Inhaltliche Daten
Caption
Sprachförderung in Kindertagesstätte 'Drimbornstraße' in Troisdorf. Auf spielerische Art werden von den Erzieherinnen die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder auch schon in sehr frühem Alter gefördert und unterstützt. (model released) Troisdorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, 13.06.2006
pixel
Schlagworte
Familie , Menschen , reading , Spiele , Reader , blond , Spiel , Kind , lesendes , Kita , Bildung , Bücher , Sprache , Kultur , Lesen , Pädagogik , EDU , Kleinkind , UPBRINGING , FAMILY , Buch , Kindertagesstätte , Kitas , Mädel , Kindergartenplatz , Vorschule , Kindergärten , Kinder , Förderung , Bilderbuch , Soziales , Mädchen , Spielen , GAMES , Gesellschaft , vorschulisch , Begabung , Kindergarten , Mensch , Intelligenz , Personen , vorschulische , Bilderbücher , Bildungswesen , LANGUAGE , Erziehung , lesend , Alter 2-4 , CULTURE (GENERAL) , Kindertagesstätten , Kleinkinder , Lesender , Lernen , PRESCHOOLING , Familien , Lesende , Person , frühkindliche Erziehung
pixel
Überschrift 
Sprachförderung in de...  
Personen
 
Kontinent
-
Land
Deutschland  
Provinz
Nordrhein-Westfalen
Ort
Troisdorf
Aufnahmedatum
20060613
pixel
Rechtliche Daten
Bildrechte
 Verwendung weltweit
Besondere Hinweise
2598 x 1738
Rechtevermerk
picture alliance / JOKER
Notiz zur Verwendung
picture alliance/JOKER
pixel

21.5.2012 | Von:
Stefan Sell

Klasse und/oder Masse. Die Qualität von Kindertageseinrichtungen zwischen Theorie und Praxis

Einleitung

Es ist - wieder einmal - eine typisch deutsche Diskussion. Leidenschaftlich wird über "Dafür" oder "Dagegen" diskutiert, und man wird gedrängt, sich zu entscheiden für die eine oder andere Sicht auf die Welt. Gemeint ist hier die Debatte über das Für und Wider einer zeitweisen Unterbringung von unter dreijährigen Kindern in Kindertageseinrichtungen. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die darin gleichsam eine vorsätzliche Körperverletzung an den kleinen Kindern sehen und dafür plädieren, in den ersten Lebensjahren des Kindes auf eine enge, ausschließliche Mutter-Kind-Beziehung zu setzen. Bei ihnen lautet das Zauberwort in der modernen Diskussion: Cortisol. Dieses Stresshormon hat eine zentrale Bedeutung in der Argumentation der Krippengegner. Stellvertretend sei hier der Kinder- und Jugendmediziner Rainer Böhm zitiert: "Dank einer neuen Technik konnten Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten Ende der neunziger Jahre bei Kleinkindern in ganztägiger Betreuung in zwei Daycare Centers erstmals das Tagesprofil des wichtigsten Stresshormons Cortisol bestimmen. Entgegen dem normalen Verlauf im Kreis der Familie - hoher Wert am Morgen und kontinuierlicher Abfall zum Abend hin - stieg die Ausschüttung des Stresshormons während der ganztägigen Betreuung im Verlauf des Tages an - ein untrügliches Zeichen einer erheblichen chronischen Stressbelastung. In der ersten Einrichtung, deren Betreuungsqualität als gehoben gelten konnte, zeigten fast alle Kinder diesen auffälligen Verlauf. In der zweiten Einrichtung mit sehr hoher Betreuungsqualität standen am Abend immerhin noch fast drei Viertel der Kinder unter abnormem Stress." Die Bedeutung solcher immer wieder zitierten Befunde erläutert der Mediziner folgendermaßen: "Jene Cortisol-Tagesprofile, wie sie bei Kleinkindern in Kinderkrippen nachgewiesen wurden, lassen sich am ehesten mit den Stressreaktionen von Managern vergleichen, die im Beruf extremen Anforderungen ausgesetzt sind. (...) Diese Befunde lassen keinen anderen Schluss zu als den, dass eine große Zahl von Krippenkindern durch die frühe und langandauernde Trennung von ihren Eltern und die ungenügende Bewältigung der Gruppensituation emotional massiv überfordert ist." Und dann seine Folgerung, die hier besonders relevant erscheint: "Das in der Öffentlichkeit verbreitete Mantra ist falsch, alle Probleme der Krippenbetreuung ließen sich alleine mit Qualität lösen."[1] Soweit nur ein Auszug aus der Veröffentlichung eines Krippengegners.

