehungen zu Mutter und Vater lernt, ob es der Welt mit Urvertrauen oder Urmisstrauen begegnen soll, ob es optimistisch und mit innerer Stärke in die Zukunft blicken kann oder ob eher Skepsis und Vorsicht sein Handeln leiten sollten. Auch Beobachtungen des Arztes René Spitz (1887-1974), der sich mit der Entwicklung von Heimkindern beschäftigt hat, belegen, dass gestörte Beziehungserfahrungen nachhaltige Wirkung auf die Entwicklung eines Kindes haben können. Er stellte fest, dass Säuglinge, die körperlich ausreichend versorgt wurden, aber emotional vernachlässigt blieben, teilweise verstarben. Spitz schloss daraus, dass menschliche Nähe und Zuwendung für eine gesunde Entwicklung essenziell seien. Wie auch eine aktuelle, gut kontrollierte Längsschnittstudie bestätigt, entwickeln sich rumänische Waisenkinder, die innerhalb des ersten halben Jahres in eine Pflegefamilie vermittelt werden konnten, im Unterschied zu einer vergleichbaren Gruppe von Kindern, die im Heim blieben oder erst nach den ersten sechs Lebensmonaten in einer Pflegefamilie untergebracht werden konnten, hinsichtlich einer Vielzahl unterschiedlicher Parameter wesentlich besser. Dies zeigte sich nicht nur am Verhalten, sondern auch an der Gehirnentwicklung und -aktivität. Dabei gilt es zu beachten, dass die Betreuung in rumänischen Heimen weitgehend lieblos und ohne individuelle Zuwendung erfolgt, sodass die Kinder keine Bindung mit einer festen Bezugsperson aufbauen konnten. Diese Verhältnisse sind auf Deutschland nicht übertragbar.

Die vergleichende Verhaltensforschung von John Bowlby weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Etablierung stabiler Beziehungen biologisch programmiert zu sein scheint und dass sowohl Tiere als auch Menschen ihrer Umwelt nur dann offen begegnen können, wenn sie die Rückendeckung eines vertrauten Bezugspartners spüren. Zwar gibt es keine überzeugenden Hinweise darauf, dass unmittelbar nach der Geburt eine biologische "Prägung" auf eine bestimmte Person (zum Beispiel die Mutter) stattfindet, aber es hat sich gezeigt, dass schon Neugeborene ihre Bezugsperson bereits wenige Tage nach der Geburt wiedererkennen können. Durch den Umstand, dass es in der Regel die Mutter ist, die das Kind füttert und pflegt, merkt das Kind im Idealfall rasch, auf wen es sich verlassen kann, wenn es um die Befriedigung elementarer Bedürfnisse geht.

Entwicklungspsychologen gehen davon aus, dass Kinder im ersten halben Jahr lernen, primäre Bezugspersonen von anderen Menschen zu unterscheiden. Freuen sie sich mit drei bis vier Monaten noch über jeden Fremden, der sie anlächelt, und lassen sie sich von unterschiedlichsten Personen beruhigen, so zeigen die meisten Babys mit sieben bis neun Monaten eindeutige Vorlieben für die primären Bezugspersonen. Wie stark diese Tendenz ausgeprägt ist, hängt mit davon ab, in welchem Umfang das Kind im Alltag mit unterschiedlichen Menschen Kontakt hatte und ob seine Erfahrungen dabei bislang überwiegend positiv waren. Viele Kinder zeigen eindeutiges Bindungsverhalten und sind trotzdem sehr neugierig auf andere Menschen. Dies gilt insbesondere für Gleichaltrige. Sobald Kinder durch wachsende Mobilität und Selbstständigkeit eine gewisse Unabhängigkeit entwickelt haben, wollen sie mit anderen Kindern spielen. Der Kreis der Bezugspersonen und der Spielpartner erweitert sich. Wie verschiedene Studien belegen, scheinen Kinder, die in den ersten Lebensjahren vielfältige soziale Kontakte mit anderen Kindern und verschiedenen Erwachsenen haben (wie dies zum Beispiel in der Krippe der Fall ist), später ein höheres Maß an Sozialkompetenz aufzuweisen als Kinder, die keinem entsprechenden Umfeld ausgesetzt waren.