Auf der anderen Seite haben wir die Apologeten einer umfassenden, frühzeitigen und völlig selbstverständlichen zeitweisen Unterbringung der Kinder in Kindertageseinrichtungen (oder in der Kindertagespflege). Hierbei wird oftmals über den Grenzzaun geschaut und gerne neben den skandinavischen Ländern auch auf Frankreich als leuchtendes Vorbild verwiesen. So argumentiert Cécile Calla unter der zuspitzenden Überschrift "Madame oder Mütterchen" aus der Perspektive vieler französischer Mütter: "Ein Unsinn wie das Betreuungsgeld fiele in Frankreich niemandem ein. Hier gehen Mütter bald nach der Geburt wieder zur Arbeit und nehmen am Leben teil - ohne dass dies den Kindern schadet. Blöde Sprüche müssen sich nur Frauen anhören, die sich Vollzeit um ihre Kleinen kümmern."[2]

Diese beiden einführenden Beispiele sollen nur andeuten, in welchem - gerade auch emotional hoch aufgeladenen - Spannungsfeld wir uns bewegen, wenn über Qualität von Kleinkindbetreuung in außerfamiliären Einrichtungen gesprochen werden soll. Darüber hinaus verweisen die beiden Beispiele darauf, dass es genau zu fragen gilt, um welche Qualitätsperspektive es eigentlich geht: die der Eltern, die der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die der Fachkräfte, die mit den Kindern arbeiten (müssen), die der Arbeitgeber, die ihre Fachkräfte so schnell wie möglich wieder an Bord haben wollen, oder die der Kinder bzw. des jeweils einzigartigen Kindes? Diese Unterscheidung ist nicht trivial, denn daraus ergeben sich schon bei der ersten Anschauung ganz unterschiedliche, partiell sogar nicht miteinander vereinbare Qualitätsdimensionen.

Ausgangslage

Die Kindertagesbetreuung ist ein "Wachstumsfeld". Abweichend zu anderen sozialen Handlungsfeldern wird im Bereich der Kindertagesbetreuung nicht abgebaut, sondern im Gegenteil kräftig ausgebaut, insbesondere bei der Betreuung für die unter dreijährigen Kinder in Deutschland. Auslöser war der sogenannte Krippenkompromiss zwischen der Bundesregierung und den Bundesländern im Jahr 2007, in dem man sich darauf verständigte, dass die in Westdeutschland kaum vorhandene Kindertagesbetreuung für die unter Dreijährigen deutlich ausgebaut werden soll. Vereinbart wurde, bis zum Jahr 2013 für 35 Prozent der unter dreijährigen Kinder in Westdeutschland Betreuungsplätze zur Verfügung zu stellen - mit dieser Größenordnung glaubte man damals, den im Gesetzgebungsverfahren zum Kinderförderungsgesetz (KiföG) in das Sozialgesetzbuch (SGB VIII) implementierten individuellen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem vollendeten ersten Lebensjahr, der zum 1. August 2013 in Kraft treten soll, erfüllen zu können.[3] Mittlerweile dürfte allen Akteuren klar sein, dass diese Annahme einer Rechtsanspruchserfüllung mit einem Platzangebot von 35 Prozent bei Weitem von der tatsächlichen Bedarfs- und Nachfrageentwicklung überholt worden ist.

Dies ist doppelt problematisch, da zum einen bereits die veraltete Zielgröße von 35 Prozent (bzw. mittlerweile aufgrund der demografischen Entwicklung modifiziert 39 Prozent) mit der bisherigen Ausbaudynamik in den meisten westdeutschen Bundesländern schwerlich erreicht werden wird, und zum anderen spricht das Gesetz an keiner Stelle von einer Quotierung, sondern von einem individuellen Rechtsanspruch (der rein theoretisch von 100 Prozent der Eltern in Anspruch genommen werden könnte). Das übt jetzt, im Jahr 2012, kurz vor dem Ende der mehrjährigen Ausbauphase, einen enormen Druck in Richtung quantitative Platzbeschaffung aus (gleichsam "um jeden Preis") - was wiederum für das hier interessierende Thema Qualität hoch relevant ist, denn in einer solchen Situation ist es nicht fernliegend, dass das Ziel einer Erfüllung der Platzbedarfe auf Kosten der qualitativen Ausgestaltung der Plätze gehen könnte. Zusätzlich befeuert wird diese Befürchtung durch die Spezifik der Finanzierung des Ausbaus, noch stärker aber der laufenden Betriebskosten in den Bundesländern.[4] Vorab zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass wir es mit dem Doppelproblem einer Unterfinanzierung und einer Fehlfinanzierung der Kindertagesbetreuung zu tun haben.

Die Unterfinanzierung des Systems[5] lässt sich an einem einfachen Vergleich verdeutlichen. Derzeit fließen 15,72 Milliarden Euro an öffentlichen Mitteln in Deutschland in alle Kindertageseinrichtungen und in die Tagespflege. Das sind 0,63 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat schon vor Jahren als Zielgröße für das Soll-Volumen an öffentlichen Mitteln für die Kindertagesbetreuung der Kinder bis zum Schuleintritt ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) vorgegeben. Würde diese Zielgröße in Deutschland realisiert, dann wären das 24,77 Milliarden Euro pro Jahr, die in das System gegeben werden müssten, also rund neun Milliarden Euro mehr als derzeit. Und es handelt sich bei dieser Zielgröße von einem Prozent des BIP nun keineswegs um eine beliebige Größe, sondern diesen Wert erreichen die skandinavischen Länder, und auch die Franzosen kommen auf 0,9 Prozent ihres BIP.

Es ist aber nicht nur zu wenig Geld im System, sondern darüber hinaus ist eine hoch problematische Fehlfinanzierung mit Blick auf die Art und Weise der Kostenträgerschaft zu diagnostizieren, die mittelbar und unmittelbar Auswirkungen hat auf die qualitative Ausgestaltung der Angebote. Vereinfacht gesagt gibt es eine erhebliche Ungleichverteilung in der derzeitigen Kosten-Nutzen-Verteilung auf die föderalen Ebenen Bund - Länder - Kommunen. Denn den Hauptanteil an der öffentlichen Finanzierung der Kindertageseinrichtungen tragen die Kommunen (in vielen Bundesländern mit einigem Abstand gefolgt von den Eltern über deren Elternbeiträge),[6] während die Bundesländer in unterschiedlichem Umfang an der Teilfinanzierung beteiligt sind - von ganz wenig wie in Hessen bis relativ viel wie in Rheinland-Pfalz oder Bayern. Der Bund war bis vor Kurzem kaum an der Finanzierung der Einrichtungen beteiligt (obgleich das SGB VIII ein Bundesgesetz ist), seit dem erwähnten Krippenkompromiss ist er es zumindest anteilig: mit vier der damals veranschlagten zwölf Milliarden Euro für den Ausbau der Plätze für unter Dreijährige und ab 2014 mit 770 Millionen Euro pro Jahr für die laufenden Betriebskosten.

Die Sozialversicherungen sind an der Finanzierung überhaupt nicht beteiligt, was durchaus problematisch ist, denn volkswirtschaftliche Analysen haben zeigen können, dass durch Kindertageseinrichtungen langfristig ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von eins zu vier realisiert werden kann - jeder investierte Euro sich also vierfach für die Volkswirtschaft rentiert. Das rein fiskalische Kosten-Nutzen-Verhältnis für den Staat liegt bei eins zu 1,2.[7] Also eine mehr als lohnende Investition für Staat und Wirtschaft, allerdings fällt der Nutzen durch zusätzliche Steuer- und Beitragseinnahmen vor allem auf der Ebene des Bundes und bei den Sozialversicherungen an, die aber kaum oder gar nicht an der Finanzierung der laufenden Betriebskosten beteiligt sind. Die in diesem Sinne asymmetrische Kosten-Nutzen-Verteilung zwischen den Gebietskörperschaften wirkt nun nicht nur als manifeste quantitative Ausbaubremse - es werden also zu wenige Plätze geschaffen und das auch noch zu langsam im Kontext des Rechtsanspruchs -, sondern sie hat auch Rückwirkungen auf die Qualität der Kindertagesbetreuung, sofern diese von den strukturellen Rahmenbedingungen abhängt. Denn wenn die Kommunen schon an sich mit dem Ausbau und den daraus folgenden Kosten überfordert sind, werden sie nicht noch geneigt sein, die neuen Plätze mit verbesserten Rahmenbedingungen zu schaffen, was ja zusätzliche Kosten verursachen würde. Eher das Gegenteil zu erwarten, wäre plausibel - mithin also ein Trend zu Standardabsenkung.