Anders als Freud ursprünglich annahm, kann nicht nur die Mutter, sondern jede Person, die für das Kind sorgt, zum Bindungspartner werden. Auch scheinen Kleinkinder nicht darauf fixiert zu sein, Bindung nur zu einer einzigen Person aufzubauen, sondern gehen intensive Beziehungen zu einer Reihe von vertrauten Menschen in ihrer Umgebung ein. Babys müssen also nicht zwangsläufig einen Großteil ihrer Zeit bei der Mutter verbringen, um sich gut entwickeln zu können. Was sie faktisch brauchen, ist ein soziales Umfeld von Menschen, die sich feinfühlig und liebevoll um sie kümmern und zu denen sie Vertrauen aufbauen können. Dies ist nur dann gewährleistet, wenn die Anzahl von Erwachsenen, die das Kind betreuen, begrenzt ist, die Bezugspersonen über längere Zeit die gleichen bleiben, wenn ein Betreuer nicht zu viele Kinder parallel im Blick haben muss oder anderweitig überfordert ist, und wenn die Bezugspersonen in der Lage sind, die Bedürfnisse von Säuglingen und Kleinkindern zu erkennen und adäquat darauf zu reagieren.

Allerdings brauchen sie nicht bei jedem kleinsten Mucks des Kindes sofort zu springen. Wie Studien unter Verwendung von Video-Mikroanalysen dokumentieren, verursacht ein Erwachsener, der dem Kind buchstäblich jeden Wunsch von den Lippen abliest und immer sofort passend reagiert, sogar Stress beim Kind. In direkten Interaktionen dürfen sogenannte matches (spiegelnde Antworten des Erwachsenen) ebenso vorkommen wie mismatches. Wichtig ist nur, dass auf ein mismatch kurze Zeit später wieder ein interactive repair folgt, sodass sich beide Interaktionspartner insgesamt gut verstehen. Erlebt ein Baby eine angemessene Mischung von matches, mismatches und Interactive-repair-Sequenzen, so wirkt sich dies positiv auf seine kognitive und emotionale Entwicklung aus.

Ist die primäre Bezugsperson nicht in der Lage, einen insgesamt positiven Interaktionsstil mit dem Kind zu etablieren, so kann sich dies langfristig nachteilig auf die Entwicklung des Kindes auswirken. Klinische Studien belegen, dass Kinder von Müttern, die an psychischen Störungen leiden, ein erhöhtes Risiko tragen, später selber verhaltensauffällig zu werden und sich geistig nicht so gut zu entwickeln wie Kinder von Müttern ohne entsprechende Probleme. Schon vier Monate alte Säuglinge zeigen Auffälligkeiten im Blickkontakt mit wenig sensitiven Müttern: Sie schauen häufig weg und bemühen sich weniger, Kontakt zu ihren Müttern herzustellen. Auch dieser Befund spricht also dafür, dass frühe Beziehungserfahrungen prägend für den weiteren Lebensweg sein können. Er zeigt darüber hinaus, dass nicht die Präsenz der Mutter per se, sondern vielmehr die Qualität der Interaktion einer primären Bezugsperson für die Entwicklung entscheidend ist.

Stand lange Zeit ausschließlich die Frage nach der prägenden Wirkung früher Beziehungen im Fokus der Forschung, so interessiert man sich heute dafür, ob andere Umweltreize ebenfalls nachhaltigen Einfluss auf die weitere Lerngeschichte eines Menschen haben können. Säuglingsstudien dokumentieren in diesem Zusammenhang, dass Neugeborene zunächst sensibel für sämtliche Laute aller Sprachen sind, diese Sensibilität aber bereits gegen Ende des ersten Lebensjahres verlieren und fortan nur noch die Laute besonders häufig gehörter Sprache(n) unterscheiden können. Im visuellen Bereich wurde gezeigt, dass Ähnliches auch für die Gesichterverarbeitung gilt: Während wenige Wochen alte Säuglinge individuelle Affen- und Menschengesichter gleichermaßen gut differenzieren können, sind sie bereits gegen Ende des ersten Lebensjahres auf ihre eigene Spezies gepolt und betrachten alle Affengesichter als nahezu gleich - so wie dies auch bei uns Erwachsenen der Fall ist. Diese beiden Befunde mögen exemplarisch belegen, dass wir Menschen schon in den ersten Lebensmonaten Tendenzen zeigen, uns auf die Besonderheiten der Umwelt, in die wir geboren wurden, einzustellen und unsere anfängliche Bereitschaft, alles gleichermaßen differenziert zu verarbeiten, eingrenzen. Dieser Anpassungsprozess ist nicht unbedingt als Verlust zu werten - die Informationsverarbeitung wird dadurch auch effizienter. Indem wir Erfahrungen kategorisieren und gewichten, prägt unsere Lerngeschichte, wie wir neue Erfahrungen verarbeiten - und zwar von Geburt an.