Fußnoten

1.
Rainer Böhm, Die dunkle Seite der Kindheit, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4.4.2012, S. 7.
2.
Cécile Calla, Madame oder Mütterchen, 9.5.2012, online: www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/betreuungsgeld-so-ein-unsinn-fiele-in-frankreich-keinem-ein-a-829917.html (11.5.2012). Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass in Frankreich hinsichtlich der sehr kleinen Kinder nicht überwiegend die Krippen die Betreuungsbedarfe abdecken, sondern Tagesmütter und -väter. Derzeit gibt es gut 390.000 Tagespflegekräfte, die fast eine Million Plätze anbieten. Deren Inanspruchnahme wird steuerlich und durch Zuschüsse zu den Sozialversicherungsbeiträgen gefördert und dadurch preislich auch für Normalverdiener erreichbar. Für eine hervorragende Aufarbeitung der Situation in Frankreich im Vergleich zu Deutschland vgl. Rahel Dreyer, Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in Deutschland und Frankreich. Strukturen und Bedingungen, Bildungsverständnis und Ausbildung des pädagogischen Personals im Vergleich, Hamburg 2010.
3.
In Ostdeutschland - das muss man an dieser Stelle gleich hinzufügen - stellt sich diese Aufgabe nicht, denn dort befinden sich bereits mehr als die Hälfte der Kinder in außerfamiliären Betreuungsverhältnissen, sei es in der Kindertageseinrichtung oder in der Kindertagespflege.
4.
Vgl. Stefan Sell, Die Kinderbetreuung als Wachstumsfeld - für alle? Bestandsaufnahme und Entwicklungslinien im Spannungsfeld von Ausbau der Angebote, Fachkräftemangel und Finanzierungsregelungen, in: Blickpunkt Jugendhilfe, (2010) 3-4, S. 31-38.
5.
Es kann hier nur angemerkt werden, dass es in Deutschland nicht "das System" der Kindertagesbetreuung gibt, sondern mindestens 16 teilweise sehr unterschiedliche Systeme in den einzelnen Bundesländern. Das macht sich auch bei der Art und Weise der Finanzierung der Einrichtungen bemerkbar. Zur Heterogenität der Ländersysteme vgl. Stefan Sell, Aktuelle Entwicklungen auf der Länderebene beim Ausbau der Kindertagesbetreuung - zur Ambivalenz des Bildungs- und Betreuungsföderalismus, in: Maria-Theresia Münch/Martin R. Textor (Hrsg.), Kindertagesbetreuung für unter Dreijährige zwischen Ausbau und Bildungsauftrag, Berlin 2009, S. 64-81.
6.
Generell lässt sich derzeit die Situation in den einzelnen Bundesländern hinsichtlich der Elternbeiträge mit dem Bild einer Scherenentwicklung charakterisieren: In einigen Bundesländern wurden in den vergangenen Jahren die Elternbeiträge angehoben, während andere Bundesländer das letzte Kita-Jahr beitragsfrei gestellt haben - bis hin zu einer vollständigen Beitragsfreistellung der Eltern während der gesamten Zeit des Kita-Besuchs ihrer Kinder, etwa in Rheinland-Pfalz.
7.
Vgl. Stefan Sell, Der volkswirtschaftliche Nutzen der Kinderbetreuung, in: Christine Henry-Huthmacher (Hrsg.), Jedes Kind zählt. Neue Wege der frühkindlichen Bildung, Erziehung und Betreuung (Konrad-Adenauer-Stiftung: Zukunftsforum Politik Nr. 58), St. Augustin 2004, S. 52-73.